Ausgabe 12/2016 - Kolumne

Was war noch mal ... Crowdfunding?

• Wenn eine größere Gruppe Menschen (= crowd) eine Unternehmung finanziert (= to fund), nennt sich das Crowdfunding. Im Deutschen spricht man auch von Schwarmfinanzierung. In der Regel wird im Internet innerhalb eines festgelegten Zeitraums Geld für ein klar definiertes Projekt gesammelt. Das kann ein Kartenspiel über explodierende Katzen sein (dafür kamen im Februar 2015 acht Millionen Dollar zusammen) oder ein Koffer mit GPS-Ortungsfunktion (mehr als vier Millionen Dollar im Dezember 2015). Kommt der zuvor festgelegte Gesamtbetrag nicht zusammen, wird das Projekt meist nicht realisiert, und die Beträge der Unterstützer werden nicht eingezogen.

Kommt die gewünschte Summe zusammen, erhält der Unterstützer später eine je nach Beitragshöhe gestaffelte Gegenleistung – in der Regel das zu finanzierende Produkt. Bei kleineren Beträgen kann sie auch ideeller Natur sein: „Für einen Euro bekommst du das gute Gefühl, uns zu unterstützen!“ Für größere Beträge werden häufig Belohnungen ausgelobt, die schwer für Geld zu kaufen sind: zum Beispiel die Nennung im Abspann eines schwarmfinanzierten Films oder ein Besuch der Filmpremiere als Ehrengast.

Ein Vorteil der Methode für Unternehmer ist – neben dem Kapital, das im Erfolgsfall zur Verfügung steht – Marktforschung: Projekte, für die sich die Crowd nicht begeistern lässt, werden gar nicht erst begonnen. Im Erfolgsfall besteht zudem ein direkter Kontakt zur Zielgruppe, die in die weitere Entwicklung miteinbezogen werden kann. Unterstützer haben die Chance, zur Verwirklichung von Projekten beizutragen, die sonst nicht verwirklicht würden. Allerdings dauert es oft Monate, manchmal Jahre, bis sie ihre Prämie erhalten.

Sonderformen sind Crowdlending – die Förderer geben Geld, das nach einer gewissen Zeit zurückgezahlt wird – und Crowdinvesting: Die Unterstützer bekommen eine stille Beteiligung oder Genussrechte an dem unterstützten Unternehmen.

Wer hat’s erfunden?

Den ersten Onlineplattformen ging es um Musik. Bei ArtistShare (2003 in den USA gegründet) und SellaBand (2006 in Deutschland) konnten Fans im Voraus Produktionen von Musikern finanzieren, die sie schätzten. In Schwung kam Crowdfunding mit Indiegogo (2008) und Kickstarter (2009): Beide US-Plattformen ermöglichten Projektfinanzierungen auch jenseits von Musik und erreichten in kurzer Zeit eine rege Medienaufmerksamkeit. Auf Interesse stieß beispielsweise im April 2012 die Smartwatch „Pebble“. Als es den Machern gelang, mehr als zehn Millionen Dollar für die Entwicklung und Produk­tion der Uhr einzusammeln, wurde dies als Beweis dafür gewertet, wie gut Crowdfunding funktioniert. Andere erfolgreiche Projekte waren das Videospiel „Prison Architect“ (19 Millionen Dollar im Oktober 2015) oder ein neuartiges Bienenstock­modell namens „Flow Hive“ (13 Millionen Dollar im April 2015).

In Deutschland gibt es seit 2010 Startnext, heute mit rund 90 Prozent Marktanteil der größte Anbieter. Allerdings funk­tioniert die Methode auch ohne Plattform: So erhielt die Produktionsfirma Brainpool Ende 2011 binnen einer Woche von 3000 Unterstützern eine Million Euro für die Finan­zierung des Kinofilms „Stromberg“. Er wurde ein Erfolg, und für die Unterstützer kam nach rund drei Jahren eine Rendite von insgesamt fast 17 Prozent ­heraus.

Wo stehen wir jetzt?

Nach anfänglicher Begeisterung – auch über die potenziell demokratisierende Wirkung des Prinzips – ist es in jüngster Zeit ein wenig ruhiger um Crowdfunding geworden. In Deutschland stagnieren die Zahlen. Wenn es Schlagzeilen gibt, dann eher negative. Wie beispielsweise bei dem Rasierer „Skarp“ mit angeblicher Laserklinge. Millionen von Euro waren von hoffnungsfrohen Unterstützern bereits eingezahlt worden, als Kickstarter das Projekt stoppte. Denn es war nicht mal ein in Ansätzen funktionierender Prototyp vorgestellt worden. „Es gibt inzwischen auch eindeutige Betrugsfälle, wenn auch nur in sehr geringer Zahl“, sagt Reinhard Schulte, Professor für Gründungsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg, der sich intensiv mit dem Thema befasst. Was häufiger vorkomme: „Ware in schlechter Qualität. Ware, die deutlich später geliefert wird als angekündigt, manchmal auch erst, nachdem sie schon eine Weile im Handel erhältlich ist. Oder Ware, die nach der Kampagne im Handel günstiger angeboten wird als zu dem Preis, den die Unterstützer vorab bezahlt haben.“

Oft sei kein böser Vorsatz die Ursache, sondern eine gewisse Überforderung der Macher. Produkte serienmäßig in China zu fertigen ist eben deutlich schwieriger, als im Internet um Unterstützung für eine gut klingende Idee zu werben. „Ich sehe momentan eine Phase der Metamorphose“, sagt Schulte. „Alle treten einen Schritt zurück, sowohl auf Anbieter- als auch auf Nutzerseite. Eine gewisse Ernüchterung hat sich breitgemacht. Und manch einer merkt: Es funktioniert nicht alles so, wie man es sich vorgestellt hat.“

Was kommt als Nächstes?

Crowdfunding werde es weiterhin geben, sagt Schulte: „Oft vielleicht auch nur als eine von mehreren Finanzierungsformen. Wer erfolgreich crowdfundet, beweist dadurch, dass er seine Zielgruppe begeistern kann. Dieser Beweis der Tragfähigkeit ist natürlich auch für klassische Geldgeber rele­vant. Die werden in Zukunft öfter erst nach einem Crowdfunding einsteigen.“

Selbst erfolgreiche Kapitalsammler beklagen allerdings, dass das Modell nicht nachhaltig ist: Wer laut trommelt, kann auf einen Schlag sehr viel Geld bekommen, sinnvoller wäre aber eine dauerhafte Einnahmequelle. Die Musikerin Amanda Palmer finanzierte beispielsweise 2012 mit einer 1,2 Millionen Dollar schweren Kickstarter-Kampagne ihr Album „Theatre Is Evil“ – ein Rekord in der Branche. Doch der lässt sich nicht beliebig wiederholen. Daher wechselte Palmer zum US-Dienst Patreon. Dort können ihre Unterstützer ihr vergleichsweise kleine Beträge regelmäßig zukommen lassen. Wenn Palmer nun ein Musikvideo oder einen Song zum Download ins Netz stellt, bekommt sie für diese – auf Patreon „Thing“ genannte – Veröffentlichung derzeit jeweils rund 35 000 Dollar von ihrer Fangemeinde. Andere Künstler auf Patreon arbeiten mit monatlichen Beträgen.

„Diese entfristeten und dauerhaften Modelle haben durchaus ihre Berechtigung“, sagt Reinhard Schulte. „Gerade im kulturellen Bereich, wo es oft Fans gibt, die lieber etwas auf Dauer fördern wollen, als sich jeden Monat ein neues Projekt zu suchen. Davon werden wir in Zukunft ­sicherlich noch mehr sehen.“ ---

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