Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Tolle Rolle

• So kann eine Buchhaltung natürlich auch aussehen: An der Wand des kleinen Kreuzberger Hinterhofbüros hängt eine Liste mit Zahlungsterminen, die der Theaterproduzent Ivan Vrgoč nicht vergessen darf. In diesem Monat sind noch 52 000 Euro für Schauspieler-Gagen und 30 000 Euro Tantiemen für den Theaterverlag fällig. Abgehakt sind auf der Liste schon 12 000 Euro für Marketing, 19 000 Euro für das Finanzamt und 3200 Euro für die englische Übertitelung der Vorstellungen. Wenn alles gut geht, kommt Vrgoč bei seiner aktuellen Produktion („Eine Familie“) nach 60 Vorstellungen auf eine schwarze Null.

An einem Abend im November 2015 stand er in der Inszenierung im Berliner Theater am Kurfürstendamm als der verklemmte Little Charles Aiken selbst auf der Bühne. Der Zuschauerraum war nur etwa zur Hälfte gefüllt – kein Abend, an dem Vrgoč mehr als die Kosten eingespielt hat.

Der 38-Jährige ist von Beruf Schauspieler. Kein Star, auch kein festes Ensemble-Mitglied an einer der großen Bühnen, aber einer, der mit kleinen Filmrollen und Engagements an mittleren Stadttheatern und Boulevard-Bühnen in Düsseldorf, Hamburg, Bonn oder München gut über die Runden gekommen ist. Vor drei Jahren hat er etwas gemacht, was in Deutschland mit seinen 142 öffentlich subventionierten Stadt- und Staatstheatern ungewöhnlich ist. Vrgoč hat seine eigene Theaterproduktion gegründet. Auf eigenes Risiko. Und das nicht, um Off-Theater zu machen, ein Genre, das in der Profi-Liga nicht ohne Subvention auskommt. Auch Boulevard-Schenkelklopfer oder Musicals wollte Vrgoč nicht anbieten – die einzigen Theater-Genres, die in Deutschland kommerziell erfolgreich sind.

Santinis Production, wie seine Firma heißt, produziert anspruchsvolle Gegenwartsstücke und zeigt sie im angemieteten Theater am Kurfürstendamm, mit 800 Plätzen eines der größten Schauspielhäuser Berlins. In der Auswahl der Stücke macht Vrgoč den großen Staatstheatern Konkurrenz. Seine jüngste Produktion, „Eine Familie“ des US-Dramatikers Tracy Letts, ist eine düstere Familiengeschichte – Schnapsleichen, diverse Beziehungskatastrophen, ein Beinahe-Inszest und eine Tabletten schluckende Domina-Mutter inklusive. Das Deutsche Theater Berlin (Subventionen 2015: 22,7 Millionen Euro) hätte das Stück gern gemacht, konnte aber keinen Regisseur finden. Auch die Berliner Schaubühne (Subventionen 2015: 13,8 Millionen Euro) hat sich dafür interessiert, aber da hatte der Theaterverlag die Berlin-Rechte schon an die Santinis Production (Subventionen: null Euro) vergeben.

Künstlerisch muss sich die Produktion nicht vor der reichen Konkurrenz verstecken. Die Inszenierung stammt vom Regisseur Ilan Ronen, dem Intendanten des israelischen Nationaltheaters Habima. Und es treten Fernsehstars auf wie Annette Frier, die hier zeigt, dass sie mehr kann, als in der Sat1-Serie „Danni Lowinksi“ die blonde Anwältin zu geben. Andere Schauspieler wie Ursula Karusseit oder Felix von Manteuffel sind renommierte Theaterleute, die jahrelang an den großen Häusern gespielt haben. Was Handwerk, Professionalität, Schauspieler und Stückwahl betrifft, spielt diese Inszenierung in einer Liga mit Aufführungen des Deutschen Theaters oder von Claus Peymanns Berliner Ensemble. Nur dass dort jede Eintrittskarte mit gut 100 (Deutsches Theater) beziehungsweise knapp 70 Euro (Berliner Ensemble) subventioniert wird.

Wie schafft es Vrgoč, ohne finanzielle Reserven Inszenierungen auf die Beine zu stellen, deren Produktion eine halbe Million Euro kostet?

Die Initialzündung

Das erste Stück, Neil Simons Broadway-Komödie „Gerüchte, Gerüchte“, war vor drei Jahren gleich ein fetter Brocken: ein Stück mit acht Hauptrollen, 40 ausverkauften Vorstellungen vor jeweils 800 Zuschauern, einem Gesamtumsatz von gut einer Million Euro und einem Gewinn für die Santinis Production von 170 000 Euro. Die 80 000 Euro Startkapital hat er sich bei Freunden wie dem erfolgreichen Schauspieler Bjarne Mädel (bekannt aus den TV-Serien „Mord mit Aussicht“ und „Stromberg“) geliehen. Eine Bank hätte ihm für sein Theaterabenteuer sowieso nichts gegeben. Um das Risiko nicht allein zu tragen, holte er das Theater am Kurfürstendamm als für Bühne und Technik zuständigen Co-Produzenten ins Boot. Die Gage der Schauspieler war bis auf einen kleinen Grundbetrag vom Kartenverkauf abhängig. Nur weil die Produktion so erfolgreich lief, haben sie gut verdient: etwa 700 Euro pro Vorstellung. Das ist deutlich mehr als unterhalb der Prominenz-Liga normalerweise im Privattheater gezahlt wird.

Als das Startkapital für den laufenden Probenbetrieb, Bühnenbild und Marketing aufgebraucht war, musste Vrgoč alle weiteren Kosten aus den Einnahmen des Kartenvorverkaufs finanzieren. „Wir haben uns so durchgehangelt“, sagt er. Hätte das nicht funktioniert, wäre die Produktionsfirma schon vor der ersten Premiere insolvent gewesen. Und weil Vrgoč das Geld privat geliehen hatte, hätte er seine Schulden bei einer Pleite über viele Jahre bei seinen Freunden abstottern müssen.

Möglich wurde der Erfolg, weil einer der prominentesten deutschen Fernsehstars mitspielte. Maria Furtwängler gab in „Gerüchte, Gerüchte“ ihr Theaterdebüt. Das sorgte schon zuvor für regen Vorverkauf. Kennengelernt hatten sich Vrgoč und Furtwängler bei einem Workshop des amerikanischen Schauspiellehrers Larry Moss, der auch Hollywood-Prominenz zu seinen Schülern zählt. „Sie hat sich nicht hinter ihrem Star-Status versteckt“, sagt Vrgoč von seiner ersten Workshop-Begegnung mit Furtwängler.

Er war damals nicht unglücklich als Schauspieler, der sich von Rolle zu Rolle hangelt. Aber auch nicht besonders zufrieden: „Das hat mich nicht wirklich erfüllt.“ Der Workshop mit Larry Moss eröffnete neue Perspektiven. „Darin ging es auch darum, keine Angst zu haben. Das hat einen Motor bei mir in Gang gesetzt.“ Er kam auf die Idee, mit anderen Workshop-Teilnehmern ein älteres Stück des Broadway-Autors Neil Simon auf die Bühne zu bringen.

Dass Schauspieler darüber reden, mal etwas zusammen zu machen, ist Alltag. Dass aus dem Gerede tatsächlich etwas wird, eher die Ausnahme. Aber Vrgoč war offenbar entschlossen, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Und weil auch Furtwängler bei dem Workshop mit dabei gewesen war, hat er sie einfach angeschrieben, ob sie nicht Lust habe, mitzumachen. „Eine Woche später erhielt ich ihre Antwort. Sie kam nach Berlin, wir haben uns alle getroffen. Dass Maria Lust auf das Stück hatte, war ein Glücksfall für uns. Sie hat sich gefreut, mit Schauspielern, an die sie geglaubt hat, Theater zu spielen.“

Die Schauspielerin hat wenig Zeit, sie steckt mitten in Dreharbeiten. Aber auf die Bitte, ein paar Fragen über die Santinis Production zu beantworten, ruft sie nach zwei Tagen zurück – und erzählt dann voller Sympathie für Vrgočs Wagemut von ihrem gemeinsamen Theaterabenteuer: „Als das Stück bei mir auf dem Tisch lag, wusste ich, ich muss mich entscheiden.“ Für sie ging es um die neue Erfahrung, nach den vielen Jahren vor der Kamera zum ersten Mal Theater zu spielen. „Man merkte, der ist bereit, Nägel mit Köpfen zu machen“, sagt Maria Furtwängler. „Mich hat von Anfang an die Energie dieser Truppe begeistert. Das sind alles Schauspieler, die mit ihren Ausdruckmitteln weiterkommen wollen. Ivan ist jemand, den man mag, kein Narziss, sondern jemand, der auch andere aufblühen lässt.“

Furtwängler ist klar in ihren Ansagen, auch wenn man sie fragt, was schiefgelaufen sei: „Der Regisseur war viel zu jung und unerfahren. Das war vielleicht das Lehrgeld. Aber alles andere war wunderbar.“ Furtwängler war der Star, die anderen Schauspieler waren eher unbekannt, aber ein Gefälle habe sie „nie empfunden. Es war für uns alle ein Experiment. Die Vereinbarung war von Anfang an, dass ich das Gleiche verdiene wie alle anderen.“ Umgekehrt war für Vrgoč klar, dass er Maria Furtwängler nicht um Geld bitten wollte – „schon um auf Augenhöhe mit ihr arbeiten zu können“.

Die Aussicht

Vrgočs Ziel war von Anfang an, eine eigene Produktionsfirma zu etablieren: „Gerüchte, Gerüchte“ sollte „keine Eintagsfliege“ werden. Den Gewinn aus der ersten Produktion investierte er in die zweite. „Eine Familie“ ist allein wegen des großen Ensembles von zehn Schauspielern vergleichsweise teuer. Fast so wichtig wie die Besetzung ist für Vrgočs Experiment, kommerzielles Theater mit künstlerischem Anspruch zu verbinden, die Stückwahl: intelligente Well-Made-Plays. Das Genre, das sich durch eine klare Erzählweise und sorgfältig konstruierte Dramaturgie auszeichnet, ist im Subventionstheater und im Feuilleton weniger beliebt, schon weil sich Regisseure damit nicht so leicht profilieren können. Aber beim Publikum gibt es nach wie vor ein großes Interesse an spannend erzählten Geschichten. Das ist Vrgočs Chance – und eine Antwort auf die Frage, wie er es schafft, ohne Subventionen gutes Theater zu machen: Er interessiert sich dafür, was das Publikum interessiert.

Auch mit der nächsten Produktion, die Ende Januar 2016 Premiere hat, macht er den Staatstheatern Konkurrenz. Das Stück „Geächtet“ des US-Dramatikers Ayad Akhtar war eine der kontroversen Broadway-Produktionen der vergangenen Saison: Es geht um Grenzen der politischen Korrektheit, verdeckten und offenen Rassismus, den Krieg der Kulturen – und das im Ambiente hoch bezahlter New Yorker Anwälte. Er bringt das Stück in Berlin knapp zwei Wochen nach der deutschen Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg heraus.

Es bleibt ein Risiko: Ein richtig großer Flop kann das Aus und hohe Schulden bedeuten. Auf ein Geschenk wie Maria Furtwänglers Engagement lässt sich kein Geschäft aufbauen. Den Beweis, dass es auf längere Sicht auch ohne Fernsehstar, der auf Teile seiner Gage verzichtet, geht, steht noch aus. Ivan Vrgoč muss sich sein Stammpublikum erst noch erarbeiten. Er denkt über Möglichkeiten der Querfinanzierung nach – zum Beispiel mit der Idee, lukrative Solo-Abende auf Tournee zu schicken, um das Risiko der großen Produktionen abzufedern. Pläne für die kommenden Jahre hat er genug: An der Wand im Büro hängt neben der Liste der Zahlungstermine eine zweite Liste. Auf ihr stehen Namen der Stücke, die er auf die Bühne bringen will. Der Spielplan kann mit dem des Berliner Ensembles oder des Deutschen Theaters mithalten – jetzt muss nur noch das Publikum mitspielen. ---

„Gerüchte, Gerüchte“

Gespielte Vorstellungen: 44 (inklusive vier Voraufführungen)
Platzauslastung: 98 Prozent
Einnahmen pro ausverkaufter Vorstellung: ca. 26 000 Euro
Einnahmen insgesamt: ca. 1 050 000 Euro
Kosten (Santinis): ca. 350 000 Euro u. a. für
- Schauspieler: ca. 200 000 Euro
- Regie, Bühnen- und Kostümbildner, Regieassistent: 25 000 Euro
- Probebühnen: 4000 Euro
- Buchhaltung, Anwalt, Büro usw.: ca. 18 000 Euro
- Pressearbeit: 10 000 Euro
Abgabe an das Theater am Kurfürstendamm für Technik, Miete, Marketing: 35 Prozent der Einnahmen
Ausgaben für Lizenzrechte: 10 Prozent der Kasseneinnahmen
Gewinn (Santinis) vor Steuern: 170 000 Euro

„Eine Familie“

Produktionskosten für 60 Vorstellungen:
ca. 670 000 Euro; u. a. für
- Probebühne: 4000 Euro
- Regie, Bühnen- und Kostümbildner, Regieassistent: 32 000 Euro
- Schauspieler: 220 000 Euro
- Produktionsleitung: 16 000 Euro
- Theater-Miete: 50 000 Euro monatlich
- Bühnenbild, Bau + Techniker/Transport: ca. 45 000 Euro
- Marketing: 66 000 Euro
- Dramaturgie, Assistent, Licht, Maske, Kostüm, Bühnenbild, Ankleiden, Requisite etc.: ca. 90 000 Euro
- Übertitelung: 5000 Euro (60 Vorstellungen)
- Feuerwehr: pro Vorstellung 70 Euro (bei allen Produktionen)
Ausgaben für Lizenzrechte: 10 Prozent der Kasseneinnahmen

„Geächtet“

Voraussichtliche Produktionskosten für 50 Vorstellungen: ca. 350 000 Euro; u. a. für
- Probebühne: 3000 Euro
- Regie, Bühnen- und Kostümbildner, Regieassistent: 19 000 Euro
- Schauspieler: 90 000 Euro
- Produktionsleitung: 10 000 Euro
- Theater-Miete: 50 000 Euro monatlich
- Bühnenbild (Werkstätten), Bau usw.: 20 000 Euro
- Marketing, PR: 50 000 Euro
- Logistik inklusive Reisekosten und Unterkünfte: 15 000 Euro
- Bühne, Maske, Kostüm, Requisite: ca. 30 000 Euro
Ausgaben für Lizenzrechte: 10 Prozent der Kasseneinnahmen

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