Ausgabe 01/2016 - Was Menschen bewegt

Florian Homm

Homms Fall

• Am 3. März 2013 hat sich Florian Homm in Berlin in ein Fernsehstudio gesetzt. Die ZDF-Sendung mit dem Moderator Peter Hahne hatte das Thema „Finanzhai trifft Sozialistin“. Sahra Wagenknecht konnte also nicht weit sein. Homm sei, sagte Hahne gleich zu Beginn, „seit fünf Jahren untergetaucht: Deutschlands schillerndster, spektakulärster Spekulant und Hedgefonds-Manager“.

Für Peter Hahne dürfte Homms Auftritt ein kleiner Scoop gewesen sein. Der von vielen als Kuschel-Talker belächelte Moderator hatte in der Vorankündigung der Sendung denn auch darauf hingewiesen, dass Homm sich „heute erstmals im Fernsehen stellt“.

Die Sozialistin saß, vom Zuschauer aus gesehen links. Der Finanzhai rechts, Hahne in der Mitte. Dann fragte er Wagenknecht: „Muss man solchen Leuten“ und deutete dabei beiläufig auf Homm, „die auch heute aktuell mit der Krise anderer Menschen Geschäfte machen, das Handwerk legen?“

Sahra Wagenknecht antwortete prompt und in vielen Sätzen; zusammengefasst sagte sie einfach nur: „Ja!“, und wie immer, wenn man sie im Fernsehen sehen kann, druckreif, fast frei von Gestik und souverän. „Nein!“, beantwortete Homm dieselbe, im Anschluss an ihn gerichtete Frage ebenso prompt, ausführlich und souverän, wenn auch ungleich lebendiger. Er war, wie immer, leicht gebräunt und trug zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein schütteres Vollbärtchen zu einer intakten Selbstsicherheit zur Schau. Alles an ihm strahlte aus: Ich bin unangreifbar.

++ Geboren am 7. Oktober 1959 in Oberursel ++ Großneffe von Josef Neckermann ++ Basketball-Bundesligaspieler und im Kader der Junioren-Nationalmannschaft ++ Harvard-Abschluss „cum laude“, später MBA Harvard Business School ++ ab 23 Investmentbanker bei Merrill Lynch, Fidelity, Julius Bär ++ ab 1993 Gründung verschiedener Finanzfirmen mit Milliarden-Anlagekapital ++ 2004 Einstieg bei Borussia Dortmund ++ geschätztes Vermögen 600 Millionen Euro ++ September 2007 Homm verschwindet ++

Am 22. September 2015 hat sich Florian Homm in Berlin in ein Fernsehstudio gesetzt. Die ARD-Sendung hieß „Menschen bei Maischberger – Mein Leben als Crash – Von der Schlossallee ins Sozialamt“. Er saß in einer Runde mit einer krebskranken ehemaligen Fernsehmoderatorin in Privatinsolvenz, einem finanziell ruinierten ehemaligen Fußball-Profi, der in den Achtzigern in der deutschen Nationalmannschaft gespielt hatte, und einer unbekannten verschuldeten Gastronomin.

Homm hatte ein blaues Büchlein mitgebracht und auf die Armlehne seines Sessels gelegt, „Our Lady’s Message of Mercy to the World“, eine Fibel mit naiv-süßlichen Sinnsprüchen und Glaubenssätzen, angeordnet nach den Kalendertagen eines Jahres. Liest man darin, wirkt es wie ein Druckwerk einer Marien-Sekte. Auf dem Titel prangt eine hell erleuchtete Madonna vor dunklem Hintergrund. Homm kam bei Maischberger nicht dazu, über das Buch zu sprechen und auch nicht über seinen gefundenen tiefen Glauben und die Bedeutung der Mutter Maria. Es ging hauptsächlich um seine Vergangenheit, wie immer, und die Frage, ob er nicht doch ein Krimineller sei. Homm sah fahl aus, krank, er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Er wirkte fahrig, unsicher und wenig sympathisch. Alles an ihm strahlte aus: Nichts ist okay.

++ 2011 Ermittlungen der US-amerikanischen Börsenaufsicht SEC wegen Aktienkurs-Manipulation ++ 2013 US-Ermittlungen wegen Anlagebetrugs und Marktmanipulation mit einem Schaden von 200 Millionen Dollar sowie Haftbefehl des FBI ++ 2013 Verhaftung sowie 15-monatige Auslieferungshaft in Italien ++ Juni 2014 Haft-Entlassung und Rückkehr nach Deutschland ++ Dezember 2014 Haftbefehl der Schweizer Bundesanwaltschaft wegen Geldwäsche, Betrugs und Urkundenfälschung ++ 

Homm sagte am Telefon, er wolle sich „in einem Haus“ treffen, da sei es „sicher und ruhig“. Bei ihm daheim, nein, das sei ihm nicht recht. „Ich lasse Sie von einem Freund abholen in Limburg, er bringt Sie zu mir. So ist das vielleicht auch besser für Sie.“ – „Wie: besser?“ – „Na ja, es passieren immer wieder komische Sachen, ständig diese Hackerangriffe auf die Website der Firma, die ich mit aufbaue, und manche Polizisten haben immer noch nicht geschnallt, dass der Haftbefehl der Schweiz gegen mich hier in Deutschland wenig Bedeutung hat, und stecken mich für eine Nacht ins Gefängnis, bis mich das BKA am nächsten Morgen wieder freilässt. Wenn so was passiert, ist das ja auch unangenehm für eventuell Beteiligte.“

brand eins: Herr Homm, drei Tage nach Ihrem Wiederauftauchen beim ZDF stellte das FBI einen Haftbefehl aus. In Deutschland drohte Ihnen dadurch keine Gefahr, weil die Bundesrepublik eigene Staatsangehörige nicht ausliefert. Warum zum Teufel sind Sie nach Italien gefahren?

Florian Homm: Im Nachhinein betrachtet war das natürlich eine ziemlich bescheuerte Aktion, …

… die man Ihnen, der jahrelang untergetaucht war, eigentlich nicht unbedingt zugetraut hätte.

Ich hatte vorher einen meiner Anwälte gefragt, ob ich gefahrlos reisen kann. Ich wollte einfach gern meinen Sohn und seine Freundin in Florenz treffen. Der Anwalt hatte mir versichert: Kein Problem, alle mir vorgeworfenen Sachen seien verjährt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dieser unfähige Winkeladvokat seinen Job nicht beherrschte und einen Passus im Dodd-Frank-Act übersehen hatte, ein amerikanisches Finanzgesetz, das die Verjährungsfristen einiger Straftaten rückwirkend um ein Jahr verlängerte. In Deutschland wäre das verfassungswidrig. Ich hätte noch ein bisschen warten müssen mit meiner Reise, dann wäre ich safe gewesen.

Wie lange?

Rund sechs Monate. Stattdessen also Auslieferungshaft in einem Gefängnis in Italien, das nach Serbien und Ungarn die schlimmsten Knäste Europas hat. Italien ist vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sogar schon wegen seiner Haftbedingungen verurteilt worden. Und ich landete auch noch in Sollicciano, einem der überfülltesten und schlimmsten Gefängnisse Italiens. Das ist die Vorhölle. Es ist erst 32 Jahre alt, aber schon vollkommen verrottet und überbelegt. Ich war mit acht anderen in einer Drei-Mann-Zelle mit 19 Quadratmetern. Sollicciano ist für 447 Häftlinge ausgelegt, und mehr als 1000 sind da drin. Üble Typen, Mörder, Drogenhändler, die ganze Palette bis zum Kleinkriminellen. Jeder zweite Insasse ist Analphabet, 40 Prozent der Häftlinge sind keine Italiener, ein Drittel Moslems. Dazu 600 Wärter, die allermeisten genauso üble Typen wie die Insassen.

Wussten die anderen Häftlinge, wer Sie waren?

Klar. Ich kam da an und war für die ein Geldsack, das perfekte Opfer. Die hatten alle die Nachrichten im Fernsehen gesehen, mal war ich der deutsche Madoff gewesen, mal der Multi-Millionär, den die Amerikaner haben wollen, dann der 200-Millionen-Betrüger. Die Gefangenen hatten Dollarzeichen in den Augen, als ich da ankam. Zu meiner Begrüßung sagte der Gefängnisdirektor: „Wir haben mehr als 1000 Gefangene, jeder zweite überlegt gerade, wie er von Ihnen Schutzgeld kassieren wird. Und von den 600 Wärtern machen sich 100 dieselben Gedanken. Wenn Sie Probleme haben, kommen Sie zu mir.“ Was so ziemlich das Letzte ist, was man im Gefängnis tun darf: „Papi, der böse Tschetschene, der böse Albaner will mich erpressen.“ Bei der Dynamik in so einem abgefuckten Knast ist das tödlich. Da kann man sich gleich einen Strick nehmen. Ich brauchte dringend einen Plan.

Und der war?

Seilschaften schließen. Und zwar so schnell wie möglich. Das Entscheidende vollzieht sich im Knast nonverbal. Man wird ständig abgecheckt. Wie läuft der zur Tür rein? Steht der gerade?, Steht er zu gerade? Ist er nervös? Ist er cool?, Ist er zu cool?, Wo hat er seine Hände?, Kann er sich behaupten?, Zuschlagen? Geht er meinen Augen aus dem Weg? Man muss ständig alle und alles beobachten, wach sein. Das ist wie unter feindlichen Wölfen, die sich im Wald begegnen. Man muss firm und solide auf die anderen wirken, ohne es genau darauf anlegen zu wollen.

Was wurde aus dem Plan?

Langsam, langsam. Geht schon los. Die Kapos der Muslime von Sollicciano waren in meiner Zelle, Hakim aus Marokko und ein gambischer Scheich. Ziemlich große Drogenhändler, aber gute Typen. Beide waren sehr gläubig und unter den Gefangenen extrem respektiert, Hakim für seine Brutalität, der Scheich für seine religiöse Bildung. Er sprach auch Englisch. Mein Italienisch war sehr schlecht, bis auf ein paar Basics, die du im Knast brauchst.

Welche sind das?

Die beiden wichtigsten Sätze, die ich sehr schnell draufhatte, waren „Lascia!“ und „Sta’ zitto!“ Was so viel heißt wie „Lass das!“ und „Halt die Klappe!“ Mit dem Scheich konnte ich mich auch etwas tiefergehend unterhalten, und ich betete jeden Tag meinen Rosenkranz. Als gläubiger Muslim hat er mich als gläubigen Christen respektiert. Nicht nur bei den Muslimen, auch bei den italienischen Organisationen im Knast hat der Katholizismus eine gewisse Autorität, die einen schützen kann. Vor allem mit den Typen von der ‘Ndrangheta kam ich sehr gut klar, für die hat der katholische Glaube absolute Relevanz.

Gibt es Unterschiede zwischen den Gruppen?

Massivst. Die ‘Ndrangheta war die mit Abstand mächtigste Gruppe im Knast. Nicht zahlenmäßig, aber sie sind extrem strukturiert und organisiert. Alles kreist um einen fast heiligen Familienbegriff und unumstößliche Regeln, die fast schon einen eigenen Katechismus bilden, den sie gern aus alttestamentarischen Quellen beziehen. Die ’Ndranghetisti wirken fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Sie tolerieren keine Drogen in den eigenen Reihen, keiner darf kurze Hosen tragen, und auf das Wort eines Typen der ‘Ndrangheta kannst du dich verlassen. Die Camorra ist vergleichsweise schäbig, unübersichtlich, es gibt viele verschiedene Clans, die sich stark unterscheiden. Insgesamt haben die Kapos der Camorra nicht dieselbe Gravitas der ‘Ndrangheta und vielleicht noch der Cosa Nostra, aber von denen gab es nicht so viele im Knast. Mein Status als Katholik hielt mir diese Typen ganz gut vom Leib. Ich hieß im Knast übrigens Ratzinger.

Wenn das nicht stimmen sollte, wäre es gut erfunden.

Ich denke mir das nicht aus, das war so. Später hieß ich überall im Knast nur noch Ratzinger. Irgendwie bin ich jedenfalls in die Muslim-Gruppe reingekommen, Glaube war unsere Verbindung. Und es hat sicherlich auch geholfen, dass ich Deutscher bin, Deutsche sind angesehen unter Muslimen. Ich stand bald unter dem Schutz der beiden und damit automatisch der Gruppe. Ich war connected und damit etwas sicherer vor Übergriffen. Sie haben mich respektiert und ich sie. Respekt ist der zentrale Begriff im Soziotop Gefängnis. Den musst du dir erarbeiten, sonst bist du Freiwild. Aber connected zu sein reicht natürlich nicht aus.

Heißt?

Heißt: Du musst ab und zu deinen Standpunkt klarmachen.

Standpunkt klarmachen.

So sieht’s aus. Ich habe im Gefängnis immer versucht, Gewalttätigkeit zu vermeiden, ohne dabei schwächlich zu wirken.

Versucht?

Es war in meiner Situation absolut undenkbar, ohne Gewalt auszukommen. Es gab immer irgendeinen üblen Typen, der einen abziehen wollte. Ich war in den Augen vieler immer noch ein mögliches Opfer. Ob ich nun Schutz hatte oder nicht, es kann immer passieren, dass einer auf dich zukommt und dich zwingt … körperlich zu reagieren. So möchte ich es nennen. Wenn es darauf ankommt, muss man loslegen. Und das habe ich getan.

Was haben Sie getan?

Ich rede als Christ ungern darüber.

Lassen Sie es uns alttestamentarisch betrachten. Da ging es ja durchaus robust zur Sache.

Sagen wir es so: Es hilft, wenn Sie in Auseinandersetzungen ein biologisches Grundverständnis haben. Ein Adamsapfel ist zum Beispiel in einem Kampf ein sehr einladendes Ziel. Ein Schlag verursacht trotz geringen Kraftaufwands viel Schaden. Der andere darf dabei natürlich nicht ersticken, klar. Auch gut: die Daumen in die Augen, supereffektiv. Die massivste Wirkung hat es, im Kampf auf die Ohren des Gegners zu gehen. Es ist erstaunlich, wie vergleichsweise wenig Kraft man braucht, um sie abzureißen.

Sie haben jemandem ein Ohr abgerissen?

Das lässt sich nähen. Es blutet einfach sehr, sehr stark. Und das sendet im Knast ein gut sichtbares Signal. Und hören kann man hinterher auch noch. Ich konnte ganz gut auf mich aufpassen. Schlimm war nur, dass ich manchen anderen nicht helfen konnte, die in der Hierarchie ganz unten standen und da als Opfer rumliefen. Es gab einen christlichen Bruder von mir, einen kleinen älteren Mann, der sich nicht wehren konnte und nicht connected war. Der war in Sollicciano praktisch sexuelles Freiwild und ist ständig vergewaltigt worden. Das war …

Für kurze Zeit kann er nicht weitersprechen. Fast weint er. Bei Maischberger ist ihm das auch passiert. Es wirkte damals nicht geschauspielert und auch jetzt nicht. Und doch möchte man es reflexhaft dafür halten. Er will einfach nicht zu ihm passen und wirkt aufgesetzt.

++ 2000 MS-Diagnose ++ 2006 Tod der Schwester durch MS ++ 2006 Attentat in Caracas ++ 2007 Scheidung ++ 2012 Kopfgeld auf Homm in Höhe von 1,5 Millionen Euro ++ 2013 Krebserkrankung der Mutter ++

Er redet jetzt viel vom neuen Homm. Er hat sogar ein Buch über sein neues Ich als Christ geschrieben. Doch er ist der alte. Das Fromme, Erleuchtete, seine etwas naiv daherkommende Beseeltheit dementiert er mit derselben ungefilterten, fast schon rücksichtslosen Entschiedenheit wie früher das zur Pose geronnene Klischee einer Heuschrecke. Damals wie heute hat er sich nicht wirklich darum gekümmert, ob irgendjemand hören oder sehen wollte, was er zu sagen oder zu zeigen hatte. Der einzige Unterschied zu früher: Er hat ein neues Thema.

Es gibt alte Fotos von ihm, die zeigen einen lächerlichen Typen. Die nach hinten gegelten Haare, die fette Havanna zwischen die Lippen geklemmt, das zu jeder Gelegenheit zu Laute, Angeberische, die große Schnauze. Jetzt spricht er davon, die Mutter Maria sei jetzt seine Chefin, er habe die Aufgabe, ihre Botschaft zu verkünden. Und wie früher fehlt ihm das rechte Maß, und wieder wirkt es überzogen, albern.

brand eins: Dass man Ihnen Ihre neue Religiosität nicht so richtig abnimmt, ist Ihnen klar, oder?

Florian Homm: Klar. Ich bin ja nicht bescheuert.

Sie kommen rüber wie ein Typ aus einer Sekte.

Das ist mir total egal. Warum muss jeder immer in derselben Scheißschublade drinbleiben, in die er mal reingesteckt wurde? Ich war nicht glücklich, okay? Mein Leben hat nicht funktioniert. Es war Zeit, mal was Neues zu probieren, okay? Oder soll ich im Ernst wie Carl Icahn noch 30 Jahre Finanzgeschäfte und Übernahmen machen? Mann, das wäre bescheuert. Ey, Mann, wenn ich wenigstens glücklich dabei gewesen wäre. War ich aber nicht. Ich hatte jede Menge Adrenalinkicks, das ist wie eine fette Linie Koks. Ich kenne die Produktpalette. Aber Kicks sind nicht das Gleiche wie Glück. Was ist so spannend daran, mit 25 Millionär zu sein? Nichts. Ich bin jetzt glücklich, ob mir das einer abnimmt oder nicht, ist mir scheißegal. Ich bin froh und dankbar, dass ich den Knast überlebt habe und ohne Aids oder Hepatitis C da rausgekommen bin. Ohne meinen Glauben hätte ich das nicht geschafft, mir ging es oft sehr, sehr schlecht.

Wie viel Schwäche konnten Sie zeigen?

Gar keine. Das musst du mit dir selbst abmachen. Ich habe zum Beispiel noch eine Kugel am zwölften Rückenwirbel stecken, die nach dem Attentat auf mich nicht entfernt werden konnte, das Risiko einer Voll-Lähmung war zu hoch. Im Knast durfte das keiner wissen. Bei einer Schlägerei prügeln sie dir sonst auf den Rücken. Sie haben es im Gefängnis mit absoluten Profis zu tun. Ich habe Auftragsmörder kennengelernt und ein-, zweimal auch in Aktion gesehen. Das sind handwerklich sehr fähige Leute, die sich genau überlegen, wo ihr Gegner am zerbrechlichsten ist.

Wie war das mit Ihrer MS im Gefängnis?

Das war sehr, sehr übel. Vor allem deshalb, weil mir meine Medikamente vorenthalten wurden. Ich war fett, zittrig, meine Beine waren fast gelähmt, ich konnte nur noch am Stock laufen. Der psychische Stress trägt natürlich auch dazu bei, dass es zu Schüben kommt. Nur auf Druck meiner Anwälte habe ich dann Medikamente bekommen. Ich hatte ein paar gute Chancen, draufzugehen. Und die Wahrscheinlichkeit, in irgendeinem US-Gefängnis zu verrecken, war bei 90 Prozent. Ich bin seit 25 Jahren der Erste, der er geschafft hat, von Italien nicht an die USA ausgeliefert zu werden. Ich bin einfach nur dankbar gerade. Das waren sehr extreme 15 Monate.

Was in gewisser Hinsicht zu Ihnen passt.

Das ist schon richtig. Bei mir war eigentlich immer alles extrem. Ich habe extrem Sport gemacht, und es musste gleich Bundesliga und Nationalmannschaft sein. Ich habe extrem Geld gemacht, nicht okay Geld gemacht, ich war fast Milliardär. Ich habe 100 Stunden die Woche gearbeitet, auch extrem. Und ich bin extrem auf die Fresse gefallen. Ich kann nichts moderat machen, verstehen Sie? Ich kann auch meine christliche Aufgabe nicht moderat erfüllen. Es muss immer alles top sein, und ich muss immer top sein.

Und wenn das mal nicht hinhaut?

Dann bin ich frustriert. Ich spiele zum Beispiel Computer-Schach, und ich bin auf mittlerem Niveau. Ich spiele aber auf Championship-Level und kriege vom Computer ständig eins reingewürgt, dass es mir selbst ein bisschen peinlich ist, wie schlecht ich bin. Verdammt ernüchternd ist das.

Wie stehen Sie zu all den Vorwürfen aus den USA und der Schweiz?

Da ist nichts dran. Ich bin sicher, dass ich das alles entkräften könnte. Die Behörden ermitteln seit Jahren und haben noch keine Anklage erhoben. Meine Anwälte sagen mir, ich hätte gute Chancen, all die Verfahren zu gewinnen, wenn es denn irgendwann tatsächlich mal dazu kommen sollte. Ich bin da ganz ruhig. Mein einziges Problem ist nur: Ich habe keine Kohle, um die Anwälte zu zahlen.

„Der Freund“ fährt einen auch zurück nach Limburg. Es ist Michael Uhlemann, Homm und er kennen sich, sagt Uhlemann, „schon seit Ewigkeiten“. Homm lebt jetzt bei seiner krebskranken Mutter in Kronberg. Er sagt, er habe kaum Geld. 25 Millionen Euro lägen auf Konten in der Schweiz, an die er nicht rankomme. Er lebe von rund 1200 Euro im Monat. Knapp 700 Euro Invalidenrente und zusätzlich an die 500 Euro als Angestellter.

Uhlemann hat mit Homm eine Firma aufgemacht, sie ist auf Uhlemann eingetragen, und er habe Homm eingestellt. Homm sagt, er sei nicht krankenversichert, „ich bin 56, ich habe MS, ich müsste mich privat versichern lassen, das kann ich mir nicht leisten, so sieht’s aus.“ Er rauche nicht mal mehr. „Kein Geld für.“

Die Firma heißt Die Zweite Meinung, Coaching, Beratung, so etwas. Ob es tatsächlich so gut läuft, wie Homm sagt – sie hätten viele Anfragen, er könnte sofort seine Geldprobleme lösen, große Anlagen verwalten, so wie früher, doch diese Angebote müsse er natürlich ablehnen, er habe da keinen Bock mehr drauf, nehme nur ethisch vertretbare Aufträge an –, das sei dahingestellt.

Auf der Website der Zweiten Meinung ist ein billig gemachter, knapp fünf Minuten langer Film zu sehen, in dem Homm zu erklären versucht, was er da in dieser Firma macht, was das soll und warum dieser Ansatz einzigartig ist. Er steht mit einem Flipboard auf einer Wiese, im Hintergrund hört man Autolärm. Er hat das Haar nach hinten gegelt, er hat ein gebräuntes Gesicht, er sieht ein bisschen aus wie früher. Er hat ein paar Buzzwords aufs Papier gekritzelt, „Wertschätzung“ steht da, „Klima“, „lateral“, „Sinn“, und er erzählt weitschweifig, wie das eine mit dem anderen zusammenhänge. Gegen Ende seines Vortrags hebt der Herbstwind die Papiere in die Höhe, und Homm verliert den Faden. Er schaut dann in die Kamera und rettet sich in ein Lächeln. Das kann er immer noch sehr gut. ---

Florian Homm: 225 Jahre Knast – Die Bekehrung eines berüchtigten Finanziers. Finanzbuch-Verlag, 2015; 192 Seiten; 16,99 Euro

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