Ausgabe 12/2016 - Schwerpunkt Geschmack

Hans Scheuerecker

Der
 Besessene

• „Doppelmuschi“. Eigentlich genügt schon der Name eines seiner Bilder, um zu verstehen, warum manche Leute die Kunst von Hans Scheuerecker nicht ausstehen können, warum sie seine ­Malerei für geschmacklos halten, für pornografisch, obszön und pervers, für eine Ausgeburt kranker Fantasien und getriebener Gier. Auf dem Gemälde, 130 mal 170 Zentimeter groß, in Schwarz, Weiß und Rot gehalten, abstrakt verfremdet, sind mit viel Vorstellungskraft tatsächlich zwei weibliche Geschlechts­organe zu erkennen.

Hans Scheuerecker aus Cottbus war zu DDR-Zeiten der vielleicht wichtigste abstrakte Maler in Ostdeutschland. Sein Thema war und ist die Erotik, nein, die Sexualität; der weibliche Unterkörper spielt eine wichtige Rolle. Seine Bilder zeigen Akte in allen nur denkbaren Variationen, mit weit gespreizten Beinen und, wenn man das partout erkennen will, mit geöffnetem Geschlecht, dazu Augen, Münder, Nasen, Brüste. „Stimuliert vom Rausch des Lebens wollten sie unmittelbar ihre Gefühle und Triebe auf die Leinwand fließen lassen“, schrieb das Kunstmagazin »Art« vor einigen Jahren über Maler wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich ­Heckel und Karl Schmidt-Rottluff und ihre Passion für sehr junge Aktmodelle. Am allerbesten passt der Satz allerdings auf den 65-jährigen Hans Scheuerecker. „Bei meiner Malerei hat alles ­autobiografischen Charakter“, sagt er. „Es gibt nichts, was ich male und nicht selbst erlebt hätte.“

Scheuereckers Frauen, das sind die Musen, aus denen der Maler seine Farben, Formen und Linien schöpft. Eine Zeitlang malte er fast ausschließlich schwarze Frauen. Damals hatte er angeblich mit elf Afrikanerinnen eine Liaison, nacheinander. Es gab Zeiten, da rankten sich Legenden um das, was sich hinter den stets heruntergelassenen Rollläden im Hochparterre jenes Altbaus in der Cottbuser Bahnhofstraße, wo Scheuerecker wohnt und malt, wohl abspielen mochte. Fast jede Nacht lud der bekennende Erotomane sich Gäste ein. Von wilden Künstlerfesten, die zu Orgien ausarteten, war die Rede, von mehrtägigen zügellosen Gelagen – begleitet von besessener Malerei.

Der erste Schnaps des Tages steht auf dem Tisch, um kurz nach drei am Nachmittag. „Gestern Abend gab es hier eine kleine Trinkerei, weil ein Bild fertig geworden ist“, erklärt der Maler, den Kopf kahlrasiert wie eh und je, die Hose von kräftigen Trägern gehalten. Sommers wedelt er sich manchmal mit einem ­Fächer kühle Luft zu; das verleiht ihm etwas Pfauenhaftes. Seine beachtliche Leibesfülle balanciert er nicht mehr so behende wie früher durch sein Atelier. Der Lebensstil, immer haarscharf an der Kante, zollt seinen Tribut.

Das Herz pumpt nicht mehr, wie es soll, in den Fingern wütet zunehmend die Gicht, die Diabetes lässt die Zehen taub werden, und beim Sprechen schleifen manche Laute. „Wenn ich eine Nacht durchsaufe, brauche ich mittlerweile zwei, drei Tage, bis ich wieder halbwegs in Ordnung bin.“ Er weiß ja, dass er die Trinkerei aufgeben müsste und das Rauchen auch. Die Leber­werte seien in Ordnung, immerhin. Ein äußerst hartgesottenes Organ, so eine Malerleber. Ach komm, noch einen Schnaps. Er trinke nur noch Wodka, sagt er, klares, reines Zeug. Eine Flasche steht immer kalt. Ein Journalist schrieb einmal, Scheuereckers ­Bilder entstünden „in Zwiesprache mit der Wodkaflasche“.

In einem Nebenzimmer hängen seine ersten ernsthaften Werke als Maler aus dem Jahr 1972; Porträts überwiegend, weit entfernt noch von der Abstraktion und strengen Zweidimensiona­lität späterer Arbeiten. Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner will man damals darin gesehen haben; die Anleihen bei den Meistern machte man ihm zum Vorwurf. Scheuerecker verzichtete dann für Jahre auf Farbe, malte nur noch schwarz-weiß. Erst in den Neunzigerjahren änderte er das wieder, „erst nur Rot, dann wieder volles Rohr“.


Eigentlich war das Ende der Künstlerkarriere des 1951 im thüringischen Römhild geborenen Hans Scheuerecker, der mit 20 Jahren nach Cottbus gezogen war, von Anfang an behördlich beschlossen. Mit seinen ersten Arbeiten bewarb er sich 1975 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er wurde abgelehnt, versuchte es danach nicht mehr. Für Autodidakten wie ihn, den gelernten Elektromonteur, war es ein schwieriger Weg in der DDR, die gerade in der Kunst formale Ausbildungswege hochhielt. Mit Hilfsjobs, als Kinokartenabreißer, Pförtner, Plakate­kleber, Babysitter und Handlanger auf dem Bau kämpfte er sich durch. Nächtens trank und malte er – um dann am nächsten Mor­gen wieder Stoffohren an Spielzeugmäuse zu nähen.

Ein Leben als Orgie

Als ihm 1978 auch noch die Cottbuser Sektion des Verbands Bildender Künstler die Aufnahme verweigerte, kam das praktisch einem Berufsverbot gleich. Nur Mitglieder des Verbands wurden in der DDR bei der öffentlichen Vergabe von künstlerischen Aufträgen berücksichtigt, nur sie durften in staatlichen Galerien ihre Bilder verkaufen.

Die Funktionäre im Verband, sagt Scheuerecker, „wollten halt Künstler, deren Malerei ihrem Geschmack entsprach“. Und der war eindeutig definiert. Gemäß dem „Bitterfelder Weg“, benannt nach den beiden Kulturkonferenzen 1959 und 1964, sollten die bildenden Künstler primär „Kunstwerke nach der Methode des sozialistischen Realismus schaffen, die in aller Vielfalt der Thematik (…) das neue Leben und das Antlitz der neuen sozialistischen Menschen gestalten“.

Die Partei führte den Pinsel. Die Malerei hatte einen staat­lichen Erziehungsauftrag, sollte eine politische Botschaft verkünden – mit Bildnissen von Malochern am Hochofen, Frühstückspause und Schichtwechsel. Regimetreue Maler wie Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte oder Werner Tübke waren en vogue; dahinter genoss eine ganze Schar angepasster Maler ein künstlerisch unerhebliches, aber finanziell auskömmliches Dasein. Der ­Expressionismus, dessen Tradition der junge Scheuerecker sich verpflichtet fühlte, war als Ausdruck einer nur subjektiven Emotionalität ohne jeden Klassenstandpunkt verpönt. Dem widersetzte sich Scheuerecker radikal; es interessierte ihn überhaupt nicht, was Parteifunktionäre von ihm erwarteten. Er malte keine verdienten Werktätigen, sondern ausschließlich sein Leben und dessen Abgründe, Sex, Sauferei, Liebe.

Nicht ganz. „Ich hab auch mal die Arbeiterklasse gemalt“, sagt Scheuerecker. Der Verband suchte jemanden für ein Gemälde aus dem Schlachthof. Keiner der braven Arbeiterheldenmaler wollte da hin. Scheuerecker meldete sich freiwillig. Rohes Fleisch, zersägte Leiber, spritzendes, klatschendes Blut auf Gummischürzen, das reizte ihn als „optisches Abenteuer“. Er malte ein Gruppenbild, eine Brigade mit 17 Leuten, und erzählte ihnen von Rembrandt und seinem berühmten Gemälde „Die Nachtwache“. Es gehe nicht darum, „dass ich euch so abbilde, wie ihr ausseht“, habe Rembrandt den Bürgerwehrschützen erklärt, „sondern die Nachwelt soll erfahren, wer ihr wart“. Die Schlachthofarbeiter hätten das sofort verstanden. Bei der Bildabnahme erschien die ganze Brigade und verteidigte Scheuereckers Werk gegen die ­Kritik der Funktionäre, die das Bild abschmettern wollten. Leider ist das Gemälde seit Jahrzehnten verschollen.

1979 wurde Scheuerecker doch noch in den Verband aufgenommen. Beim Zentralvorstand in Berlin waren die Künstler in der Mehrheit; sie konnten nicht von den Funktionären überstimmt werden. Er konnte nun weitermalen – und endlich davon leben. In den Achtzigerjahren entwickelte Scheuerecker seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Der Kunstwissenschaftler Jörn Merkert, langjähriger Direktor der Berlinischen Galerie, den eine fast 20-jährige Arbeitsbeziehung und Freundschaft mit Scheuer­ecker verbindet, hat die Anfänge des Schaffensprozesses erlebt. „Nächtens, nicht selten im Suff, entstanden winzige Kritzeleien, Zeichnungen auf Zigarettenschachteln, auf Wirtshauszetteln, auf Haushaltspapiertüchern, der nie versiegende Strom der Gesichter wollte raus.“ All dies wurde fotografiert, auf die Leinwand vergrößert und dort zerlegt, neu montiert, verschoben, zerhackt, zerstört, mit anderen Fragmenten zu neuen Formen verbunden, in verschobenen, verzerrten Proportionen.

Zu jener Zeit dauerten Scheuereckers Ausstellungseröff­nungen oft mehrere Tage – sie wurden zelebriert bis zur totalen Erschöpfung des Künstlers und seiner Fangemeinde. In seinem Atelier bemalte er Frauenkörper zu irrlichternden Free-Jazz-Klängen. „Vor geladenem Publikum entstand ein großes Bild im heftigen Malprozess, den zwei Jazz-Schlagzeuger vorantrieben“, erinnert sich der Cottbuser Kunstwissenschaftler Jörg Sperling an eine Performance. „Schritt für Schritt drangen von hinten drei Tänzerinnen durch die Bildfläche, deren Körper der Künstler mit Zeichen übersäte, und sukzessive wurde das Bild zerstört.“

Die Vernissagen des Künstlers in Cottbus waren fast immer überlaufen. Vielleicht würde der Maler ja wieder für einen kleinen Skandal sorgen. Für jene, die dem Exzess frönten, war er die Gallionsfigur. „Sie verspürten eine prickelnde, nervöse Neugier vor seinen Werken, ließen ihre schnüffelnden Spürnasen Witterung aufnehmen“, so beschreibt Jörn Merkert die Fangemeinde von Scheuerecker. „Die Kleinbürger wollten alle mal an diesem unbändigen Leben nippen, aber den Preis dafür zahlen wollten sie nicht. So ein Leben zu führen, als Bürgerschreck, dafür waren sie dann doch zu feige.“ Sie genossen das Leben der Boheme, zechten vielleicht mal einen oder zwei Abende mit. Aber Scheuer­ecker soff jeden Tag, und zwar dreimal so viel. „Alkohol, Weiber, Kunst“, sagt Merkert. „Die Reihenfolge ist austauschbar. Das eine nicht ohne das andere. Leben ohne Orgie ist für ihn keins.“

Die kleine Freiheit

Nicht nur die Kleinbürger wollten damals einen Blick in Scheuer­eckers Leben werfen. Auch die Staatssicherheit interessierte sich für den bockigen Maler. Sie wollte genau wissen, wer da alles bei ihm am Tisch saß und worüber geredet wurde. Aus ihrer Sicht hockten dort jede Menge suspekter Elemente beisammen: Schauspieler, Literaten, Künstler, Jazzer und rotzige Rockmusiker wie die Jungs von Sandow, eine Art-Punk-Band aus der Endzeit der DDR, bei deren Konzerten Scheuerecker auf der Bühne nackte Frauenkörper bemalte. Für die Stasi war Scheuereckers Wohnung ein Dissidentennest.

Was hinter diesen Rollläden geschah, interessierte einst ganz Cottbus:
die Wohnung und das Atelier von Hans Scheuerecker

Ende der Siebzigerjahre hatte die Stasi noch versucht, Scheuer­ecker als Spitzel zu gewinnen, der Künstlerkollegen aushorcht. Er lehnte ab und erzählte die Begebenheit gleich in der Kneipe herum. Später avancierte er zum wohl bestobservierten Menschen in Cottbus. Mehr als 70 inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit durchleuchteten sein Leben; eifrig protokollierten sie, wer bei ihm ein- und ausging, mit wem er und seine Besucher schliefen und in wessen Gesellschaft er nachts betrunken durch die Cottbuser Innenstadt zog. Die Spitzel saßen bei ihm mit am Tisch, tranken seinen Schnaps, löffelten seine Linsensuppe, schielten zu seinen Frauen hinüber.

Nach dem Ende der DDR legte Scheuerecker die Spitzel­berichte bei seinen Partys als Unterhaltungslektüre aus. „Ein paar Hundert Seiten. Stehen da hinten.“ Er zeigt ins Nebenzimmer. Er hat seine Akte nie ganz gelesen. „Über wen hätten sie in Cottbus denn auch berichten sollen, wenn nicht über mich“, sagt er. Den schönsten Satz über sich und seine Arbeit habe er in seiner Stasi-Akte gefunden, hat er einmal gesagt: „Er ist die Reserve des ­potenziellen Gegners, der Initiator von Hässlichkeit.“

Die DDR strafte er mit Gleichgültigkeit, allenfalls Verachtung. Durch seine Art zu leben überwarf er sich ständig – nicht mit dem Land und seinen Menschen, aber mit dem System, dessen Spießigkeit, den Zwängen, der Verlogenheit und dem Mittelmaß. Kai-Uwe Kohlschmidt, der Sänger von Sandow, schrieb im Jahr 2016 ein Hörspiel, „Den Himmel malen“, über einen Maler ­namens Max Scharnegger, in dem man unschwer Hans Scheuer­ecker erkennt. „Wir hockten aufeinander im Grau und Grau der Tage“, sagt Scharnegger darin. „Man hatte uns nicht gerade in ein Paradies gekippt. Gauguin, das Schwein, hatte leichtes Spiel. Der Thüringer Wald als solcher interessiert mich nicht. Nur ein Idiot würde das malen.“

Scheuereckers Malerei erhebt keinen politischen Anspruch. Sie sprengt Tabus – aus Maßlosigkeit, nicht aus politischem Widerstandsgeist. Allein die Gier nach Leben, Schnaps, Sex trieb ihn zu großartigen Werken an. Genug war nie genug. Das war der Aufruhr des Hans Scheuerecker. Er feierte, nicht zuletzt, sich selbst – auf dem „gebrauchten Narrenschiff“, wie es in einem Songtext der Rockband Silly aus jenen letzten Tagen der DDR heißt. „In der Nische war es ziemlich gemütlich“, gesteht Scheuer­ecker. „Das war unser Luxus. Ein Widerstandsnest war mein Atelier nicht.“

Im geeinten Deutschland war die angepasste DDR-Staatskunst mit einem Mal passé. Eine gewisse Schadenfreude kann Scheuerecker nicht verhehlen. „Gerade hatten die sozialistischen Wundermaler noch gelbe Helme gemalt und Blaumänner, plötzlich knallten die mit der Farbe rum, ohne jede Ahnung von Ab­straktion, Hauptsache, auf den nächsten Zug aufspringen. Das ist keinem gelungen. Die sind alle gescheitert.“ Geblieben seien „jene, die immer schon bockig waren. Da war auch einer aus Cottbus dabei.“ 1992 wurde Scheuerecker mit dem Kunstpreis des Landes Brandenburg ausgezeichnet – nicht zuletzt auch eine Würdigung seiner Widerborstigkeit zu DDR-Zeiten.

Gern schmückten sich die Galeristen aus dem Westen nun mit dem rebellischen Cottbuser Bohemien. Scheuerecker musste „jetzt öfter mal die Tür aufmachen, weil jemand ein Bild raus­getragen hat für ordentliches Geld“. Mit „bündelweise Geld in der Hand turnten die Kunsthändler hier durch die Räume“. Einmal nahm einer eine Tasse in die Hand, aus der Scheuerecker gerade getrunken hatte; da klebte noch der Kaffeesatz drin. Die Keramik hatte der Künstler selbst bemalt, nur für den eigenen Gebrauch. „Ich nehme das ganze Geschirr mit und die Tasse hier auch“, sagte der Besucher und zählte schon das Geld ab, worauf Scheuerecker entgegnete: „Wenn Sie nicht begreifen, dass ich aus diesem Geschirr meinen Kaffee trinke und meine Suppe fresse, dann bring’ ich Sie mal schnell an die Tür.“

Hans Scheuerecker genoss diese Zeit, das Geld, die Wertschätzung. Dass der Markt ihm zu Recht huldigte, daran hat er keinen Zweifel. „Leute mit Geschmack und Geld brauchen mich dringend“, sagt er. „In einer knallhart modern eingerichteten Wohnung, mit viel Edelstahl, Grau in Grau, mit großen Fensterflächen, ist es das Beste, man kauft mich. Alles andere lenkt nur ab.“ Aber er lernte auch schnell, „dass Geschmack eigentlich gar keine Rolle mehr spielt, wenn erst mal das Geld ins Spiel kommt“. Dann interessiere den Käufer in erster Linie, ob das Bild eine gute Wertanlage ist. Oder es geht um die Vervollständigung einer Sammlung.


Vier, vielleicht fünf Jahre währte die Hausse. Irgendwann war die Nachfrage nach DDR-Rebellenmalerei gesättigt. Außerdem galt Scheuerecker bei Galeristen und Kunstsammlern schon bald als, vorsichtig ausgedrückt, wenig zuverlässig. Rund 70 Einzelausstellungen hat er in den vergangenen vier Jahrzehnten bestritten – und dabei für so manchen Eklat gesorgt. „Er lässt sich halt nicht wie ein Dressurpferd den versammelten Kunstsammlern vorstellen“, sagt Jörn Merkert.

Nur malen, was man selbst erlebt hat

Dass es durchaus von Vorteil ist, wenn man als Künstler zu seinen eigenen Ausstellungseröffnungen halbwegs nüchtern erscheint, ist Scheuerecker nicht immer zu vermitteln. Mehr als einmal erschien er Stunden verspätet und völlig derangiert, weil er in der Nacht schwer versackt war. Die zur Vernissage einge­ladenen Kunstaufkäufer der Deutschen Bank, ausgestattet mit üppigem Budget, warfen einen entsetzten Blick auf den schwankenden Maler, der offenbar gerade in der Gosse aufgewacht war, und reisten sofort wieder ab.

Dann starb auch noch eine Geliebte, die erste seit Langem, mit der er für länger planen wollte, völlig unerwartet, mit gerade mal 20 Jahren. Das warf ihn völlig aus der Bahn. Scheuerecker verschanzte sich in seiner Wohnung, ließ kaum noch jemanden an sich heran, war „geschlagene fünf Jahre entweder besoffen oder auf Droge“. Der Maler malte nicht mehr.

Seitdem sind zwei Jahrzehnte vergangen. Das Geld ist längst weg. Das Haus musste er verkaufen, er wohnt dort jetzt wieder zur Miete. Sein Verhältnis zu der Stadt, in der er seit mehr als 40 Jahren lebt, ist, gelinde gesagt, gestört. Eine große Ausstellung, eine umfassende Würdigung seines Schaffens im Dieselkraftwerk, dem namhaftesten Kunstmuseum der Stadt, wurde zweimal abgesagt. Scheuerecker überwarf sich darüber mit dem Kurator und der Museumsdirektorin.

Wer seine Bilder sehen will, muss zu ihm nach Hause kommen oder im September kommenden Jahres in die Dresdner Galerie Ines Schulz, die eine Scheuerecker-Ausstellung plant. Als Performancekünstler wird er nicht mehr zu erleben sein, „dazu bin ich zu wacklig auf den Beinen. Und ich will auch nicht mehr auf jeder Ausstellungseröffnung den Hamster machen.“ Vielleicht spürt er aber auch, dass die Provokation nicht mehr funktioniert. So viele Skandale und Skandälchen hat er durch. Was soll er jetzt noch machen?

Malen. Scheuerecker ist derzeit produktiv wie seit vielen Jahren nicht mehr; er arbeitet – für seine Verhältnisse – sehr diszipliniert, meist von nachmittags bis tief in die Nacht. Bei der Suche nach den Gründen für den Kreativitätsschub stößt man auf einen Film – den Vierstünder „Nymphomaniac“ des Regisseurs Lars von Trier. Fast sämtliche Scheuerecker-Bilder aus letzter Zeit ­haben einen Bezug zu diesem vor zwei Jahren auf der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigten Werk. Eine Menge fahler, zuckender Körper sind da zu sehen.

„Nymphomaniac“ handelt von sexuellen Exzessen. Die Pro­tagonistin wird schließlich ausgepeitscht, erniedrigt und gequält; das Zuschauen gerät zur Tortur. Scheuerecker hat den Film gemeinsam mit einer Frau gesehen, die er kurz zuvor kennen­gelernt hatte. Schnell wurde ihm klar, wie tief sie in die Welt des Sadomaso-Sex eingetaucht war. Und plötzlich, sagt er, „war in meinem Leben alles ganz anders. Ich musste ausdrücken, was mit mir gerade passierte.“ Alles, was dieser Mensch malt, muss er eben zuvor durch die eigenen Abgründe gejagt haben.

Gerade erst hat er ein Triptychon fertiggestellt, ein dreiteiliges Bild. Viele werden das mehr als mannshohe Werk, wenn sie die abgrundtiefe Geschichte dahinter kennen, abstoßend finden. Hans Scheuerecker ist das egal. „Geschmack ist ein sehr freier Begriff“, sagt er. „Man darf ein Geschmacksurteil abgeben, das man niemandem gegenüber begründen muss. Da gibt es nichts reinzuquatschen.“ ---

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