Ausgabe 07/2016 - Schwerpunkt Digitalisierung

Alles schon mal da gewesen

Andreas Rödder Der Historiker, 49, ist seit 2005 Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er lehrte unter anderem an der London School of Economics and Political Science und an der Brandeis University in Massachusetts. Sein 2015 im Verlag C. H. Beck erschienenes Buch „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ unternimmt eine breit angelegte Zeitdiagnose.

brand eins: Herr Rödder, sehen Sie als Historiker Parallelen zwischen der digitalen Transformation der Gegenwart und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert?

Andreas Rödder: Die Parallelen sind massiv. Sie bestehen in der massenhaften Erfahrung von technischer Veränderung und Globalisierung, einer scheinbar richtungslosen Beschleunigung und der Unkalkulierbarkeit der Entwicklung. Die Zukunft ist offen, man kann nicht mehr erwarten, dass sie einfach die Gegenwart fortsetzt. Diese umfassende Verunsicherung ist eine Grunderfahrung der Moderne.

Der Soziologe Hartmut Rosa befürchtet, die Beschleunigung führe „zur Entfremdung, zum Selbst- und Weltverlust. Zu einer umfassenden Störung im Weltverhältnis der Menschen“. Liegt er damit richtig?

Was Rosa beschreibt, ist die Zeiterfahrung des modernen Menschen. Heinrich Heine konstatiert 1843 bei der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Orléans „ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind“. Man macht sich heute gern darüber lustig, dass die Zeitgenossen der ersten Eisenbahnzüge befürchteten, bei 30 Stundenkilometern würde ihnen das Trommelfell platzen. Aber so schnell hatte sich niemals zuvor ein Mensch fortbewegt. Mit der Eisenbahn löste sich Fortbewegung von menschlicher und tierischer Muskelkraft – das war eine enorme, neue Erfahrung. Einen der größten Beschleunigungsschübe brachte die Elektrifizierung. „Die Elektrizität, die wir uns so sehr untertan gemacht haben, hat sich bitter an uns gerächt, indem sie sich in uns hineinverpflanzt hat und uns zwingt, mit aller nur denkbaren Anspannung und Schnelligkeit zu arbeiten“, hieß es in einer populären Zeitschrift. Ersetzt man „Elektrizität“ durch „Algorithmen“, klingt das wie bei Frank Schirrmacher oder Hartmut Rosa.

Was heute die Digitalisierung ist, war Anfang des 20. Jahrhunderts für viele Zeitgenossen die Elektrizität?

Exakt. Elektrizität war Disruption 1.0. Auch damals wurde schon über die „Abspannung der Seelenkräfte“ geklagt und vermehrt „Neurasthenie“ diagnostiziert – ein Krankheitsbild mit ganz ähnlichen Symptomen wie bei Burn-out. Ebenfalls ein starker Einschnitt waren um 1900 die neuen Medien. Durch Fotografie, Film und Schallplatten verlor der Augenblick seine Einmaligkeit. Das fotografische Porträt steht zwar in der Tradition der Porträt-Malerei, aber es war doch etwas völlig Neues: Optische und akustische Eindrücke wurden mechanisch reproduzierbar. Die Zeitgenossen haben diese Medienrevolution als grundlegende Umwälzung erlebt. Ähnliche Erfahrungen machen wir heute mit der weltweiten Kommunikation in Echtzeit. Das Internet steht in der Tradition des Telefons und des Telegrafen, aber es hat eine andere Bedeutung. Die viel größere Dichte und Quantität der Echtzeitkommunikation schlägt um in eine neue Qualität. Die jeweilige Erfahrung von Beschleunigung und Informationsdichte ist neu – der Transformationsprozess als solcher ist es nicht.

Inwiefern?

Was wir erleben, ist ein weiterer Beschleunigungsschub in einer größeren, übergreifenden Entwicklung, die spätestens mit den ersten Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts einsetzte. Dass Kommunikationsmedien die Globalisierung begleiten und beschleunigen, beginnt nicht erst mit dem Internet. Das galt schon für die ersten Telegrafenverbindungen von Großbritannien nach Amerika und Indien in den 1860er- und 1870er-Jahren. Die Folgen der Digitalisierung sind in vieler Hinsicht nicht grundsätzlich neu. Kategorial neu war die erste Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Haben jene Kritiker, die beklagen, dass wir dauernd aufs Smartphone starren und unsere Zeit mit Katzenvideos verschwenden, ihre Vorläufer im 19. Jahrhundert der aufkommenden Massenpresse?

Schon 1844 wurde die „Vielleserei“ beklagt, die die Willenskraft schwäche. Katzenvideos sind kein Grund für Kulturpessimismus. Es ist ja nicht so, als hätten die Industriearbeiter oder die Landbevölkerung früher nach einem langen Arbeitstag Thomas von Aquin gelesen. Noch vor wenigen Jahren hatte man Angst vor „Elektrosmog“ durch Mobiltelefone, heute befürchtet man Aufmerksamkeitsverluste und Vereinsamung infolge exzessiven Internetkonsums. Auch die Klage über den Sittenverfall durch das Internet ist nicht neu. Der Shitstorm ist die virtuelle Form der Latrinenparole. Es gibt bestimmte Topoi und Narrative der Technik- und Medienkritik – und umgekehrt auch solche der Euphorie. Untergangsängste und Erlösungshoffnungen sind durchgängige Phänomene. Harald Welzers Vorschlag, das iPhone durch einen „iStone“ zu ersetzen, ist nichts anderes als die Maschinenstürmereien der Ludditen ab 1811.

Welzer befürchtet, die Digitalisierung führe zu „einem neuen Totalitarismus“. Er glaubt, dass uns Google beherrsche, „indem es das Ureigenste der Individuen besetzt“. Steht das in einer Tradition der Angst vor Veränderungen?

Diese Form von Alarmismus ist eine der typischen Abwehrreaktionen auf die Beschleunigungsschübe der Moderne. Dass sich eine Argumentation innerhalb der bekannten Narrative der Technologiekritik bewegt, heißt nicht automatisch, dass sie falsch ist. Aber aus historischer Perspektive erkennt man zumindest, dass sich die Muster wiederholen, und das schafft eine heilsame Distanz. Es schützt vor Panik – und ebenso vor einer Internet-Hysterie, die so tut, als hätte jeder, der nicht im Kapuzenpulli durchs Silicon Valley läuft, den Kontakt zur Gegenwart verloren. Das ist genauso schräg wie die Angst vor einem neuen Totalitarismus. Bei jeder Gelegenheit Disruption zu rufen, zeugt vor allem von einer gewissen Ignoranz hinsichtlich historischer Entwicklungen. Ich halte den Begriff für sträflich unterkomplex. Wir erleben nicht den einen, großen Bruch, sondern vielfältige Transformationsprozesse.

Kann man die heutigen Bedrohungsszenarien mit dem konservativen Kulturpessimismus der vorletzten Jahrhundertwende vergleichen?

Weltuntergangsängste und die Vorstellung, dass der Mensch durch sein Handeln schuldhaft den eigenen Untergang bewirkt, sind die älteste Form menschlicher Sinndeutung, von der Vertreibung aus dem Paradies bis zum Diskurs über die Klimakatastrophe. Heutigen Bedrohungsszenarien entspricht im frühen 20. Jahrhundert eine weit verbreitete konservative Kulturkritik, etwa Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ von 1922. Die Science-Fiction jener Zeit ist voll von diesen Angst-Fantasien. In einem Film wie „Metropolis“ von Fritz Lang findet sich ein ganzes Konglomerat dieser Topoi einer bedrohlichen Moderne: der Moloch Stadt, die Maschine, die Masse – und die Elektrizität. Auch der Zwang zur Effizienz galt als unbürgerlich, etwas unfein und bedrohlich. Rund 70 Jahre später schrieb dann Richard Sennett über die Deformationen des „flexiblen Menschen“. Eine antiamerikanische, konservative Kulturkritik befürchtete bis in die Siebzigerjahre den Verlust der Individualität und seelenlose Vermassung. Das ist nicht so weit von Harald Welzers Satz entfernt, Google beherrsche „das Ureigenste der Individuen“.

„Was wir jetzt erleben, sind Prozesse, die vor mehr als 100 Jahren begonnen haben.“

Sehen Sie bei der Entstehung von Oligopolen Parallelen zwischen industrieller und digitaler Gründerzeit?

Konzerngründer wie Mark Zuckerberg, Bill Gates oder Jeff Bezos sind die Eisenbahnkönige, die Fords und Rockefellers von heute. Wie die Macht der alten Industrie-Tycoons in den USA vor einem Jahrhundert zum Beispiel durch Antitrust-Gesetze eingehegt wurde, müssen auch die Silicon-Valley-Konzerne politisch kontrolliert werden. Der Unterschied zur alten Industrialisierung ist, dass die Politik im Gegensatz zu den Internet-Konzernen vorwiegend nationalstaatlich agiert.

Im 19. Jahrhundert wollten die schlesischen Weber aus Angst um ihre Arbeitsplätze die neuen mechanischen Webstühle am liebsten zerstören. Heute diagnostizieren die US-Wissenschaftler Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee ein „Second Machine Age“, das viele Jobs der Mittelschicht überflüssig machen werde. Wiederholt sich die Geschichte?

Zumindest ähneln sich die Prozesse. Die Ängste der Weber waren ja berechtigt. Ihre Jobs sind in den 1840er-Jahren ebenso verschwunden wie in den 1980er-Jahren der Job des Schriftsetzers. Der Kapitalismus ist eine einzige Abfolge der produktiven Zerstörung. Aber entgegen vieler Befürchtungen ist in den vergangenen 150 Jahren die Arbeit nicht ausgegangen, sondern immer wieder, auch in unerwarteter Form, neu entstanden. Die Entwicklung verläuft in Schüben und in Sprüngen. Die Wirtschaft der Bundesrepublik hat in ihrer Entwicklung einen starken Einschnitt erlebt, als sie sich in der Nachkriegszeit, dem US-Modell folgend, auf industrielle Massenproduktion ausgerichtet hat. Das führte zu einer veritablen Dequalifizierung der Arbeitnehmerschaft in einer Volkswirtschaft, die traditionell von individualisierter Wertarbeit geprägt war. Ausgerechnet in den Boom-Jahren des Wirtschaftswunders wuchs der Anteil der un- und angelernten Tätigkeit – entgegen dem allgemeinen Trend zur Dienstleistungsgesellschaft, mit dem der Anteil an qualifizierter Tätigkeit wieder zunahm. Dieser Veränderungsschub der Nachkriegszeit war ähnlich einschneidend wie die bisherigen Veränderungen in Folge der Digitalisierung. In historischer Perspektive hat sich der Kapitalismus als ungeheuer anpassungsfähig erwiesen und dabei die erstaunlichsten Koalitionen hervorgebracht – zum Beispiel zwischen Feminismus und Kapitalismus, wenn es um die Erwerbstätigkeit von Frauen geht. Auch die Geschichte der Digitalisierung ist eine Abfolge solcher unerwarteter Koalitionen: Mathematik und Elektrotechnik, Nerds und Militärs, kalifornische Hippie-Gegenkultur und Big Business.

Zur Silicon-Valley-Mentalität gehört die Vorstellung, dass sich so ziemlich alles technisch lösen lasse, bis hin zur Unsterblichkeit mittels Nanotechnik. Gab es in der ersten Industrialisierung ähnliche Erlösungs- und Wunschfantasien?

Damals wurden eher Fantasien unsterblicher Maschinen populär. Andere Utopien gingen in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft. Heute haben wir Diskussionen über Allmende, Gemeingüter, bedingungsloses Grundeinkommen und Sharing Economy. Aber das sind, wenn ich es richtig sehe, keine Wiedergänger marxistischer Utopien. Was die Silicon-Valley-Utopien mit jenen des 19. Jahrhunderts verbindet, ist eher, dass die Zukunft unabsehbarer, überraschender und komplexer ist als alle utopischen Erwartungen. Ich würde nicht ausschließen, dass massive Gegenbewegungen gegen die Macht der Internet-Konzerne entstehen – sei es, indem Menschen sich weigern, bestimmte Dinge wie die dauernde Preisgabe privater Daten mitzumachen, sei es durch politische Regulierung. Dass Firmen zum Beispiel verbieten, Mitarbeitern in ihrer Freizeit dienstliche E-Mails zu schicken, ist ein zaghafter Anfang des Versuchs, die Folgen der Digitalisierung zu begrenzen. Wir sehen nach der Finanzkrise 2008 wieder starke sozial-interventionistische, regulatorische Bestrebungen, ob das der Mindestlohn ist, die Mietpreisbremse oder Inklusions-Maßnahmen. Ähnliche regulatorische Eingriffe würde ich auch in der digitalen Wirtschaft nicht ausschließen.

Wie könnten die aussehen?

Ich bin da als Historiker vergleichsweise fantasielos. Aber wir kennen aus der historischen Erfahrung ein Triple-A im Umgang mit technischem Wandel: Angst, Abwehr und Adaption. Solche Prozesse beginnen jetzt in der Auseinandersetzung um die Digitalisierung, zum Beispiel bei Uber oder Airbnb. Probleme werden in Form von Konflikten sichtbar und gesellschaftlich bearbeitet, also reguliert. Bei dieser gesellschaftlichen Problem-Bearbeitung ist vieles möglich. Entwicklungen können neue Standards setzen, die noch vor Kurzem als undenkbar galten. Dass das sehr schnell gehen kann, sieht man in der politischen Reaktion auf die Flücht-lingskrise. Wie man aus einem ungezügelten Kapitalismus die soziale Marktwirtschaft gemacht hat, steht jetzt der Umbau einer weithin ungeregelten Digitalisierung zu so etwas wie einer sozialen Digitalwirtschaft an.

Gehört dazu eine Sozialisierung der Technik-Dividende, wie es etwa Brynjolfsson und McAfee vorschlagen?

Das ist eine Option. Wenn das Problembewusstsein steigt und die Akzeptanz für bestehende Zustände sinkt, hat das politische Konsequenzen. Wie im 19. Jahrhundert der Kapitalismus seine Gegenkräfte in Form der Arbeiterbewegung, der SPD und Bismarcks Sozialgesetzgebung hervorgebracht hat, wird auch die digitale Wirtschaft ihre Korrektive hervorbringen. Das ist seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart eine einzige Kette der Bearbeitung von Problemen, die der Kapitalismus erzeugt hat. Zur Beweglichkeit des Kapitalismus gehört, dass er auch die Antworten auf die von ihm produzierten Probleme zur eigenen Weiterentwicklung nutzen kann.

Welche wären denn wünschenswert?

Entscheidende Aufgaben gibt es für die Bildungspolitik. Jugendliche dürfen nicht nur User und Konsumenten sein. Die Fähigkeit, moralisch zu urteilen, falsch und richtig zu unterscheiden, kann uns kein Algorithmus abnehmen. Selbstständiges und kritisches Urteilsvermögen der Individuen, also der Kern der bürgerlichen Freiheit und Eigenverantwortung, sind gefährdet, wenn wir immer mehr Entscheidungen an Apps delegieren. Wir bezahlen diese Bequemlichkeit mit Entmündigung. Wenn aus Bürgern nur noch User werden und demokratische Öffentlichkeit durch Social-Media-Kommunikation verdrängt wird, hat das Folgen für die Demokratie. Deshalb kann Netzpolitik nicht nur im Breitbandausbau bestehen. Das bürgerliche Projekt der Aufklärung, der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, ist nach wie vor sehr aktuell.

Hat Big Data Vorläufer in der alten Industriegesellschaft?

Markt- und Meinungsforschung wurden erst in den Fünfzigerjahren wichtig, in den USA etwas früher. Was im späten 19. Jahrhundert begann, war die Sozialstatistik. Ein früher Vorläufer des Computers, die Hollerith-Maschine, die mit Lochkarten arbeitet, wurde in den 1880er-Jahren entwickelt, um die Daten der amerikanischen Volkszählung schneller erfassen und auswerten zu können. Die neuen Sozialversicherungen, also Invaliden-, Kranken- und Rentenversicherung waren auf Sozialstatistik und Versicherungsmathematik angewiesen. Die Infrastrukturpolitik der wachsenden Städte brauchte Daten. Die frühe Industriegesellschaft brauchte größere Rechenkapazitäten, zum Beispiel für die Lohnbuchhaltung. Die Technik, die heute die Industriegesellschaft verändert, ist selbst ein Produkt der Industriegesellschaft. Deshalb rede ich nicht gern von Disruption. Was wir jetzt erleben, sind Prozesse, die vor mehr als 100 Jahren begonnen haben. ---

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