Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Studieren ohne Abitur

„Einfach machen“

• Sieben Reihen mit Tischen, zwanzig Männer und zwei Frauen. Der Dozent erzählt von baulichem Brandschutz und davon, dass sie dem Rat der Feuerwehr auf keinen Fall trauen sollten. „Macht euch keine Illusionen“, sagt er. „Das bleibt alles an euch hängen.“ In Reihe fünf sitzt Volker Eink, dunkelblonde Haare, Bartstoppeln und Kapuzenpulli, er nickt und tippt in seinen Laptop.

Er hat kein Abitur und will trotzdem Bauingenieur werden. Das geht. Theoretisch zumindest: mit Ausbildung und Berufserfahrung. Die Hochschulen haben ihre Türen weit aufgesperrt, wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Die Politik verlangt es von ihnen, hat in den vergangenen Jahren überall in Deutschland die Landeshochschulgesetze geändert. „Alternative Wege zum Studium“ heißt das im amtlichen Bildungsdeutsch. Noch sind die Wege steinig: Gerade einmal 2,6 Prozent aller Studienanfänger kamen 2013 als sogenannte beruflich Qualifizierte. Und doch stecke hinter der vermeintlich kleinen Zahl eine erstaunliche Dynamik, sagt Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE): „Gegenüber den Neunzigerjahren hat sich ihr Anteil verfünffacht.“ Für viele ist es ein Neuanfang, eine Befreiung. Für fast alle zunächst ein Kampf.

Ahaus, eine Kleinstadt im Münsterland, ein paar Kilometer vor der niederländischen Grenze. Hier wächst Volker Eink auf. Sein Vater ist Elektromeister, die Mutter Vermessungstechnikerin. Sie leben in einem Einfamilienhaus im Grünen, der Samstagabend gehört dem Kegelverein, und wenn man einen draufmachen will, fährt man rüber in die große Stadt. Gemeint ist Münster. Eink macht den Realschulabschluss. Seine Freundin trifft er in der katholischen Jugendgruppe, da ist er 17, sie reden über die Zukunft: Er will Schornsteinfeger werden, sie Arzthelferin. Beide wohnen weiter bei ihren Eltern.

Nach drei Jahren kommt die Gesellenprüfung, Eink engagiert sich nebenher in der Schornsteinfegergewerkschaft und fängt an zu planen: Wenn er gleich den Meister draufsetzt, dazu eine Fortbildung zum Energieberater macht und ein paar Jahre wartet, kann er sich auf einen Kehrbezirk bewerben. Drei Jahre später hat er es geschafft, am 27. Mai 2010 legt er vor der Handwerkskammer Münster die Meisterprüfung ab. „Ich wusste, jetzt habe ich alle Weichen gestellt“, erinnert er sich. „Die Zeit der Ausbildung ist vorbei, der Rest ergibt sich von selbst.“ Zusammenziehen, Einfamilienhaus, Kinder.

So weit ein typischer Weg für einen, der kein Abitur hat und etwas erreichen will im Leben. Ein Studium kommt zu diesem Zeitpunkt in seinen Überlegungen nicht vor, und das sei auch nicht verwunderlich, sagt der Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter von der Berliner Humboldt-Universität: „Das Gymnasium verfügte gegenüber beruflichen Bildungsinstitutionen immer schon über eine Art kultureller Hegemonie – mit der Folge, dass beruflich Gebildete vom Hochschulzugang ausgegrenzt wurden.“

Es sind getrennte Welten, „ganz unterschiedliche kognitive Wissenstypen, so hat man das immer begründet“, sagt Wolter. Daran änderte auch der 2009 gefällte Beschluss der Politik, die Hürden zu senken, zunächst wenig. Die meisten Nichtakademiker wissen nichts von den neuen Möglichkeiten. Oder trauen sich den Sprung in die andere Welt nicht zu, was oft auch mit ihrer Herkunft zu tun hat: In Deutschland haben junge Menschen, deren Eltern studiert haben, eine siebenmal so hohe Wahrscheinlichkeit, ebenfalls ein Studium aufzunehmen, wie Kinder von Nichtakademikern.

Ein Studienplatz! Die Eltern waren geschockt

Für Volker Eink beginnt der Weg an die Hochschule mit Zufällen. Zuerst die Sache mit dem Zivildienst: Er dachte, er komme darum herum, nachdem er sich für die Meisterprüfung hatte zurückstellen lassen und alle davon redeten, dass die Wehrpflicht abgeschafft werde. Doch plötzlich ist er da, der Einberufungsbefehl, und er muss sich bei einer Werkstatt für behinderte Menschen melden. Jeden Morgen bringt er nun seine Schützlinge mit dem Pritschenwagen ins Industriegebiet, schneidet Hecken, jätet Unkraut. Dann, bei einer Gewerkschaftskonferenz, erzählt ihm ein Kollege in der Pause, dass er studieren wolle. Er sagt das so nebenbei, zwischen zwei Zigaretten. Doch Eink gehen die Worte nicht mehr aus dem Kopf. „Kann ich das auch?“, fragt er sich. Und beginnt auf der Website der Fachhochschule Münster zu recherchieren.

Gunther Dahm und Caroline Kamm, zwei Mitarbeiter von Andrä Wolter, haben in Interviews mit Studenten ohne Abitur die wesentlichen Motive für den Wechsel in die Hochschulwelt ermittelt: Flucht aus dem gegenwärtigen Beruf, der Wunsch nach Aufstieg, die Hoffnung auf eine finanzielle Verbesserung und das Interesse an den Studieninhalten. Eink hätte damals nicht sagen können, was ihn trieb. Das sei keine bewusste Entscheidung für etwas Neues gewesen, sagt er. „Ich habe nur gemerkt, dass mir etwas fehlt.“ Seine Freunde sagen, er sei schon immer ehrgeizig gewesen. Okay, denkt er sich, bewirb dich einfach auf einen Studienplatz und schau, was passiert. Seiner Freundin sagt er nichts.

Dass er sich an einer Fachhochschule bewirbt, passt ins Bild. 57 Prozent aller Erstsemester ohne Abitur zieht es dorthin – ein viel höherer Wert als bei den traditionellen Studenten, von denen wiederum genau 57 Prozent die Universität wählen. Fachhochschulen tun sich leichter mit sogenannten Bildungsaufsteigern, vor allem in den Ingenieurstudiengängen. „Die Universitäten haben wenig Interesse an neuen Zielgruppen“, sagt Sigrun Nickel. Man könnte auch sagen: Die Professoren dort bevorzugen Studenten, die so ähnlich sind wie sie selbst. „An den Fachhochschulen dagegen lehren Dozenten, die in der Regel schon mal außerhalb der Hochschule gearbeitet haben und die Leute inhaltlich abholen können.“

Ein paar Wochen später bekommt Eink eine E-Mail von der Fachhochschule Münster. „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Studienplatz“, steht da. Er liest die E-Mail und weiß plötzlich, was er vermisst hat: „Ich wollte nicht schon wissen, was ich die nächsten 40, 50 Jahre mache. Ich wollte nicht, dass alles schon vorgezeichnet ist.“ Zeit für ein paar Geständnisse. „Meine Freundin war geschockt. Meine Eltern waren geschockt. Mein Chef war geschockt.“ Und er selbst irgendwie auch. „Ich habe mir gedacht: Ich muss das jetzt versuchen. Wenn ich scheitere, dann habe ich es wenigstens probiert.“

Wie viele der Studienanfänger bis zum Abschluss durchhalten und wer wann auf der Strecke bleibt, wissen die Forscher nicht. „Wir haben dazu keine verlässlichen deutschlandweiten Daten“, sagt Sigrun Nickel. Was man weiß: Die Abbrecherquoten bei den Ingenieuren sind berüchtigt hoch. Im Laufe der Semester schmeißen je nach Fachrichtung fast 50 Prozent der Studenten ihr Studium. Bei den beruflich Qualifizierten wahrscheinlich noch mehr. Der Wissenschaftsrat, der Bund und Länder in der Wissenschaftspolitik berät, forderte 2014 deshalb mehr Betreuungsangebote für Studienanfänger ohne Abitur, Brückenkurse etwa oder Mentorenprogramme. „Studierende ohne Abitur müssen einen riesigen Lernrückstand aufholen“, sagte der damalige Wissenschaftsratsvorsitzende Wolfgang Marquardt. Es sei „extrem schwierig, sie an die Universitäten zu führen. Die Lücke ist meist zu groß, und es gibt keine Angebote, sie zu schließen.“

Durchfallen gehört zum Spiel

Volker Eink will damals zum Studienstart nach Münster ziehen. Seine Freundin will, dass er bleibt. Und geht schließlich mit in die Stadt. „Das war nicht gut“, sagt er heute. Nach ein paar Monaten zieht sie aus, fünf Tage vor der Prüfung Mathe I, und er fällt durch. Es ist der Moment, in dem alles auf dem Spiel steht. Klar, er kann zurück zu seinen Eltern ziehen und bei seinem früheren Chef nach einem Job fragen. Doch er weiß: Wenn er wirklich neu anfangen möchte, dann muss er da jetzt durch. Er lernt und lernt. Er frisst die Formeln in sich hinein, er kritzelt Zahlenkolonne unter Zahlenkolonne, immer wieder, bis die Lösungen stimmen. Und besteht die Prüfung.

Im dritten Semester kann er sogar mal feiern, so wie die anderen Studenten. Da sind ein Drittel seiner Kommilitonen schon nicht mehr dabei, rausgeprüft. Eink dreht auf. Er bekommt ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Und obwohl er sich nebenher noch bei der Gewerkschaft engagiert, schließt er das Bachelorstudium in sechs Semestern ab, Regelstudienzeit. Das schafft kaum einer. Das alte Leben in Ahaus ist weit weg, aber jetzt will er weiter. Wieder so ein Spiel. Er bewirbt sich für den Master in Münster und in Berlin, an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). „Die wollen da extrem gute Noten, ich dachte, das klappt sowieso nicht.“ Bis der Bescheid da ist. Da ist er seit einer Woche mit seiner neuen Freundin zusammen. Die sagt nur: „Ist doch toll! Wir sind in einem Alter, in dem man solche Sachen machen muss.“ Sie geht nicht mit. Aber sie bleiben zusammen.

Künftige Studenten ohne Abitur müssen auf ihrem Weg an die Hochschule viele Hindernisse überwinden. Von den mehr als 500 000 Studienanfängern haben 13 200 keine Hochschulreife, nicht viel – aber eben doch fünfmal mehr als vor 20 Jahren. „Die Studienanfänger verändern sich und mit ihnen die Hochschulen“, sagt Sigrun Nickel vom CHE.

Volker Eink studiert jetzt seit einem Jahr an der HTW. Abends trifft er sich mit seinen neuen Kumpels und diskutiert mit ihnen über Gründerideen. Nächstes Semester schreibt er seine Masterarbeit, dann ist er 28. Früher, vor der Studienreform, die Bachelor, Master und die Öffnung der Hochschulen brachte, war 28 das durchschnittliche Absolventenalter. „Zufälle haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin“, sagt er. Sein Anteil: Mut. Und: „Einfach machen. Nicht zu lange nachdenken.“

Genau das ist Einks Bild von Freiheit: Dinge tun, ohne vorher zu wissen, was am Ende daraus wird. Ja, er fühlt sich jetzt freier. Er sagt aber auch: „In mir steckt immer noch der Bauer aus der kleinen Stadt.“ Den es vielleicht irgendwann zurückzieht. Doch selbst wenn es so kommt: Er wird nicht mehr der Alte sein.

Eink hat wieder einen Plan. Er will sich selbstständig machen. Ein Ingenieurbüro eröffnen. Bauberatung. Energieberatung. Solche Sachen. Die Idee für eine eigene App hat er auch. Mehr möchte er dazu nicht sagen. „Dafür“, sagt er, „ist die Idee einfach zu gut.“ ---

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