Ausgabe 12/2016 - Schwerpunkt Geschmack

„Der Mensch ist 
ein Homo aestheticus“

• Mehr als 100 Wissenschaftler mit einem Budget von einigen Millionen Euro pro Jahr beschäftigen sich in Frankfurt am Main tagein, tagaus mit Geschmacksfragen. Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik ist die weltweit einzige außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die interdisziplinäre Grundlagenforschung zur ästhetischen Wahrnehmung und Bewertung betreibt.

In diesem Sommer erzeugten die Forscher der 2012 gegründeten Einrichtung erstmals ein internationales Echo. Die Ergebnisse einer Studie zum Konsum von Trash-Filmen gingen um die Welt. Sie belegen, dass die Zuschauer oft überdurchschnittlich gut gebildet sind. Das weiß man nun also auch.

Es gehört zum Luxus der Arbeit an einem Max-Planck-Institut, dass man sich über deren konkreten Nutzen wenig Gedanken machen muss. Es geht um Grundlagenforschung. Die Fassade des Gebäudes mit der Nummer 14 ähnelt einem typischen Bürobau. Im ­Innenhof des Hauses prangen riesige magentafarbene Leuchtbuchstaben: SCHÖN. Treffender hätte die Hinterlassenschaft des Vormieters nicht sein können. Auch wenn sie in diesem Fall nur den Namen des Besitzers der Immobilie meint.

In einem Zimmer im Erdgeschoss bereitet sich eine Probandin auf einen Test vor. Es geht um das Harmonieempfinden in der Sprache. Elektroden werden an ihrem Kopf angebracht. Die junge Frau wird gleich einen Text lesen, die Forscher werten ihre Gehirnaktivität dabei aus. Sprache ist eine Domäne von Winfried Menninghaus, Direktor des Hauses. Forschungsgebiete: philosophische, psychologisch-empirische und evolutionäre Ästhetik, dazu die Literatur und Poetik der deutschen Romantik und des 20. Jahrhunderts. Ein großer, schlaksiger Mann, die Frisur wie ein Heiligenschein. Er spricht zaghaft, überlegt, setzt oft noch mal neu an.

Wem gefällt was? Und warum, Herr Menninghaus?

Der erste Faktor, der das Gefallen bestimmt, ist schlicht und einfach, was Sie wie oft schon vorher gesehen oder wahrgenommen haben. Das nennt sich das Familiaritätsprinzip, die stärkste Determinante des ästhetischen Gefallens. Sie erklärt auch, warum ­ästhetischer Geschmack kulturell und individuell verschieden ist – und warum es so schwer ist, etwas Allgemeines über das ästhetische Empfinden auszusagen.

Wenn dem so ist, müsste einem Menschen dann nicht immer das Gleiche gefallen?

Neben dem Familiaritätsprinzip ist es eine weitere anerkannte Tatsache, dass sich ästhetische Wahrnehmung abnutzt. Haben Sie etwas zu oft gesehen oder gehört, gefällt es Ihnen irgendwann weniger, und Sie suchen einen neuen Reiz. Diese Dynamik treibt letztlich seit Tausenden Jahren die Künste an, und auch Unternehmen glauben deshalb nicht ganz zu Unrecht, dass Sie alle paar Jahre ihre Produkte erneuern müssen. Schwierig wird das allerdings – und zwar nun wiederum aufgrund des Familiaritätsprinzips –, wenn Sie gleichzeitig den Geschmack in China, den USA und Europa treffen wollen. Da sind Kompromisse nötig, die sich im Fall der Autobauer zum Beispiel gerade zugunsten der Chinesen bewegen. Deren Geschmäcke werden bei einigen Modellen aktuell stärker bedient als unsere im Westen.

Ist die Frage, wessen Geschmack bedient wird, ein Zeichen dafür, wie die Machtverhältnisse sind?

Ob man so weit gehen kann, weiß ich nicht. Relativ einig ist man sich in der Wissenschaft aber, dass die lange Zeit dominierende westliche Ästhetik, die in anderen Kulturen auch ein Prestige­modell war, zu bröckeln beginnt. Die Orientierung an den großen renommierten Marken des Westens prägt nicht mehr allein das ästhetische Gefallen in der Konsumsphäre.

Auch wenn allgemeine Aussagen schwierig sind – was wäre wichtig, damit etwas möglichst vielen Menschen gefällt?

Prägnanz ist ein Kriterium, etwas, das auffällt, markant ist, sich in unser Gedächtnis brennt. Ebenso gefallen uns bestimmte Symmetrien und Dinge, die leicht eingängig sind. Was man ohne große Anstrengung intellektuell verarbeiten kann, wird auch sehr oft gemocht. Dieses easy going funktioniert bei Gesichtern und einer Vielzahl von Objekten. Deshalb sieht man auch immer die gleichen Models auf den Werbeplakaten. Es gibt jedoch ein großes Aber, nämlich die Tatsache, dass eine zu große Eingängigkeit nicht die Erinnerungsfähigkeit unterstützt, oder anders gesprochen: Was uns zu leicht gefällt, vergessen wir auch sehr leicht.

Und woher weiß man das?

Es gibt dazu eine Reihe von empirischen Studien. Wissenschaftler in den USA haben zum Beispiel einige der erfolgreichsten Models für Shampoo-Werbung an Bushaltestellen positioniert, in unmittelbarer Nähe von sehr großflächigen Werbeplakaten mit ihren Konterfeis. Was, glauben Sie, war das Ergebnis?

Sie wurden als reale Personen nicht wahrgenommen?

Genau, die Menschen haben die Models gesehen, aber nicht erkannt. Dabei standen sie direkt neben ihren eigenen Plakaten. Der fachliche Befund lautet: Normative Attraktivität korreliert negativ mit Distinktion. Als das die Runde machte, begannen Models damit, sich hier und da zum Beispiel einen Schönheitsfleck zu applizieren.

Ich denke darüber, was mir gefällt, relativ wenig nach. Ebenso ist es schwer, auf die Frage, was mir gefällt, konkret zu antworten.

Es ist gut, wenn Sie es nicht hinterfragen, warum Ihnen etwas gefällt oder nicht. Damit sind Sie für uns sehr gut als Studienteilnehmer geeignet. Wenn unsere Probanden Dinge bewerten sollen, ist es von Vorteil, wenn sie dies spontan und ohne nachzudenken tun. Ein Rating darüber, wie schön etwas ist, gibt man idealerweise in einem Sekundenbruchteil ab. Interessant ist, dass diese spontanen Ratings für unsere Studien sehr aussagekräftig sind, während die Person selbst uns gleichzeitig nicht sagen könnte, warum sie sich so entschieden hat. Wir beobachten sogar, dass die Ratings auf der Gefallens-Skala signifikant sinken, sobald die Versuchsteilnehmer erklären sollen, warum sie etwas schön finden. Sobald man Gründe angeben soll, gefallen einem die Dinge weniger, als wenn man sie nur spontan – und wie Kant sagte: „begriffslos“ – wahrnimmt. Das heißt, unsere ästhetische Kompetenz ist zutiefst automatisiert.

Bekommen Sie auch Anfragen aus der Wirtschaft? Dort will man doch auch immer wissen, was den Leuten gefällt.

Nein, wir machen Grundlagenforschung. Ich glaube auch, dass die meisten gar nicht schlecht beraten sind, in Geschmacksfragen ihrem inneren Kompass zu folgen. Viele Unternehmen sind in diesen Dingen doch meist erstaunlich erfolgreich. Ein ­empirisches Modell zu entwickeln, das vorhersagt, welches Design sich in einigen Jahren durchsetzen wird, halte ich für fast unmöglich.

Große Bühne

Eines der wichtigsten Labore am Institut ist das ArtLab. Es mutet wie eine typische Bühne an, und genau diesen Eindruck soll es dem Publikum, das stets aus Probanden besteht, auch vermitteln. Eine Garderobe ist aufgebaut, es gibt Wein und Programmhefte, alles wie gewohnt, nur dass die Besucher am Platz noch kleine Kabel anlegen, die etwa die Herzrate oder den Hautleitwiderstand messen. Kameras zeichnen die Mimik der Menschen auf, die Daten laufen auf Bildschirmen in einem Nebenraum zusammen. Die Konzerte, Lesungen oder Theateraufführungen sind stets gut besucht, die Daten liefern eine wichtige Basis für die Forschungen am Institut.

Andere Wissenschaftler werten das Singverhalten von Zebrafinken aus, auch aus der Sicht der zuhörenden Vögel. Es werden Online-Umfragen zum Musikgeschmack durchgeführt oder neuronale Phänomene in der ästhetischen Wahrnehmung untersucht.

Herr Menninghaus, wieso untersuchen Sie all das?

Der Mensch kann durchaus auch als Homo aestheticus bezeichnet werden, einfach weil wir eine starke Sensitivität für ästhetische Reize haben. Viele Menschen zählen zu den multimedialen Performern wie einige Vogelarten, das heißt, sie üben sich gleichzeitig im übertragenen Sinne in Singen, Tanzen und Gutaussehen. Das ist eine schöne, aber auch eine anstrengende evolutionäre Erbschaft. Und damit nicht genug, wir wissen aus archäologischen Funden, dass die Menschen schon vor Tausenden von Jahren ungemein hochwertige Steinäxte herstellten, die sie vielfach aber kaum benutzten. Eine Hypothese dazu ist, dass es einzig darum ging, zu zeigen, was man kann. Ein technologisch-­ästhetischer Kompetenzbeweis. Und in allen Überlieferungen der Schrift finden wir unzählige Hinweise darauf, wie groß die Bedeutung von schönen Dingen war, schönen Häusern, schönen Geschenken, schönen Männern und Frauen. Gerade unsere griechische Referenzkultur in der Antike war exzessiv an Schönheit orientiert. Man betrieb dafür sogar eine eigene Wissenschaft, die Kallipädie.

Kallipädie, die – Lehre von der Zeugung schöner Kinder durch 
den bewussten Einsatz der Einbildungskraft, abgeleitet aus kallós (schön) 
und país (Kind).

Menninghaus: Bis ins 18. Jahrhundert glaubten Schwangere, das Aussehen der Kinder im Stadium des Embryos beeinflussen zu können. Allein durch ihre Vorstellungskraft. Römische Damen etwa trugen in der Schwangerschaft Ringe mit dem Abbild eines Narziss-gleichen Jünglings: Die bildmagische Annahme war, dass sich die Schönheit durch die Augen der Mutter auf das heranwachsende Kind überträgt. Im antiken Griechenland wurde in den Schulen nicht nur Wissen abgefragt, auch das Aussehen wurde regelmäßig geprüft. Die Schüler präsentierten sich dazu vor den Lehrern nackt und wurden bewertet. Mitunter folgte die Auflage einer Diät oder sportlicher Ertüchtigung. Nicht umsonst könnten Sie die griechischen Statuen aus dieser Zeit heute vor jede Fitness-Bude stellen. Und man hat Hinweise darauf gefunden, dass es bereits vor 25 000 Jahren ästhetisch motivierte Praktiken der Kopfverformung gab oder des Herausbrechens jedes zweiten Zahns. Das entspricht einem Prinzip, das die Evolutionsbiologen das Senden eines costly signals nennen. Jemand, der es sich leisten kann, seinen Körper zu beschädigen, konnte im jeweiligen Zeitgeschmack als besonders fit angesehen werden, und das erhöhte häufig auch seine Attraktivität als Partner. Heute ließe sich das auf den Konsum von sehr teuren und grundsätzlich völlig überflüssigen Luxusgütern übertragen.

Wir nehmen also allerhand auf uns, um anderen zu gefallen?

Dazu gibt es auch Statistiken. In den USA etwa sind die Ausgaben für Schönheitskosmetika geschlechterübergreifend exponentiell gestiegen. Nur ist in derselben Zeit leider auch die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Aussehen signifikant zurückgegangen, statt – wie gewünscht – zu steigen.

Spieglein, Spieglein an der Wand?

Es geht in diese Richtung. Es ist immer noch jemand schöner, das eigentliche Problem ist aber, dass man heute das Gefühl haben muss, andere wären unerreichbar schön. Ich beobachte ein völlig übertriebenes Schönheitsideal, weshalb die jungen Menschen mehr als je zuvor unter ihrem Aussehen leiden. Die Differenz zum Aussehens-Standard auf den Werbeplakaten ist zu groß. Man muss sich das verdeutlichen: Zu den Zeiten, als etwa Helena der Inbegriff der Schönheit war, gab es ja kein einziges Bild von ihr. Für die Menschen in Griechenland war sie damals also genauso schön, wie sie sich selbst das vorgestellt haben, und Leitfaden dieser Vorstellung werden eben die eigenen Schönsten des Dorfes gewesen sein. Das war eine realistische Referenz.

Und heute?

Heute ist die Schönheit Helenas eine reine Erfindung der Werbung und der Medien. Models sind so schön, wie sie zu keiner Sekunde des Tages in Wirklichkeit sein könnten. Aber diese Bilder sind überall in unserem Alltag, werden uns buchstäblich ­immer wieder vorgehalten. Das verhindert den Effekt des sonst segensreichen Averaging.

Also der Verdurchschnittlichung?

So kann man das übersetzen, ein Nachfahre von Charles Darwin hat dazu, ohne dies zu wollen, eine wichtige Studie durchgeführt. Er war sich sicher, dass man Ganoven an ihrem Aussehen erkennen könne. Um die prototypische Ganoven-Visage zu ergründen – die interessanterweise oft als markant hässlich imaginiert wird, weshalb wir bis heute unterdurchschnittliches Aussehen leicht mit Straffälligkeit assoziieren –, lichtete er im späten 19. Jahrhundert zahlreiche Strafgefangene, die man ihm zu diesem Zweck zur Verfügung stellte, auf ein und derselben Fotoplatte ab. Seine Idee war, dass durch das Übereinanderlegen der Gesichter sich die typischen Aussehensmerkmale der Ganoven herausfiltern würden. Was, glauben Sie, war das Ergebnis dieses Versuchs?

Ein fies dreinschauendes Gesicht?

Ganz im Gegenteil, ein Gesicht von überdurchschnittlicher ­Attraktivität. Die absolute Entsprechung der Schönheit. Lege ich 50 normale Gesichter übereinander, entsteht immer ein sehr schönes daraus.

Wieso führen normal und durchschnittlich dann heute nicht mehr zu einer Schönheit wie Helena?

Weil ein tatsächlich realistischer Durchschnitt in den Köpfen der Menschen nicht mehr hergestellt wird. In unser statistisches Durchschnittsbild geht viel zu viel unrealistischer Input ein: eben all diese künstlich schönen Menschen. Das verdirbt den Maßstab und führt zu schweren psychologischen Störungen. Der Abstand des eigenen Aussehens zu diesem völlig abgehobenen Standard wird für die meisten unendlich groß, die Folge ist eine zutiefst unglückliche Gesellschaft von Individuen, die sich wie verrückt an unerreichbaren Idealen messen.

Und wie sollte man das ändern?

Eigentlich ginge das allenfalls mit einer Verpflichtung für die Werbung, dass sie Abweichungen nach oben kompensiert, indem sie gleich viele Abweichungen nach unten zeigt, und zwar positiv. Ich fände das zumutbar, die Branche müsste ihre Kreativität dann nämlich darin zeigen, nicht monoton auf übertrieben gut aussehende Werbeträger zu setzen. Das erzeugte auch einen Differenzierungsgewinn, eventuell sogar erhöhte Sympathiewerte.

Brauchen wir vielleicht auch so etwas wie eine ästhetische Bildung?

Es wäre wünschenswert, dass junge Menschen lernen, wie diese Bilder des superguten Aussehens entstehen und dass es sinnlos ist, sich damit zu vergleichen. Die Schönheitskultur von heute ist extrem neurotisierend und kostspielig für die Gesellschaft. Eine Gefahr bei ästhetischer Erziehung ist allerdings immer, dass es zu sozialen Normierungen kommt. Die Zeiten gab es ja bereits, in denen man den jungen Menschen eintrichtern wollte, was guter und was schlechter Geschmack ist.

Wie vollzieht sich ästhetische Bildung?

Zunächst wird alles, was Sie als Kind erleben, in Ihren „Geschmack“ eingehen. Welche Bücher Ihnen Ihre Eltern vorlesen, welche Möbel in der Wohnung stehen, welche Lieder sie singen, welche Sprache sie sprechen. Es gibt bestimmte Peaks in der Lebensspanne, die für die Ausbildung des Geschmacks am wichtigsten sind. Zuallererst ist das die Pubertät. Die Musik, die Mode aus diesem Zeitraum wirken am stärksten. Das heißt, dass wir den ästhetischen Moden unserer Jugend besonders treu bleiben und auch mit diesen Präferenzen wie mit guten Freunden altern. Für die nächste Generation kommt dann wieder etwas anderes, und das ist ja auch gut so.

Es heißt, dass Kinder nicht mehr läsen. Welche Folgen hätte das?

Ich kann da nur einige Vermutungen äußern. Das größte Defizit existiert heute zweifellos im Bereich der Sprache, und das vor allem, weil Eltern keine Geschichten mehr vorlesen. Das ist auf Jahre ein riesiger, kaum nachholbarer Nachteil in der Ausbildung verfeinerter Sprachkompetenzen. Ich nenne es narrativen Analphabetismus, ein schwerwiegender Befund. Das Defizit äußert sich in einem fehlenden Sprachgefühl, insbesondere in der Unfähigkeit, einen Text mit einem angemessen narrativen Gestus zu lesen und selbst zu erzählen, vermutlich auch in einer schwächeren Ausbildung einiger emotionaler Kompetenzen.

Was tun?

Vielleicht müssen wir das Thema vor allem weniger als Problem ansehen, sondern in der Bedeutung, über die wir noch gar nicht gesprochen haben.

Welche denn?

Nun, die Ästhetik als eine sehr starke Lustquelle! Diese Rolle kann man nicht hoch genug schätzen. Sie führt uns auch zu einer der wenigen Gemeinsamkeiten, die sich für die meisten Individuen, egal welcher Kultur, beobachten lassen: die Reaktion auf natürliche Umwelten. Zum Beispiel Wälder, das Meer, die Savanne – alles, was nicht von Menschen gemacht ist, bereitet uns allen ungefähr gleich viel und oft auch mehr Freude als nicht-natürliche Objekte. Es spricht sehr dafür, dass wir über eine Art Basisprogramm verfügen und die natürlichen Umwelten, aus denen wir stammen, per se als schön empfinden. Die höchste Konvergenz bei Personen aus aller Welt erreicht nicht umsonst das ästhetische Gefallen an der afrikanischen Savanne. Das unterstützt eine Grundannahme von Kants Ästhetik: Etwas schön zu finden, ist immer auch das Gefühl, etwas passe gut mit mir in diese Welt. Dieses Harmonieerleben ist vermutlich eine fundamentale Komponente ästhetischen Empfindens. Es impliziert eine Bejahung der Schönheit und des Lebens zugleich, und zwar auch und gerade des eigenen – und eben nicht eine Bewunderung der Schönheit anderer zu Lasten eines verringerten Selbstwertgefühls. ---

Fabian Greb
MUSIKGESCHMACK VERSTEHEN

Der Musiker und Diplom-Ingenieur für Audio und Video Engineering würde gern Probanden zu verschiedenen Zeiten des Tages anrufen und fragen, welche Musik sie in welcher Situation warum hören. Vielleicht ließe sich das Verfahren auch automatisieren. Bislang stellt Greb diese Fragen in Online-Studien, um individuelle Unterschiede besser zu verstehen. Denn Geschmack ist seinen Erkenntnissen nach heute wechselhaft. „Den Hörer, der sich klassische Musik gezielt als intellektuellen Stimulus anhört, gibt es ja kaum noch.“ Wenn Greb Erfolg hat, findet sich irgendwann die ideale Musik für eine Person in einer bestimmten Situation und Stimmung.

Matthias Grabenhorst

ZEITSPIEL – VOM TON ZUR REAKTION

Der Diplom-Musiker, Studiengang Jazz, und Doktor der Medizin, seine Arbeit schrieb er im Fach Radiologie, kommt gleich zur Sache: Er stellt ein Metronom auf den Tisch, startet es und fragt: „Was hören Sie?“

Während einige nur das monotone Anschlagen des Zeigers hören, entspinne sich in Köpfen von Musikern wie ihm sofort ein komplexer Rhythmus. Nicht tak, tak, tak, tak sondern da, die, dum, tak – tss, pam, tuff, tak – und so weiter.

Das ist sein Thema: Wie erzeugt ein bestimmter Input im Gehirn einen Output? Im Falle des Metronoms ruft ein sehr einfacher sensorischer Input mitunter komplexe Emotionalität hervor, nämlich das Gefühl für einen griffigen Rhythmus, eine Melodie, etwas, das uns gefällt.

Konkret interessiert sich Grabenhorst für die Zeit zwischen einem Reiz und seiner emotionalen Wirkung. In seinen Studien spielt er Probanden in schalldichten Kabinen Töne vor und misst dann die Reaktionszeit, die sie für eine Entscheidung – gefällt mir, gefällt mir nicht – benötigen. Auch ihm geht es um Grundlagenforschung: „Ästhetik ist für mich ein Modell, um etwas über das Gehirn zu lernen.“

Christina Roeske

DAS ZWITSCHERN DER ZEBRAFINKEN

Wie beeinflussen Musik und Vogelstimmen die Emotionen ihrer Zuhörer? Dieser Frage widmet sich Roeske seit vielen Jahren. Die promovierte Verhaltensneurobiologin mit einem Master in Molekularer Genetik und einem Staatsexamen für Lehramt Gymnasium in Biologie, Deutsch und Literatur beobachtete dazu lange Zeit das Singverhalten von Zebrafinken im Labor, wie diese zum Beispiel ihre Melodien lernen (am besten gemeinsam mit anderen Jungvögeln), wie ältere Vögel als Lehrer fungieren und wie Weibchen auf diese Melodien reagieren. Es gibt Vogelarten, die singen, tanzen und sich aufplustern zugleich erlernen müssen. Das Einüben dieser multimedialen Show zu Paarungszwecken ist mühsam, der Beobachter weiß nicht recht, ob er dabei weinen oder lachen soll.

Ein Aspekt in der Arbeit von Roeske ist die „irre Bandbreite dessen, was uns gefallen kann“. Es gibt durchaus auch eine Lust am Hässlichen, und was uns gefällt, ist auch davon abhängig, wie sehr wir von einer Darbietung gefesselt sind. Im Gesang der Vögel sucht Roeske nach neurobiologischen Gemeinsamkeiten, die vielleicht auch über die Spezies hinaus relevant sind, zum Beispiel Fragen des Timings, der Frequenz oder der Wiederholungen in Melodien. Ein Vogel der Gattung Sprosser verfügt übrigens über ein Repertoire von 20 Liedern.

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