Ausgabe 01/2016 - Das geht

Raw Edges

Schönheit, die von innen kommt

Färben statt anstreichen: die Designer Yael Mer (links) und Shay Alkalay mit einer Musterrolle

• Die Idee entstand 2013 in einem Urlaub in Venedig. Dort sahen die Designer Yael Mer und Shay Alkalay Händlern zu, die die Stiele von Rosen in Tinte tauchten – mit dem Effekt, dass sich kurz darauf die Blüten blau färbten. „Was mit Blumen geht, könnte auch mit Holz klappen“, dachten Mer und Alkalay, die zusammen arbeiten und auch privat ein Paar sind.

„Wir gingen von Folgendem aus: Wenn Wasser durch das Leitgewebe im Holzstamm geleitet und gespeichert werden kann, sollte das auch mit Farbe funktionieren.“ Zu Hause in London legten sie Holzstücke in Farbbottiche und warteten ab – doch eine Verfärbung von innen heraus war nicht zu erkennen. „Also versuchten wir es mit einem Gemisch aus Farbe und warmem Wasser.“ Daraufhin drang die Substanz tatsächlich in einige Bretter ein. „Wir probierten dann nach und nach 20 verschiedene Hölzer aus, bis wir endlich etwas Feinporiges hatten, das die Farbe speichert und zudem gut aussieht“, sagt Mer. Heute färben die beiden in einem Londoner Hinterhof, den sich ihre Firma Raw Edges mit anderen Künstlern und Designern teilt, Pinienblöcke ein. Das Holz schwimmt in mit gefärbtem Wasser gefüllten Metallwannen, die von unten erhitzt werden. Nachdem sich das Holz drei Tage lang vollgesogen hat, wird es bis zu einer Woche in herkömmlichen Öfen bei niedriger Temperatur getrocknet.

Im Hof rührt ein Mitarbeiter gerade eine dunkelrote Beize in einer der Metallwannen an. Unterschiedliche Farben kann er dabei nicht mischen, weil sonst Farbpartikel in den Holzadern stecken blieben und die Farbe das Holz nicht ganz durchdringen könnte. „Keine Ahnung, warum“, sagt Alkalay. „Den Farbton können wir jedenfalls nur verändern, indem wir mehr oder weniger Pulver hinzufügen.“

Das Farbpulver besorgt sich das Design-Duo in Wuppertal bei der Sherwin-Williams Deutschland GmbH. „Diese Farbe wurde Anfang des 20. Jahrhunderts für eine bestimmte Beiztechnik entwickelt“, sagt die Mitarbeiterin Regina Obloh. „Meines Wissens ist Raw Edges der einzige Kunde, der das Holz darin kocht. Ein wunderbare Idee, denn so kann die Beize richtig in das Holz eindringen.“

Nach dem Färben fräsen Mer und Alkalay die Holzblöcke an einer computergesteuerten Werkbank in geometrische Formen. Dadurch, dass das Holz komplett mit Farbe durchzogen ist, entstehen überraschende Muster aus Kreisen, Linien und Farbflächen.

„Endgrain“ (auf Deutsch Hirnholz) haben die beiden Designer ihre Technik genannt. Hirnholz entsteht, wenn man Stämme nicht längs, sondern quer zur Faser zerschneidet. Da es besonders robust ist, wird es für Hackklötze in Metzgereien verwendet, aber auch für Parkettböden. Für Mer und Alkalay hat es zudem den Vorteil, dass das Leitgewebe durchschnitten wird und die Farbe leichter eindringen kann als bei Längsholz. Raw Edges nutzt das gefärbte Hirnholz für bunte Möbel und Böden. Diese sind dadurch viel strapazierfähiger, denn anders als bei lackiertem Holz gibt es keine Farbschicht, die aufplatzen kann. Die Designer reiben die Oberfläche einfach mit etwas Sand ab, so wird sie auch nicht stumpf.

Stefan Friebel, Fachbereichsleiter für Oberflächenforschung am Fraunhofer-Institut für Holzforschung in Braunschweig, kann sich das farblich durchtränkte Hirnholz als Boden etwa in öffentlichen Gebäuden oder auch im Außenbereich gut vorstellen, wo bei Wind und Wetter jeder Lack irgendwann versage.

Einem ersten Härtetest unterworfen wird das Produkt seit März 2015 in der Skulpturengalerie im historischen Chatsworth House zwischen Manchester und Nottingham. Den steinernen Boden der Galerie aus dem 19. Jahrhundert haben die Unternehmer für eine besondere Ausstellung mit einem bunten Holzboden überzogen. Die Bänke, die darauf stehen, wirken, als wüchsen sie wie Bäume aus dem Boden, die Farbflächen erinnern an Blätter. „Wir haben uns vom Park rund um das Museum inspirieren lassen“, sagt Mer. Boden und Bänke sähen auch nach Hunderten Besuchern aus wie neu.

Kürzlich haben die Designer für ihre Färbetechnik den Wood Award gewonnen. „Endgrain zeigt die Möglichkeiten, die entstehen, wenn Holz gefärbt und nicht gestrichen wird“, so die Begründung der Jury. Für den „Design of the Year 2015“-Preis des London Design Museums waren die Erfinder nominiert.

16 000 Pfund kostet eine Bank aus der Endgrain-Kollektion. „Ein paar hat unsere Galerie tatsächlich schon verkauft“, sagt Alkalay und fügt hinzu: „In Zukunft würden wir gern erschwinglichere Möbel produzieren. Solche, die wir uns selbst leisten könnten.“ Die hohen Herstellungskosten hält auch Stefan Friebel für den größten Nachteil des gefärbten Holzes. Dennoch glaubt der Fraunhofer-Experte: „Wenn es aber gelingt, die Produktion wirtschaftlich zu gestalten, könnte es die Farb- und die Möbelindustrie nachhaltig verändern.“ ---

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