Ausgabe 07/2016 - Schwerpunkt Digitalisierung

Fintechs

Das nächste kleine Ding

• Es war nur ein kurzer Tweet, versendet am 14. April dieses Jahres. Allerdings gleich morgens um 7.30 Uhr – ein Zeichen dafür, dass der Autor, Hermann-Josef Tenhagen, nachhaltig verärgert war:

Man muss nur wenige Hintergründe kennen, um die Brisanz dieser Nachricht für jenen Teil der deutschen Gründer-Szene zu verstehen, der Finanzdienstleistungen anbietet und derzeit unter dem Kürzel Fintech von Investoren wie Medien gleichermaßen gehypt wird. Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur des gemeinnützigen Internet-Ratgebers Finanztip und Deutschlands wohl renommiertester Verbraucherschützer in Geldfragen. FinCamp ist der Name eines Workshops des Bundesfinanzministeriums unter Leitung des Parlamentarischen Staatssekretärs Jens Spahn, bei der jüngst ein Großteil der deutschen Fintech-Branche zusammenkam.

Und Frank Niehage ist ein überaus selbstbewusster Vertreter der Zunft, der seine Firma, die börsennotierte Fintech AG, mithilfe rasanten Kundenwachstums schnellstmöglich zur „One-Billion-Dollar-Company“ machen will. Der aber, zum Ärger Tenhagens, bei der FinCamp-Veranstaltung die Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Verbraucherschutz“ präsentierte, ohne auch nur eine Silbe darüber zu verlieren. Der Leiter der AG, zugleich Herausgeber des Branchenreports finletter, antwortete auf Tenhagens Tweet-Frage, wo das Thema denn stattgefunden habe:

Woraufhin Tenhagen kühl antwortete:

Ein erstaunlicher Dialog, gelten doch Start-ups gemeinhin als ganz besonders nah an den Bedürfnissen der Kunden, um Fairness und Transparenz bemüht, während den Vertretern der alten Wirtschaft ein Mangel an eben diesen Qualitäten nachgesagt wird – vor allem den Banken. Hermann-Josef Tenhagen und seine Kollegen bei Finanztip betrachten Fintechs eigentlich durchaus mit Wohlwollen: „In dem Geschäft ist so viel Raum für Verbesserungen, gerade in puncto Service. Fintechs hätten das Potenzial kleine wie große Lösungen zu liefern.“ Doch das geschehe kaum: „Oft steckt keine Lebenserfahrung mit Kunden dahinter. Viele in der Branche sind selbstreferenziell, kommen von der Technologie her – und nicht vom Nutzer.“

Ist das womöglich einer der Gründe, warum es in der Finanzbranche kein Amazon, kein Facebook, kein Spotify gibt? Fest steht: Im Geldwesen scheint die Digitalisierung bislang anders zu laufen als im Handel, in der Kommunikation oder in der Musikbranche. Während der New Economy, also der Phase, in der um die Jahrtausendwende die ersten Internet-Geschäftsmodelle aufkamen, gingen laut einer McKinsey-Studie vom Dezember 2015 rund 450 Finanz-Neugründungen an den Start, von denen weniger als eine Handvoll überlebte, mit einem einzigen Star in ihrer Mitte: dem Online-Bezahldienst Paypal. Er setzt mittlerweile rund 9 Milliarden Dollar pro Jahr um. Eine respektable Summe, keine Frage, aber eine Revolution sieht anders aus. Mastercard, als traditioneller Kreditkartenanbieter ein direkter Paypal-Konkurrent, erlöst etwa genauso viel; Visa kommt auf fast 12 und American Express sogar auf 33 Milliarden Dollar. Bis heute, konstatiert denn auch McKinsey, beliefen sich die Marktanteilsverluste der etablierten Finanzhäuser an Fintechs auf „kaum mehr als einen Rundungsfehler“.

Maximilian Tayenthal (Number26)
Michael Koch (Deutsche Bank)

In Deutschland waren bislang die Direktbanken – Comdirect, ING-Diba, DKB, Consors – die einzigen Newcomer, denen es gelang, der etablierten Finanzkonkurrenz nennenswert Geschäft abzunehmen. Von Ende der Neunzigerjahre bis heute kamen sie gemeinsam auf einen Marktanteil von immerhin gut 10 Prozent. Daneben gab es mit Gründungen wie Interhyp (Online-Baufinanzierungen) und Check 24 (Vergleichsplattform für Finanzprodukte) vereinzelt Firmen, die mit ihren Angeboten Transparenz in den Produktdschungel brachten und die auch heute noch existieren. Aber digitale Angreifer, die die Banken wirklich ersetzen und etwas substanziell Besseres anbieten? Fehlanzeige.

Die Frage ist: Wohin führt die zweite, unter anderem von der Verbreitung des Smartphones getriebene Gründerwelle, die derzeit die Welt überrollt und mittlerweile auch die Finanzbranche erfasst hat? In einer hauseigenen Datenbank beobachtet allein McKinsey rund 2000 junge Firmen, die im Geldwesen tätig sind, 62 Prozent von ihnen im Privatkunden-Geschäft. Dort betätigen sie sich vor allem im Zahlungsverkehr (25 Prozent), gefolgt vom Kreditgeschäft (14 Prozent), von Geldanlagen (13 Prozent) und Kontoführung (10 Prozent). 23 Milliarden Dollar an Risikokapital sind seit 2010 weltweit an diese 2000 Firmen geflossen.

Eine Banklizenz? Unnötig!

In Deutschland gibt es schätzungsweise 400 Fintechs, die laut Barkow Consulting im vergangenen Jahr 376 Millionen Euro bei Investoren einsammelten. Fangen sie damit nun möglicherweise doch etwas Revolutionäres an, erfinden für die vielen unzufriedenen Kunden eine Art von Banking, das besser, bequemer, fairer ist? Versteckt sich in irgendeiner ehemaligen Fabriketage in Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main ein Team, das, wie man in der Tech-Szene gern sagt, richtig „heißen Scheiß“ macht?

Von Verstecken kann bei Maximilian Tayenthal keine Rede sein. Der Österreicher ist erkennbar stolz darauf, dass die von ihm mitbegründete Firma Number26, laut Eigenwerbung Anbieter von „Europas modernstem Girokonto“, in der Fintech-Szene derzeit als besonders interessant gilt und 2015 Platz drei bei der Kür zum Fintech des Jahres belegte. Zuvor hatte Silicon-Valley-Legende Peter Thiel bei Number26 investiert.

Tayenthal präsentiert sich in einer zum Großraumbüro umgebauten ehemaligen Stasi-Kantine in Berlin-Mitte im szenetypisch verglasten Besprechungsraum, an der Wand prangen in Graffiti-Optik Sprüche wie „eat the rich“ oder „kill the poor“ und seine eigenen klingen nicht minder markig: Der Bankenmarkt sei „ready for disruption“; es gebe Dinge, die ihn schlecht schlafen ließen, aber die Konkurrenz durch die deutschen Banken gehöre nicht dazu; Oliver Samwer habe einmal gesagt, eine gute OnlineCompany brauche zehn Jahre, um profitabel zu werden, er sehe das nicht so wie der Internet-Unternehmer, aber: „Einige könnten es bei uns schon werden.“

Hermann-Josef Tenhagen (Finanztip)
André Bajorat (Figo)

Hoch gegriffen für den Betreiber einer App. Denn genau das ist Number26. Im Hintergrund arbeitet die Münchener Wirecard Bank, deren Holding jüngst ins Visier von Short Sellern geriet (siehe brand eins 06 /2016, „Die Jäger“). Denn Tayenthal und sein Team besitzen keine Banklizenz. Unnötig, ein zu dickes Brett, zu kostenintensiv – so argumentieren viele in der Branche, die auf die Anerkennung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) verzichten. Auch Number26 liefert also nur die Oberfläche, das Nutzererlebnis.

Das allerdings ist ziemlich gut. Die Kontoeröffnung dauert dank eines optischen Identifizierungsverfahrens (Video-Ident) nur wenige Minuten, die Startseite empfängt den Kunden mit schlichtem Design und seinem Kontostand, splittet seine Ausgaben übersichtlich nach Kategorien auf (Shopping, Wohnen, Apotheke, Restaurants), EC- und Mastercard sind gratis und lassen sich mit einem Fingerwisch bestellen, sperren und entsperren, ebenso wie sich der Dispo per Wisch erhöhen oder verringern lässt. Wechselt man zu Number26, übernimmt die App das Übertragen aller Daueraufträge und Lastschriften. Inlands-Überweisungen bis 1000 Euro sind unter Number26-Kunden in Echtzeit möglich und heißen Moneybeam. Transfers ins Ausland sind durch den Partner Transferwise sehr viel günstiger als bei herkömmlichen Banken.

Ein bisschen erinnert der Auftritt an Zencap, eine der ersten deutschen Peer-to-Peer-Lending-Plattformen, die Kredite für Mittelständler anbieten (brand eins 03/2015, „Biedermann gegen die Brandstifter“) * und mittlerweile vom Konkurrenten Funding ­Circle übernommen wurde. Auch sie galt in ihrer Anfangszeit als sehr innovativ, der schillernde Oliver Samwer und seine Brüder hatten sie mitfinanziert. Die Gründer warben mit dem großen Versprechen, das genossenschaftliche Bankmodell – Kreditvermittlung von Mensch zu Mensch – in die digitale Welt zu übertragen, dabei günstiger, unkomplizierter, schneller und fairer zu sein, sodass bei ihnen auch jene Firmen eine Chance hätten, die bei den Banken durchs Raster fielen. Die Website ist gut gestaltet, übersichtlich, der Kreditantrag wird innerhalb von 48 Stunden bearbeitet. Wie Number26 betreibt diese Firma nur die Oberfläche, besitzt keine Banklizenz. Das Kreditgeschäft machen Firmen und Investoren am Ende direkt miteinander.

So vielversprechend die Modelle von Number26 und Funding Circle klingen mögen, so werfen beide dieselbe Frage auf: Welches Problem lösen sie eigentlich für ihre Nutzer? Wenn sich Bankkunden in Deutschland beschweren, dann in aller Regel nicht über die Dauer des Kontoeröffnungsprozesses oder die Frage, ob ihr Dispo innerhalb einer Sekunde oder – wie sonst üblich – in wenigen Stunden erhöht wird. Gratis sind Girokonten nebst Karten heutzutage bei vielen Instituten. Normale Inlandsüberweisungen funktionieren gut, und ja, Auslandsüberweisungen bei Banken sind teuer – aber wie oft überweisen gewöhnliche Leute Geld international? In Deutschland kommen auf rund 80 Millionen Einwohner laut Deutscher Bundesbank jährlich 125 Millionen internationale Geldtransfers, macht 1,6-mal pro Jahr, also ein Minderheitenthema. Kredite für Mittelständler schließlich gibt es in Deutschland dank Sparkassen und Volksbanken zuhauf. Und ja, Unternehmen, die bei den Banken abgelehnt werden, bräuchten zwar in der Tat Hilfe – sie haben es aber auch bei Funding Circle schwer.

Was ist wichtiger: Coolness oder Relevanz?

Das fanden Verbraucherschützer Tenhagen und seine Finanztip-Kollegen heraus. Sie waren zunächst angetan von der neuen Offerte, schließlich, so Tenhagen, „brauchen auch bonitätsschwächere Unternehmen Zugang zum Geldsystem“. Nachdem sie sich das Geschäftsmodell genauer angesehen hatten, begriffen sie aber: Bei dieser Klientel ist auch die Onlineplattform vorsichtig, weil sie ihre Investoren nicht mit hohen Ausfallraten vergraulen will.

Bei Number26 lief es ganz ähnlich. Auch hier entdeckte das Finanztip-Team einen besonderen Nutzen für bonitätsschwache Kunden. Die Banking-App nahm nämlich am Anfang keine Schufa-Prüfung vor, solange ein Konto nur auf Guthabenbasis eröffnet wurde. Traditionelle Banken sind strikter, und so stehen Menschen, die ihre Schulden mal nicht bedienen konnten, oft ohne Bankverbindung da. Finanztip veröffentlichte daraufhin eine entsprechende Empfehlung für das Number26-Girokonto. Doch die Firma verlangte die Löschung, wollte mit dem Hinweis auf den Schufa-Verzicht nicht in Verbindung gebracht werden. Sie scheint bei der Auswahl ihrer Kunden lieber selektiv vorgehen zu wollen. Jüngst wurde einigen Hundert Nutzern sogar gekündigt, unter anderem wegen „sehr häufiger Bargeldabhebungen“, wie Number26 begründete. Der Hintergrund: Der Preis pro Abhebung am Automaten liegt bei 1,50 bis zwei Euro, Kosten, die Number26 für seine Kunden übernimmt, weil das Unternehmen keine eigenen Zahlstellen hat. Das wurde ihm offenbar zu teuer.

Maik Klotz ist Blogger, Berater und Beobachter der Fintech-Branche, insofern durchaus affin für technische Neuheiten wie etwa Moneybeam, die, wie er sagt, „einer jungen Zielgruppe Spaß machen“. Doch auch er bemängelt die „fehlende Alltagsrelevanz vieler Start-ups. Vieles, was die machen, braucht kaum jemand. Die Zielgruppen sind winzig.“

War es das schon mit der viel beschworenen Disruption? Wenn die heißesten der Heißen so wenig massentaugliche Innovation bieten, was ist dann von der Branche noch zu erwarten? Stimmt es, was Dirk Elsner, bei der DZ Bank für Digitalisierung zuständig, auf Capital.de schrieb: „Die Fintech-Revolution fällt aus“?

Großer Auftritt, kleine Zielgruppe: Maximilian Tayenthal
Führt Fintechs und Banken zusammen: André Bajorat

Es wäre ein trauriger Ausblick für eine Branche, deren Kundschaft schon lange unzufrieden ist – und doch nie wechseln konnte, weil es keine Alternativen gab. Ob Groß- oder Privatbank, Volksbank oder Sparkasse oder Versicherung, in den zahllosen Tests, denen Verbraucherschützer und Medien die Zunft immer wieder unterzogen, war mal der eine, mal der andere besser – der Durchschnitt aber: unbefriedigend. Beispiel Riester-Rente: Im Grundsatz keine schlechte Idee. Langfristige Vorsorge ist sinnvoll. Wer riestert, bekam (und bekommt bis heute) Zuschüsse und Steuervorteile vom Staat sowie, vom jeweiligen Anbieter seines Riester-Produktes, die Garantie, dass er am Ende der Laufzeit, wenn die Rente beginnt, mindestens sein Angespartes zurückerhält, also keine Verluste erleidet. Doch was geschah? Die Anbieter – Versicherungen oder Fondsgesellschaften, meist Bankentöchter – schlugen derart hohe Gebühren auf die Produkte auf, dass die Rendite am Ende unattraktiv ist. Zudem sind viele Angebote intransparent. Als Folge setzte sich die Riester-Rente nie durch, das Wort vom „Riester-Flop“ macht die Runde.

Kunden wollen kein Sammelsurium

An dieser Stelle zeigt sich nun, dass es durchaus Fintechs gibt, die Kunden echte Vorteile bringen: Fairr etwa, entstanden aus einer Idee, die, wie Mitgründer Alexander Kihm sagt, „derartig uncool klang, dass ich sie schon wieder sexy fand: Einer meiner heutigen Partner sagte mir, er wolle die Altersvorsorge disrupten. Und dann haben wir uns die Riester-Rente vorgenommen.“ Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Fairr entwickelte ein einfaches, kluges und vor allem transparentes Produkt, das die Kosten im Vergleich zu den übrigen Anbietern halbiert und sowohl von Finanztip wie von der Stiftung Warentest empfohlen wurde. „Angenommen, Sie sind 30 Jahre alt, dann bekommen Sie nach heutigem Stand maximal 1800 Euro Rente im Monat. Wenn Sie gleichzeitig mit Fairr riestern und den maximalen Förderbetrag ausschöpfen, haben Sie, je nach Zins- und Börsenentwicklung, zwischen 600 und 1200 Euro zusätzlich“, sagt Kihm, pausiert einen Moment und fügt hinzu: „Rough, ohne Vodoo.“ Was wohl so viel heißen soll wie: grob überschlagen, aber ehrlich.

Auch das Hamburger Start-up Deposit Solutions hat mit seiner Plattform Zinspilot etwas geschaffen, das einen handfesten Vorteil bringt – einfachen Zugang zu Banken, die attraktive Tages- und Festgeldzinsen bieten. 2,2 Prozent Zinsen pro Jahr für 36 Monate offeriert aktuell die Fimbank aus Malta. Wem das zu exotisch ist, der bekommt bei der Austrian Anadi Bank 1,51 Prozent. Oder er bleibt in Deutschland, wo Spezialbanken vergleichsweise gute Offerten machen. Bei Zinspilot braucht er für alle Anlagen nur ein Konto, geführt von der Sutor Bank. Sie wickelt ab, Deposit Solutions übernimmt den Service am Kunden.

Doch selbst solche Anbieter leiden unter schwachem Kundenzuspruch. Der Deposit-Solutions-Gründer Tim Sievers sagt: „Mit Angeboten für Konsumenten, also B2C, können Sie machen, was Sie wollen, Sie kommen nie an die großen Banken mit ihren Millionen von Kunden heran.“ Eine Rechnung offenbart das Dilemma. Um Kunden zu akquirieren, setzen Start-ups auf Onlinemarketing, also etwa Werbung auf relevanten Internetseiten oder den Kauf von E-Mail-Kontakten. Was das bringt, wie viele Menschen darauf reagieren, sich auf die Website locken lassen und am Ende einen Vertrag abschließen, all das lässt sich messen – und so ergeben sich eindeutige Zahlen.

Hakan Özal von der Agentur Financeads, die Kunden im Onlinemarketing berät, kennt sie und weiß: „Die Kosten sind so hoch, dass Fintechs deutlich langsamer profitabel werden als normale Start-ups“. Ein neuer Girokonto-Nutzer koste rund 50 Euro; ein Tagesgeld-Anleger: dito; ein Depotkunde: 100 bis 150 Euro; ein Ratenkreditnehmer: 200 bis 300 Euro. Ein Blick auf die Kundenzahlen der jungen Firmen lässt erahnen, was das bedeutet: Number26 liegt in der deutsche Fintech-Branche mit 160 000 Nutzern vermutlich in Führung, Funding Circle hat hierzulande 580 Firmenkunden (Kreditvolumen: 44 Millionen Euro), Deposit Solutions rund 20 000 Anleger, und Fairr ist „leider noch vierstellig“, wie Gründer Kihm zugibt. Um auch nur an ING-Diba mit ihren acht Millionen Privatkunden heranzukommen, müsste jede der Firmen einen dreistelligen Millionenbetrag investieren.

Denn eines ist klar: Von allein kommen die Kunden nicht. Jetzt rächt sich, dass in der Fintech-Branche keine umfassenden Angebote entstanden. Selbst die größten Neugründungen, die mit mehreren Hundert oder sogar Milliarden Dollar bewertet werden, greifen sich immer nur kleine Segmente aus der Wertschöpfungskette der Banken heraus. Bei der nach Paypal höchstbewerteten Lufax aus Schanghai (geschätzter Wert: 10 Milliarden Dollar), sind es Kredite, bei Lending Club aus San Francisco (2 Milliarden Dollar) Konsumentendarlehen, beim Londoner Transferwise (rund 1 Milliarde Dollar) Auslandsüberweisungen. Betterment aus New York (700 Millionen Dollar) bietet Robo Advisory, automatisierte Anlageberatung. Allerorten stockt das Wachstum. Betterment, deren Kundenzahl 2015 noch mit 17 Prozent pro Monat wuchs, schaffte zuletzt nur noch knapp 7 Prozent. Transferwise veröffentlicht keine aktuellen Umsatzdaten, konnte aber seine Bewertung im vergangenen Jahr erstmals kaum noch steigern. Lending Clubs Aktie stürzte wegen schlechter Zahlen von knapp 25 Dollar beim Börsengang 2014 auf 5 Dollar ab.

Welche ist schöner? Apps von Deutscher
Bank ...
... und Number26

Das Konto hier, der Kredit dort, das Depot wieder woanders – ein solches Sammelsurium an Finanzdienstleistern, so innovativ sie auch sein mögen, wollen die Kunden ganz offenbar nicht. André Bajorat, Berater und Geschäftsführer des deutschen Fintechs Figo, das Schnittstellen zwischen traditionellen und digitalen Finanzanbietern schafft, sagt, dass sich ein neuer Trend abzeichnet: „Erst gab es ein Unbundling, die Wertschöpfungskette der Banken wurde von den Start-ups Stück für Stück auseinandergenommen. Doch jetzt merkt man: Die Kunden wollen, dass man die Angebote wieder zusammenführt.“

Rebundling nennt Bajorat das – und davon profitieren ausgerechnet die totgesagten Banken. Weltweit suchen Fintechs ihre Nähe, sei es, um mit ihnen zu kooperieren oder sich von ihnen kaufen zu lassen. Hierzulande hat die Deutsche Bank gerade einige der vielversprechendsten Kandidaten über groß angelegte Projekte an sich gebunden: Mit Figo entwickelt der Konzern ein Angebot, das alle Konten und Depots bündelt, die Kunden bei verschiedenen Banken haben. „Es soll ein digitales Financial Home sein, das alle wesentlichen Informationen auf einen Blick zeigt“, sagt Bajorat; mit Deposit Solutions arbeitet das Institut an einem hauseigenen Marktplatz für Tages- und Festgelder, einem Konkurrenzprodukt zu Zinspilot also. Gründer Sievers stört das nicht. Zinspilot sei von Anfang an als Beispiel gedacht gewesen – um den Banken zu zeigen, dass das Konzept funktioniert.

Das sieht man gern: Banken auf Trab

Mit der Firma Fincite schließlich plant die Deutsche Bank einen Robo Advisor, der heute bereits automatisch standardisierte Anlagevorschläge erstellt, in Portfolios umsetzt und diese verwaltet, künftig aber auch individuell tätig werden, Szenario-Analysen erstellen soll – und Vergleiche zu anderen Deutsche-Bank-Kundendepots ziehen könnte, auf denen weltweit 190 Milliarden Euro verwaltet werden. Eine Idee, die Start-ups nicht kopieren können, denn dazu haben sie nicht genügend Nutzer. Ein weiterer Trumpf der Bank ist die Datensicherheit. Sie wird, wie nahezu alle großen Institute, täglich von Hackern attackiert, hat zum Schutz dagegen massiv aufgerüstet. Welches Start-up, das schon beim Marketing knapsen muss, kann sich das leisten? Markus Pertlwieser, in der Privatkundensparte fürs Digitale zuständig, ist noch einen Schritt weiter, träumt von einer Kunden-Community „beyond banking“. Tarifvergleiche für Strom, Handyverträge, Versicherungen, vieles wäre denkbar. Tatsächlich bilden die 13 Millionen Privatkunden seines Instituts eine einflussreiche Gruppe, mit der – und für die – man einiges bewirken könnte, wenn man sie vernetzte.

Michael Koch ist der geistige Vater der neuen App des Instituts und leitet eine Abteilung mit rund 400 Mitarbeitern in der sogenannten Digitalfabrik in Frankfurt am Main, die zwar nicht ganz so hip daherkommt wie die Start-up-Büros in Berlin-Mitte, aber genauso funktioniert – samt Scrum Masters und Agilem Programmieren und allem, was bei moderner Software-Entwicklung zum guten Ton gehört. Bei der Entwicklung sei zum ersten Mal nicht nur auf Funktionalität geachtet worden, sagt Koch: „Demnächst kann man den Dispo per Wisch erhöhen.“ Wir erinnern uns: Das geht bei Number26 schon. Dennoch kommt die Deutsche-Bank-App gut an. 50 000 Kunden haben sie sich in den vergangenen fünf Wochen heruntergeladen – dafür brauchte Number26 acht Monate. Kochs Erfolg blieb in der Fintech-Szene nicht unbemerkt. Thomas Grota, Investment-Direktor bei der Deutschen Telekom twitterte:

Bleibt die Frage: Wie wichtig ist der Coolness-Faktor einer Banking-App den Kunden überhaupt? Für die meisten zählt in Geldfragen offenbar eher verlässlicher Service. Das zeigte Anfang Juni ein Buchungs-Fehler bei der Deutschen Bank. Er führte dazu, dass für einige Stunden 2,9 Millionen Kontostände falsch ausgewiesen wurden. Zu Schaden kam niemand. Betroffen waren 2 Prozent aller Konten. Die Aufregung war trotzdem groß. In einer digitalisierten Welt hat für solche banalen Irrtümer niemand mehr Verständnis – und das ist auch der Verdienst der Fintechs. „Sie bringen die Banken auf Trab“, sagt der Verbraucherschützer Tenhagen. Und nicht nur die. Im Spätsommer geht der spanische Telefonkonzern Telefónica über seine deutsche Tochter O2 und in Kooperation mit der Münchener Fidor Bank mit einem digitalen Girokonto an den Start. Telefónica hat bereits 19 Millionen Vertragskunden in Deutschland. Könnte sein, dass die Fintech-Disruption ausfällt – aber die digitale Umwälzung geht weiter. ---

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