Ausgabe 06/2016 - Schwerpunkt Einfach machen

Jan Augsberg

Unbekannter auf Welt-Tournee

• Der Kulturpalast Linden ist ein kleiner Musikclub im Westen Hannovers. Ein unauffällig cooler Ort mit zwei großen Schaufenstern, die von halb durchsichtigen Lamellen kaum verdeckt sind, sodass Passanten von draußen verfolgen können, was auf der kleinen Bühne gerade los ist. An diesem Montagabend im Mai wäre es aber auch kein Problem, wenn jemand kurz entschlossen hineinwollte, denn Eintritt wird nicht verlangt, und mit knapp zwanzig Gästen ist das ehemalige Ladenlokal nicht einmal halb gefüllt. Doch im Laufe des etwa einstündigen Konzerts kommt niemand mehr. Jan Augsberg, der dort an diesem Abend seine zarte Klaviermusik spielt, ist trotzdem zufrieden: Es waren Leute da, und sie haben zugehört. Vor allem aber: Es war ein Konzert. Und darum geht es schließlich.

Hundert Konzerte in hundert Städten will der Musiker in diesem Jahr geben – weltweit. Dafür hat er ein wenig Geld gespart, seinen Job als Architekt gekündigt, eine Website gebaut und Ende vergangenen Jahres angefangen, Veranstaltungsorte zu suchen. Er ist bereits in Japan, China, Vietnam und Südkorea aufgetreten, in Großbritannien hat er ebenfalls schon in einigen Städten gespielt. Trotzdem ist das Konzert in Hannover erst das fünfzehnte, weil es Anfang des Jahres eine, wie er sagt, „Durststrecke“ gab: Er ist von Braunschweig nach Berlin umgezogen und musste sich dann auch noch um seine Mutter kümmern.

Nun will er durchstarten: In den kommenden Tagen stehen Auftritte in Deutschland auf dem Programm, danach geht es weiter in die Niederlande, nach Frankreich und in die Schweiz. In Asien war Augsberg allein unterwegs, doch diesmal begleitet ihn seine Freundin. Das ist auch gut so, denn „allein touren ist sehr anstrengend, weil man sich nie auf jemanden verlassen und einfach abschalten kann“. Sie haben für fünf Wochen gepackt, wissen aber nicht genau, wie lange sie unterwegs sein werden. Ein Klavier haben sie auch dabei – falls ein Veranstalter keins hat. Solche Details sind wichtig, wenn einen niemand kennt und der Auftritt kein volles Haus verspricht.

„Im Schnitt kommen 20 bis 50 Leute zu meinen Konzerten“, sagt der 33-Jährige in Berlin, zwei Tage vor dem Auftritt in Hannover. „Das ist in Ordnung. Es geht nicht darum, Geld zu verdienen oder dass viele Menschen da sind, sondern darum, Leute kennenzulernen und die Musik bekannter zu machen. Außerdem will ich wissen, ob das alles überhaupt etwas ist, das ich längere Zeit tun möchte. Es ist auch eine Art Selbstfindungsprozess.“

Aber was ist, wenn es nicht läuft, er kein Geld verdient und am Ende des Jahres pleite ist? „Wenn ich falle, falle ich nicht tief“, antwortet Augsberg lächelnd. „Mein Worst-Case-Szenario ist, wieder als Architekt zu arbeiten – das ist nicht so dramatisch.“ Seine Mutter war gegen das Projekt, sie fürchtete die Nachteile einer Lücke im Lebenslauf. Aber das Gegenteil dürfte der Fall sein: Wer so ein Projekt vorzuweisen hat, beweist ungewöhnliche Fähigkeiten.

Eine Art Selbstfindungsprozess: Jan Augsberg bei seinem Konzert in Hannover

Ein strahlender Frühlingstag, im Café der Ufa-Fabrik. Augsberg wohnt schräg gegenüber, in der Wohnung, in der er als Kind gelebt hat. Damals war er ständig auf dem Gelände des soziokulturellen Zentrums, das 1979 entstand und damit zu den Pionieren der selbst verwalteten Projekte gehörte. Der Mix aus Werkstätten, sozialen Angeboten und einem vielfältigen Kulturprogramm, entwickelt und durchgeführt von Menschen, die direkt auf dem Gelände wohnen, folgte damals wie heute der Idee eines gemeinschaftlichen, ganzheitlichen Lebens jenseits geregelter Angestelltenverhältnisse. Früher hielt man das für versponnene Hippie-Ideen, aber tatsächlich war es ein Vorgriff auf unserer Zeit, in der immer mehr Menschen versuchen, Arbeit und Leben zu vereinen. Haben ihn die Hippies beeinflusst? Augsberg lacht. „Ich war wirklich oft hier. Aber es gibt hier auch eine freie Schule – da durfte ich nicht hin. Meine Mutter wollte das nicht.“

Der sehr freundliche, recht introvertiert wirkende Augsberg kommt aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Mutter war Krankenschwester, sein Vater 30 Jahre bei Siemens, nachdem er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hatte. Doch als sich der Junge mit sechs ein Klavier wünschte und ein Jahr lang Tag für Tag auf Klangstäben übte, um zu zeigen, dass es ihm mit dem Wunsch ernst war, nahm die Familie einen Kredit über 5000 Mark auf, um eines zu kaufen. Sein Interesse an Musik war nicht immer gleich groß, doch die meiste Zeit seines Lebens hat er Lieder geschrieben – in der Regel für sich selber. In Braunschweig spielte er auch ein paar Jahre in einer Band („Wir waren nicht gut, aber es waren gute Leute“), irgendwann nahm er sogar eine CD auf („Die steht irgendwo im Netz, aber ich würde sie nicht suchen“). Und die ganze Zeit studierte er Architektur – nebenher.

Das änderte sich, als sein Vater starb. „Danach habe ich das Studium durchgezogen. Komponiert habe ich aber immer noch: Das Album ,Low‘ ist damals entstanden.“ Während er an seiner Diplomarbeit saß, schrieb er ein weiteres Album: „Sailor“. Er fand einen Job, und als er endlich mehr Geld verdiente, als er brauchte, beschloss er, die Alben aufzunehmen. „Ich habe in Hamburg eine Frau kennengelernt, Linda Gerdes, die in einem sehr guten Tonstudio arbeitet, Clouds Hill Recordings. Ihr gefiel meine Musik, und so konnte ich dort zehn Tage aufnehmen. Wir haben Low zu dritt eingespielt: Linda, Sebastian Muxfeldt von 1000 Robota und ich. Ich kannte Linda und Sebastian fast gar nicht, aber es war mit die beste Zeit meines Lebens.“

Wie wird man bekannt?

Sie war wohl auch leicht suchterzeugend, denn schon ein Dreivierteljahr später nahm er die nächste CD auf, Sailor. Es ist ein echtes Solo-Album: Jan Augsberg spielt Klavier, bei drei Stücken singt er auch. Er hat es in einem Take aufgenommen, das heißt komplett durchgespielt, inklusive der auffällig langen Pausen zwischen den Stücken. „An den Pausen merke ich, wie erschöpft ich war. Es ist der 43. Take. Er entstand am vierten Tag. Ich habe die Stücke drei Tage lang immer wieder durchgespielt. Das war eine totale Tortur. Es war nicht nur mental anstrengend – mir tat auch der Rücken weh.“ Dafür ist Sailor eine echte Rarität: Abgesehen von Live-Aufnahmen und Experimentalmusik gibt es in der Popgeschichte nur wenige komplett durchgespielte Alben.

Die Veröffentlichung war kein Problem. CDs ließ er von Undercover Media, einer kleinen Berliner Agentur, herstellen, weil die auch in der Lage war, die Papp-Cover zu prägen. Und in die Onlineshops brachte sie der Digital-Vertrieb Record Jet, der sie für eine Jahresgebühr und eine kleine Beteiligung bei Amazon oder iTunes platziert, aber auch bei Streaming-Diensten wie Spotify, Deezer oder Google Play.

20 bis 50 Leute hören zu, und sein Klavier bringt er mit – für den Fall, dass der Veranstalter keins hat

Doch ein großes, ungelöstes Rätsel blieb: Wie macht man die Musik bekannt? „Der Erfolg über Facebook und andere soziale Medien ist sehr überschaubar: Man erreicht seine Leute und kommt vielleicht noch eine Ebene weiter, aber dann ebbt es sehr schnell ab. Ich dachte, ich müsste etwas Außergewöhnliches tun, was die Leute interessiert, eine Art Challenge haben – und da kam mir der Gedanke mit den hundert Konzerten. Es ist eine Mischung aus Marketing-Gag und der Chance, echte Erfahrungen zu machen.“

Die Schwierigkeit liegt darin, die Konzerte zu organisieren, ohne in der Musikbranche vernetzt zu sein. „Ich muss jeden Club anschreiben und das Projekt erläutern. Ich habe Hunderte Mails geschrieben, um die zehn Konzerte in Asien klarzumachen. Ich habe die Mails zum Teil mit Google übersetzt, die erhaltenen Antworten ebenfalls. Ich empfand es als eine große Ehre, dass mich einige spielen ließen. Und nicht nur das: Die haben mich auch untergebracht und sich um mich gekümmert.“

Inzwischen bekommt er Hilfe von Spread Music, einem Verein in Braunschweig, der Künstlerauftritte vermittelt. Doch in Deutschland läuft es noch immer nicht so rund. „Wenn man ein Konzert spielen will, erwarten viele Clubs, dass du ihnen vorher Tickets abkaufst. Die wollen sichergehen, dass jemand kommt – und so musst du dich darum kümmern. Aber das kann ich natürlich nicht machen – ich habe keinen endlosen Etat.“ Zurzeit buchen ihn zwei Arten von Veranstaltern: Die einen wollen ihm helfen, sein Ziel zu erreichen. Die anderen sind keine Profis, mögen aber seine Musik und lassen ihn etwa in Galerien auftreten. Doch Augsberg glaubt, dass es in Zukunft einfacher wird. „Da wirkt der Push-and-Pull-Effekt: Am Anfang musst du viel rausschicken, doch wenn die Sache läuft, kommen die Leute irgendwann zu dir.“

Es gibt jedoch noch ein kleines Problem: die Musik. Der junge Popmusiker, der im Internet Erfolg hatte und dann Karriere machte, ist mittlerweile ein Klischee. Jede Woche werden neue Künstler durch die sozialen Medien gejagt, in der Hoffnung, dass sie berühmt werden. Manchmal funktioniert das, aber ob es nun Psy, Justin Bieber oder Lana Del Rey war: Die großen Erfolge waren poppig, wild, verrückt, lustig oder sonst irgendwie auffällig – für den Kampf um die kurze Aufmerksamkeitsspanne im Internet also bestens gerüstet. Doch Jan Augsberg Musik ist nichts davon. Seine Alben sind still: ein perlendes Klavier, eine gezupfte Gitarre, eine weiche Stimme, die sich für jede Note Zeit lässt, manchmal einige getupfte Percussions. Auf Sailor stehen drei Vokalstücke zwischen neun Klavierminiaturen. Die Frage ist: Still und Internet – geht das?

Vielleicht ist Jan Augsberg gerade dabei, einen anderen Weg zu finden. Er hat seine Musik in die wirkliche Welt gebracht, wo sie auf Menschen trifft. Und selbst wenn das nicht funktionieren sollte: Für den Musiker wird es auf jeden Fall ein sehr prägendes Jahr. „Ich weiß nicht, was das alles mit mir macht. Ich habe keine Zeit, zu reflektieren, was ich erlebe. Ich werde Anfang 2017 erst mal mein Tagebuch durchgehen, vielleicht mache ich sogar ein Buch daraus, um überhaupt zu begreifen, was passiert ist.“ ---

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