Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Götz Paschen, Torfkurier

Weitblick

• Götz Paschen, 47, hat sein Arbeitszimmer im obersten Stockwerk einer ausgebauten Mühle, unten wohnt er. Acht bodentiefe Fenster in alle Himmelsrichtungen, ein Büro wie ein Hochstand. Er ist der Chef des regionalen Kulturmagazins »Torfkurier«, es ist sein Job, nichts zu verpassen.

Das »Torfkurier«-Land liegt zwischen Hamburg und Bremen, die Redaktion in Otterstedt. Wer mit dem Regionalzug anreist, hält in Orten, die Klecken oder Sprötze heißen. Dazwischen ziehen flache Häuser vorbei, unter deren Dächern rote Klinker leuchten. Später schleicht das Taxi im zweiten Gang hinter Traktoren mit schlammigen Reifen her. Niedersächsisches Nirgendwo.

Nur – was soll man hier verpassen? Der erste Teil der Antwort steht im »Torfkurier«, der jeden Monat 300 Kulturtipps auflistet: Kabaretts, Lesungen, Theater, auch Schützenfeste. Den zweiten liefert Paschen, wenn er über seine Region redet, über die Provinz, die er so gar nicht provinziell findet, über die Stadt, die er nur in kleinen Dosen verträgt. Und über seine Freiheit. Denn die hat er genau dort gefunden, wo es anderen schnell zu eng wird: auf dem Land.

Gesucht hat er sie schon als junger Mann, in Hamm / Westfalen, wo er geboren ist. Damals trug er Zopf, engagierte sich beim Bund für Umwelt- und Naturschutz, machte die Pressearbeit, schrieb für eine alternative Monatszeitschrift und studierte Germanistik. Nach zwei Semestern schmiss er hin, zu theoretisch. Lieber wollte er einen Fahrradladen gründen. Er machte ein Praktikum in einer Fahrradwerkstatt in Kopenhagen. Und stellte fest, dass er nicht so der introvertierte Schraubertyp ist.

Warum er ausgerechnet in der niedersächsischen Provinz sein Glück fand? Er kam der Liebe wegen – seine Freundin machte dort eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin. Und er blieb der Liebe wegen – zu jener Landschaft, die ihm schnell das Gefühl gab, hierher zu gehören. Und zu seinen beiden Kindern, Johanna, 18, und Kalle, 15, die er genau hier aufwachsen sehen und für die er da sein wollte. Die damalige Freundin ist heute seine Ex-Frau.

Dass er 1993 den »Torfkurier« gründete, hatte mit der Landschaft zu tun. Zwischen Maisfeldern und Biogasanlagen fand er die Freiheit, die er brauchte, um sein Ding zu machen. Ein Stadtmagazin auf dem Land. Sein Glück, dass die Nachbarn mehr wollen als „Titten, Bratwurst, dickes Auto“, wie er es mit seinem ausgeprägten Sinn für politische Unkorrektheit beschreibt. Überall wäre das Konzept nicht aufgegangen. Hier schon, wo es Waldorfschulen und Kunsttherapie-Zentren gibt und beinahe in jedem Dorf einen Bioladen.

Götz Paschen, Vegetarier, Verleger, Maler, Saxofonist und Langstreckenschwimmer, ist der Prototyp des »Torfkurier«-Lesers. Was ihn interessiert, wird recherchiert. Was ihm wichtig ist, wird Titelthema. Nebenbei organisiert er Flohmärkte, Weihnachtsmärkte, Open-Air-Kinos. Commitment sei wichtig, sagt er, die hiesigen Bauern rechneten in Jahrzehnten. „Die Leute müssen sehen, dass man nicht aus Versehen hier ist. Dann nehmen sie einen auch ernst.“ Als Nachbarn und als Unternehmer.

Aber auch hier, in der selbst gewählten Abgeschiedenheit, ist die Freiheit nicht grenzenlos. Auf dem Land, wo keine Anonymität die Befindlichkeiten abfedert, wo jeder Paschens Tandem auf der Straße erkennt, kann es schnell eng werden. Vor allem für einen wie Paschen, der „ficken“ sagt, wenn er „ficken“ meint, der gern auslotet, wie weit er gehen kann. Vor ein paar Jahren wollte er seinen »Torfkurier« um eine Sexseite erweitern, um Aufklärung zu betreiben, „aber nicht so »Brigitte«-mäßig“. Dafür schön explizit. Aber das war dann doch einigen Lesern zu viel, erst beschwerten sie sich, dann kündigten sie ihre Abos. Er musste auf Aufklärung verzichten. Es half ja nichts. Die Grenze seiner Freiheit ist die Toleranz seiner Leser.

Und das Geschäft. Als er 1993 damit begann, hatte er noch die Vorstellung, er würde nun vor allem schreiben. Obwohl er zwischen der Fahrradwerkstatt und der Zeitungsgründung eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen hatte, verschwendete er kaum einen Gedanken an das Anzeigengeschäft oder den Vertrieb. Die ersten Jahre fuhr er die frisch gedruckten Ausgaben jeden Monat selbst aus, mit dem Lastenrad. „Da habe ich locker 50 Kilometer am Tag gemacht“, sagt er. Bis er irgendwann lernte, dass es dafür Grossisten gibt. Naiv sei das gewesen, klar. Aber ein wenig ist er auch stolz auf diese Unbedarftheit, darauf, einfach gemacht zu haben. Und auf die vielen Kilometer natürlich, die gehören zum Zauber des Anfangs. Er hat sich seine Freiheit erfahren.

Völlige Autonomie gibt es nicht, weder für Unternehmer noch für alle anderen. Aber es gibt Jobs, die einem zumindest die Illusion vermitteln, unabhängig zu sein. Herausgeber ist so einer, der Job verspricht, selbst über die Inhalte entscheiden zu können. Paschen wollte nie bei einer Zeitung angestellt sein, er fürchtete, jemand könnte ihm sagen, was er zu schreiben habe. Schon die bloße Vorstellung von Autorität macht ihm Angst. Was, wenn der Chefredakteur plötzlich entscheide, Braunkohle sei okay?, fragt er. „Ich will die inhaltliche Ausrichtung festlegen und kein anderer. Fertig!“

„Einen Besserwisser abonniert man nicht“

Umweltschutz ist ihm wichtig und damit auch das Thema Nummer eins im »Torfkurier«. Selbst der Name der Zeitschrift hat damit zu tun: In Niedersachsen wird Torf abgebaut, Paschen ist dagegen. Für ihn sind Moore Lebensräume, die man erhalten sollte, der Zeitungsname soll daran erinnern. Aber er ist auch lockerer geworden über die Jahre. „Zu viel Sendungsbewusstsein schadet dem Geschäft“, hat er gelernt. „Einen Besserwisser abonniert man nicht.“ Früher, als Umweltschützer, wollte er die Leute vom Vegetarismus überzeugen, heute, als Publizist, reicht es ihm, selbst Vegetarier zu sein.

Seit 22 Jahren ist er nun also Verleger, Herausgeber, Reporter, Fotograf, Grafiker und Anzeigenverkäufer. Ein bisschen weniger Druck wäre gut, sagt er. Hat er je darüber nachgedacht, zu gehen und etwas Neues anzufangen? Hat er nicht, und das hat mit der zweiten Liebe zu tun: „Glückliche und aufrechte Kinder sind mir ein Herzensanliegen.“ Als er im fünften »Torfkurier«-Jahr Vater wurde, war Aufgeben keine Option mehr. Vielleicht hätte er anderswo mehr Erfolg im Beruf haben können, stattdessen hat er einen intensiven Kontakt zu Johanna und Kalle. „Um dieses private Anliegen herum habe ich mein Berufsleben gebaut: Regionalmagazin plus väterliche Verfügbarkeit. Sonst würde die ganze Verlagskonzeption keinen Sinn ergeben.“

Der »Torfkurier« erscheint am letzten Samstag im Monat, das Herzstück ist der Kulturkalender, mehr als 30 Seiten Tipps, daneben gibt es einen thematischen Schwerpunkt. Er wird bei rund 70 Einzelhändlern in den Landkreisen Verden, Rotenburg (Wümme)und Osterholz verkauft. Die Auflage liegt seit Jahren recht konstant bei 7000 Exemplaren, 1500 werden verkauft, gut 1000 davon via Abonnement. Den Rest verteilen Schüler kostenlos an Haushalte in der Region, wobei die Gebiete ständig wechseln. Außerdem hat Paschen auf fast jedem der hiesigen Frühlingsfeste, Weihnachtsmärkte oder Heilpflanzentage einen Stand. Das Heft ist ein Zwitterwesen: halb Kulturmagazin, halb kostenloses Anzeigenblatt.

2014 hat Paschen knapp 200 000 Euro Umsatz gemacht, ein gutes Jahr, sagt er. Mehr als die Hälfte davon verdiente der Verlag, wobei rund 80 Prozent durch Anzeigen und Beilagen hereinkamen und 20 Prozent durch den Verkauf der Hefte. Den Rest erwirtschaftete die Werbeagentur, die Paschen parallel aufgebaut hat, um Synergien zu nutzen. War ja alles da: Computer, Schreiber, Grafiker, die Slogans fallen ihm selbst ein. Neben den Heften ließ er in den vergangenen Jahren zunehmend auch Flyer und Planen für Traktoranhänger drucken. Früher haben die Kunden nur im »Torfkurier« geworben, jetzt lassen sie dort gleich noch ihre Werbemittel oder ihre Website gestalten. Die Agentur wächst, die Zeitschrift dagegen hat ihr Potenzial ausgeschöpft. Die Reichweite könne er nicht mehr ausbauen, sagt Paschen, ohne den regionalen Anspruch aufzugeben. Ab und an müsse der »Torfkurier«-Leser einen Nachbarn im Heft entdecken.

„Lesen gefährdet die Dummheit“

Momentan arbeiten fünf Leute für ihn, zwei Angestellte, eine 450-Euro-Jobberin und zwei Azubis, einer wird Medien-, der andere Bürokaufmann. Seit der Mindestlohn auch für längere Praktika gilt, bildet Paschen lieber aus. Die Redaktionsräume liegen in einem Anbau der Mühle, an einem Freitagnachmittag in der heißen Produktionsphase sind alle Kollegen da. Anzeigenverkäufer Timo Zielke sitzt im ersten Stock unter abstrakten Wachsmalbildern von Paschen. In seiner Kartei sind knapp 600 Unternehmen gelistet, Tischler, Biobauern, Yogameister, Bäcker, alle aus der Umgebung. Aus ihnen soll er zahlende Kunden machen. Der Durchschnittspreis einer Anzeige liegt bei 75 Euro.

Die Gegend um Otterstedt ist eben, der höchste Punkt liegt 29 Meter über Normalnull. Die Hierarchien in der Redaktion sind nicht so flach. Paschen sagt an, Dinge müssen schnell gehen, Mitarbeiter vorbereitet sein. Er siezt sie, ausnahmslos, trotz seines Nonkonformismus. Siezen helfe die Distanz zu wahren, sagt er.

„Es ist immer klar, dass er der Chef ist“, sagt Hanna Deutschmann, die Paschen von allen Kollegen am besten kennt. Vor fast sechs Jahren begann sie als Praktikantin und machte dann ein Volontariat. Als sie die Redaktion das erste Mal betrat, habe sie sich gewundert, dass hier alles ein bisschen geflickschustert aussieht. Die Schreibtische zum Beispiel: Holzplatten, die auf gestapelten Umzugskartons liegen. Aber das Interieur täusche, die Prozesse liefen professionell, sagt sie, Paschen sei sehr strukturiert.

Deutschmann hat schwarz lackierte Fingernägel und trinkt Pulvercappuccino. Gerade bastelt sie das Cover der kommenden Ausgabe, drei Afrikaner in Regenjacken sind darauf zu sehen, Flüchtlinge. Unter der Decke hängen alle Titelseiten der vergangenen Jahre. Irgendwann fing Deutschmann an, sie aufzuhängen, inzwischen ist der Kreis fast geschlossen. Der Titel über dem Türrahmen ist der erste, den sie allein gestaltet hat, Thema waren Volksläufe in der Region. An den über dem Fenster kann sie sich auch noch erinnern, er zeigt rote Andreaskreuze, mit denen die Leute aus der nahe gelegenen Erdgasregion Bothel gegen Fracking demonstrierten. Umweltschutz und ziviler Ungehorsam, eine Geschichte nach Paschens Geschmack.

In der übernächsten Ausgabe wird es weniger politisch, es geht um Lehrberufe. Am Abend fährt Paschen ins Erlebnisbad nach Verden, um dort eine Auszubildende zu interviewen. Das Gespräch findet im Pausenraum statt, es riecht nach Chlor und klingt nach Föhn. Die junge Frau in Shorts erzählt, was man können muss, um Fachangestellte für Bäderbetriebe zu werden. Paschen schreibt am Laptop mit. Handschriftliche Notizen, die er später noch abtippen müsste, würden zu viel Zeit kosten. Danach macht er die Fotos, hinstellen, für ein Lächeln sorgen, auf den Auslöser drücken. Weiter kein Schnickschnack. Der »Torfkurier« hat eine dünne Personaldecke, Stress ist der Normalzustand. Im Anschluss krault Paschen noch 40 Bahnen. Da er schon mal hier ist.

Er ist immer in Bewegung. Und selten still. Paschen ist ein Sprücheklopfer, einer, der Sätze sagt, die man auf T-Shirts drucken könnte. Sein Slogan für den »Torfkurier«: „Lesen gefährdet die Dummheit.“

Seine Kinder hat der Lebensweg des Vaters offenbar beeindruckt. Johanna hat gerade Abitur gemacht und denkt über ein Studium mit Zielrichtung Kommunikation nach. Kalle, ebenfalls erfolgreich in Richtung Abitur unterwegs, tendiert eher zur zweiten Leidenschaft seines Vaters: Ingenieur werden und eine eigene Fahrrad-Manufaktur aufbauen.

Nein, Paschen bereut nicht, seinen Weg gegangen zu sein. ---

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