Ausgabe 06/2016 - Schwerpunkt Einfach machen

Jaakko Blomberg

Frag nie, ob du darfst!

Jaakko Blomberg

• Wenn Jaakko Blomberg etwas verändern will, posaunt er es einfach heraus. „Und dann schaue ich, was passiert.“

Meistens passiert sehr viel, denn der 32-jährige Schlaks mit dem blonden Pferdeschwanz und dem Ansatz eines Ziegenbärtchens hat Einfluss. Vor einigen Monaten kam er auf die Idee, dass Helsinki mehr Farbe gebrauchen könnte. Besprühte Hauswände, wie er sie in London oder Berlin gesehen hatte, gibt es in seiner Stadt nicht. Selbst Kallio, früher Arbeiterviertel und heute Anziehungspunkt für Studenten und Künstler, wirkt ungewöhnlich steril. Darum eröffnete Blomberg eine Facebook-Gruppe und postete, dass Street-Art in Helsinki erwünscht sei. Wie üblich wurde sein Eintrag binnen weniger Stunden Tausende Male geliked, und dann dauerte es nicht lange, bis sich jemand von der Stadtverwaltung meldete und vorschlug, man möge sich doch zusammensetzen. Im Mai bekam er 40.000 Euro aus dem Regionalfonds der Finnischen Kulturstiftung, um Street-Art in die Hauptstadt zu bringen.

Blomberg sitzt im Sävy, einer der neuen Kaffeebars in Kallio. Er geht mit seiner Assistentin die Termine der kommenden Woche durch. Das Goethe-Institut hat ihn zu einem Treffen europäischer Bürgerinitiativen nach Erfurt geladen, zudem stehen Vorträge in zwei Schulen in Helsinki an und eine Reise nach Russland wegen eines Buchprojekts. Fragt man Jaakko Blomberg nach seinem Beruf, sagt er „Aktivist, sozialer Innovator, Stadtmacher“.

Seit vier Jahren initiiert er Veranstaltungen, die zweierlei bewirken sollen: den Beamten im Rathaus vor Augen führen, dass man etliche Vorschriften nicht braucht, und die Bürger dazu anregen, sich mehr Freiheiten zu nehmen. Blomberg will mehr Leben auf den Straßen Helsinkis. Anfänglich betrachtete ihn die Stadtverwaltung mit Skepsis. Doch weil er viele Leute mobilisieren konnte und sich von Verboten nicht abschrecken ließ, ging sie dazu über, ihn zu unterstützen. Der Vizebürgermeister Pekka Sauri sagt: „Er ist eine großartige Ressource für urbanes Leben in Helsinki.“


Leere Räume für einen Tag in Beschlag nehmen, dekorieren, und Gäste, die sich über Facebook anmelden, zu einem Fünf-Gänge-Menü einladen. Diese Art Event organisiert Jaakko Blomberg mit seinem Freund und Profikoch Jyrki Tsutsunen (oben)

Jaakko Blomberg stammt aus Kajaani, einer Kleinstadt im rauen, dünn besiedelten Norden Finnlands. Sein Vater ist Forstwirt, seine Mutter Schuldirektorin. „Warum machst du nie normale Dinge wie Jagen und Fischen?“, fragt ihn sein Vater immer wieder. Blomberg interessierte sich stets mehr für Menschen und ihre Kultur und studierte Ethnologie, Geschichte, Archäologie, Literatur, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte. In Finnland erhält jeder Student fünf Jahre lang vom Staat ein Stipendium in Höhe von rund 500 Euro im Monat. Damit kam Blomberg über die Runden.

Nach seinem Master im Jahr 2011 hatte er verschiedene Jobs, führte durch Museen, organisierte Ausstellungen und Konzerte für das städtische Kulturhaus. Doch eigentlich mochte er keine Veranstaltungen, bei denen sich Organisatoren und Konsumenten gegenüberstehen. „Ich finde es besser, wenn sich beides mischt.“ Im Winter 2011 wurde ihm klar, dass es den Job, den er gern machen würde, nicht gab. Darum musste er ihn selbst schaffen. „Am Anfang wusste ich nicht, wer mich bezahlen sollte. Ich sagte mir: Fang einfach mal an.“

Dann las er eines Tages auf Facebook: „Ich habe so viel Krempel. Warum gibt es keinen Tag, an dem wir uns von allem Überflüssigen befreien können?“ Gepostet hatte das Pauliina Seppälä. Blomberg kannte sie nicht. Ihr Eintrag erschien auf seiner Seite, weil einige seiner Facebook-Freunde ihn geteilt hatten. Er brachte ihn zum Nachdenken. Er traf sich mit Seppälä und einem halben Dutzend Leute, die sich positiv zu ihrem Post geäußert hatten. Blomberg schlug vor, einen Entrümpelungstag ins Leben zu rufen, ohne irgendwen um Erlaubnis zu fragen. Ein Flohmarkt in ganz Helsinki schwebte ihm vor. Eine Gemeinschaftsaktion, die nicht nur dazu dienen sollte, überflüssigen Krempel loszuwerden, sondern das Bewusstsein zu schaffen: Die Stadt gehört uns.

Blomberg und seine Mitstreiter kündigten die Aktion auf Facebook an. Binnen eines Tages wurden sie tausendmal geliked. Als wenig später auch die Lokalzeitungen über das bevorstehende Ereignis berichteten, bekam der Aktivist einen Anruf von der Stadtverwaltung. Wer der Verantwortliche sei. Dass das nicht gehe, einfach so eine öffentliche Veranstaltung auszurufen. „Es gibt keinen Verantwortlichen“, entgegnete Blomberg, alle seien verantwortlich, und darum liege es auch nicht in seiner Macht, die Aktion zu stoppen.

Wie ungewöhnlich sie für Helsinki war, zeigte sich in den folgenden Wochen. Er erhielt viele Anrufe von verunsicherten Bürgern. „Darf ich hier im Norden der Stadt auch einen Flohmarkt machen?“, fragte einer. „Wo darf man T-Shirts verkaufen?“, wollte ein Zweiter wissen. Und: „Ist das wirklich erlaubt?“ „Geh vor die Tür, bau einen Stand auf und leg los“, ermunterte ihn Blomberg.

Cleaner als die Schweiz: Straßenszene in Helsinki

Der Entrümpelungstag fand am 12. Mai 2012 statt. Als Blomberg am Morgen seine Wohngemeinschaft verließ und mit dem Fahrrad Richtung Zentrum fuhr, wurde ihm flau im Magen. Es war saukalt, doch trotzdem hatten rund 800 Bürger auf zahlreichen Plätzen und in den Parks ihre Stände aufgebaut. Zigtausende zogen von Flohmarkt zu Flohmarkt.

Tage wie diesen hatte die Stadt noch nicht oft erlebt. Es gibt in Helsinki keine Tradition selbst organisierter Veranstaltungen, kein Bürgertum, das das kulturelle Leben prägt. Die 620 000 Einwohner leben größtenteils zurückgezogen, verhalten sich wie Gäste in der eigenen Stadt.

Das hat historische Gründe. Finnland war jahrhundertelang unter schwedischer, ab 1809 unter russischer Herrschaft und ist erst seit 1917 unabhängig. Damals wurde Helsinki zur Hauptstadt, blieb aber völlig unbedeutend. Gerade mal 150 000 Einwohner lebten dort. Das ganze Land war lange Zeit landwirtschaftlich geprägt, entwickelte sich erst ab den Fünfzigerjahren zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Immer mehr Menschen kamen nun in die Städte, vor allem nach Helsinki, bezogen dort riesige Neubaugebiete in den Vororten. „Von städtischer Identität keine Spur“, sagt Mika Hannula, der einige Jahre Direktor der Akademie für bildende Künste in Helsinki war und nun als Publizist und Kurator in Berlin lebt.

Zu harmonisch, zu homogen 

Auch für die Herausbildung von Subkultur sei Finnland nie ein gutes Pflaster gewesen, sagt Hannula, „dafür ist die Gesellschaft zu homogen“. Der starke Sozialstaat verhindere die soziale Spreizung, der geringe Ausländeranteil (im Jahr 2000 lag er bei 1,5 Prozent) die Vielfalt. „Es fehlen die Spannungen, dank derer Straßenkultur gedeiht.“ Zudem habe die administrative Überregulierung lange Zeit jeden Ansatz urbanen Lebens erstickt – bis zum Befreiungsschlag im Mai 2011, ein Jahr vor dem ersten Entrümpelungstag.

Der damals 30-jährige DJ und Fotograf Timo Santala wollte mit zwei Freunden in Helsinki ein Restaurant eröffnen, nahm aber sofort wieder Abstand von der Idee, als er mit den damit verbundenen Auflagen konfrontiert wurde. Stattdessen organisierte das Trio eine Protestaktion: Sie bauten eine Fahrrad-Bar, radelten durch die Stadt und boten Wein, Longdrinks und Tapas an. Das war gleich in mehrfacher Hinsicht illegal. Sie hatten keine Lizenz für den Lebensmittelverkauf, keine Lizenz für den Ausschank von Alkohol und keinen genehmigten Standort. Ein Jahr zuvor waren die ersten Foodtrucks in Helsinki aufgetaucht, und die Stadtverwaltung – mit mobilen Restaurants unerfahren – hatte verfügt, dass diese nur auf wenigen ausgewählten Plätzen stehen dürfen.

Viel Grün, sehr brav: Urbanes Flair macht sich in Finnlands Hauptstadt noch rar

Nun waren da plötzlich die drei Männer mit ihrer Fahrrad-Bar und verkauften, was und wo sie wollten. Damit nicht genug: Sie forderten andere auf, mitzumachen, was dazu führte, dass an diesem Tag 45 illegale Hobbyküchen ihre Speisen und Getränke auf Helsinkis Straßen anboten. Selten war die Stimmung in der Stadt so ausgelassen. Das Event wurde von der Presse gefeiert, und auch die Politiker sahen, dass es keinen Zweck hatte, ihn künftig zu verbieten. Er ging als erster Restaurant Day in die Geschichte ein. Inzwischen findet das Happening vierteljährlich statt, längst nicht mehr nur in Helsinki, wo mittlerweile bei jedem Mal mehrere Hundert Ein-Tages-Restaurants die Straßen beleben, sondern in zahlreichen Städten weltweit.

„Der Restaurant Day war auch für mich eine Offenbarung“, sagt Jaakko Blomberg. „An diesem Tag ist mir klar geworden, was möglich ist, wenn man einfach macht, statt vorher zu fragen, ob man darf.“

Der von ihm initiierte Entrümpelungstag im darauffolgenden Frühling wurde ein großer Erfolg. Erst im Nachhinein erfuhr Blomberg, dass Bürger aus 13 finnischen Städten dem Aufruf gefolgt waren und auch vor ihrer Haustür einen Flohmarkt veranstaltet hatten. Inzwischen ist das Event wie der Restaurant Day fest etabliert. Es hat mehr als 50.000 Facebook-Fans, findet halbjährlich in rund 100 Orten statt und wird von der finnischen Tochter der Danske Bank und diversen Recyclingfirmen unterstützt.

Ließ sich von der Crowd überzeugen: Vizebürgermeister Pekka Sauri

Beginn einer neuen Ära 

„Helsinki hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert, und Jaakko Blomberg hat wesentlich dazu beigetragen“, sagt der Vizebürgermeister Pekka Sauri. Von seinem Büro im Rathaus blickt der Mann, der seit 13 Jahren im Amt ist, auf die Ostsee und den Südhafen mit den großen Fähren. In Finnland habe Regulierung Tradition. „Auch in Helsinki hatte die Verwaltung eine starke Rolle bei der Planung und Kontrolle des Stadtlebens.“ Doch seit einigen Jahren gebe es immer mehr junge Leute, die sich dagegen auflehnten und das Leben in der Stadt gestalten wollten. Daran habe man sich erst gewöhnen müssen.

„Hätte Jaakko Blomberg immer erst um Erlaubnis gefragt, hätte die ein oder andere Veranstaltung bestimmt nicht stattgefunden“, sagt Sauri. Inzwischen gebe es die Einsicht, dass man manchmal fünfe gerade sein lassen sollte, statt konsequent auf die Einhaltung der Vorschriften zu pochen. „Die Verwaltung hat sich von einer regulierenden zu einer unterstützenden Organisation gewandelt.“

Besonders deutlich wurde das beim ersten Dinner under the Helsinki Sky im Sommer 2012. Ein mehrere Hundert Meter langer Tisch, an dem 1000 Menschen gemeinsam aßen und Wein tranken, und das am helllichten Tag in der Pohjoisesplanadi, einer der größten Geschäftsstraßen im Zentrum – eigentlich ein Unding, denn in Finnland ist es verboten, Alkohol auf der Straße zu trinken. Die Polizei ließ es trotzdem zu und regelte den Verkehr so, dass die Veranstaltung nicht gestört wurde.

Ein Erfolgsfaktor sei, so Blomberg, dass er keine Protestkampagnen mache, sondern Aktionen, die Positives ausstrahlten. Für das Dinner in der Innenstadt hatte er den Gründungstag Helsinkis ausgewählt. „Wer will schon verbieten, dass die Bürger an einem so bedeutenden Tag gemeinsam essen und trinken?“

Die Stadtplaner wollen mehr Menschen in die City locken: Durch die Verlagerung der Frachthäfen im Jahr 2008 wurden große Areale in der Innenstadt frei für den Wohnungsbau

Jaakko Blomberg ist ein Rebell, aber ein sehr zahmer. Er legt großen Wert darauf, keinen Schaden anzurichten. Als in Kallio ein von ihm initiiertes Fest mit Live-Musik und Street-Dance in den Morgenstunden zu Ende ging und die Leute nach Hause strömten, fegte er noch stundenlang die Zigarettenstummel zusammen. „Wer Freiheit fordert, muss auch Verantwortung tragen“, sagt er.

Neuerdings nimmt er die Privatsphäre seiner Mitbürger ins Visier. „Es ist schlimm in finnischen Stadthäusern. Keiner kennt sich, keiner redet miteinander“, sagt er. Um das zu ändern, initiiert er sogenannte Wohnzimmerveranstaltungen. Ob Kunstausstellung oder Theateraufführung, egal was der Aktivist über Facebook ankündigt, immer bieten sich mehr Gastgeber an, als gebraucht werden, und immer sind die Veranstaltungen rasend schnell ausgebucht.

Bei vielen von Aktivisten organisierten Veranstaltungen mit von der Partie: Kukka Harvilahti, hier beim Festival im ehemaligen Maria-Krankenhaus
Harvilahtis Mitstreiter: Junge Leute erobern ihre Stadt

Fast immer dabei ist Kukka Harvilahti. Die 30-Jährige steht beispielhaft für die neue Stadtkultur. Sie lebt mit ihrer kleinen Tochter und neun Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft. Gerade schreibt sie an ihrer Master-Arbeit, und da sie gern unter Menschen ist, nutzt sie Hoffice. Dabei wird der Wohnraum zum Coworking-Space. Ihre Arbeitskollegen für einen Tag oder mehrere findet sie auf Facebook. „Ich mag diese Art von Gemeinschaft“, sagt sie.

Das Hoffice-Konzept wurde in Schweden erfunden, nach Finnland importiert hat es Jaakko Blomberg. Vor zehn Jahren wäre so etwas dort noch undenkbar gewesen. Hat er also sein Ziel erreicht? „Nein“, sagt Blomberg. Sei ein Projekt erst mal etabliert, schaffe es neue Gewohnheiten, die mit der Zeit langweilig würden. „Man muss daher immer Neues machen.“

Er kann mittlerweile von seinem Aktivismus leben. Jede Woche wird er für mindestens einen Vortrag oder Workshop gebucht – von Akademien, Schulen, Kulturvereinen und Stadtmarketing-Agenturen im ganzen Land. Zudem bekommt er Geld für Auftragsaktionen wie etwa ein von Arbeitslosen geführtes Pop-up-Restaurant. Die staatliche Glücksspielgesellschaft Ray gab seinem und einem anderen Verein für Integrationsmaßnahmen dieser Art 80.000 Euro. Auf diese Weise verdiene er im Schnitt monatlich 2000 Euro. „Das reicht mir zum Leben.“

Jüngst hat er den Sauna Day ins Leben gerufen. Früher seien die Menschen in öffentliche Saunen gegangen, sagt er. „Heute aber haben viele ihre eigene. Das Event soll die finnische Tradition des gemeinsamen Schwitzens wieder aufleben lassen.“ Die städtische Marketing-Agentur Visit Helsinki bot sofort ihre Hilfe an. Zur Premiere im März dieses Jahres gaben 50 Leute den Gastgeber, ließen Wildfremde in ihre Privatsauna. Mehrere Hundert Menschen nahmen teil. Manche besuchten an diesem Tag fünf Saunen. Viele fanden neue Freunde. Einer wurde so inspiriert, dass er Gedichte rezitierte. Andere machten Musik.

„Man weiß bei solchen Gemeinschaftserlebnissen nie, was passiert“, sagt Blomberg. „Außer eines: Hinterher sehen die Leute die Stadt mit anderen Augen.“ ---

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