Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Hugh Broughton

Das Glück des Anfängers

Kann Pfadfinderheime und Forschungsstationen: der Londoner Architekt Hugh Broughton

brand eins: Was hat Sie auf die Wahnsinns-Idee gebracht, am extremsten Ende dieses Planeten eine Forschungsstation bauen zu wollen?

Hugh Broughton: Der reine Zufall. Ich bereitete gerade das Frühstück für meine Kinder vor, als in den Radionachrichten der Chef des britischen Antarktis-Forschungsprogramms zu Wort kam. Zusammen mit dem Vorsitzenden der britischen Architektenvereinigung kündigte er einen Wettbewerb um den Bau von Halley VI an, einer neuen britischen Forschungsbasis in der Antarktis. Irgendwie hatte ich sofort dieses Gefühl: Das ist eine Aufgabe, die auf mich gewartet hat.

Das klingt erstaunlich, denn als Voraussetzungen wurden Erfahrung mit Projekten an entlegenen Standorten, mit dem Bauen unter extremen klimatischen Bedingungen sowie eine umfangreiche logistische Expertise verlangt. Welche dieser Bedingungen erfüllten Sie?

Keine einzige. Der Chef des Antarktis-Programms sprach selbst davon, dass es für eine Aufgabe wie diese eine große, erfahrene multinationale Architekturfirma mit einer Vielzahl von Spezialisten brauche. Ich hatte ein kleines Büro mit drei Angestellten in West-London, und unsere Erfahrungen beschränkten sich auf ein einziges Bauprojekt: den Neubau des Pfadfinderinnenheims von Wimbledon.

Sie hatten eigentlich keine Chance.

Nicht den Hauch, aber in den Nachrichten war von einer Wettbewerbspräsentation am selben Abend die Rede. Da bin ich einfach mal hingegangen, und was ich dort sah und hörte, elektrisierte mich.

Einverstanden, dass die Antarktis der ungemütlichste Bauplatz ist, der auf diesem Planeten zu vergeben ist?

Sie zählt auf jeden Fall zu den entlegensten, harschesten und kompliziertesten Gegenden. Pro Jahr fällt mehr als ein Meter Schnee, der – da die Temperaturen nie über den Gefrierpunkt steigen – früher oder später alles überdeckt, was man dort errichtet. Bauen kann man in dieser Gegend sowieso nur während des dreimonatigen Polarsommers. Hinzu kommt, dass die britische Station gar nicht in der Antarktis selbst, sondern auf dem Brunt-Eisschelf liegt, das gute 16 000 Meilen von London entfernt im Polarmeer treibt. Alle 15 bis 20 Jahre kalbt dieser Eisberg. Sämtliche bisherigen britischen Stationen mussten aufgegeben werden, weil sie entweder unter Schneemassen begraben worden oder vom Absturz bedroht waren.

Warum unterhält man eine Forschungsstation auf einem Eisschelf statt auf dem soliden antarktischen Festland?

Das britische Antarktis-Programm ist der Klimabeobachtung gewidmet, seine Wissenschaftler haben unter anderem Mitte der Achtzigerjahre das Ozonloch entdeckt. Außerdem liegt der Brunt-Eisschelf etwa auf dem 70. Längengrad und damit geografisch optimal, um die Wechselbeziehungen zwischen Sonne und Erdatmosphäre zu beobachten. Für Klimaforscher ist es der perfekte Standort. Für Architekten ist es, nun ja, nicht ganz einfach.

Bei der Wettbewerbspräsentation nahmen einige der bekanntesten Architekturbüros der Welt teil. Woher nahmen Sie die Chuzpe, gegen die Großen Ihrer Branche anzutreten?

Ich war bereits entmutigt auf dem Weg nach draußen, als mich ein Baustatiker des großen Ingenieurbüros Aecom ansprach, mit dem ich mal zusammengearbeitet hatte. Der fragte mich: „Hugh, du bist der Einzige, den ich hier kenne. Wollen wir nicht zusammen am Wettbewerb teilnehmen?“

Noch so ein glücklicher Zufall.

Noch glücklicher war, dass auch seine Vorgesetzten meinten, die Kombination einer multinationalen Planungsfirma mit einem unbekannten, aber kreativen Büro könnte einen Versuch wert sein. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich erst einmal unter dem Deckmantel von Aecom bleiben solle. Und dann machten wir uns an die Arbeit.

Sie hatten jetzt ein Team, aber immer noch keine Ahnung vom Bauen unter extremen Bedingungen. Woher haben Sie die Erfahrung genommen?

Meine Aecom-Partner schickten eine E-Mail an Kollegen in aller Welt mit der Frage, ob vielleicht irgendjemand Erfahrungen mit Bauprojekten in Polarregionen habe. Tatsächlich meldete sich jemand aus Colorado: „Ich habe 30 Jahre lang am amerikanischen Polar-Programm mitgearbeitet. Was braucht ihr?“ Der Mann hat uns in einem 48-Stunden-Crashkurs dann alles erzählt, was man über das Bauen an den Polen wissen muss.

Mit Ihrem Entwurf traten Sie gegen 85 Teams an, darunter Architekturgrößen wie David Chipperfield, Richard Rogers und Norman Foster. Am Ende haben Sie sie alle ausgestochen.

Wäre dies ein Wettbewerb um den Bau eines Flughafens gewesen, hätten wir gegen Büros mit einer beeindruckenden Bilanz an namhaften, ausgefeilten, perfekt funktionierenden Flughafenprojekten antreten müssen. Die Großen hätten ihre Größe ausspielen und wir nach Hause gehen können. Aber bei einer Antarktis-Forschungsstation waren sie ebenso Anfänger wie wir. Es war einer jener seltenen Momente, in denen schlichtweg die beste Idee gewinnt.

Was hat die Jury bewogen, Ihrer Idee zu folgen?

Neben den Qualitäten unseres Entwurfs war es unter anderem die Tatsache, dass wir viel über die Innenausstattung und Organisation von Halley VI nachgedacht hatten. Das Leben in einer Antarktis-Station bedeutet eine große Belastung für ihre Bewohner. Wie gestaltet man das Leben einer kleinen Gruppe von Menschen, die über Monate hinweg in absoluter Isolation leben? Wie bringt man sie durch 105 Tage absoluter Dunkelheit, ohne dass jemand durchdreht oder die Gruppe auseinanderbricht?

Und? Wie lassen sich Lagerkoller und Amokläufe à la „Shining“ vermeiden?

Indem man erfahrene Antarktis-Forscher zu ihren Erfahrungen und Bedürfnissen befragt. Manche nannten ganz einfache Dinge wie eine vernünftige Isolierung zwischen den Wohnzellen, schließlich will niemand einen Polarwinter lang das Schnarchen seines Zimmernachbarn erdulden müssen. Ein Riesen-Pluspunkt war auch unser offenes, komfortables Gemeinschaftsmodul, das man auf Fotos sofort an seiner roten Farbe und dem großen Fenster erkennen kann. Wir haben außerdem viel mit Licht experimentiert und eine Farbpsychologin nach Farbtönen suchen lassen, die Winterdepressionen vorbeugen.

Klingt geradezu nach Wohlfühlprogramm.

Ja, aber andererseits darf eine Forschungsstation nicht so komfortabel sein, dass ihre Besatzung vergisst, in was für einer zerbrechlichen Lage sie sich befindet. Von anderen Stationen wissen wir, dass zu viel Komfort die Produktivität und die Fähigkeit, auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können, einschränkt. Und die kommen ganz sicher. Vor einigen Monaten fiel in Halley VI der Strom aus. Binnen kurzer Zeit sackten die Temperaturen derart ab, dass eine Tasse Tee, die jemand ausschüttete, sich noch in der Luft in Eiskristalle verwandelte.

Anders als alle Vorgängerstationen haben Sie Halley VI aus einzelnen Modulen zusammengesetzt. Warum?

Es gibt ja ein paar extreme Herausforderungen, mit denen man in der Antarktis fertigwerden muss. Eine sind die enormen Schneemassen, die wir gemeistert haben, indem wir Halley VI auf hydraulische Beine gestellt haben. Die Stützen können ausgefahren werden, sobald der Schnee zu hoch wird. Ein anderes Problem sind die Risse, die bei einem solchen Eisschelf immer wieder auftreten: Steht die Forschungsstation auf der abbruchgefährdeten Seite des Eisschelfs, muss man sie aufgeben oder irgendwie in Sicherheit bringen. An die Kufen, die wir unter ihre Beine gesetzt haben, kann man einfach Bulldozer davorhängen und die Module ins Landesinnere schleppen.

Und das funktioniert?

Wir haben es bereits hinter uns. Halley VI wurde 15 Kilometer von ihrem jetzigen Standort entfernt montiert, weil wir dort die Arbeiter in einer alten Forschungsstation unterbringen konnten. Alle wesentlichen Bestandteile waren in Südafrika vormontiert worden, die Kabinen kamen aus England, die Kufen aus Deutschland. Weil das Eisschelf aber nur wenige Tonnen Gewicht trägt, mussten wir die Station aus einzeln zu transportierenden Elementen konstruieren, die sich an Ort und Stelle zusammensetzen und an jeden gewünschten Standort schleppen lassen. So kam es zu den Modulen.

Auf Fotos mutet diese Gruppe von Modulen wie eine einsame Familie von Raumtransportern an, die auf einem eisigen Planeten gestrandet ist.

Lustig, dass Sie das so sehen. Kennen Sie „Thunderbirds“?

Nie gehört.

„Thunderbirds“ ist eine Space-Cartoon-Serie aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die ich als Kind geliebt habe. Als wir über Halley VI nachzudenken begannen, habe ich als Erstes meine Hefte wieder hervorgeholt und die fantastischen Aufriss-Zeichnungen von Raumschiffen und Maschinen studiert. Andere Ideen holten wir uns von Science-Fiction-Filmen wie „Star Wars“. Ganz am Ende von „Das Imperium schlägt zurück“ gibt es diese Szene mit Luke Skywalker in einem der Rebellen-Raumschiffe, in der er durch dieses gigantische Fenster ins All blickt. Diese Szene war unsere Inspiration für das große Fenster im roten Gemeinschaftsmodul von Halley VI, durch das man in die unendliche Weite des Eisschelfs schauen kann. Heute ist dieser Ort der absolute Lieblingsplatz der Besatzung, vor dem sie Tische und Stühle zusammenrückt, um den Ausblick zu genießen. Zu verdanken haben sie ihn letztlich George Lucas.

Klingt so, als hätten Sie während der sechsjährigen Planungs- und Bauzeit eine Menge Spaß gehabt.

Es ist einfach großartig, nicht immer ernsthaft sein zu müssen. Und es ist sehr hilfreich. In einer unserer ersten Präsentationen legte ich gerade sehr ausführlich dar, wieso wir was wie gestalten wollten, als mich einer der erfahreneren Wissenschaftler unterbrach: „Das ist ja alles sehr schön, Hugh, aber Ähnliches haben wir schon einige Male gehört. Was war Ihre wirkliche Inspiration?“ Also habe ich von „Star Wars“ und „Thunderbirds“ berichtet. Damit war das Eis gebrochen: All diese erwachsenen Männer erzählten plötzlich nur noch von ihren persönlichen Lieblingsszenen und -raumschiffen.

Wussten Ihre Auftraggeber eigentlich, dass Sie ein architektonischer Anfänger waren?

Nein, und ich habe gut darauf geachtet, es ihnen nicht auf die Nase zu binden. Hätten sie es erfahren, bevor wir die Station fertiggestellt hatten, wäre ihr Vertrauen in mich schlagartig verloren gegangen. Heute erwähne ich natürlich regelmäßig, dass ein Pfadfinderheim offenbar als Qualifikation für eine hochkomplexe Forschungsstation reicht, und wir lachen herzlich darüber.

Ist es auch ein Vorteil, als Newcomer zu starten?

Sicher, weil man als Außenseiter seiner Fantasie völlig freien Lauf lassen kann. Wenn man keine ähnlichen Vorgängerprojekte hat, fängt man gar nicht erst an, darüber nachzudenken, wie man die Aufgabe eigentlich beim letzten und vorletzten Mal gelöst hat. Ich habe aus unserem Erfolg aber noch etwas ganz Wesentliches gelernt: dass es sich durchaus lohnt, den riskanteren Weg zu gehen. Wenn man dabei von sich und seiner Idee überzeugt ist, überzeugt man auch andere.

Was hat sich nach dem Projekt für Sie verändert?

Alles. Unser Büro ist von vier auf zwölf Architekten gewachsen, wir haben zusammen mit Aecom eine weitere Forschungsbasis für die Koreaner und eine für die Amerikaner entworfen. Momentan bin ich Mitglied einer kleinen Arbeitsgruppe der Nasa, die über modulare Bauprojekte für eine mögliche Besiedlung des Mars nachdenkt. Vor allem aber: Wir sehen und präsentieren uns heute ganz anders. Früher hätten wir uns immer bemüht, potenziellen Klienten zu zeigen, dass wir die Richtigen für ihren Job sind, dass wir ihre Vorstellungen perfekt umzusetzen wissen und so weiter. Heute konzentrieren wir uns einzig und allein darauf, die Qualität unserer Idee rüberzubringen.

Momentan arbeiten Sie aber nicht an Ideen für Science-Fiction-Projekte, sondern an der Restaurierung mittelalterlicher Gebäude. Wie passt das zusammen?

Der nächste Wettbewerb, an dem wir uns beteiligten, drehte sich um die Erweiterung eines denkmalgeschützten Museums in Süd-england. Den Zuschlag haben wir nach Aussagen des Direktors nicht zuletzt deshalb erhalten, weil ihn unser Halley-VI-Projekt beeindruckt hatte. Und natürlich hilft uns auch das gute Dutzend Designpreise, das wir dafür eingeheimst haben.

Wie häufig haben Sie während der sechsjährigen Bauphase gedacht: „Oje, ich habe mich hoffnungslos übernommen“?

Kein einziges Mal. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass dieses Projekt für uns gemacht war. Ernsthaft Angst hatte während des Wettbewerbs nur meine Frau. Wir hatten unsere Seelen und Herzen in den Wettbewerbsbeitrag gesteckt, und sie fürchtete, dass ich unendlich deprimiert wäre, wenn wir nicht gewinnen würden. Und wer weiß? Vielleicht hatte sie recht. Glücklicherweise haben wir gewonnen.

Sie sind zu Beginn und gegen Ende der Bauarbeiten selbst in der Antarktis gewesen. Könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben?

Wenn ich hier in meinem bequemen Londoner Büro darüber nachdenke: natürlich nicht. Das ändert sich aber, wenn man eine Zeit in der Antarktis ist. Zunächst hauen einen die Kälte und die Gesichtslosigkeit der Gegend schier um. Nach einiger Zeit aber beginnt man die Uniformität der Tage zu schätzen: Die Mahlzeiten, die man immer zur selben Zeit einnimmt, die präzisen Arbeitszeiten und die äußerst reduzierte Kommunikation mit der Außenwelt haben durchaus etwas für sich. Die Einfachheit dieses Lebens ist so verlockend, dass ich mir tatsächlich vorstellen könnte, einen Polarwinter in der Antarktis zu verbringen.

Wo und was wären Sie heute, wenn Sie damals nicht die BBC-Morgennachrichten angeschaltet hätten?

Diese fünf Minuten haben mein Leben verändert. Was wäre, wenn ich damals nicht zufällig in der Küche gewesen und von diesem Wahnsinnsprojekt gehört hätte? Ich weigere mich, darüber auch nur nachzudenken. ---

Seit 60 Jahren sammeln britische Forscher in der Halley Research Station 900 Kilometer vom Südpol entfernt meteorologische und atmossphärische Daten. Dem Bau der ersten Station im Jahr 1956 auf dem Brunt-Eisfeld (einem 150 Meter großen Eisberg vor der antarktischen Küste) folgten im Laufe der Jahre fünf weitere. Alle mussten aufgegeben werden. Halley I bis IV wurden vom Schnee verschlungen, Halley V wanderte mit dem Eis zu weit vom Festland ab.

2005 betraute die British Antarctic Survey den Londoner Architekten Hugh Broughton und die amerikanische Architektur- und Ingenieurfirma Aecom mit dem Entwurf einer neuen Forschungsstation. Ihre modulare Forschungsbasis kann sich auf hydraulischen Beinen vom Boden erheben und im Notfall von Bulldozern an einen sicheren Standort geschleppt werden.

Halley VI wurde 2012 nach sechs Jahren Bauzeit in Betrieb genommen. Hugh Broughton, der Architekt, arbeitet zurzeit an der Restaurierung eines mittelalterlichen Turmes in York.

Ice Station – The creation of Halley VI. Park Books, 29 Euro

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