Ausgabe 01/2016 - Was Menschen bewegt

Wasteland

• Ich halte das Internet nicht mehr aus und wie die Menschen sich darin präsentieren und was das mit mir macht. Dabei bin ich damit sozialisiert worden. Ich habe mich mit 13 zum ersten Mal in einem sozialen Netzwerk angemeldet. Ich habe mitbekommen, wie vor Jahren die ersten Menschen in Sinnkrisen gerieten und versuchten, eine Zeit lang ohne das Internet zu leben, und dann Bücher darüber schrieben. Ich habe die ersten Netzkonferenzen verfolgt und über Menschen gelacht, die das Internet nicht verstehen oder es zum größten Übel unserer Zeit erklären. Aber jetzt habe ich es selbst über.

Neulich war wieder so ein Tag, an dem mir der große Luxus zuteil wurde, am Schreibtisch zu sitzen, ohne etwas schreiben oder erledigen zu müssen. Ich dachte: Schön, endlich Zeit, mal all diese Texte im Internet zu lesen, die ich immer schon lesen wollte, um auf neue Ideen zu kommen. Innerhalb von Minuten hatte ich fast 30 Tabs offen mit Geschichten, die mich interessierten, nebenbei liefen auf Twitter dauernd neue Links rein. Und dann waren plötzlich drei Stunden vergangen, ohne dass ich auch nur einen einzigen Text gelesen hatte.

So ist das an solchen Tagen: Ich lese keinen einzigen Text zu Ende, der länger ist als zwei Absätze. Ich überfliege alles nur, meine Augen sind eigentlich gar nicht mehr imstande, sich langsam über einen Text zu bewegen. Mein Hirn ist auf Speed, und wenn es ein Gesicht wäre, wäre es ein Junkiegesicht, das vor lauter Druffheit mit den Zähnen knirscht. Nach 45 Minuten irrem Tabs-fürs-Späterlesen-Öffnen bin ich nur noch für Dinge aufnahmefähig, die meine Sensationsgeilheit anheizen. Ich bin im Buzzmodus. Das fühlt sich an, wie an einem riesigen Büfett zu stehen und immer weiterzufressen, egal ob einem schon ganz schlecht ist oder nicht, Hauptsache, es kommt was rein.

Ich lese Gehirnmüll-Tweets wie: „Vertipper des Tages: Ich habe keine Unterhoden mehr.“ Ich scrolle über die Tweets eines Kollegen aus New York, der alle fünf Minuten einen Link twittert, der zu einem Text führt, den er vorgibt, gelesen zu haben, den er aber unmöglich gelesen haben kann, bei dem zeitlichen Abstand, in dem er Texte empfiehlt, Internetwitze reißt und mit anderen Twitterern diskutiert.

Ich denke an seine Freundin und frage mich, was das für ein Leben sein muss, neben so jemandem, der alle paar Minuten twittert, wichtigtut und immer nur auf sein Handy guckt. Ach, gleich mal sehen, was die so twittert. Und die andere auch noch, diese eine Feministin mit den Tattoos und dem Baby von dem Mann, der bei Twitter arbeitet, und dem Ex-Mann, der … Das ist auch so was: Ich weiß viel zu viel banales Zeug aus dem Leben von Menschen, die ich aus dem Internet kenne. Ich weiß, wo sie wohnen, wie ihre Bettwäsche aussieht, ich kenne die Kunst an ihren Wänden, ihre Haustiere, ihren Heimatort, ihre Familien, die Liste ist endlos.

Das Internet macht die Menschen zu hemmungslosen Plappermäulern. Schönfärbern, Zynikern, Spöttern. Nichts begegnet einem mehr neutral. Alles ist begleitet von einem großen Wertungs- und Metatalk-Blabla. Die beiden größten Trends im Umgang miteinander scheinen derzeit das Anbiedern zu sein (Exemplar-Tweet: „Der wunderbare Kollege xy hat ein fabelhaftes Stück über xy geschrieben, große Kollegen-Liebe <3 #hach!“) oder das Spotten (Exemplar-Tweet: „@xy sollte lieber keine Texte mehr über Mode veröffentlichen, und um ganz sicherzugehen, auch keine über Restaurants.“).

Als Leser wird man so oder so zu hohlem Voyeurismus erzogen, stopft den ganzen Gehirnmüll der Leute wie Fastfood in sich hinein und hat nach einer halben Stunde Blabla schon dermaßen das Hirn voll, dass für echte Lektüre und müßiges Nachdenken über ein Thema keine Kraft mehr da ist. Und wenn man den ganzen Lärm des Internets ausschaltet, dann zieht es einem den Boden unter den Füßen weg: Stille verlernt.

Ich bin im Buzzmodus.

Gegen Ende dieses Tages gebe ich bei Google die Suchbegriffe „Ich komme mit der Welt nicht mehr klar“, „Das Internet vermüllt mein Gehirn – was hilft?“, „Macht das Internet uns dumm?“ ein. Und weil man im Internet ja immer findet, was man sucht, gibt es natürlich viele Menschen, denen es geht wie mir. Viele sind so alt wie ich oder sogar jünger. Und natürlich stößt man auf die Sarrazins der Digitaldebatte, jene Weltuntergangs-Propheten wie den Psychiater Manfred Spitzer oder den Informatikprofessor Alexander Markowetz. Sie schreiben Bücher mit Titeln wie: „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ oder „Cyberkrank! –Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ oder „Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist“.

Man findet aber auch unzählige Widerreden. Der Autor Peter Praschl etwa schreibt über Spitzers oder Markowetz’ Literatur: „In diesen Büchern steht alles Mögliche und doch nur eines: Internet ist gefährlich. Ganz ähnlich wurde um 1800 vor der Lesesucht gewarnt und im 19. Jahrhundert vor Ohnmachten bei Eisenbahnreisen, deren Tempo (damals durchschnittlich 25 Stundenkilometer) der menschliche Körper nicht vertrage. So läuft das allermeiste von dem, was in den Apokalypse-Texten über das Internet steht, auf eine Binse hinaus: Menschen, die 24 / 7 vor Facebook sitzen, ständig an ihrem Handy herumfummeln oder sich jede Nacht bei Ballerspielen verausgaben, brauchen dringend Abwechslung und vielleicht auch Hilfe. Doch dasselbe ließe sich auch über Menschen sagen, die rund um die Uhr das Internet verdammen müssen. So, wie sie sich anhören, könnte man auf die Idee verfallen, ihnen fixe Ideen, missionarischen Drang und Überängstlichkeit zu attestieren. Geisteszustände also, die nicht wirklich gesund sein können.“

Der Autor Werner Bartens kritisiert das Buch von Spitzer als „ärgerlich und schludrig“. Es werde über ein Ja oder Nein diskutiert, wo man doch nur noch über ein Wie reden könne.

Bäh sagen hilft nicht weiter.

Haben sie schon recht. Klüger macht mich das alles trotzdem nicht. „Bäh“ sagen hilft irgendwie nie weiter, egal aus welcher Perspektive, und den alten Eisenbahnvergleich kann ich auch nicht mehr hören, vor allem glaube ich nicht, dass er stimmt. Und mit Studien zur Auswirkung des Internets auf unsere Gehirne und sozialen Kompetenzen habe ich leider auch so meine Probleme. Da steht dann mal dies, mal jenes, meistens misstraue ich auch noch der Datenerhebung, und am Ende glaube ich nur das, was ich an mir selbst beobachte: Gefallsucht, Ungeduld, Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit, körperliche Entzugserscheinungen bei fehlendem WLAN.

Konkrete Tipps gegen das Chaos des Internets sind da hilfreicher: Mails nur noch zu festen Zeiten checken; Handy nie mit ins Bett nehmen; Apps, die süchtig machen, vom Smartphone löschen; Push-Benachrichtigungen deaktivieren, Armbanduhr und Wecker kaufen, um durch Uhrzeit-Check nicht wieder ins ewige Scrollen zu driften.

Ich kenne nur leider kaum jemanden, der die Selbstdisziplin für diese Strategien aufbringt. Sie kommen mir ein bisschen vor, wie einem Junkie zu empfehlen, es mit dem Heroin halt einfach nicht so zu übertreiben. Außerdem scheint es mir bedenklich, dass man sich zur gesunden Nutzung digitaler Angebote grundsätzlich dazu anhalten muss, sie eben genau NICHT so zu nutzen, wie sie gedacht sind. Das Smartphone also durch Radikaleinschränkung seiner Funktionen wieder zum Nokia 3310 zu machen. Alles im Netz ist schließlich darauf ausgelegt, einen noch süchtiger zu machen, noch flüchtiger, noch oberflächlicher und vor allem: noch undankbarer, weil es ja von allem genug gibt, und das auch noch größtenteils umsonst.

Selbst auf Websites sogenannter Qualitätszeitungen wird man plump angebuzzt. Auf der Startseite einer solchen gibt es eine Art von bei Facebook kopiertes „Home“-Häuschen, über dem bei jeder neuen Nachricht eine rote Blase mit einer Zahl darüber aufpoppt – sodass man wieder klickt und wieder klickt und wieder klickt, weil man der naiven Illusion anheimfällt, da warte eine dringende persönliche Nachricht.

Ich finde beim Googeln auch einen Text des Autors Dennis Sand, der wie ich noch unter 30 ist und behauptet, das Internet nicht mehr zu verstehen. Er nimmt sich Sami Slimani vor, der in seinen Youtube-Videos, die von Millionen Jugendlichen geguckt werden, immerzu zeigt, was er sich gerade gekauft hat und wie glücklich er darüber ist, dass seine Fans ihm ermöglichen, seinen Traum zu leben. Sand versteht nicht, was das für ein Traum ist, den Slimani da zu leben vorgibt. „Vielleicht“, vermutet Sand, „ist sein Traum ja, dass er geliebt wird.“ Denn das Wort Liebe, das fällt immer wieder. Slimani liebt seine Fans dafür, dass sie ihn dafür lieben, dass sie von ihm geliebt werden. Sand schreibt: „Slimani hat einen sich selbst nährenden Wohlfühlkreislauf erschaffen.“

Nie mehr ungeliebt.

Ich glaube, das ist es: Das Internet hat, im Gegensatz zur Eisenbahn, zum Buchdruck oder zum Fernsehen, eine soziale Ebene. Es triggert soziale Interaktivität, es stiftet die Inszenierungslust im Menschen an. Es etabliert einen völlig irreführenden, fatalen Begriff von Liebe und Anerkennung. Geliebt wird, wer am meisten Likes und Herzchen kriegt, wer am meisten Aufmerksamkeit bekommt.

Ständig muss etwas passieren, damit wir merken, dass wir da sind und etwas bedeuten: neue Tweets, neue Nachrichten, neue Mails, neue Bilder, hier klicken, hier klicken, hier klicken. Das Internet vermittelt die Illusion, wir müssten nie mehr allein sein, nie mehr ungeliebt, nie mehr ausgeschlossen. Da draußen wartet immer ein Publikum.

Soziale Netzwerke und Instant Messenger gaukeln uns die Möglichkeit der Telepathie vor. Bis wir glauben, etwas nur noch zu erleben, wenn wir es teilen. Etwas nur noch zu ertragen, wenn wir es teilen. Hier ein Werbeplakat an der Bushaltestelle; hier ein Buch, bei dem ich an dich denken musste; hier, guck mal, ich am Amazonas; hier Kastanien; hallo, ich langweile mich; Hilfe, ich bin traurig, tröste mich; Hilfe, so sag doch jemand was zu mir, so sei doch jemand in Gedanken bei mir!

Wir halten es nicht mehr aus, etwas für uns zu behalten oder etwas allein auszuhalten. Stille wird uns fremd. Stille hieße heute Bedeutungslosigkeit, und Bedeutungslosigkeit ist der Albtraum des modernen Individuums.

Das beweisen auch Dienste wie Periscope oder YouNow. Letzterer ist eine Plattform, auf der Jugendliche das Rumhängen in ihren Kinderzimmern streamen. Live. Dennis Sand schreibt über die Jugendlichen auf YouNow: „Sie sitzen einfach nur vor ihrem Computer, starren in die Webcam und beantworten die immer gleichen drei Fragen, die ihnen im Chat nebenbei gestellt werden (Wie alt bist du? 13. Wo kommst du her? Sag’ ich nicht. Hast du einen Freund /eine Freundin? Nein). Internet 2015: Das ist kein Neuland. Das ist Wasteland.“

Es ist wirklich Wasteland. Man sitzt da und guckt zu wie bei einem Unfall. Manchmal denke ich, das Internet ist so etwas wie die dunkle Seite der Macht bei „Star Wars“ – es lockt den Menschen in seiner dunkelsten Stunde mit falschen Versprechungen und schnellen Belohnungen, und weil er emotional nicht stark genug ist, fällt er voll darauf rein.

Mitten im Schreiben dieses Textes fahre ich weg. Aufs Land. Ich sitze am Fenster und schaue in einen großen Garten, der an einem Torfteich endet. Seit Tagen liegt die Welt im Nebel, und auch heute schwebt ein Schleier über allem. Nichts passiert in diesem Garten, es geht kein Wind, es gehen keine Personen, es spricht niemand, es ist sehr still, und die Natur tut nichts, als das Wetter Wetter sein und alles seinen Gang gehen zu lassen Was ich sehe, ist das Gegenteil von Wasteland. Ich will für immer sitzen bleiben, denke ich.

Nach einer halben Stunde weiß ich, dass das nicht stimmt. Mir ist langweilig. Ich stehe auf und gehe. ---

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