Ausgabe 11/2016 - Schwerpunkt Intuition

Bora

Luft nach oben

• Natürlich, der Fisch. Ein Dauerbrenner. Als das Gespräch auf einen in der Pfanne brutzelnden Fisch kommt, schließt Willi Bruckbauer einen Moment lang die Augen und zieht Luft durch die Nase ein. Dabei vollführt er mit der Hand wedelnde Bewegungen zwischen Nase und Besprechungstisch – genau dort, wo der imaginäre Bratling gerade seine Ausdünstungen verbreitet. Bruckbauer, ein sehniger 50-Jähriger mit kahlrasiertem Schädel und Dreitagebart, wippt auf einem Gesundheitsstuhl im Konferenzraum seiner Bora Lüftungstechnik GmbH im bayerischen Raubling bei Rosenheim. Hier denken sie über nichts anderes nach als über Bratengerüche und deren Bekämpfung. „Wenn Sie daheim Fisch braten“, doziert der Firmenchef, „verteilen sich unweigerlich Geruchs- und Fettpartikel in Ihrer Wohnung. Die legen sich auf Ihre Möbeloberflächen und durchdringen Textilien. Da haben Sie noch tagelang etwas davon.“

Der Hobbykoch Bruckbauer suchte nach einer Lösung und fand eine nahezu vergessene Technik, von der seine Firma heute lebt. Die Abluftgeräte, die er weiterentwickelt hat und seit zehn Jahren verkauft, tilgen Kochabluft auf außergewöhnlich leise, ästhetische und vor allem andere Art: nicht von oben, wie es 97 Prozent aller verkauften Geruchskiller tun, sondern direkt an der Seite des Kochfeldes. Damit sind sie laut Bruckbauer nicht nur deutlich effektiver („Wir schaffen den Geruch weg, wo er entsteht“), sondern machen auch gleich die metallenen Ablufthauben überflüssig, die meist wie gestrandete Wettersatelliten über Herden und Kochfeldern hängen. Bei Bruckbauers Modell hingegen verschwinden Lüftungstechnik und Gerüche dezent unterm Kochfeld. „So schön“, schließt der Bora-Chef seinen Exkurs und öffnet die Augen, „kann Physik sein.“

Die Geschichte dieser physikalischen Idee ist mindestens so erstaunlich wie jene ihres Urhebers. Willi Bruckbauer, gelernter Tischler, Vater dreier Töchter und tief verwurzelter Bayer, wollte niemals Konstrukteur oder gar Hersteller von Haushaltsgeräten werden. Der Rosenheimer ist Inhaber eines Küchenstudios, in dem er neben maßgeschneiderten Kochzeilen auch Küchen der Edelmarke Bulthaup verkauft. Die meisten seiner Kunden haben viel Geld und hohe ästhetische Ansprüche. In den Beratungsgesprächen mit ihnen fiel Bruckbauer ziemlich bald etwas auf.

„Kein Mensch will eine Dunstabzugshaube.“

Haben Ihre Kunden das so gesagt?

„Nein. Aber viele Kunden schimpften über ihre laut ratternden Haubenlüfter, sich beschlagende Brillen beim Kochen und darüber, dass man sich an der klassischen Dunstabzugshaube den Kopf stößt. Die Dinger stören einfach nur.“

Schon damals boten einige Küchenhersteller eine Alternative an, doch gekauft wurden seitliche Kochfeldablüftungen kaum, so Bruckbauer, weil sie laut und ineffektiv waren. Warum das so war, erkannte der Tüftler nach Zerlegen derselben: Die meisten führten die heiße Luft über rechtwinklige Knicks im Lüftungskanal ab. Ecken und Kanten im Luftstrom aber – „Da brauchen Sie jetzt kein Studium für“ – sorgen für Verwirbelungen und damit für Druckverluste. Die wiederum bedeuten Leistungseinbußen – es sei denn, man gleicht sie durch stärkere Lüftermotoren aus, die wiederum mehr Lärm verursachen. An diesem Problem war bis dato kaum ein Hersteller vorbeigekommen.

Also entwarf der Tischlermeister kurzerhand einen neuarti-gen Kochfeldabzug, der die Luft verwirbelungsfrei, weil kantenlos, abführt. Bruckbauers Ablufttechnik verschwindet in der Arbeitsplatte und wird durch einen drehbaren Verschluss abgetrennt, der gleichzeitig wie ein Spoiler die Luft umleitet. Seine ersten Prototypen klebte ihm sein Schwiegervater – „Ein Beamter, also mit unendlich viel Zeit“ – aus Pappe zusammen, ein benachbarter Spenglermeister setzte sie in metallene Modelle um. Im Januar 2007 meldete der Tischler seine Innovation zum Patent an. Dem sind bis heute etwa 55 weitere Patentanmeldungen gefolgt, unter anderem für Bora Basic, eine kostengünstige Variante, bei der Kochfeld und Dunstabzugshaube zu einem Kompaktgerät verschmelzen: Über eine mittig im Kochfeld angeordnete Einströmöffnung wird der Dunst mittels Motoren nach unten abgesaugt.

Super Idee – aber wer kann das bauen?

Dass seine Nischenlösungen gefragt sein würden, sei ihm schnell klar gewesen, sagt Bruckbauer. Ein Produkt mit Erfolgspotenzial erkenne man zuverlässig daran, dass Kunden mit zwei Worten darauf reagierten: „ja“ und „logisch“. Diese Erfahrung machte er auf seiner allerersten Branchenmesse, zu der er 2007 mit einem eiligst improvisierten Flyer und mehreren Kanistern destillierten Wassers anreiste. 80 Liter ließ der Tischler im Lauf der Messe auf einem Demonstrationskochfeld verdampfen und seitlich von der Lüfterneuheit einsaugen. Das Ergebnis: Viele Visitenkarten interessierter Händler und die Gewissheit, dass er einen Coup gelandet hatte.

Das Problem war nur: Bruckbauer fehlte es an Produktionskapazitäten, eingespielten Vertriebskanälen und vor allem an Kapital – eigentlich an allem, was es braucht, um aus einer Idee einen Erfolg zu machen. Bei drei großen Haushaltsgeräteherstellern, denen er seine Innovation vorstellte, fing er sich Absagen ein. Für Kochfeldabzüge gebe es in Deutschland keinen Markt, hieß es – was ja auch stimmte, wenn man die ernüchternden Verkaufszahlen als Maßstab nahm. Tatsächlich aber, vermutet Bruckbauer, „lag die Ablehnung wohl eher an der Mentalität in Konzernen: Die wollen alles, nur keine Fehler machen. Also riskieren sie nichts.“

Als er die dritte Absage bekam, sagt Willi Bruckbauer, habe er etwas Grundlegendes verstanden: dass man, wenn man den richtigen Weg entdeckt hat, ihn manchmal allein gehen muss.

Dieser Weg führt heute 20 idyllische Kilometer von der Bora-Zentrale durch die Alpen, ins österreichische Niederndorf und in einen grauen Fabrikbau mit der Aufschrift Gronbach. Die Firma mit 750 Mitarbeitern ist ein erprobter Zulieferer für Branchengrößen wie Elektrolux und Gaggenau – und seit ein paar Jahren auch für Bora. Weil ihm das Geld für eine eigene Fertigung fehlte, überredete Bruckbauer die Österreicher, seine neuartigen Dunstabzüge als Miniserien aufzulegen.

Seine Bora Lüftungstechnik GmbH, die nach einem mediterranen Fallwind benannt ist, beschränkt sich auf Entwicklung und Marketing, Vertrieb sowie die Schulung von Händlern. In Niederndorf werden seitdem serienmäßig Heizfelder und Lüfter auf Bodenchassis montiert, die Elektrik verkabelt und das Ganze mit einem Schott-Ceranfeld versiegelt, bevor es in die Qualitätskontrolle und in den Versand geht. Stolzer Preis: 2000 bis 7000 Euro pro Stück.

Zwischen den Arbeitsstationen läuft prüfend Siegfried Gössler umher. Der Leiter Technik und Entwicklung bei Bora könnte mit seiner schlanken Statur und dem kahlem Schädel glatt als Bruckbauers jüngerer Bruder durchgehen. Tatsächlich ist der 40-Jährige seinem Chef sehr ähnlich. Beide sind Perfektionisten und Hobby-Radsportler, beide haben sich vor ein paar Jahren beim Training auf Mallorca kennengelernt. „Als Leistungssportler gelangt man an Grenzen, die man normalerweise nie erreicht“, sagt Gössler. „Die Erfahrung vergisst man auch im Berufsleben nicht.“ Die Arbeit für einen Getriebenen wie Bruckbauer sei sehr fordernd, andererseits empfinde er als Entwicklungsleiter eines schnell wachsenden Unternehmens nicht nur erheblichen Erfolgsdruck, sondern auch enorme Freiheit.

Bora ist mittlerweile auf 130 Mitarbeiter gewachsen und in den Dunstkreis der großen Küchengerätehersteller vorgestoßen. 4500 Handelspartner weltweit verkaufen rund 10 000 Kochfeld-Lüfterkombinationen pro Jahr. Der Trend zur offenen Küche (die penibel entlüftet werden muss), zu feinem Essen und Edelkochzeilen, die vielerorts das Auto als Statussymbol abgelöst haben: All dies kam dem subtilen Seitwärtslüfter entgegen.

Weil Bruckbauer weiß, dass er trotzdem immer noch ein Zwerg in einer Welt der Küchenriesen ist, trommelt er lautstark für seine leisen Produkte. 1600 Fernsehspots hat Bora im vergangenen Jahr geschaltet und als Hauptsponsor ein Radsportteam auf die Strecke geschickt. „An 21 Tagen zwei Stunden live im Fernsehen bei der Tour de France – besser geht’s doch gar nicht“, freut sich der Firmenchef. „Wir konnten derweil quasi in Echtzeit messen, wie die Website-Zugriffe und die Katalogbestellungen nach oben gingen.“

Und so sieht sich Bruckbauer auf bestem Weg in Richtung seines Ziels: dem Ende der Dunstabzugshaube.

Super Idee – das machen wir jetzt auch!

Nicht alle sind derart optimistisch, dass ihm das gelingt. „Für den Look offener Küchen ist Bora wirklich toll“, sagt Kiki Ahlers, Küchenexpertin bei den Wohnzeitschriften »Häuser« und »Schöner Wohnen«. Was aber die Effizienz der Geruchsbeseitigung angehe, könnten günstigere Konkurrenten durchaus mit dem kostspieligen Bora-System mithalten. Laut Stiftung Warentest schafften auch konventionelle Abzugshauben bis zu 90 Prozent Fettabscheidung, erklärt Ahlers, „fachmännische Montage und perfekten Abstand zwischen Kochfeld und Haube vorausgesetzt“. Werde in hohen Töpfen gekocht, seien deckenmontierte Hauben sogar im Vorteil, denn die Thermik lasse den Wrasen naturgemäß nach oben steigen. So komplex könne Physik sein.

Von Institutionen wie der Stiftung Warentest gibt es zahlreiche Vergleichstests zu Dunstabzugshauben, aber keinen zur schmalen Nische der Kochfeldabzüge. Von den 1,3 Millionen Dunstabzügen, die im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft wurden, entfielen laut GfK lediglich 36 000 Stück auf in Kochfeldhöhe montierte.

Mittlerweile aber haben etablierte Küchengrößen den Braten gerochen. „Das Prinzip Bora setzt sich durch“, konstatierte kürzlich das Branchenblatt »Küchenhandel«. „Die Zeiten, in denen der Bora Basic von Willi Bruckbauer (…) absolute Alleinstellung im Markt genoss, sind vorbei.“ Von Gaggenau über Miele bis zum Giganten BSH Hausgeräte präsentieren neuerdings nahezu alle Küchengerätemarken eigene Kochfeldabzugssysteme. Gegen Küchen-Chefs wie Miele (3,7 Milliarden Euro Umsatz) und BSH Hausgeräte (12,6 Milliarden Euro Umsatz) ist Bora mit seinen geschätzt zweistelligen Umsatzmillionen im Jahr immer noch ein Winzling.

„Willi Bruckbauer hat sich binnen kurzer Zeit eine sehr lukrative Marktnische erobert“, sagt ein Branchenkenner, der nicht namentlich genannt werden will. „Die Frage ist, wie lange sein Geld und sein Atem reichen. Wenn die Großen mit ihrer Marktmacht und günstigeren Modellen in sein Segment vordringen, könnte es für ihn schnell eng werden.“

Für den Pionier ist die ungewohnte Konkurrenz Ärgernis und Herausforderung zugleich. Bruckbauer erwägt Patentklagen und hat seinen Entwicklungsleiter Gössler beauftragt, die Innovationsabteilung auf 20 Mann zu verdoppeln sowie Neuheiten in schnellerem Tempo zu entwickeln: Es gebe noch viele Verbesserungsideen rund ums Kochfeld, sagt er, die die Großen nicht auf dem Schirm hätten.

So wie es ihm an guten Tagen im Radsport gelingt, will Bruckbauer jetzt auch im Küchengeschäft sein Verfolgerfeld abschütteln. Ob er es schaffen kann? Er sei Tischler, kein Betriebswirt, sagt Bruckbauer, aber man wisse ja, dass sich Newcomer immer wieder gegen vermeintlich übermächtige Konkurrenten durchgesetzt hätten.

Die erfolgreichen Automobilbauer, sagt er, seien am Ende ja auch nicht diejenigen gewesen, die zuvor Postkutschen gebaut hätten. Sondern die belächelten Newcomer. Die Geschichte zeige, dass für einen Pionier immer irgendwo Luft nach oben sei. Gerade wenn es unten nach Fisch stinke. ---

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