Ausgabe 12/2016 - Schwerpunkt Geschmack

Tattoo-Mode

Plötzlich wollen 
alle eins

• Vor zwei, drei Jahren wurde Besen nervös. Er, einer der Gründer des renommierten Münchener Tattoo-Ladens Wild at Heart, der sonst über Monate hinweg ausgebucht war, hatte plötzlich nur noch für ein paar Wochen Aufträge. Bislang hatte Mund­propaganda Kunden gebracht, aber nun brauchte man Social ­Media und Likes, um auf dem hart umkämpften Markt der bunten Körperbilder sichtbar zu bleiben. „Da hätte ich fast eine kleine Panik bekommen“, sagt Besen.

Der 47-jährige Allgäuer, der auf seinem Künstlernamen besteht, hatte sich einen tadellosen Ruf erstochen, aber jetzt muss er sich mit Facebook, Pinterest und Twitter befassen – dabei besitzt er nicht einmal ein Handy. Sein Laden hat nun eine neue Homepage, regelmäßige Facebook-Updates, junge wilde Mitarbeiter. Und auf einen Termin bei Besen muss man wieder monatelang warten.

Auf den ersten Blick läuft der Laden rund. Monatliche Umsätze im fünfstel­ligen Bereich, vier Tätowierer, hervor­ragende Bewertungen, Stundenpreise von 100 Euro. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Als man 1996 mit dem ­Laden angefangen habe, sagt Besen, „gab es nicht mal 20 Tattoo-Shops in München“. Jetzt sind es etwa fünfmal so viele. Zwar steigt die Zahl derjenigen, die sich Bilder in die Haut stechen lassen, jedes Jahr an – Mitte der Neun­zigerjahre waren rund zwei Millionen Menschen hierzulande tätowiert, heute sind es schätzungsweise zwölf Millionen –, aber die Tattoo-Moden sind ­volatil wie nie. Und altgediente Künstler tun sich schwer, den aktuellen Geschmack zu treffen.

„Wenn irgendein Star sich stechen lässt“, sagt Besen, „postet er das Motiv, oder es steht in der Zeitung. Dann ­wollen plötzlich alle auch so eins.“ Seit ­Angelina Jolie 2003 mit den fünf Linien eines heiligen Ha-Taew-Sak-Yant-Tattoos auf dem linken Schulterblatt aus Thailand zurückkam, wird der Tempel Bang Phra in der Nähe von Bangkok von westlichen Touristen belagert, die es auch haben wollen.

Mittlerweile verwenden die Mönche moderne Tätowier­maschinen, und die Preise sind von umgerechnet 2,50 Euro um das Zwanzigfache gestiegen. Nur in der hintersten Ecke des Tempels, wo sich die Einheimischen treffen, arbeiten die Mönche noch nach der traditionellen Methode: mit einem armlangen Stahlstab mit zwei ­zugespitzten Enden und Tinte, die aus Kerzenruß, thailändischem Whiskey, einem Tropfen Schlangengift und der getrockneten Haut des Tempelgründers besteht, dessen Mumie in einem ­Nebenraum aufgebahrt ist. Nach dem Tätowieren spricht der Obermönch ein Mantra über der Wunde und pustet heilige Luft darauf, um die magische Wirkung auszulösen. Da kann Besen nicht mithalten: Seine Tattoos sind nichts als Bilder, sie geben weder frische Lendenkraft, noch schützen sie vor Gewehrkugeln.

Auch Rihanna mit ihren Minimal-Tattoos – zum Beispiel eine winzige Pistole unter der Achsel und ein paar kleine Sterne auf dem Rücken – löste einen Trend aus. Für die pennygroßen einfarbigen Motive kann man allerdings höchstens 80 Euro ver­langen. Kein gutes Geschäft in Anbetracht der hohen Hygieneanforderungen in Deutschland. Nach jedem Kunden wird alles desinfiziert, und die gelöteten Nadel-Packs, die aus etwa einem Dutzend Nadeln bestehen können, die mit mehr als 100 Anschlägen pro Sekunde durch die Epidermis in die Lederhaut getrieben werden, fliegen in den Müll.

Dass Tätowierungen Mainstream geworden sind, ist für einen Ex-Punk wie Besen gewöhnungsbedürftig. Als er mit den Tattoos anfing, war es noch eine Art Protestkultur. Wer sich stechen ließ, demonstrierte, dass er nicht zum Establishment gehörte. Heute ist das eher umgekehrt: In den USA sind 38 Prozent aller 18- bis 29-Jährigen tätowiert, in Deutschland ist es in dieser ­Altersgruppe etwa jeder Vierte. Es gibt Tattoo-Magazine, und Pro Sieben Sat 1 Media sucht auf seinem Sender Sixx den besten Tätowierer des Landes. Die Show heißt „Pain & Fame“ und wird von der flächig tätowierten Schauspielerin Sophia Thomalla ­präsentiert.

In den USA eröffnet jeden Tag ein neuer Shop, in Deutschland schätzungsweise einer jede Woche. Hier werden jedes Jahr zwei Millionen Tattoos gestochen. Die Zugangsvoraussetzungen sind minimal. Es gibt keine Ausbildung und keine Prüfungen. Die meisten Anfänger üben im besten Fall an Schweinehaut vom Metzger, im schlechtesten an sich selbst oder vertrauensseligen Freunden. Eine Tätowiermaschine kostet ein paar Hundert Euro, auf Ebay gibt es chinesische Billig-Importe für 30 Euro. Lediglich ein Gewerbe muss angemeldet werden. Das haben zurzeit etwa 7000 Unternehmer getan. Bei denen kommt alle paar Jahre das Gesundheitsamt vorbei und prüft die Hygiene. Aber nach Schätzungen aus der Branche stechen fast dreimal so viele Tätowierer illegal, irgendwo in einem Hinterzimmer, unversichert, ungeprüft und steuerfrei.

Seit einem Vierteljahrhundert beobachtet Besen, wie die Trends kommen und gehen. Einige überdauern die Jahrzehnte.Das sind die Klassiker aus der Zeit, als nur Seeleute und Häft­linge sich tätowieren ließen: Windrosen, Anker, Totenköpfe, Tränen. Andere erwiesen sich im Nachhinein als peinlich, allen voran die Fantasie-Ornamente oberhalb des Steißbeins, die später als Arschgeweih geschmäht wurden.

Mittlerweile machen einige Dermatologen mit dem Lasern misslungener Tattoos ein größeres Geschäft als mit der Bekämpfung von Leberflecken und Narben. Auch die Tattoo-Studios verdienen sich mit dem Überdecken eingestochener Geschmacksverirrungen ein gutes Zubrot. Im Fernsehen gibt es neben Programmen, die das Tätowieren zeigen, eine Serie, die das Überstechen von Peinlichkeiten zum Thema hat. Titel: „Tattoo Nightmares“. Da werden Menschen gezeigt, die sich beispielsweise ein großes Schwert auf den Rücken stechen ließen, dessen Griff wie ein monströser Penis aus dem Hemdkragen ragte. Oder eine ­junge Mutter, die das Wort Bitch über ihrem Venushügel gern wieder loswerden will.

„Ich bin ein Dienstleister“, sagt Besen, „und steche, was der Kunde will. Er soll damit glücklich werden. Nicht ich.“ Aber manchmal weigert er sich auch. Kürzlich kam ein etwa 50-jäh­riger Mann, sächsischer Dialekt, und wollte die doppelte Acht in seiner Haut verewigt haben – das Neonazi-Symbol für „Heil Hitler“. Auch das ist ein Trend. „Ohne mich“, sagt Besen. „Irgendwo gibt es eine Grenze.“ ---

Tattoos in Zahlen

Anteil tätowierter Menschen in Deutschland, in Prozent 15
Anteil tätowierter Frauen, in Prozent 18
Anteil tätowierter Männer, in Prozent 13
Anteil tätowierter Menschen im Alter von 24 bis 34, in Prozent 28
Anteil tätowierter Menschen, die ihr Tattoo bereuen, in Prozent 5 –15
Anteil derjenigen, die Tattoos ablehnen, in Prozent 39
Zahl legaler Tattoo-Studios in Deutschland 7000
Geschätzte Zahl illegaler Tattoo-Studios 20.000
Zahl legal Beschäftigter in der Tattoo-Branche 20.000
Geschätzte Zahl illegal Beschäftigter in der Tattoo-Branche 20.000
Jahresumsatz der Branche in Deutschland, in Millionen Euro 165
Jahresumsatz der Branche in den USA, in Millionen Euro 2300
Anzahl der täglich in Deutschland gestochenen Tattoos 5500
Durchschnittliche Kosten eines Mini-Tattoos, in Euro 80
Durchschnittliche Kosten eines Rücken-Tattoos, in Euro 3000
Durchschnittliche Kosten eines Arm-Tattoos, in Euro 2500

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