Ausgabe 03/2016 - Blick in die Bilanz

Gala Coral Group

Wetten, dass ... ?

• Großbritannien ist in Europa der mit Abstand größte und liberalste Markt für die Glücksspielbranche, also Firmen, die Spielhallen betreiben oder Sportwetten anbieten, vor allem auf den Ausgang von Fußballspielen (sie machen 42 Prozent der Kommissionen aus) und Tennispartien (25 Prozent), aber auch auf Hunde- und Pferderennen. Zwischen April 2014 und 2015 betrug der landesweite Anteil an den Wetteinsätzen, den die Anbieter kassieren, knapp 7 Milliarden Pfund. Davon beansprucht die Gala Coral Group knapp 1,3 Milliarden Pfund; das sind die Erlöse, die das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr per Ende September 2015 erwirtschaftete. Es gehört damit neben William Hill (Umsatz 2014: 1,6 Milliarden Pfund) und Ladbrokes (1,2 Milliarden Pfund) zu den Top drei in der Branche. Und doch verliert die Firma Geld, 111 Millionen Pfund in diesem Jahr nach 160 Millionen Pfund 2014.

Die Gründe dafür sind zum Teil hausgemacht: Gala Coral befindet sich seit Ende der Neunzigerjahre in den Händen wechselnder Private-Equity-Häuser, die die Firma mit umfangreichen Zukäufen ausbauten und ihr, um die Transaktionen zu finanzieren, immer wieder hohe Schulden aufbürdeten. Rund 240 Millionen Pfund müssen die Briten jährlich für Zins und Tilgung aufbringen, das Eigenkapital ist durch andauernde Verluste aufgebraucht. Der stetige und stabile Zufluss an Liquidität aus den Wettgeschäften – die Summe der Einsätze (Amounts staked) betrug bei Gala Coral im vergangenen Geschäftsjahr rund 19 Milliarden Pfund – ermöglicht dennoch den Fortbestand.

Vor allem aber haben die Probleme damit zu tun, dass – wie in anderen Branchen – das stationäre Geschäft, etwa in Bingohallen, Kasinos, Wettbüros, schrumpft; bei Gala Coral laufen weniger als 10 Prozent der Einsätze noch über die 1843 Zweigstellen, gerade mal 1,7 Milliarden Pfund (Over the counter – OTC – amount staked). Den Löwenanteil platzieren die Kunden entweder im schnell wachsenden Onlinegeschäft (6,3 Milliarden Pfund) oder über zumeist in den Wettbüros stehende Automaten (Machines amount staked, 9,5 Milliarden Pfund).

Hieraus ergibt sich für die Briten allerdings auch eine Chance: Durch die vielen Zukäufe sind sie vor allem online weiter als die Wettbewerber. Zudem investieren sie intensiv in Marketing, lassen sich laut eigenen Angaben die Akquise jedes Neukunden 52 Pfund kosten. Die Folge: Die Onlinewetteinsätze wachsen bei ihnen deutlich schneller als bei der Konkurrenz, von 2014 auf 2015 um 35 Prozent (Ladbrokes: plus 7 Prozent im ersten Halbjahr 2015). Auch im Automatengeschäft ist die Firma gut aufgestellt, stockte die Zahl auf mehr als 7300 auf, obwohl die britische Regierung, um der Spielsucht vorzubeugen, jüngst den Wetteinsatz auf 50 Pfund pro Spiel begrenzte. Groß bemerkbar machte sich die Maßnahme für Gala Coral nicht: Der Gross win (Einsätze minus an die Kunden ausbezahlte Gewinne plus Kommissionen auf die Einsätze) im Automatengeschäft stieg um 4 Prozent auf 377 Millionen Pfund, bei Onlinewetten sogar um 20 Prozent auf 167 Millionen Pfund.

Die Firma richtet ihre Strategie komplett auf diese Sparten aus. Der Rest wird abgestoßen. Die Kasinos sind schon weg, der Verkauf des Bingogeschäfts (Gala Retail) mit rund 4000 Mitarbeitern ist abgeschlossen, war nur zum Bilanzstichtag juristisch noch nicht vollzogen. In der Gewinn- und Verlustrechnung wird er daher getrennt ausgewiesen, und es zeigt sich: Wäre Gala Retail mit seinem Verlust von 136 Millionen Pfund bereits Geschichte, schriebe der Rest (der nur noch Coral Group heißt) schwarze Zahlen. Aus einem Verlust von 111 Millionen Pfund würde ein Gewinn von 25 Millionen. So sieht es auch Konkurrent Ladbrokes, der sich mit der Gruppe zusammentun und so Marktführer werden will – damit er auch endlich vom Wettspiel profitiert. ---

Joe Coral öffnete 1961 in Großbritannien das erste Wettbüro und schuf daraus einen Konzern mit Kasinos und Hotels. Derweil stieg die Gala Group zum führenden Anbieter von Bingo-Clubs auf. Sie wurde 2003 von Private-Equity-Investoren übernommen, die 2005 auch Coral erwarben und beide fusionierten. Noch immer gehört die Firma mehrheitlich den Private-Equity-Gesellschaften Candover Investments, Cinven und Permira. Derzeit wird aber ein Verkauf an den Konkurrenten Ladbrokes geprüft, der – anders als Gala Coral – auch in Deutschland aktiv ist. Allerdings dürfen sie hier keine Wetten auf Pferde- oder Hunderennen anbieten. Gala Coral sitzt in Nottingham und beschäftigt rund 15 000 Mitarbeiter.

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