Ausgabe 06/2016 - Schwerpunkt Einfach machen

Einfach besser

Dumm ist der, der Dummes tut.
aus „Forrest Gump“

1. Zeichen an der Wand

Wie man diese Welt auch dreht und wendet, es kommt doch immer wieder eines dabei heraus: Wir haben es nicht leicht.
Da stehen wir nun in unserer auf Wissen und Ideen aufgebauten Welt und sind verzagt. Vielfalt ist ja schön und gut – aber wie kriegt man sie in den Griff? Alles ist so kompliziert. Schon die frühe Wissensgesellschaft, so sieht es aus, liefert nicht, was uns versprochen wurde: mehr Freude, ein leichteres Leben, mehr Überblick. Das ist der Kammerton der Klage, seit vielen Jahren. Und musste das nicht so kommen? Um Himmels willen, was für ein Kuddelmuddel – flehentlich erheben viele ihr Haupt zum Himmel. Herr, hilf! Gib uns den täglichen Überblick heute.

Überforderung ist ein Gottesgericht, wenigstens nach dem Alten Testament, Buch Daniel, Kapitel 5, Vers 1 bis 30, in dem die Geschichte des babylonischen Kronprinzen Belsazar erzählt wird. Dort herrschte zur Regierungszeit Belsazars Hochkonjunktur, man hatte alles, was man brauchte, und einiges mehr, und Belsazar schöpfte aus dem Vollen, was in nahezu allen Religionen – alten wie neuen – stets als Zeichen eines schlechten Charakters gewertet wurde.

Konsumfreudig, aber orientierungslos vertrieb sich der Regent seine Zeit, ganz ähnlich, wie es unsereins heute auch tut. Doch eines Tages geschah etwas Bemerkenswertes: Die Phrase „wie von Geisterhand“ wurde geboren. Wir verwenden sie bis heute, wenn etwas passiert, das wir uns nicht erklären können.

Bei Belsazar war das eine bei einem Gelage aus dem Nichts auftauchende Hand ohne Körper. Diese überirdische Erscheinung schrieb nun an die Wand des Palasts einen Spruch in einer Sprache, die der Fürst nicht kannte und die auch in seinem Hofstaat niemand verstand. Die Zeichen standen an der Wand – aber was sollten sie bedeuten? Wie lautete die Botschaft?

Die klügsten Wissenschaftler am Hof versagten. Ein aus Israel stammender Zuwanderer namens Daniel entschlüsselte schließlich die Worte. Was mit „mene mene tekel“ begann, war für Belsazar schockierend: Gott habe beschlossen, so übersetzte Daniel, die Zeit des Fürsten zu beenden, weil er ihn „gewogen und für zu leicht befunden“ habe. Vor allem dessen Vielgötterei war dem Chef ein Dorn im Auge. Dazu noch diese Verschwendung. Das konnte nicht angehen.

Belsazar war außer sich – aber nicht lange, denn schon in der darauffolgenden Nacht starb er einen gewaltsamen Tod. Das „Menetekel“ aber und die dahintersteckende Symbolik hat die Zeit überdauert. So denken wir immer noch: Vielfalt, Überfluss, Komplexität – sie sind Teufelswerk.
Deshalb hören wir gern den Vereinfachern aller Lager zu. Und machen es uns damit viel schwerer als nötig.
 

2. Unser Kosmos 

Erheben wir unser Haupt lieber noch einmal und blicken nach oben, dort ist für die einen der Himmel, für die anderen das Universum. Da oben gibt es schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien mit jeweils rund 300 Milliarden Sternen und allem, was dazugehört. Das ist mehr, als man begreifen kann, aber man kann es dennoch verstehen. Der hellste Stern da oben ist der Geist von Doktor Carl Sagan, der sagt: Regt euch ab. Es ist alles nicht so kompliziert.

Der vor 20 Jahren verstorbene amerikanische Astrophysiker, Wissenschaftsmanager und Publizist war zeitlebens schon eine Legende, wenn es um die Vermittlung schwierigster Sachverhalte in allgemein verständlicher Sprache ging. Sagan war nicht nur Medienstar, sondern ein führender Kopf der Nasa, der das Raumfahrtprogramm der USA entscheidend beeinflusste. Ein Meisterwerk ist die mit einem Emmy ausgezeichnete Dokumentation „Cosmos“ (auf Deutsch: „Unser Kosmos“).

An dieser Arbeit messen sich bis heute führende Forscher, zumindest jene, die begriffen haben, dass es in der Wissensgesellschaft darum geht, das Schwierige leicht zu machen. Zur Beschreibung von allem, was ist, hat Carl Sagan deshalb nicht das Wort Universum oder Space benutzt, sondern das altgriechische Kosmos. Das bedeutet Ordnung. In der alten griechischen Weltsicht kommt das Chaos vor der Ordnung. Kosmisch ist, wenn man aus der alten Verwirrung eine neue Übersicht geschaffen hat. Das ist der Job, den wir heute tun müssen.

Der Begriff Ordnung führt allerdings leicht in die Irre: Viele verstehen darunter die totale Kontrolle von allem, was sie umgibt. Der Kontrollwahn beherrscht das Management, die Politik und auch die meisten Bürger, die sich mal über zu viel, mal über zu wenig Kontrolle beklagen. Mit Ordnung hat diese Psychose der späten Industriegesellschaft nichts zu tun.

Ordnung im kosmischen, also eigentlichen Sinn bedeutet so viel wie Überblick, ein grundsätzliches Verstehen, so viel Allgemeinwissen, dass man die Dinge und Ereignisse für sich einordnen kann. Lebenspraktisch formuliert: Man muss nicht Medizin studieren, um zu wissen, dass man bei Zahnschmerzen zum Zahnarzt geht. Ordnung bedeutet eine angemessene geistige Mitarbeit der Menschen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, muss man sich mit den Objekten beschäftigen. Wir nennen diesen Vorgang auch: lernen. Wer es sich zu einfach macht, landet im Chaos, und wer es sich zu schwer macht, auch. Unter- und Überforderung gehen fließend ineinander über.

Chaos erzeugt Angst. Das ist ein Zustand der Verwirrung, deren Ursachen nicht klar erkennbar sind. Hier liegt das Betätigungsfeld aller Manipulateure. Sie verwandeln die Angst in Furcht, also in unbegründetes Vorurteil. Das Mittel zum Zweck ist die grobe Vereinfachung.

Das ist wahrscheinlich in Transformationszeiten der am meisten verbreitete Gefühlszustand: Wenn man keinen Weg findet, sich einen Überblick zu verschaffen, dann bleibt die Komplexität nur kompliziert – und wird als Bedrohung empfunden. Die Folge ist ein rückwärtsgewandtes, konservatives Verhalten. Überraschungen und Veränderungen wirken darin gefährlich. Sie machen Probleme, Komplikationen. Dieser Begriff wird von Ärzten verwendet, wenn sich im Verlauf der Therapie etwas Unerwartetes ereignet. Besser wäre es allerdings, wenn wir wie die Uhrmacher dächten: Für die ist eine „Grande Complication“ der Höhepunkt ihres Schaffens und ihrer Kreativität, eine Uhr, die über die üblichen Anzeigen der Zeit hinaus eine Vielfalt an mechanischen Wundern offenbart. Augenscheinlich sind die Feinmechaniker aber eine Ausnahme. Die meisten Menschen heute leiden unter ihrem Komplexitätskomplex.

Das muss kein Schicksal sein. Man muss die Wissensgesellschaft, die neue Welt, nicht immer nur „anders sehen“, man muss sie auch besser erklären. Das Bullshit-Bingo, das allein beim Thema Digitalisierung herrscht, ist unerträglich, und so ist es fast überall. Wir brauchen keine Zeichen an der Wand, sondern mehr Klartext, Überblick und Zugang, ohne uns zu über- oder unterfordern. Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher – das ist die Formel der neuen Zeit.

3. Usability für die Wissensgesellschaft 

Wie schaffen wir es, möglichst vielen den Zugang zu Wissen zu ermöglichen? Wie erklären wir möglichst vielen Menschen die Welt und den Nutzen der Vielfalt? Das sind in diesen Zeiten des Übergangs die wichtigsten Fragen, von ihnen hängt der Wohlstand der meisten und der soziale Friede ab. Es ist Zeit für viele Carl Sagans, die aus dem Chaos einen Kosmos machen. Oder etwas einfacher formuliert: die Benutzbarkeitsforschung, Usability, für die Wissensgesellschaft betreiben.

Bevor heute ein neues Auto, ein neuer Computer, eine neue App in Umlauf gebracht werden, ein Mixer oder eine Waschmaschine, wird meistens mit viel Geld an der Frage gearbeitet, wie selbstverständlich die künftigen Käufer und Benutzer mit diesen Produkten und Systemen umgehen können. Usability ist für den Erfolg eines neuen Produkts und einer Idee entscheidend geworden.

Apples Aufstieg zum bedeutenden Anbieter digitaler Endverbraucherprodukte auf dieser Welt hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass das Unternehmen die Frage der einfachen Benutzbarkeit in den Vordergrund stellte. Das geschah in einer Umgebung, in der die meisten Ingenieure und auch die Geschäftsführer von Computerfirmen die Auffassung vertraten, dass Leute, die keine Schaltpläne lesen konnten, an Computern auch nichts verloren hätten. Nicht nur Steve Jobs und seine Truppe arbeiteten unermüdlich an der Abschaffung dieses Dogmas. Das war die Voraussetzung für den enormen Erfolg des Personal Computers, der wiederum die Voraussetzung für die Nutzung des Internets wurde. Die späten Siebziger- und die Achtzigerjahre waren maßgebend für diesen Umbruch.

Die Carl Sagans der Generation Personal Computer waren beseelt von der Idee, eine überaus komplizierte Angelegenheit so einfach zu machen, dass jedes Kind damit umgehen konnte. Das eröffnete nicht nur gigantische Marktpotenziale, sondern auch ein neues Denken und eine deutliche Verbesserung der Zugänge zu digitaler Technik: Statt unverständlicher Programmzeilen und Codes auf den Bildschirmen sah man nun grafische Symbole, deren Bedeutung jedes Kind verstand: das Symbol einer Mappe für alles, was man ablegen, das Symbol eines Papierkorbs für alles, was man loswerden wollte. Die heute auf jedem Smartphone verfügbare Spracheingabe gehört ebenso zu diesem Weg der Vereinfachung wie die Integration virtueller Realität in den Wearables – etwa Datenbrillen, die ihrem Träger gleich die Bedienungshinweise zu einem neuen Produkt einblenden oder hinter Mauern oder Asphalt versteckte Leitungen und Rohre anzeigen. Einfachheit in der Wissensgesellschaft ist nicht einfach nur Selbstbeschränkung und demütiger Sparwille, sondern ein Mehr an Sinn und Nutzen für viele.

Es genügt aber nicht, bloß alles einfach einfacher zu machen – man muss doppelt ran. Das ist schwer. Denn was sich leichter und besser anfühlt, lässt sich nicht mehr so einfach objektivieren wie das ergonomische Design eines Bügeleisengriffs oder die Benutzeroberfläche eines Computers. Das subjektive Empfinden, mit einer Technik, einem Prozess oder einer Idee zurechtzukommen, lässt sich auch nicht mehr wie früher mit normierten Massenprodukten herstellen. Da musste der Standard, der Durchschnitt reichen. Den einen war dabei der Anzug zu weit, den anderen zu eng.

In der postindustriellen Wissensgesellschaft sollen aber nicht nur die Nutzung und der Zugang zu Waren, Produkten und Systemen einfach und verständlich sein, sondern auch das Ergebnis davon. All das soll „unser Leben einfacher machen“, wie es seit Jahrzehnten heißt. Damit ist gemeint, dass bestimmte Tätigkeiten, Prozesse und Abläufe im Alltag der Nutzer spürbar leichter werden – und damit zu einem Gesamteindruck beitragen, bei dem die Welt und die Tätigkeit, die man in ihr ausübt, nicht als Belastung empfunden werden. Was uns an der Komplexität nervt, ist ja nicht ihre Vielfalt, sondern dass sich diese Vielfalt persönlich so schwer erschließen lässt.

Die Lösung für dieses alte Problem besteht nicht in stupidem Weglassen, sondern in schlauem Hinzufügen – jeder soll kriegen, was er persönlich braucht. Das ist das Ideal. Leichtere Zugänge führen damit auch zu einem leichteren Leben, in dem das Selbst im Gegensatz zum starren Industrialismus „sitzt, passt, wackelt und Luft hat“. Es ist nur dann ein besseres Leben, wenn es sich auch so anfühlt. Dabei darf man es sich allerdings nicht so einfach machen, wie es heute die meisten noch immer tun.

4. Populisten 

Fast alles, was die Menschheit bisher erreicht hat, ist durch Plackerei und Anstrengung zustande gekommen. Unsere Kultur und unser kollektives Gedächtnis wurden über Jahrzehntausende geformt, in Zeiten, in denen harte physische Arbeit auf dem Acker und bei der Jagd die Norm bildete. Der Fleiß ist der Kult der Industriegesellschaft. Wer es sich leicht macht, ist ein Taugenichts, vielleicht nicht unbedingt ein Faulpelz, aber doch jemand, der das, was er im Leben hat, nicht redlich verdient hat. Mit dieser archaischen Vorstellung wird Politik gemacht, werden Hierarchien in Unternehmen gefestigt, Vorurteile geschürt und alte Macht abgesichert, jeden Tag, überall.

Diese Leute vereinfachen auf den ersten Blick auch – aber nicht im Sinne eines Carl Sagan, eines Vereinfachers, bei dem die persönliche Erkenntnis des Zuhörers gefordert ist. Die Vereinfacher von heute sind das, was man schon im alten Rom Populisten nannte, Leute, die dem Volk nach dem Mund reden. „Volk“, das sind die, deren Angst man in Ressentiments verwandeln will und die nicht aufgefordert werden, etwas dazuzulernen. Populismus ist eine konservative Methode: Sie erklärt den Stand der Dinge zum ewigen Standard. Nichts wird sich ändern, außer zum Schlechten. Vor diesem Hintergrund kann man die Aufforderung, es sich „einfach zu machen“, eigentlich nur falsch verstehen. „Populismus“, so heißt es bei Wikipedia, „ist geprägt von der Ablehnung von Eliten und Institutionen, Anti-Intellektualismus, einem scheinbar unpolitischen Auftreten, Berufung auf den ,gesunden Menschenverstand‘ (Common Sense), Polarisierung, Personalisierung und Moralisierung.“

In dieser Definition spiegelt sich der Zeitgeist von heute wider. Fast alles in ihm spricht gegen eine offene Wissensgesellschaft: Alles, was „oben“ ist, liegt in dieser Weltsicht falsch und trägt zur Verwirrung – absichtlich – bei. Es sind „die Reichen“, die „Intellektuellen“ – jene eben, die nicht „ehrlich und hart arbeiten“ und andere nur manipulieren, von der Regierung bis zu den TTIP-Verhandlern, den Parteien und Verbänden also, denen viele Populisten gleichwohl ihre Karriere verdanken. Populismus blüht, wo man es sich und anderen zu leicht macht – und wer da nur Politik hört, denkt zu kurz. Populistisch ist auch das Klischee vom Chef und der Führung, die alles falsch machen, während man weiter unten im Unternehmen stets nur die Schlauen und Ehrlichen findet. Populismus steckt auch in den Vorurteilen gegenüber Menschen und ihrer Arbeit, die sich vom Standpunkt des Betrachters aus nicht erschließen. Das kann die andere Abteilung sein, der andere Spezialist, eine Idee, die man nicht versteht, eine Sprache, die man nicht spricht. Populismus ist immer auch Nichtverstehen. Und eine Kultur der Unselbstständigkeit.

Populismus steht dem Fremden feindlich gegenüber. Deshalb sind Zeiten großer Veränderungen immer auch große Zeiten für Populisten. Wo sich viel Neues entwickelt, fehlt der Überblick, und es ist vor allem die Vertrautheit, die Gewöhnung, die uns Dinge und Sachverhalte als einfach begreifen lässt. Populisten ermöglichen es ihren Anhängern, auf ihre eigenen Reflexe hereinzufallen. Damit bringen sie die in größte Schwierigkeiten.

5. Allgemeinbildung 

Was tun? Seit der frühesten Aufklärung gilt als Gegengift zu den populären „Wahrheiten“ eine hohe Dosis Bildung, aber eben nicht irgendeine, sondern Allgemeinbildung.
Diese Grundidee wurde in der Renaissance in besseren Kreisen populär – und eröffnete damit auch erst die Möglichkeit zu einer erfindungsreichen, innovativen Moderne, die die Komplexität geschaffen hat, die heute so beklagt wird.

Vielfalt ist das Resultat energischer Aufklärungsarbeit. Deshalb ist auch die simple Kritik an ihr, die heute in allen Kreisen herrscht, nichts weiter als ein Zeichen der Unbildung. Die Grundidee des Humanismus, des Fundaments der Allgemeinbildung, lautet: Mehr Wissen sorgt dafür, dass die Menschheit ihre Lage zusehends verbessern kann.

Humanisten sind nicht naiv, sondern nüchtern: Sie wissen, dass das alles nicht von heute auf morgen geht, dass es Rückschläge gibt und die Dummheit trotz aller Bemühungen niemals aussterben wird. Aber sie wissen auch, dass ein besseres Leben nichts mit Moralisieren zu tun hat, sondern mit einem leichteren, schöneren, sorgenfreieren Leben für so viele Menschen wie möglich.

Diese Erkenntnis verliert sich in der Sinnhuberei unserer Tage, die zur neuen Ersatzreligion geworden ist. Was soziale Aufsteiger in aller Welt treibt, ist den reichen Wohlstandserben im Westen, die schon in die dritte Generation gehen, fremd geworden. Ihr „einfach“ ist ein Erste-Welt-Problem.

Für alle anderen bedeutet „einfach“ nichts anderes als „einfacher“ – also weniger Plackerei, mehr persönliche Möglichkeiten und natürlich auch mehr Auswahl bei Waren und Dienstleistungen. Ihnen muss man nicht sagen, worum es geht: Nicht für die Schule – die moralische Theorie –, sondern fürs schöne, einfache Leben lernen wir. Das Einfache ist keine Gesinnung, sondern Lebenspraxis.

Um überhaupt so weit zu kommen, muss man erst einmal wissen, was es alles so gibt – und was laufend dazukommt auf dieser Welt. Das Wesen guter Allgemeinbildung besteht darin, dass sie nicht fertiges Wissen vermittelt, sondern Werkzeuge zum Weiterdenken erschließt, die es uns ermöglichen, dass wir uns im Leben leichter tun. Bewusst wird dabei der Tellerrand des Nötigen und fachlich Richtigen und Wichtigen überschritten. Anders als bei der Spezialistenausbildung, die Fachwissen direkt vermittelt, spielt die Allgemeinbildung über Bande. Darunter leiden manche Schüler, etwa wenn sie Latein büffeln müssen, eine tote Fremdsprache, die allerdings zum Leben erwacht, sobald sich die Studenten einer romanischen Sprache zuwenden, dem Englischen, den Geistes- oder den Naturwissenschaften. Auch wenn in der Schulpraxis vieles überladen ist, die Kernidee stimmt: Allgemeinbildung ist ein gutes Training zur Welterschließung, eine universelle Usability, die der Entwicklung einer Persönlichkeit dient.

Lange Zeit war deshalb Allgemeinbildung eine Voraussetzung für Führungspositionen. Allseits gebildete Leute wurden Generalisten genannt, was man positiv meinte, als Fähigkeit, interdisziplinäre Probleme zu bewältigen. Generalisten waren die mit einem breiten Horizont.

Daraus ist heute der Spezialist geworden, der die Welt aus einem schießschartenähnlichen Sehschlitz beobachtet. Stolz auf seine fokussierte Ausbildung, die aus bereits bekanntem Wissen besteht, nur auf Optimierung der eigenen Linie trainiert und stets unter den Tellerrand geduckt, erscheint dem Spezialisten die Allgemeinbildung als Qualifikationsmangel.

Es sind diese Leute, die eine Komplexität erzeugen, die heute so viele aufregt. Es ist Fachidiotentum, intransparent und dogmatisch, nach innen gerichtet. Es ist ein altes, der Industrie verpflichtetes Menschen- und Wissensbild, das hier vorherrscht: Effizienz und Optimierung bis zur geistigen Kernspaltung. Das hat nichts mit Vielfalt, individueller Unterscheidbarkeit und Differenzierung zu tun. Das spätindustrielle Spezialistentum will seine Ruhe, deshalb schafft es Wissensmonopole, Herrschaftswissen, wie man früher sagte. In der Wissensgesellschaft ist das fatal: Hier geht es um Vielfalt, die sich zugänglich macht – also verständlich. Das heißt nicht, dass man alles selbst macht, sondern dass man weiß, wo die richtigen Fachleute für die Detaillösung sind. Generalismus bedeutet, ausreichend viel zu wissen, um entscheiden zu können. Das ist ein Pfeiler der Wissensgesellschaft.

Ein neuer Humanismus wird sich auf die Verbreitung der Erschließungswerkzeuge konzentrieren, nicht auf das Verbieten und Regulieren, Weglassen und Isolieren. Es geht darum, sich das Leben leichter zu machen, nicht schwerer. Humanisten erkennt man heute daran, dass sie den Menschen Methoden und Ideen anbieten, um sich das Leben zu erleichtern – und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das ist das Ziel menschengerechten Fortschritts. Selbstermächtigung ist der beste Weg zur Übersicht.

6. Simplify Your Life 

Zu den Humanisten, die das glauben, zählt auch der evangelisch-lutherische Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher. Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren und Redner in deutscher Sprache. Mehr als 100 Bücher hat er geschrieben, rund sechs Millionen Exemplare verkauft. Der Titel des bekanntesten Buches ist zu einer stehenden Wendung geworden: „Simplify Your Life“.

Diese Aufforderung erging zum ersten Mal 2001, in angespannter Atmosphäre. Der islamistische Terror nahm mit dem Anschlag auf die Twin Towers in New York neue Dimensionen an. Die Weltwirtschaft hatte gerade den Niedergang der überhitzten New Economy erlebt. Nach den optimistischen Neunzigerjahren und ihrem Bekenntnis zu Individualität und Vielfalt begann eine Ära der Angst und des Sicherheitsdenkens, die bis heute andauert, Zeiten, in denen es die Vereinfachung leicht hat. Kein Wunder, dass viele Verunsicherte Küstenmachers Titel falsch verstanden – der war keineswegs als Aufruf zur Reduktion gemeint: „Das Leben selbst kann man nicht vereinfachen“, sagt Küstenmacher, es bestehe aus zu vielen „Überraschungen und Vielfalt“. „Mein ,Simplify Your Life‘ hat eine ganz andere Botschaft: lerne Entscheidungsfähigkeit. Such dir das Richtige für dich aus. Es geht darum, Komplexität zu meistern.“

Der Kampf gegen die Vielfalt und den Unterschied – „diese falsche Gleichheitsidee“, wie er sagt – ist Küstenmacher ein Gräuel: „Man kann sich doch nicht vor der Komplexität fürchten – komplex sind wir doch selbst. Was man tun kann, ist lernen, sich selbst zu bejahen – damit tun sich heute eben sehr viele schwer. Und natürlich haben solche Menschen es nicht einfach. In dieser mentalen Verfassung, die im späten Industriekapitalismus keine Ausnahme ist, nützt es wenig, wenn man eine Konsumdiät einlegt und alles, was man hat, auf den Sperrmüll wirft. Es gibt eine Tendenz zur falschen Vereinfachung, die sagt: Lasst uns wieder nach früher zurückgehen.“ Ein Irrtum, sagt Küstenmacher, aber nur einer von mehreren: „Es wird ja auch immer behauptet, dass die Komplexität steigt, aber das stimmt gar nicht. Unsere Angst vor ihr wächst, weil wir nicht gelernt haben, mit ihr richtig umzugehen. Es steigt einfach der Druck, auszuwählen, zu entscheiden, was uns guttut – und was wir nicht brauchen.“ Wir haben kein Komplexitätsproblem, sondern ein Entscheidungsdilemma – und das müsse jeder für sich lösen, sagt Küstenmacher.

Zweifellos ist das Einfachheit für Erwachsene, die gute Seite eines vielfach missbrauchten Begriffs, des Selbstmanagements. Das kann letztlich nur darin bestehen, dass man sich die Welt so einrichtet, dass man sich in ihr wohlfühlt.

Küstenmacher weiß, wie schwer das vielen hierzulande fällt, und wundert sich darüber: „In Asien, etwa in Südkorea oder Japan, gelten die Deutschen als diejenigen, die in der Lage sind, aus komplizierten Sachen einfache, klare Dinge zu formen.“ Den meisten hierzulande sei das aber gar nicht mehr klar. Das ist ein kulturelles Problem. „Wo wird bei uns schon gelehrt, dass man sich über Vielfalt und Komplexität freuen soll?“ Noch etwas Entscheidendes fehlt dem Autor für die gelungene Vereinfachung, die es zum Einstieg in die Wissensgesellschaft braucht: „Selbstbewusstsein und Gelassenheit“, sagt er, „man kann sich das Leben nicht einfacher machen, besser machen, wenn man nicht auch gelassen wird.“
In Zeiten des Terrors, des Klimawandels, der Digitalisierung und der permanenten Veränderungen sollen wir gelassen bleiben?
Geht’s noch?

Nüchtern, also gelassen betrachtet, ist Küstenmachers Rat wahrscheinlich Gold wert. Hört auf mit dem Daueralarm. Die Welt wird immer besser (siehe brand eins 04/2015, „Maßstabsgerecht“, Schwerpunkt Richtig Bewerten) . Wer sein Leben vereinfachen will, der muss auch lernen, über den Schatten der eigenen Vorurteile zu springen. Küstenmacher empfiehlt dabei als Richtlinie eine Weisheit des österreichischen Psychotherapeuten Viktor Frankl: „Man muss sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen.

7. Professionelle Hilfe

Und von einem anderen erst recht nicht, auch wenn er groß und dick ist wie der „starke Staat“, der seine Bürger mit Bürokratie und Regeln beschäftigt, damit die nicht auf dumme Gedanken kommen. Diese Bürokratie säuselt über ihre politischen Flügel ständig davon, dass sie den Bürgern ihr Leben „einfacher“ machen möchte. Doch das kommt dabei nie heraus.

Der Ökonom und Buchautor Günter Faltin, emeritierter Professor für Entrepreneurship, macht das nach vielen Jahren immer noch wütend: „Dass das Unternehmertum es in Deutschland so schwer hat, liegt auch an den unsinnigen Details, die man Entrepreneuren auferlegt. Buchhaltung sollten Leute machen, denen das Spaß macht. Aber damit Leute zu quälen, die ihre Fähigkeiten und Talente entfalten wollen, ist verrückt. Selbstständigkeit und Unternehmertum brauchen Konzentration auf das Wesentliche.“

Faltin fordert die Rückkehr zu einem der erfolgreichsten Vereinfachungssysteme der Weltgeschichte, dem wir ganz wesentlich unseren Wohlstand verdanken: „Es geht um klare Arbeitsteilung, jeder soll tun, was richtig ist.“ Viele Gründer verzettelten sich heillos in den bürokratischen Anforderungen, aber auch in dem Glauben, alles selber machen zu müssen. Faltin und seine Mitarbeiter haben deshalb ein sogenanntes Komponenten-Portal (komponentenportal.de) entwickelt, auf dem Gründer alles finden, damit sich ihre Idee ohne Ballast zum Geschäft entwickeln kann. Die professionelle Hilfe umfasst den Auftritt im Internet, die Entwicklung eines eigenen Onlineshops, die Logistik, das Marketing, die Buchhaltung und weitere unverzichtbare Elemente des Geschäftsalltags. „Man lässt Profis ran und entwickelt seine Idee. So wird das was“, sagt Faltin.

Sowohl als auch also, sich auf seine Spezialitäten konzentrieren und gleichsam Generalist sein, der gut delegieren kann. Wer das kann, ist auch in der Lage, das Können anderer zu respektieren. Der Schlaue weiß, wann er professionelle Hilfe braucht – das unterscheidet ihn vom Fachidioten.

Und er muss nicht alles kontrollieren. Ein wenig Zutrauen tut’s auch. Der Lohn dafür ist klar: Wer das, was er tut, gern tut, macht es sich im besten Sinn einfach – und anderen auch, so Günter Faltin: „Wir müssen uns von alten Klischees trennen, kreatives Wissen, Originalität und Unternehmertum fördern und bei den anderen Dingen mal die Luft rauslassen.“ Das sei ein gutes Mittel gegen das verbreitete Gefühl der Überforderung. Besser wirtschaften bedeute immer auch „einfacher denken – und das ist die Konzentration aufs Wesentliche“, sagt Faltin.

Das gelte auch für die eigene Disziplin, die Betriebswirtschaftslehre, so Faltin, die dazu neige, „alles kompliziert zu machen, um möglichst ,akademisch‘ zu wirken“. Zumindest diesen Komplexitätskomplex teilt die BWL mit den meisten Kopfarbeiter-Branchen in Deutschland noch immer. Unnötig umständlich, in unverständlicher Fachsprache und am besten weit weg von denen, für die sie eigentlich denken sollen – das ist zum falschen akademischen Ideal geworden. Hinter diesem merkwürdigen Habitus vermutet Faltin nicht nur Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein, sondern gelegentlich auch das Gegenteil: „Sachen kompliziert zu machen ist immer auch ein Geschäftsmodell. Man kann etwas sehr Einfaches so auslegen, dass sich kein normaler Mensch mehr rantraut.“

In Großbritannien und in den USA – und in vielen Ländern und Kulturen, die sich an ihnen orientieren – ist das anders. Wissenschaft und Forschung bedeuten dort auch: Klartext reden, einfach darstellen, Zugänge schaffen. Wer als Forscher etwas gelten will, drückt sich verständlich aus.

Das ist nicht nur gut, weil Komplexität zu Nutzen wird. Es könnte am Ende zu einer Kultur führen, die sich nicht mehr vor dem fürchtet, was sie weiß – und noch neugieriger auf sich selbst wird. Damit hätten wir kosmische Möglichkeiten.
Carl Sagan würde lächeln. ---

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