Ausgabe 01/2016 - Was Wirtschaft treibt

Twitter

@Scheinriese

• Auf den ersten Blick war Twitter im dritten Quartal dieses Jahres ziemlich erfolgreich. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um 58 Prozent auf 569 Millionen Dollar. Doch das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht enttäuschend. Zum einen, weil die Firma zwei Jahre nach ihrem Börsengang, dem zweitgrößten eines Hightech-Unternehmens überhaupt, weiterhin Verluste schreibt: ein Minus von 132 Millionen Dollar. Vor allem aber, weil hinter diesem Verlust keine kurzfristigen Effekte stecken, sondern ein langfristiges Problem: Die Zahl der Menschen, die Twitter nutzen, steigt kaum noch.

Durchschnittlich 320 Millionen aktive Nutzer pro Monat hatte Twitter im dritten Quartal 2015, ein Plus von nur rund einem Prozent gegenüber dem Vorquartal und 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Facebook hat 1,6 Milliarden Nutzer und verzeichnete seit Herbst 2014 einen Zuwachs von 14 Prozent. Als sich das soziale Netzwerk noch in einer ähnlichen Größenordnung wie heute Twitter bewegte, also bei rund 300 Millionen Nutzern, wuchs es sogar mit 20 Prozent und mehr jährlich. Diese Zahlen interessieren Werbekunden mehr als die mediale Wirkung – und so bringt das Anzeigengeschäft, das bei Twitter 90 Prozent der Erlöse ausmacht, nicht genug ein, um die Kosten zu decken.

Branchenkenner vermuten, Twitter habe sein Potenzial ausgeschöpft. Und der Dienst vernetzt seine Nutzer nicht. Er ermöglicht ihnen nur, Nachrichten zu versenden oder zu empfangen, ein im Vergleich zu Facebook oder Whatsapp reduzierter Service. Um die Anzeigenkunden bei der Stange zu halten, lockt der Dienst zwar mit innovativen Offerten, Werbeformaten, die in den Tweet-Fluss der Nutzer eingebettet sind. Dazu gehörten zum Beispiel jüngst Videos, die nicht angeklickt werden müssen, sondern automatisch ablaufen. Und doch gelingt die Monetarisierung nicht so recht: 513 Millionen Dollar nahmen die Kalifornier mit Werbung bei ihren 320 Millionen Nutzern ein. Facebook hat fünfmal so viele Nutzer – kam aber auf achtmal so hohe Anzeigenerlöse, 4,3 Milliarden Dollar.

Twitters zweites Geschäft, das Data Licensing, Lizenzeinnahmen etwa aus Software für die App-Entwicklung oder aus der Analyse des weltweiten Tweet-Stroms zu Marketing-Zwecken, wächst zwar, ist aber mit einem Umsatz von 56 Millionen Dollar im vergangenen Quartal zu klein, um fehlende Werbeeinnahmen auszugleichen. Dass die Firma trotzdem eine gesunde Bilanz hat – die Eigenkapitalquote (Total Stockholder’s Equity im Verhältnis zur Bilanzsumme) beträgt 68 Prozent – ist zwei Dingen zu verdanken: dem erfolgreichen Börsengang, der gut zwei Milliarden Dollar einbrachte – und kontinuierlichen Kapitalerhöhungen.

Twitter hat sie sich von seinen Aktionären vorab genehmigen lassen und kann nun neue Aktien ausgeben, wann immer es opportun erscheint. Eine clevere Idee: Denn um zu wachsen, kauft das Unternehmen gern andere Firmen, etwa im Mai dieses Jahres das kalifornische Softwarehaus TellApart. Um zu bezahlen, musste Twitter keinen Kredit aufnehmen. Der Gesamtpreis betrug rund 480 Millionen Dollar. Nur 22,6 Millionen davon beglich die Firma in bar, den Rest mit 12,2 Millionen Stück eigens zu diesem Zweck emittierten Aktien. Die neuen Papiere tauchen im Eigenkapital unter der Position „Additional paid-in capital“ auf, das in diesem Jahr um gut 20 Prozent anstieg. Wie lange die Strategie noch funktioniert, ist indes unklar. Angesichts der fortgesetzten Verluste befindet sich Twitter an der Börse seit Monaten auf Talfahrt. Wenn sich die Entwicklung fortsetzt, sind die Aktien als Währung bald nicht mehr viel wert. ---

Twitter wurde 2006 in San Francisco gegründet und ist der Erfinder der Tweets, digitaler Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen. Mehr als 300 Millionen Nutzer verschicken Botschaften und folgen anderen Nutzern, Medien ebenso wie Prominenten, die mit ihren Tweets Marketing machen. Manche kommen auf Fan-Gemeinden in zweistelliger Millionenhöhe, sodass ihre Botschaften eine enorme Wirkung entfalten können. Twitter ging 2013 an die Börse, wird derzeit mit rund 17 Milliarden Dollar bewertet und beschäftigt weltweit 4000 Mitarbeiter.

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