Ausgabe 01/2016 - Das geht nicht

Homöopathie

Magischer Kinderglaube

brand eins: Nüchtern betrachtet handelt es sich bei homöopathischen Medikamenten um sehr populäre Placebos. Was ist also gegen ihre Verordnung mit der Hoffnung auf eben diesen Effekt einzuwenden, Herr Schmacke?

Norbert Schmacke: Wenn ich Ihrer Argumentation folge, stellt sich zunächst eine ethische Frage. Patienten müssen, etwa bei klinischen Studien, über Placebos aufgeklärt werden. Man sagt ihnen: Sie bekommen nun nach dem Zufallsprinzip entweder folgendes Präparat oder eines, das keine Wirkstoffe enthält. Daran sollten sich auch homöopathische Ärzte halten und ihren Patienten mitteilen: Ich verschreibe Ihnen Medikamente, die nach allgemeiner wissenschaftlicher Erkenntnis keine Wirkung haben.

Das werden diese Ärzte aber allein deshalb nicht tun, weil sie an ihre Sache glauben.

Glaube ist das richtige Stichwort. In sehr stark verdünnten Arzneimitteln – im Jargon: Hochpotenzen – sind keine Moleküle mehr nachweisbar, das räumen auch die Vertreter dieser Lehre ein. Sie behaupten, die Heilkraft der Globuli beruhe auf dem Wassergedächtnis. Dieses erinnere sich sozusagen an die einst in ihm enthaltenen Substanzen. Das ist aber kein ernst zu nehmendes Argument, sondern Humbug.

Dennoch werden zahlreiche Untersuchungen zur Wirkung von Globuli durchgeführt. Könnte man sich die also sparen?

Das könnte und sollte man. Seit den Achtzigerjahren hat sich die Zahl solcher klinischen Studien verzehnfacht. Und keine seriöse Untersuchung konnte eine Wirkung von Globuli belegen, die über die von Placebos hinausgeht. Interessanterweise kommen auch der alternativen Medizin positiv gegenüberstehende Forscher zu diesem Ergebnis. Zu ihnen zählt Claudia Witt, ehemalige Inhaberin eines von der Karl und Veronica Carstens-Stiftung finanzierten Lehrstuhls an der Berliner Charité. Witt sagt inzwischen, dass die Homöopathie den Nachweis ihrer Wirksamkeit schuldig geblieben ist. Das liegt auch auf der Hand, da es keine medizinische Grundlage gibt. Daher sind klinische Studien ebenso überflüssig wie der Versuch, die Zahl der Engel im Himmel zu ermitteln.

Wieso werden diese Studien dann trotzdem gemacht?

Das ist eine gute Frage, denn einerseits bestehen die Vertreter der Homöopathie auf ihrer Sonderstellung und grenzen sich bewusst von der von ihnen so genannten Schulmedizin ab. Andererseits wollen sie sich aus Marketinggründen einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Sie lieben es, in ihren eigenen Zeitschriften zu veröffentlichen, die formal so aussehen wie seriöse. Für den Laien sind die Unterschiede zwischen einer fundierten und einer nicht fundierten Studie kaum zu erkennen. Er denkt sich: Aha, hier gibt es wissenschaftliche Belege. Es ist ein Verwirrspiel.

Das allerdings auch von anderen Akteuren gespielt wird: So soll es auch Studien im Auftrag von Pharmafirmen geben, die nicht seriös sind.

Vollkommen richtig. In der Medizin wird generell viel geschummelt. Deshalb prüft das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen mit großem Aufwand, wo dies der Fall ist. Doch die Homöopathie muss sich – ebenso wie die anthroposophische Medizin und die Phytotherapie – dieser Qualitätskontrolle nicht unterziehen. Sie ist im Sozialgesetzbuch als „besondere Therapierichtung“ privilegiert, die ihre Wirksamkeit nicht nachweisen muss.

Warum ist das so?

Homöopathen haben sehr erfolgreich Lobby-Arbeit betrieben, außerdem ist der Glaube an Globuli weitverbreitet. Befragungen zufolge lassen zwei Drittel der Bevölkerung Sympathien für alternative Heilverfahren erkennen. Gesundheitspolitiker in allen Parteien wollen es sich mit diesen Wählern nicht verderben, lediglich bei der Linken gibt es eine vorsichtig kritische Haltung.

Das ist übrigens kein deutsches Phänomen, auch in anderen wohlhabenden Ländern wie der Schweiz und Großbritannien genießt die Homöopathie Sonderrechte. Das ist ein Unding. Es sollten nur Medikamente verschrieben werden dürfen, deren Nutzen wissenschaftlich einwandfrei bewiesen ist. Es gibt keinen rationalen Grund, die Homöopathie davon auszunehmen. Sie hilft nicht und bringt zudem die Gefahr mit sich, Patienten von einer wirksamen Therapie abzuhalten. Der in der Szene einflussreiche Jens Wurster, Oberarzt an der Tessiner Clinica Santa Croce, behauptet, Krebspatienten allein mit homöopathischen Mitteln geheilt zu haben. Da hört für mich der Spaß auf, denn es gibt keinen einzigen Beleg für eine sinnvolle homöopathische Behandlung oder Symptomlinderung von Krebspatienten.

Wie kann es sein, dass eine erhebliche Zahl von Ärzten trotz ihres wissenschaftlichen Studiums dem Glauben an „säkulares Heilwasser“ anhängen, wie Sie es einmal nannten?

Ich vermute, das hat einerseits mit einer – durchaus berechtigten – Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie zu tun. Und andererseits mit einer Idealisierung natürlicher Heilmittel. Allerdings ergibt die Gegenüberstellung von Gut und Böse, also Natur und Chemie, keinen Sinn. Nehmen wir Taxus-Präparate, ein fantastisches Chemotherapeutikum zum Beispiel bei gynäkologischen Tumoren. Anfangs sind die Taxene aus Eiben destilliert worden, heute synthetisiert man sie – denn man könnte gar nicht so viele Wälder abholzen, um die für die Behandlung aller Patienten notwendige Menge zu gewinnen. Dass die pharmazeutische Industrie dieses Naturprodukt dann zum Nutzen von Kranken optimiert hat, wollen viele Anhänger von sogenannten Naturheilverfahren aber nicht wahrhaben.

Was macht den Reiz der Homöopathie für die Patienten aus?

Ein wesentlicher Grund für die Attraktivität esoterischer Angebote ist die eingeschränkte Dialogfähigkeit vieler klassischer Mediziner. Sie hören ihren Patienten nicht zu, nehmen deren Sorgen nicht ernst und reden zum Beispiel Nebenwirkungen klein. Das macht die Patienten misstrauisch.

Homöopathische Ärzte vermitteln einen anderen Eindruck. Sie nehmen sich vor allem für das erste Gespräch viel Zeit, hören sich in aller Ruhe die Lebens- und Leidensgeschichte ihres Gegenübers an, versuchen, ihn kennenzulernen. Das ist angenehm für die Patienten.

Allerdings ist die Haltung homöopathischer Ärzte letztlich auch paternalistisch, denn sie klären ihre Patienten nicht richtig auf. Nachdem sie sich die Krankengeschichte angehört haben, schauen sie im Repertorium nach, einem dicken Nachschlagewerk, und suchen dort angeblich zu den Symptomen passende Globuli heraus. Dieser Prozess ist für den Kranken intransparent – und selbstverständlich auch nicht medizinisch zu begründen, weil sich mit nichts nicht heilen lässt. Letztlich unterliegen Ärzte, die voller Überzeugung so agieren, einer Selbsttäuschung – und sie täuschen ihre Patienten.

Auffällig ist, dass viele gebildete Menschen der Homöopathie anhängen.

Das ist übrigens auch der Grund, warum immer mehr Krankenkassen mit der Übernahme der Kosten für homöopathische Behandlungen werben. Die Anhänger der Lehre, häufig gut ausgebildete, auf ihre Gesundheit bedachte Menschen, gelten, versicherungsmathematisch gesprochen, als gute Risiken. Das ist das Kalkül. Krankenkassen-Chefs geben das auch zu, wenn man vertraulich mit ihnen spricht.

Eine rationale Begründung also für ein irrationales Angebot.

So kann man es sehen. Ich betrachte es als Verschwendung von Beitragsgeldern.

Sie beschäftigen sich schon einige Jahre mit dem Thema Homöopathie und haben für eine Studie auch Patienten befragt. Was ist Ihre Quintessenz?

Ehrlich gesagt zweifle ich zunehmend an der Behauptung, dass wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Man muss sich vor Augen führen, dass die Behauptungen der zahlreichen Anhänger der Alternativmedizin mit den Erkenntnissen der Physik, Chemie, Pharmakologie, Medizin und Elektrotechnik unvereinbar sind. Also scheinen sehr viele intelligente Menschen noch heute einem magischen Kinderglauben anzuhängen.

Bestimmt haben auch Sie Bekannte, die Globuli schlucken – reden die noch mit Ihnen?

Aber ja, und ich rede auch mit ihnen. Ich will diese Menschen nicht verteufeln. Sie haben subjektiv gute Gründe, zum Homöopathen zu gehen. Mit diesen Gründen müssen wir uns beschäftigen und unser Gesundheitssystem verbessern – zum Beispiel, was den Umgang der Ärzte mit ihren Patienten angeht. Wogegen ich mich wende, ist, dass der Gesetzgeber Scharlatanerie einen Persilschein ausstellt. Der Begriff der besonderen Therapierichtungen sollte aus dem Sozialgesetzbuch gestrichen werden. ---

Norbert Schmacke, 67,

hat in Marburg und London Medizin und Soziologie studiert und ist Facharzt für Innere Medizin. Nach seiner Habilitation war er Leiter des Stabsbereichs Medizin beim AOK-Bundesverband, danach bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 Professor an der Universität Bremen. Schmacke erforscht das Thema Patientenorientierung in der medizinischen Versorgung. Er ist stellvertretendes Unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Jüngst erschien das von ihm herausgegebene Buch „Der Glaube an die Globuli – Die Verheißung der Homöopathie.“ Suhrkamp, 244 Seiten, 14 Euro.

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