Ausgabe 10/2016 - Schwerpunkt Gesundheit

Das nächste große Ding

• Sie fühlen sich abgelenkt? Können sich nicht konzentrieren, wippen ständig mit den Füßen, trommeln mit den Fingern, spielen mit dem Stift – neigen gar dazu, dazwischenzureden? Sie erledigen stets mehrere Dinge gleichzeitig? Können sich in Leben und Arbeit kaum an strukturierte Abläufe halten? Nun, vielleicht sind Sie krank. Bald sogar ganz offiziell.

Was heute das Burnout-Syndrom ist, könnte morgen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen sein. Psychologen warnen: Diese Krankheit wächst sich nicht aus. Wenn also immer mehr Kinder ADHS haben, ist es dann nicht naheliegend, dass bald auch Erwachsene massenhaft davon betroffen sind? Studien in den USA weisen den Anteil der ADHS-Erwachsenen derzeit mit vier bis fünf Prozent aus. In Deutschland ist der Anteil schätzungsweise etwa genauso groß. Das ist nicht viel? Das ist erst der Anfang.

Krankheiten sind Leiden, aber auch Märkte, und die werden immer wieder neu entwickelt. Der dahinterstehende Wirtschaftszweig überlebt schließlich auf Dauer nicht allein von Husten und Schnupfen. Im Rückblick auf die vergangenen Jahre hat sich das Krankheitsspektrum jedenfalls auffällig gewandelt: Die akuten Infektionskrankheiten verloren zugunsten der chronischen Krankheiten. Wir sind viel seltener richtig krank, es geht uns aber auch nicht richtig gut. Für jemanden, der Arzneimittel anbietet, ist das erfreulich: Statt ein Mittel einmal zu verkaufen, versorgt man die Patienten nun ein Leben lang.

So gesehen wäre die generationenübergreifende Diagnose ADHS eine lukrative Sache. Eine Art Burnout-Umkehrung: kein Schwächesyndrom, sondern chronische Überaktivität. Damit daraus eine solide Krankheit wird, eine sogenannte Behandlungsdiagnose, müsste sie im Idealfall als solche in die Internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen werden. Nach dem Fünften Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) sind hierzulande alle Ärzte verpflichtet, ihre Diagnosen nach der deutschen Version des ICD zu verschlüsseln. Verantwortlich für die deutsche Version ist das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).

Neben dem ICD wäre das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) in den USA der andere relevante Katalog. Was in einem steht, landet über kurz oder lang auch im anderen. In den DSM zu gelangen, dürfte eigentlich nicht so schwer sein. Allen Frances jedenfalls ist heute nicht deshalb ein halbwegs bekannter Psychiater, weil er an der Revision der vierten Ausgabe des DSM mitarbeitete, sondern weil er die aktuelle, die fünfte Version (DSM-5), vehement kritisierte. Er sprach von einer Inflation an psychiatrischen Diagnosen und eine Übertherapie von „eingebildeten Kranken“.

Aber auch ohne einen expliziten Eintrag kann man als Krankheit etwas werden. Selbst im aufgeblähten DSM-5-Katalog fehlt beispielsweise die eigenständige Diagnose: Burnout. Auch im ICD-10 findet man es erst in Abschnitt Z73, unter: „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Nach dieser Einstufung ist Burnout eine sogenannte Rahmen- oder Zusatzdiagnose und damit keine Behandlungsdiagnose, die zum Beispiel die Einweisung in ein deutsches Krankenhaus ermöglichen könnte. Burnout allein reicht nicht für einen Krankheitsschein.

Burnout ist eine Rucksack-Krankheit, eigentlich hat man etwas anderes und Burnout eben auch. Es existiert nicht einmal eine allgemein gültige Definition, geschweige denn ein standardisiertes und validiertes Diagnoseinstrument.

Es ist wie bei einem Horoskop, dessen Angaben so allgemein bleiben, dass man am Ende das Gefühl hat, es entspräche der persönlichen Biografie. Dem Burnout ähnliche Beschreibungen findet man bereits im Alten Testament, auch bei der Figur des Thomas Buddenbrook wäre heute mit großer Sicherheit Burnout diagnostiziert worden. Um 1900 sprach man noch von Neurasthenie. Wie beim Burnout von heute schwappte diese Welle aus den USA herüber. Vor allem der deutschsprachige Raum zeigte sich empfänglich. Von 1900 bis 1914 war es eine der häufigsten Diagnosen überhaupt. Die halbe Künstlerwelt konnte nicht mehr arbeiten, fühlte sich schlapp. Ganz so wie heute galt Stress als Hauptauslöser. Es war die Zeit, in der die Großstädte wuchsen, neue Verkehrsmittel Tempo ins Leben brachten und die Leute den ganzen Tag auf ihre Taschenuhr starrten. Man war damals tatsächlich davon überzeugt, dass Taschenuhren krank machen.

Damit ADHS eine Krankheit wird, müsste sie also in die Zeit passen und bräuchte geläufige Symptome, die ein großer Kundenkreis an sich feststellen kann. Das scheint gegeben. Figuren, die ständig mit dem Stift spielen oder mit den Fingern trommeln, dauernd auf das Smartphone starren – die finden sich überall. Wissenschaftler beschäftigen sich auch schon damit. Im Internet findet man bereits allerhand dazu. Eine Art Herbert Freudenberger wäre noch gut. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker schrieb im Jahr 1974 den ersten wissenschaftlichen Artikel über das Burnout-Syndrom. Er selbst hatte es im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Klinik für jugendliche Drogenabhängige beim Pflegepersonal beobachtet und definiert. Später folgten weitere Studien und Artikel, die Krankheit war in der Welt.

ADHS bei Erwachsenen ist also ein guter Tipp für das nächste große Ding. Die Chance auf Heilung ist ungewiss. Wie schon geschrieben, das wächst sich nicht aus. Behandeln lässt es sich aber.

Spielen Sie etwa gerade mit dem Stift? ---

Noch ein Weg zur neuen Krankheit – das Spiel mit den Grenzwerten

Grenzwert für Bluthochdruck im Jahr 1980 160/100 mmHg
Grenzwert für Bluthochdruck im Jahr 1983 140/90 mmHg
Grenzwert für „Frühstadium“ von Bluthochdruck gemäß US-Richtlinien 120/100 mmHg
Zahl der daraufhin diagnostizierten „Prä-Hypertoniker“ allein in den USA, in Millionen 45
Anstieg der Zahl der Bluthochdruck-Patienten in den USA durch das Senken der Grenzwerte von 160/100 auf 140/90 mmHg, in Prozent 35
Grenzwert für Nüchtern-Blutzucker bei der Diagnose von Diabetes im Jahr 1980 144 mg/dl
Grenzwert für Nüchtern-Blutzucker bei der Diagnose von Diabetes im Jahr 1985 140 mg/dl
Aktueller Grenzwert für Nüchtern-Blutzucker bei der Diagnose von Diabetes 126 mg/dl
Zunahme der Diabetes-Patienten in den USA durch das Senken der Grenzwerte von 140 auf 126 mg/dl, in Prozent 14

Mehr aus diesem Heft

Gesundheit 

Kann Architektur heilen?

Zumindest kann sie ihren Teil dazu beitragen. Einblicke in gesündere Kliniken.

Lesen

Gesundheit 

Die App-Lage

Nirgends scheint die Digitalisierung so langsam voranzuschreiten wie im Gesundheitssektor. Woran liegt das? Und was bringen die digitalen Hilfsmittel und Selbstbeobachtungs-Gadgets?

Lesen