Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Sebastian Guggolz

Endspiel

• Welche Redewendung geht auf eine Textzeile aus einer Wagner-Oper zurück?

A ) Du bist ja ein seltener Vogel

B ) Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen

C ) Mein lieber Schwan

„Ist das eine schöne Frage?“, will Johannes B. Kerner wissen. „Ja“, sagt Sebastian Guggolz, zögert aber mit der Antwort. Sein Blick schnellt durch das Studio, als vermute er irgendwo eine Falle. Es ist Mittwoch, der 9. September 2015. Im Fernsehstudio H in Berlin-Adlershof wird die ZDF-Sendung „Der Quiz-Champion“ für Samstag aufgezeichnet. Kerner ist der Moderator, Guggolz einer der Kandidaten, die sich in fünf Wissensgebieten mit je einem Prominenten messen müssen. Es läuft gut für ihn. Mit der richtigen Antwort auf die Wagner-Frage würde er das Musik-Duell gegen den Popsänger Sasha für sich entscheiden. Die 250 000 Euro Preisgeld wären greifbar nah.

Guggolz spekuliert seit Jahren darauf, einmal bei einem solchen Quiz zu gewinnen. In seiner Lebensplanung war es stets eine Art letzter Joker. Wenn die Geldsorgen allzu groß würden, so sein Kalkül, bliebe ihm immer noch die Teilnahme an einer der Shows, um die er sich dann nur verstärkt bemühen müsste.

Der 33-Jährige hat Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften studiert. Er war angestellter Lektor, bis er Ende 2013 seinen eigenen Verlag gründete. Der Guggolz Verlag besteht nur aus ihm und hat seinen Sitz in einem Ladenlokal in Berlin-Schöneberg: ein Bücherregal, Schreibtische, eine Sitzgruppe direkt vor den großen Schaufenstern. „Arbeit“, sagt Guggolz, „bedeutet für mich, das zu tun, was mir am Herzen liegt.“ Seine Leidenschaft gilt der klassischen Literatur. Neue Übersetzungen der alten Werke zu lektorieren mag er am liebsten. Nicht selten verbringt er damit ganze Nächte und Wochenenden.

Leben konnte er von seinem Beruf nicht einmal, als er angestellt war. Er hielt sich immer mit Nebenjobs über Wasser, Kellnern oder Korrekturlesen für Zeitschriften. Für ihn kein Problem. „1000 Euro netto für die Miete und zum Leben reichen mir.“

Für Guggolz war die Welt in Ordnung, solange sich Existenzkampf und Selbstverwirklichung die Waage hielten. Doch das taten sie irgendwann nicht mehr. Seine Geschichte handelt von einem Befreiungsversuch, der ihn erst recht in die Bredouille brachte. Die Zusage zu Kerners Quiz-Show kam im richtigen Moment. Er brauchte Geld, dringend.

Der Konflikt

Der Wendepunkt war der Herbst 2012. Er arbeitete damals bei Matthes & Seitz. Leiter des 1977 in München gegründeten Verlags ist seit 2004 Andreas Rötzer. Der heute 44-Jährige hatte dort nach seinem Studium als Buchhalter angefangen, und als der auf französische Literatur und Philosophie spezialisierte Verlag finanziell am Boden lag, übernahm er dessen Namen, Lager und Lizenzen und wagte in Berlin einen Neuanfang. In seinem Programm finden sich heute philosophische Titel sowie Wiederentdeckungen französischer Literatur, zudem Debütromane deutscher Autoren, aber auch große Editionen wie die Gulag-Erzählungen des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow oder die Erinnerungen des Insektenforschers Jean-Henri Fabre – eine Mischung aus Literatur und Wissenschaft, kunstvoll illustriert. Rötzer nahm ins Programm, was eine neue Sicht auf die Welt versprach, und avancierte Matthes & Seitz zum Liebling des Feuilletons. „Der Verlag“, schwärmte etwa die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, „ist das, was man im besten Sinne als Hort intellektueller und ästhetischer Hochkultur bezeichnen kann.“

Sebastian Guggolz kam 2006 zu Matthes & Seitz. Er hatte Andreas Rötzer bei einem Abendessen einer gemeinsamen Freundin kennengelernt. Die beiden Literaturliebhaber verstanden sich auf Anhieb. Guggolz schrieb damals an seiner Dissertation. Ohnehin nicht auf eine Laufbahn im Hochschulbetrieb erpicht, brach er die Arbeit ab und begann ein unbezahltes Praktikum in Rötzers Verlag. Drei Monate später schloss er ein Volontariat an und wurde nach weiteren zwei Jahren fest angestellter Lektor.

Guggolz freundete sich mit Autoren an und tauschte sich mit Übersetzern aus, er las und redigierte, begutachtete Manuskripte und diskutierte fast täglich mit Rötzer. Eine fantastische Zeit. Er identifizierte sich mit dem Verlag, in dem zwar jeder der vier Mitarbeiter seinen Aufgabenbereich hatte, aber trotzdem alle alles machten. So hatte Guggolz, der Lektor, auch mit dem Vertrieb, dem Marketing und der Pressearbeit zu tun. Rückblickend sagt er: „Das hat sich angefühlt wie Familie.“

Man muss sich sein Selbstverständnis vor Augen führen, um zu verstehen, warum es zum Bruch mit Rötzer kam. „Ich bin wenig kompromissbereit, was meine Arbeit angeht“, sagt er, „denn dafür ist die mir viel zu wichtig. Ich will Bücher lektorieren, die mich selbst begeistern.“

Eine Haltung, die typisch ist für die Szene der unabhängigen Literaturverlage. Knapp 100 gibt es in Deutschland. Thomas Geiger kennt sie alle. Er ist Kurator am Literarischen Colloquium Berlin und lädt jährlich ausgewählte Independent-Verlage an den Wannsee ein. „Das sind Überzeugungstäter“, sagt er, „Macher, die an die gesellschaftliche Relevanz von Literatur glauben.“

Wirtschaftlichkeit sei für sie Nebensache. Sie besetzen bevorzugt jene Nischen, die von großen Publikumsverlagen vernachlässigt werden – Lyrik, Essays oder auch das Werk vergessener Autoren. Typisch sei zudem, dass sie großen Wert auf die Ästhetik des Buches legten, weder am Einband noch an der Gestaltung sparten. Wie sich das rechnen soll, ist Geiger ein Rätsel. „Da ist viel Selbstausbeutung im Spiel. Ich will nicht wissen, was die nebenbei noch alles tun, um sich das Büchermachen leisten zu können.“

Ausgebeutet fühlte sich Guggolz trotz schlechter Bezahlung nie. Aber er hatte ab Herbst 2012 weniger Freiraum. Rötzer plante, einen zweiten Lektor einzustellen, die Arbeitsbereiche klarer zu trennen und insgesamt mehr Zug in den Betrieb zu bringen. „Es war Zeit für den nächsten Entwicklungsschritt“, sagt er. Klein zu bleiben sei nie sein Ziel gewesen. Er strebe nach Relevanz. Guggolz fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Er hatte sich nie als einfacher Angestellter verstanden, aber als solcher kam er sich vor, als auf seinem Schreibtisch immer häufiger Bücher landeten, gegen deren Aufnahme ins Programm er sich doch ausgesprochen hatte. „Es war offensichtlich, dass meine Meinung für Andreas nicht mehr so viel zählte.“

Für Guggolz änderte das alles. „Auf Geld und Freizeit habe ich gerne verzichtet. Aber dass ich keinen Einfluss mehr auf wichtige Entscheidungen hatte, damit konnte ich nicht leben.“ Es kam nun öfter zu Auseinandersetzungen. Im Frühjahr 2013 hatte sich das Verhältnis zwischen Verleger und Lektor schließlich so verschlechtert, dass sie sich eines Tages gegenseitig gestanden, kein Vertrauen mehr zueinander zu haben. Danach räumte Guggolz binnen einer Woche seinen Schreibtisch.

Die Selbstständigkeit

Die Trennung habe ihn in eine Krise gestürzt, sagt er. Das erhabene Gefühl, das verbindende Element zwischen Verleger, Autor und Übersetzer in einem der angesehensten Berliner Verlage zu sein, war dahin – futsch. Es gab für ihn nur einen Weg, es zurückzugewinnen: durch die Gründung eines eigenen Verlags. Genau daran machte sich Guggolz ab Sommer 2013. Er suchte nach einer Nische und fand sie in der klassischen Literatur Skandinaviens und Osteuropas. Ihm schwebten Bücher vor, die dem Leser eine andere Zeit und eine andere Kultur näherbringen – die aber auch für das Hier und Jetzt Bedeutung haben.

Der Vorteil bei diesem Geschäft: Es fallen keine Autorenhonorare an, sondern maximal 1000 Euro für den Erwerb der Rechte. Und da die Übersetzung literarischer Werke in alle Regel gefördert wird, muss Guggolz nur 20 bis 50 Prozent der Kosten selbst tragen; den Rest übernimmt das nationale Kulturinstitut oder ein Ministerium des Landes, aus dem der Autor stammt.

Er rechnete sich aus, dass 1500 verkaufte Exemplare pro Buch reichen würden, um die Kosten für Übersetzung, Gestaltung, Druck, Vertrieb, Büro und Messepräsentation einzuspielen. Um aber überhaupt loslegen zu können, brauchte er 50 000 Euro Startkapital. Bei 13 von 15 Banken, die er anschrieb, bekam er nicht mal einen Termin, bei den anderen endeten die Gespräche nach wenigen Minuten. Ein neuer Buchverlag im Zeitalter fortschreitender Digitalisierung? „Die haben mich regelrecht ausgelacht“, erinnert sich Guggolz. Schließlich wurde er doch noch fündig: 30 000 Euro steuerte die Hausbank seines Vaters in Oberschwaben bei. 20 000 Euro lieh er sich von Verwandten.

Das erste Buch, das er übersetzen ließ, war der 1919 entstandene Roman „Frommes Elend“ von Frans Eemil Sillanpää, einem Finnen, den in Deutschland kaum jemand kennt, obwohl er 1939 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Guggolz ließ sich Papierproben liefern, beauftragte einen Grafiker mit der Gestaltung des Einbandes und orderte 2000 Exemplare. Er erinnert sich noch genau, wie Wochen später die Kartons aus der Druckerei eintrafen und er kurz darauf das erste Buch in der Hand hielt, das dank ihm ein neues Publikum würde finden können und auf dessen schönem Leineneinband in elegantem Schriftzug „Guggolz“ stand. „Was für ein Glücksmoment!“

Bis heute hat sich das Buch 1700-mal verkauft. „Dass es so gut losgehen würde, hatte ich nicht erwartet“, sagt Guggolz. Berlin ist als Standort für eine Verlagsgründung ideal, denn dort gibt es zahlreiche Kiezbuchhandlungen, die sich für die Independents aus der Stadt besonders engagieren. Entscheidender aber war die glückliche Fügung, dass Finnland als Gastland für die Frankfurter Buchmesse 2014 auserkoren wurde – und er plötzlich der Verleger war, der den einzigen finnischen Literatur-Nobelpreisträger im Programm hat. In der Berichterstattung ließ ihn kaum ein Feuilletonist unerwähnt.

Trotzdem wurde es finanziell bald eng. Dass er weiterhin für seinen Lebensunterhalt jobben musste, war nicht das Problem. Vielmehr war im Sommer 2015 sein Startkapital fast aufgebraucht. Bald würde das Geld nicht mehr reichen, um neue Bücher übersetzen zu lassen. Sechs Werke hatte Guggolz bis dahin verlegt. Im Schnitt verkauften sie sich immerhin rund 1000-mal – was aber eben nicht reicht, um den Verlag zu tragen. Mit jedem neuen Programm schmolzen die Rücklagen. Es musste etwas passieren.

Der Joker

Ein paar Wochen später hing plötzlich alles an dieser Frage: Welche Redewendung geht auf eine Textzeile aus einer Wagner-Oper zurück? Guggolz wählte C (Mein lieber Schwan), während Popsänger Sasha auf A (Du bist ja ein seltener Vogel) tippte.

Seit seinem Ausscheiden bei Matthes & Seitz im Frühjahr 2013 hatte Guggolz mehr denn je auf seinen letzten Joker gesetzt. Neben Literatur und Kunst hat er auch ein Faible für Sport und Musik. Er ahnte, dass er in einer Fernseh-Show, in der es auf Wissen ankommt, gut abschneiden würde. Immer wieder rief er bei den zuständigen Casting-Agenturen an, sprach unzählige Male auf deren Mailbox, obwohl jeder Anruf einen Euro kostete. Irgendwann durfte er nach Köln zum Casting für die Pro-Sieben-Sendung „Schlag den Raab“. 150 Bewerber mussten sich im Wissenstest und Zirkeltraining beweisen, weniger als zehn schafften es auf die Kandidatenliste, darunter Guggolz. In die Show eingeladen wurde er aber nicht. Dafür klappte es Monate später bei „1000 – Wer ist die Nummer 1?“. In der ZDF-Sendung trat er gegen 999 Konkurrenten an, es ging um Fitness, Geschicklichkeit und Intelligenz. Guggolz stellte sich gut an, schied aber unglücklich aus.

Für den „Quiz-Champion“ mit Kerner kann man sich eigentlich gar nicht bewerben. Die Casting-Agentur sucht die Kandidaten selbst, oft sind es Mitglieder von Quiz-Vereinen oder andere ausgewiesene Vielwisser. Guggolz schickte der Agentur trotzdem eine Initiativ-Bewerbung und hatte Erfolg.

„Nicht an das Geld denken, sondern immer locker bleiben“, lautete seine Devise für den 9. September, den Tag der Aufzeichnung, der sich für ihn wie sein persönliches Endspiel anfühlte. Während die anderen Kandidaten in den vielen Stunden vor Beginn der Sendung noch einmal ihr Wissen prüften oder Konzentrationsübungen machten, suchte Guggolz den Kontakt zum Produktionsteam, unterhielt sich, scherzte. Ob das geholfen hat, weiß er nicht. Jedenfalls gewann er die Wissensduelle gegen Tim Mälzer, Katrin Müller-Hohenstein, Michael Herbig, Jürgen von der Lippe und Sasha – und weil das keinem anderen außer ihm gelang, damit auch die 250 000 Euro.

Guggolz konnte mit dem Geld nicht nur seine Privatschulden begleichen, sondern mehrere Übersetzungen in Auftrag geben. Demnächst, sagt er, werde er erstmals eine Frau im Programm haben, die norwegisch-dänische Schriftstellerin Amalie Skram.

Bei Matthes & Seitz hat Andreas Rötzer unterdessen das Geschäft ohne Guggolz weiter vorangetrieben. Inzwischen beschäftigt er acht Mitarbeiter und hat kürzlich das geschafft, worum ihn alle in der Branche beneiden: Verleger des Autors zu sein, der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird. Dank der Auszeichnung ist zu erwarten, dass sich der Roman von Frank Witzel mit dem Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ sehr gut verkaufen wird. Rötzer geht von einer hohen fünfstelligen Auflage aus. „Vor allem aber erhalten wir neue Sichtbarkeit.“

Und Guggolz? Was hat sich für ihn verändert? „Alles“, sagt er. Er jobbe zwar immer noch nebenbei und werde sich auch weiterhin vor großen Investitionen hüten. Doch seit er so viel Geld habe, sei ihm erst bewusst geworden, wie belastend es war, keins zu haben. „Ich kann jetzt wieder ruhig schlafen.“ ---

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