Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Leyla Imret

Die Mutige

• „Können Sie mich in zehn Minuten zurückrufen?“ Das sind Leyla Imrets letzte Worte an einem Mittwoch im November. Dann wird sie von der türkischen Polizei festgenommen. Im Hintergrund ist eine Männerstimme zu hören, als die Verbindung abbricht. Es hätte ein Gespräch über Freiheit werden sollen mit der Frau, die bis vor Kurzem Bürgermeisterin der von Kurden bewohnten Stadt Cizre im Südosten der Türkei war. In dem kurzen Telefonat vor ihrer Festnahme spricht sie noch über ihre Pläne. Als wolle sie eine Normalität heraufbeschwören, die es in Cizre schon lange nicht mehr gibt: Sie plane Parks und Kindergärten, außerdem ein Kultur- und Bildungszentrum für Frauen.

„So wie wir es in Deutschland kennen“, sagt Imret. Deutschland kennt sie gut, sie ist hier aufgewachsen. Bis zu ihrem 25. Lebensjahr hat sie bei einer Tante in Osterholz-Scharmbeck in der Nähe von Bremen gewohnt. Dann, vor zweieinhalb Jahren, verändert die Kurdin ihr Leben. Sie zieht zurück nach Cizre, in ihre Geburtsstadt, die sie als vierjähriges Kind verließ. Im März 2014 wird sie zur Bürgermeisterin gewählt, mit 83 Prozent der Stimmen. Im September 2015 entlässt sie der türkische Innenminister aus ihrem Amt. Die Begründung: Aufruf zum Bürgerkrieg. Als Beweis dient ein Zitat aus einem Artikel des US-Magazins »Vice«: „Bei uns gibt es ein Sprichwort: ,Wenn es Frieden gibt, beginnt er in Cizre. Und wenn es Krieg gibt, beginnt er auch in Cizre.‘ Und wir können sagen, dass wir in der Türkei einen Bürgerkrieg haben.“ Seitdem läuft ein Verfahren gegen Imret, sie wiederum klagt gegen die Amtsenthebung.

Mehrere Tage ist sie nach ihrer Festnahme nicht zu erreichen, dann endlich geht sie ans Telefon. Sie hat nur kurz Zeit, klingt besorgt, vor allem aber wütend. „Ich habe in dem Interview mit »Vice« nur meine Ängste ausgedrückt, das war eine Einschätzung von mir, aber die türkischen Medien haben einfach einen Aufruf zum Krieg daraus gemacht“, sagt sie. Ihre Festnahme kam plötzlich, aber nicht ganz überraschend. „Ich saß in einem Café und habe mit Ihnen telefoniert, da sah ich, wie mehrere gepanzerte Polizeifahrzeuge vorfuhren. Irgendwie hatte ich schon geahnt, dass sie meinetwegen gekommen waren.“

Die Polizisten hätten keinen Haftbefehl oder andere Dokumente gehabt, auf der Wache habe sie drei Stunden auf den Staatsanwalt gewartet. „Er hat mich gefragt: ‚Wieso gibst du als Bürgermeisterin ausländischen Medien Interviews?‘ Da habe ich gesagt: ‚Klar gebe ich Interviews, ich rede, wenn mir etwas nicht passt.‘ Das ist wirklich ein Skandal, wie hier mit Meinungsfreiheit umgegangen wird, es ist eine Katastrophe.“ In der Nacht wird sie der Haftrichterin vorgeführt. Die stellt keinen Haftbefehl aus, Imret kommt frei. Vorerst. Sie darf nicht ausreisen, muss sich einmal in der Woche bei der Polizei in Cizre melden. Wenn sie allerdings nicht bald nach Deutschland reist, erlischt hier ihre Aufenthaltserlaubnis.

Mein Volk – das sagt sie häufig

Um sich für die Freiheit ihres Volkes einzusetzen, hat sie ihre Freiheit und Sicherheit in Deutschland aufgegeben. 18 Jahre lang hat sie hier gelebt, ist zur Schule gegangen, hat eine Ausbildung zur Friseurin und eine zur Erzieherin gemacht. „Bei uns in Deutschland“, sagt sie immer noch manchmal. Die Türkei war für sie lange nur das Land, in dem ihr Vater getötet wurde. Er war ein bekannter PKK-Kämpfer, 1991 starb er in einem Gefecht mit türkischen Soldaten. Ihre Mutter zog daraufhin mit der vierjährigen Tochter und deren Geschwistern in die türkische Mittelmeerstadt Mersin, ein paar Jahre später schickte sie Leyla zur Tante nach Deutschland.

Warum ist Imret zurückgekehrt? „Ich wollte etwas tun, meinem Volk helfen. Es hat so viel Besseres verdient.“ Mein Volk – das sagt sie häufiger. Sie identifiziert sich mit ihrer Herkunft, wie es vielleicht nur Menschen tun, die einer verfolgten und unterdrückten Minderheit angehören. In der Wohnung der Tante hängen viele Fotos ihres getöteten Vaters und ihres Onkels, ebenfalls ein PKK-Kämpfer. Politisch interessiert war Imret schon immer, sie wollte Politik studieren, musste aber anfangen zu arbeiten, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Sie war im kurdischen Kulturzentrum aktiv. Und obwohl ihre Geburtsstadt ihr fremd war, hatte sie diese Sehnsucht nach ihrer Heimat. „Mein Herz wollte zurück nach Cizre“, so hat sie selbst es einmal ausgedrückt.

„Sie hatte Sehnsucht nach ihrer Mutter“, sagt Suzan Aytis, Imrets beste Freundin, die ebenfalls in Cizre geboren wurde und ein paar Jahre vor ihr nach Deutschland gezogen war. Nachdem Imret mit acht Jahren nach Deutschland gekommen war, konnte sie zehn Jahre nicht in die Türkei reisen. So lang hatte sie damals ihre Mutter und ihre Geschwister nicht gesehen. „Als sie ihre Mutter dann endlich wieder besuchen konnte, kam sie jedes Mal ganz traurig zurück“, sagt Aytis.

Nach Cizre kehrte Imret erst 2013 zurück, um das Grab ihres Vaters zu besuchen. Es muss ein Schlüsselerlebnis gewesen sein: Sie, die Tochter des großen Freiheitskämpfers, wurde herzlich aufgenommen. „Der Märtyrer“ wird er in Cizre genannt, eine Straße trägt seinen Namen. „Ich merkte, wie sehr die Türkei sich verändert hatte, dass es nun kein Verbrechen mehr war, Kurdisch zu sprechen. Früher kam man dafür ins Gefängnis.“ Imret spricht fließend Kurdisch und Deutsch, nur manchmal fallen ihr im Gespräch einzelne Worte nicht mehr ein, wie Notstromgenerator oder Ausgangssperre. Begriffe, die für ihre Geschichte noch wichtig sein werden.

Zunächst aber, 2013, ist sie voller Hoffnung. Es ist die Zeit des mühsam ausgehandelten Waffenstillstands zwischen der kurdischen Arbeiterpartei PKK und der türkischen Regierung. Cizre hat etwa 112 000 überwiegend kurdische Einwohner. Vom Aufschwung der Türkei bekommen die Bewohner nichts mit, es gibt kein fließendes Wasser und keine Industrie, die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 70 Prozent.

Cizre ist seit Langem einer der Hauptschauplätze des kurdischen Freiheitskampfes, schon vor Jahrhunderten kämpften die Kurden hier gegen die osmanische Herrschaft. In den Achtziger- und Neunzigerjahren kam die Stadt zu trauriger Berühmtheit, weil sich die PKK-Guerilla und der türkische Staat erbittert bekriegten. Obwohl damals noch sehr jung, erinnere sie sich gut, sagt Imret: „Ich werde das nie vergessen, wie die Menschen tot auf der Straße lagen. Es hat überall nach Blut gerochen.“

Ihre Wahl zur Bürgermeisterin im März 2014 ist eine Sensation. Sie ist die erste Frau an der Spitze der Stadtverwaltung. Ihr zur Seite steht Kadir Kunur als Co-Bürgermeister. Sie ist für den repräsentativen Teil zuständig, besucht Familien, leitet Aufräumaktionen, um die Stadt sauberer zu machen. Es gibt Videos von ihr kurz nach der Wahl, in denen sie stolz durch die Straßen, über die Marktplätze geht, die Menschen begrüßen sie, mit ihren langen blonden Haaren fällt sie auf. Imret und Kunur gehören zur DBP, der Demokratischen Partei der Regionen, dem regionalen Arm der HDP, einem Bündnis aus linken, liberalen und prokurdischen Gruppierungen. Bei den türkischen Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 erhielt die HDP 13,1 Prozent der Stimmen und war so mit dafür verantwortlich, dass die AKP von Präsident Erdoğan ihre absolute Mehrheit verlor (die sie sich bei den Neuwahlen im November zurückholte, die HDP kam nur noch auf 10,8 Prozent). HDP und DBP besetzen alle Ämter mit einer Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann – in der patriarchal geprägten Türkei eine kleine Revolution. „Die Menschen mussten sich erst mal daran gewöhnen, dass jetzt eine Frau regierte. Aber sie haben mich gewählt und respektieren mich“, sagt Leyla Imret.

„Sie wusste, dass es gefährlich ist“, sagt ihre Freundin Suzan Aytis, „wir alle wussten das. Deswegen waren wir auch dagegen, dass sie sich aufstellen ließ. Das ist die Türkei, als Journalist oder Oppositionspolitiker musst du immer damit rechnen, ins Gefängnis zu kommen.“ Einer von Imrets Amtsvorgängern, Aydin Budak, wurde 2012 zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er bei einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Haftbedingungen von PKK-Chef Abdullah Öcalan gesehen worden war. Die türkische Regierung geht hart gegen die verbotene, auch in der EU als Terrororganisation eingestufte PKK vor. Der Vorwurf der „Unterstützung einer Terrororganisation“ ist dabei ein probates Mittel, sich unliebsame Oppositionspolitiker vom Hals zu schaffen. Tatsächlich aber ist der Einfluss der PKK in Cizre und Umgebung noch immer groß, viele Jugendliche gehören zur YDG-H, einer PKK-Jugendorganisation.

Und dann kommen die Soldaten

Imret distanziert sich von jeder Gewalt. „Mein Traum ist es, dass wir in Freiheit und Frieden, in einer Demokratie leben. Wir wollen selbstbestimmt in der Türkei leben“, sagt sie im August 2015 in einem Interview. Die kurze Waffenruhe zwischen PKK und türkischer Regierung ist zu dem Zeitpunkt schon wieder aufgekündigt, die türkische Luftwaffe bombardiert kurdische Kämpfer in Syrien, dem Irak und in der Türkei. Die PKK rächt sich mit Anschlägen auf türkische Sicherheitskräfte, denen sie Kollaboration mit dem sogenannten Islamischen Staat vorwirft. In Cizre rückt das Militär an. Die Einwohner, vor allem junge Männer, bauen Barrikaden und graben Löcher in die Straße. Sie werfen Molotowcocktails, die Soldaten schießen. Alles erinnert an die Kämpfer in den Neunzigerjahren, die Imret nie wieder erleben wollte.

Im September verhängt die türkische Regierung eine neun Tage andauernde Ausgangssperre. Sie riegelt die Stadt ab, kappt die Stromleitungen, stört Internetempfang und Mobilfunk. „Eine halbe Stunde vorher wurde die Ausgangssperre über Lautsprecher verkündet“, sagt Imret. „Ich wusste, dass ich es nicht mehr nach Hause schaffe, also bin ich zu Freunden. Es war schrecklich, wir hatten nicht genug zu essen und mussten das Wasser aus dem Brunnen trinken. Die Kinder sind davon krank geworden. Jeden Tag haben wir gewartet, dass die Sperre aufgehoben wird.“ Wieder war Cizre zum Mittelpunkt des Konflikts geworden, mehr als 20 Menschen wurden in den neun Tagen getötet. Terroristen, sagt die türkische Regierung. Zivilisten, sagen kurdische Stimmen. Als die Sperre am 12. September endlich aufgehoben wird, ist Leyla Imret keine Bürgermeisterin mehr. Langsam dringen Medienberichte von ihrer Absetzung durch. Das offizielle Schreiben bekommt sie erst Tage später.

Imret macht weiter, mietet ein Büro, geht unters Volk, plant die Projekte für das kommende Jahr, will Cizre sicherer und lebenswerter machen. Auch nach ihrer Festnahme. Die Lage in Cizre sei sehr angespannt, sagt sie, überall Polizei und Militär, täglich würden Schüsse fallen, immer wieder gebe es kurze Ausgangssperren. Die Menschen hätten Vorräte angelegt und Notstromgeneratoren besorgt. „Sie haben Angst, und sie können nicht für die Zukunft planen.“

Bereut sie ihren Entschluss? „Ich frage mich schon manchmal, warum ich in einem Land lebe, in dem es keine Gerechtigkeit und keine Freiheit gibt“, sagt Leyla Imret. „Aber dann denke ich an Cizre, an meine Stadt, mein Volk, und ich weiß, dass ich es wieder tun würde.“ ---

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