Ausgabe 12/2016 - Blick in die Bilanz

Jungfraubahn Holding AG

Winter ade

• Mit einem Jahresumsatz von rund 179 Millionen Franken in 2015 ist die Jungfraubahn Holding AG der bedeutendste Schweizer Bergbahnbetreiber. Sie kann mit einer Attraktion wuchern: der höchsten Eisenbahnstation Europas in 3454 Metern Höhe auf dem Jungfraujoch, wobei der Zug auf dem Weg nach oben an der berühmten Eigernordwand vorbeifährt. Die vergangenen Monate waren für die Gesellschaft aber auch in finanzieller Hinsicht eine Berg- und Talfahrt. Das Jahr 2015 brachte ein Rekordergebnis, der Umsatz stieg um 8,1 Prozent, der Gewinn nach Steuern sogar um 19,3 Prozent auf 36,2 Millionen Franken, was einer Umsatzrendite von stattlichen 20,3 Prozent entspricht. In den darauf­folgenden sechs Monaten ging es dann steil bergab, der Halb­jahresumsatz ging gegenüber dem Vorjahr um 7,3 Prozent zurück, der Gewinn fiel sogar um 27,8 Prozent auf nur noch gut zehn Millionen Franken.

Vordergründig sind die Terroranschläge in Paris, Brüssel und ­anderen europäischen Orten schuld. Sie führten zu zahlreichen Stornierungen asiatischer Reisegruppen, die zu einer immer wichtigeren Kundengruppe für die Bergbahnen wurden, nahmen doch ihre Europareisen in den vergangenen Jahren um 6,4 Prozent jährlich zu. Ihr Wegbleiben erklärt aber nur den Umsatzrückgang. Der überproportionale Schwund des Gewinns hat mit etwas anderem zu tun: der Strategie, mit der sich die Jungfraubahn seit Jahren gegen die sinkenden Erträge im traditionellen Winter­geschäft stemmt. Dort schrumpft der Umsatz schon seit Jahren und ging im ersten Halbjahr 2016 noch einmal um 4,2 Prozent auf gerade noch 18,5 Millionen Franken zurück. Er macht damit nur noch rund 23 Prozent der Gesamterlöse der Bergbahngesellschaft aus.

Das liegt zum einen am Wetter, also warmen Wintern mit wenig Schnee, zum anderen am starken Franken: Skifahren in der Schweiz ist vielen Urlaubern mittlerweile zu teuer. Lag die Zahl der Wintersportler im ersten Halbjahr 2013 noch bei 916 000, waren es in diesem Jahr nur noch 801 000. Zum einen versucht die Jungfraubahn diesen Verlust mit Sommergästen auszugleichen. Der Geschäftsbereich Erlebnisberge vermarktet das Berner Oberland für Adventure-Sportarten, zum Beispiel mit dem modernen Gipfelrundweg „First Cliff Walk“. Tatsächlich stieg der Umsatz in der Sparte im ersten Halbjahr auch um 12,3 Prozent – allerdings nur auf 6,3 Millionen Franken. Zu wenig, um das Minus im Skigeschäft allein aufzufangen.

Vor allem setzt die Jungfraubahn AG daher auf ihre Hauptattraktion, das Jungfraujoch. Gemeinsam mit anderen Bergbahnbetreibern aus dem Berner Oberland, Wengen und Grindelwald in­vestiert sie 400 Millionen Franken, um mit neuen Seilbahnen, Panoramazügen, Parkhäusern und der direkten Anbindung an ­öffentliche Verkehrsmittel ihr Angebot rund um den Berg attraktiver zu machen. Künftig sollen dann etwa pro Stunde 1180 Menschen den Gipfel erreichen können statt wie bisher nur 888, ein Anstieg um mehr als 30 Prozent. Der Anteil allein der Jungfraubahn an den Investitionen beträgt 250 Millionen Franken, verteilt auf jährliche Ausgaben von 50 bis 60 Millionen Franken. Das hat den Vorteil, dass das Unternehmen die Investitionen aus dem ­eigenen Cashflow finanzieren kann, sich also nicht verschulden muss. Zwei Dritteln aller Schweizer Bergbahnbetreiber, schätzen Branchenkenner, gelingt es nicht, im operativen Geschäft aus­reichende Liquidität zu erwirtschaften.

Die Strategie ist riskant. Selbst bei der solide finanzierten Jungfraubahn. Denn, das zeigt das erste Halbjahr, in dem der Umsatz zurückging: Die Kosten bleiben konstant. Hinzu kommen die hohen Abschreibungen auf die neuen Bahnen. Das ist der Grund, weshalb der Gewinn viel stärker schwand als der Umsatz. Sorgen muss man sich um die Eidgenossen wohl trotzdem nicht. Sie haben ein solides Polster aus guten Jahren: einbehaltene Gewinne in Höhe von 475 Millionen Franken. Und mit der Berner Kantonalbank und der Gebäudeversicherung Bern zwei Anteilseigner, die ebenfalls ein Interesse am Wohlergehen der Region haben. ---

Die Jungfraubahn wurde am 
1. August 1912 nach 16-jähriger Konstruktionszeit in Betrieb ge­nommen. Der Bau markiert den Höhepunkt einer Periode, im 
Zuge derer Dutzende Bergbahnen im Schweizer Bergland errichtet 
wurden. Die Holding mit Sitz in ­Interlaken betreibt heute neben Bergbahnen diverse andere Unternehmen wie Kraftwerke, Park­häuser, Gaststätten und Skipisten samt Beschneiungsanlagen. Sie 
ist seit 20 Jahren an der Schweizer Börse notiert und beschäftigt 
525 Mitarbeiter.

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