Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Die Inventur

Der unzufriedene Mensch findet keinen bequemen Stuhl. – Benjamin Franklin

1. Die Inventurliste

Was macht man eigentlich, wenn das Alte geht und das Neue kommt? Wehmütig zurückschauen, ängstlich voraus? Die Geschichte hinter sich lassen und fröhlich nach vorn stürmen?

Ach was. All das ist Unfug. Wer sich wirklich zum Besseren verändern will, der macht erst einmal eine Liste. Eine Liste, die erfasst, was man hat – eine Inventur. Dieser schöne Brauch, der in Deutschland Tradition hat sowie vom Handelsgesetzbuch (Paragraf 240) Kaufleuten vorgeschrieben wird, ist ein Verzeichnis dessen, was man zu einem bestimmten Stichtag besitzt und schuldet.

Eine solche Inventurliste ist mehr als bloß ein Verzeichnis dessen, was da ist. Sie zeigt uns auch, was im Lauf der Zeit verloren ging. Und wenn wir all das richtig lesen, erfahren wir auch, was mit dem, was wir haben, zu tun ist. Das lateinische invenire bedeutet so viel wie etwas finden und auf etwas stoßen. Die Liste hilft uns also auch zu verstehen, was wir noch brauchen. Die Inventur ist die Grundlage des Neuanfangs.

Was haben wir? Was kann weg? Was belastet uns? Und was muss wichtiger werden? Welche Regeln sind überholt, welche Prozesse zu hohlen Routinen geworden, welche Methoden können ausgemustert werden? Und was soll an ihre Stelle treten? Das Ziel ist klar: Erkennen, was wir wirklich können und wollen. Und der Zweck wäre nichts weniger als die Erlangung unserer persönlichen Freiheit. Wer mit kühlem Kopf Inventur macht, muss nicht nur damit rechnen, den Stand der Dinge kennenzulernen, sondern dabei auch noch auf sich selbst zu stoßen.

Fangen wir an.

2. Übersicht

Inventuren sorgen für etwas, ohne das die Wissensgesellschaft nicht auskommt: Übersicht und Orientierung. Erst auf dieser Grundlage kann man entscheiden. Und Entscheidungen sind das Fundament der Freiheit. „Freiheit ist die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können“, steht dazu in der Wikipedia, eine schöne und klare Definition. Dazu muss man aber erst mal seine Angst vor dem Entscheiden, der Vielfalt und Komplexität verlieren.

Unser Leben sieht meist anders aus: Wir „verstricken“ uns in Details, „verlieren den Faden“ oder haben den „Überblick verloren“. Alles Begriffe der Not und des Zwangs. Die gängige Reaktion darauf ist das Nichtentscheiden. In wohlhabenden Gesellschaften ist das eine bewährte Reaktion auf Vielfalt. Es geht ja auch so. Man geht nicht zur Wahl, weil einem ein paar Details im Wahlprogramm des Kandidaten nicht passen, Veränderungen unterbleiben, wenn wir uns nicht mitbewegen. Wer Inventur macht, kommt am Wort Entscheidungskompetenz nicht vorbei. Das ist die zentrale Tugend der Wissensgesellschaft, ungefähr das, was früher Fleiß, Strebsamkeit und Disziplin zusammen waren.

Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, sagt, dass Entscheidungskompetenz aber nicht mit herkömmlichen Maßstäben gemessen werden könne. „Wir müssen uns von den alten Vorstellungen verabschieden, dass wir optimal entscheiden können – also Informationen haben, bevor wir einen Haken dranmachen. Es genügt, wenn wir zufriedenstellende Entscheidungen treffen.“ Früher herrschte Informationsmangel, heute herrscht Informationsüberfluss. Das verändert das Spiel. Man kann nicht alle Informationen verwenden, sondern bedient sich „smarter Heuristiken“, wie Gigerenzer es nennt. „Die Frage ist nicht: Was ist perfekt? Denn die führt nur dazu, dass man gar nichts macht. Die Frage ist: Was ist gut genug?“ Man müsse den Umgang mit smarten Heuristiken lernen und trainieren, sagt Gigerenzer. „Das ist die einzige Möglichkeit, um die Menschen von der zunehmenden Flucht in die Nichtentscheidung abzuhalten – die führt immer weg von der Freiheit.“

Nicht nur weil dann eben andere entscheiden – und zwar in der Regel zügig und ohne allzu viel Ehrfurcht vor der Komplexität.

3. Weglassen

Grundfalsch wäre es, Gigerenzers Idee der „smarten Heuristiken“ mit einem heute ebenfalls sehr beliebten Prinzip zu verwechseln, dem des Weglassens. Reduktion als solche ist zwar weder gut noch schlecht – es ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn man mal ein wenig aufräumt und was rausschmeißt. Wenn man allerdings anfängt, die Wirklichkeit und Vielfalt so lange zurechtzustutzen, bis man durchblickt, geht dabei das Wesentliche verloren. Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht die Klügsten sind, die nach Vereinfachung und Reduktion rufen – und dass das, was dabei herauskommt, in keinster Weise zufriedenstellend ist.

In der europäischen Wissensgeschichte gibt es zwei Haltungen, was diese Frage angeht. Viele Vereinfacher handeln nach dem „Sparsamkeitsprinzip“ des englischen Gelehrten Wilhelm von Ockham, der sogenannten „Lex Parsimoniae“, etwas legerer auch „Ockhams Rasiermesser“ genannt, weil dabei alles weggeschnitten wird, was man vermeintlich nicht braucht, um etwas zu verstehen.

Ockham, ein englischer Mönch, der vor rund 700 Jahren lebte, meinte, „das von mehreren möglichen Erklärungen für ein und den selben Sachverhalt die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen ist“. Diese einfachste, logische Theorie soll auch die einzig anerkannte sein. Diskurs, Streit, Auseinandersetzung – allesamt unvermeidliche Begleiterscheinungen von Freiheit und Befreiung, sie sollen nicht stattfinden. Eine Lösung, eine Antwort – so einfach ist das. Diese Dogmatik ist bis heute durchaus üblich. Widersprüche zu herrschenden Lehren enden nicht mehr auf dem Scheiterhaufen, aber regelmäßig mit Stigmatisierung und beruflicher Ausgrenzung – dem sozialen Tod.

Gegen Ockham bezieht erst der deutsche Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz Stellung – knapp 350 Jahre nach dem Tod des englischen Mönchs. Wenn es um Definitionen, um Erklärungen gehe, solle man sich zwar um größtmögliche Einfachheit bemühen, so Leibniz, ansonsten aber lebten wir deshalb in der besten aller Welten, weil diese die größtmögliche Vielfalt mit sich bringe.

Natürlich war das noch lange und in jeder Hinsicht die weitaus unglaubwürdigere Theorie. Fundamentalisten bekämpfen die Freiheit nicht nur deshalb, weil sie ihrem totalen Anspruch auf die Macht widerspricht, sondern weil sie Chaos anrichtet, unübersichtlich ist. Freiheit ist Unordnung. Diese Gleichsetzung existiert auch noch im 21. Jahrhundert und nicht nur beim sogenannten Islamischen Staat und seinen geistigen Verwandten. Offene Gesellschaften und offene Systeme beunruhigen alle, die mit Komplexität nicht umgehen können. Freiheit und Vielfalt kann man in dieser Zeit nicht voneinander trennen. In der Mitte des Konfliktes um Freiheit und Lebensstil geht es, wie immer, ums Materielle. In der westlichen Konsumgesellschaft ist diese Grundlage der persönlichen Freiheit durchaus in Misskredit geraten. Die Kritik am großen Waren- und Dienstleistungsangebot gehört zum guten Ton. Was sind das für Klagen?

4. Innen Frei

Noch vor einigen Generationen wäre das undenkbar gewesen, das Klagen über ein Zuviel ein Luxusproblem. Freiheit, das hing ganz entscheidend von den materiellen Möglichkeiten ab, die man vorfand. Meistens konnte man derlei nicht ernsthaft verhandeln. Und selbst wenn man zu den Bessergestellten gehörte, befand sich der Einzelne in einem engen Korsett aus Abhängigkeiten und Zwängen, die seine persönlichen Entscheidungen beeinflussten – und in der Regel auch unmöglich machten. Man entschied nach „Raison“, so, wie es sich gehörte. Das Leben war unfrei. Bestenfalls innen, im Reich der Seele, so glaubten die griechischen und römischen Stoiker der Antike und ihre zahlreichen Nachfahren später, konnte man ein wenig die Freiheit erfahren. Nach außen hin musste man ertragen, die Welt so nehmen, wie sie war. Innen hingegen konnte man mit den Sachzwängen eine Art Separatfrieden schließen.

Mit dieser Art von Freiheitssicht kann man sich in jedem System arrangieren, in einer Diktatur ebenso wie in einem Gefängnis.

Nur wenn man seine Rolle akzeptiert, ist man frei. Nach innen, in der Seele, herrscht dann Frieden, ganz gleich, wie es draußen vor der Tür zugeht. Man will seine Ruhe haben, trifft laufend Arrangements mit der Realität. Sich frei machen, das ist zur inneren Angelegenheit geworden. Nicht mehr die Wirklichkeit soll verändert werden, sondern das persönliche Verhältnis dazu.

Nicht wenige Kinder der Überfluss- und Konsumgesellschaft hängen dieser Lehre an – sie ist die neue Stoa. Ihre Freiheit heißt Verzicht. Die Freiheit der Seele ist ein reines Gewissen. Es geht nicht darum, die Inventurliste kritisch nach Dingen und Sachverhalten zu durchforsten, die das eigene Leben oder die Freiheit anderer infrage stellen. Es geht nicht um Differenzierung, um die Frage, wo Wachstum gut sein könnte und wo es einfach auch mal genug ist. Es geht nicht ums richtige Maß, sondern um den Verzicht an sich. Nur weniger Wachstum ist gut. Das ist kein Freiheitskampf, sondern eine nie enden wollende geistige Sperrmüllwoche, bei der die am angesehensten sind, die sich am meisten in ihrer Reduktion verausgaben. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es nur die eigene Freiheit, das eigene Leben betrifft. Doch die Erfahrung lehrt: Die Mission fährt mit. Das kann nicht wirklich überraschen. Die Selbstgeißler des Mittelalters, die sogenannten Flagellanten, bezeichneten ihre Selbstverstümmelung als „disciplina“, auf Deutsch so viel wie „Erziehung“.

5. Notwendigkeiten

Die Diskussionen über den Wert der Freiheit sind deshalb so endlos, weil die Antworten darauf so vielfältig sind, wie es Menschen gibt. Und fast immer ist diese persönliche Antwort mit der Mühe verbunden, mit sich selbst ins Reine zu kommen, also seine Inventurliste anständig zu führen.

Was macht man mit der Freiheit, wenn man erst mal befreit ist – sei es vom Zuviel oder vom Zuwenig? Was kommt, wenn man sich nicht mehr um die nackte Existenz sorgen muss? Darüber denken Utopisten seit Langem nach. Doch erst mit der Industrialisierung hatten ihre Visionen eine reelle Chance auf Umsetzung.

Als die Industrialisierung begann, trieb diese Frage eine ganze Generation um, darunter auch den Trierer Philosophen Karl Marx. Die neuen Maschinen, Automaten, der Reichtum, der sich dadurch anhäufen würde – all das sollte zu einer „Betätigung der Freiheit“ führen, zu einer „Selbstverwirklichung“, die zu einer „realen Freiheit“ führen würde. Das war nicht so klar wie heute, aber man konnte es dennoch erkennen. In der Zwischenzeit musste man einen Kompromiss eingehen. Wer freier werden wollte, musste sich zuerst in Ketten legen lassen. Das war der Deal.

Marx nannte diese erste Phase der „realen Freiheit“ das „Reich der Notwendigkeiten“, in denen man diszipliniert und ohne Murren seine Arbeit verrichten sollte. Das war natürlich nicht als Dauerzustand gedacht. Man sollte sich regelrecht freischuften, in eine Gesellschaft „ohne Arbeit, ohne Zwang, ohne äußere Zweckmäßigkeit“ – ein Reich der Freiheit, das „jenseits der Sphäre der eigentlichen Produktion“ liege, wie Marx meinte.

In dieser besten aller Welten, in der nichts mehr drückt, alles Luft hat und passt, befin-det man sich im Kommunismus. So weit die Theorie.

Dabei fallen einem sofort zwei Dinge ins Auge. Erstens: Karl Marx hat das Grundgerüst seiner Modelle offensichtlich bei den großen monotheistischen Weltreligionen geklaut. Auch dort wird ein Reich der Freiheit versprochen, das Paradies, und auch das betritt man nur, wenn man sich zuvor, auf Erden, seinen Schneid gründlich hat abkaufen lassen. Der Unterschied liegt nur beim Lieferdatum: Der Kommunismus verspricht die Freiheit so bald wie möglich, die abrahamitischen Religionen per Stichtag Jüngstes Gericht. Die Praxis lehrte: Das läuft in beiden Modellen aufs Gleiche hinaus.

Die Vorstellungen eines „Reichs der Freiheit“ wurden aber nicht nur von Marx geträumt. Der Industriekapitalismus hat der Konsumgesellschaft einen bis dahin unvorstellbar breiten Wohlstand beschert.

Das materielle Wohlergehen wurde von Anfang an mit Freiheit gleichgesetzt. Die Kontrahenten der Weltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts verfolgten dieselben Ziele. Weniger Arbeit, mehr Konsum, mehr Materialismus. Das ist der Kern des industriellen Freiheitsgedankens. Bis in die Sechzigerjahre fand das kaum jemand merkwürdig, doch in dieser Zeit begann die erste Generation, die im Überfluss aufgewachsen war, diese Gleichstellung zu bezweifeln.

Marx schrieb „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, und das hätte Henry Ford, der industriekapitalistische Übervater, genau so unterschrieben. Im 19. Jahrhundert ritt man mit offenem Hemd und erhobenem Säbel, um sich von den Tyrannen zu befreien – das waren die Leute, die einem Brot und Auskommen verweigerten und Gewalt antaten. Hundert Jahre später wurde die Freiheit im Westen durch Supermärkte, Freizeitparks und Pauschalreisen verteidigt. Heutzutage klingt der Satz „Freiheit ist die Abwesenheit materieller Zwänge“ fast schon profan, er hat zu wenig Pathos, zu wenig Leidenschaft. Es heißt, dass die Freiheit heute genau darunter leide, dass sie zu wenige leidenschaftliche Verteidiger habe, zu wenige Freiheitskämpfer.

Ist das so?

6. Befreiungen

Wir streichen auf unserer Inventurliste die falschen Sachen weg, weil wir nicht wissen, was uns wirklich befreit – was also tatsächlich zu einem Neuanfang auf der Grundlage der grandiosen materiellen Erfolge der Vergangenheit führt. Wir haben uns so sehr mit der Masse und Menge verausgabt, dass dabei das Ziel – die Person – aus dem Auge geraten ist. Wir kommen nicht weiter, weil wir immer dort, wo wir eigentlich über Freiheit nachdenken müssten, von Befreiung reden – manchmal aus guten Gründen immer noch, zuweilen aber auch aus alter Gewohnheit schon wieder. Es sei, so hat Hannah Arendt geschrieben, eine „Binsenweisheit (…), dass die Sehnsucht nach Befreiung keineswegs identisch ist mit dem Willen zur Freiheit“ – aber „wenn solche Selbstverständlichkeiten so leicht übersehen werden, so deshalb, weil es in der Geschichte viele Befreiungskämpfe gibt, über die wir sehr gut unterrichtet sind, und sehr wenig wirkliche Versuche, die Freiheit zu gründen, von denen wir zudem meist nur in Form von Legenden überhaupt etwas wissen“.

Das ist ein wichtiger Hinweis: Unsere Freiheit besteht – aus gutem Grund – immer noch aus Befreiung, aber nicht aus jener von diesen Zwängen losgelösten Möglichkeit, sein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Diese persönliche Freiheit ist auch im Westen keineswegs geschätzt und gilt im Zweifel als abweichendes Verhalten. Doch Arendt ging es um etwas Neues: Was, wenn die materielle Befreiung klappt? Was dann? Die alte Befreiung war eine Erlösung. Aber die neue Freiheit ist Gestaltung. Arbeit. Die negative Freiheit, was so viel wie die Befreiung von etwas bedeutet, und die positive Freiheit, sie passen scheinbar nicht zusammen.

Die positive Freiheit, die Freiheit des Wollens, hat einen entscheidenden Haken: Befreiungskämpfe sind in unserer kulturellen Wahrnehmung gute Kriege, denn sie werden – in der Regel zumindest – gegen den Zwang geführt und für das Glück der Mehrheit. Der Kampf um die positive Freiheit hingegen wird längst nicht so freundlich aufgenommen. Positive Freiheit ist ein persönliches Programm. Das gilt in einer Kultur, in der Ich und Wir als Widerspruch konstruiert werden, als egoistisch.

Für Marx ist die persönliche Freiheit „erst in der Gemeinschaft möglich“ – und bis heute ist seine Sichtweise in der Gegenwartskultur erkennbar. Dass der Einzelne auch ohne den anderen er selbst sein – und entscheiden – kann, ist unserer Kultur suspekt. Der Mensch soll sich einordnen, muss organisiert werden, das System weiß, was für dich gut ist. Das kommt heraus, wenn man, wie Marx, die Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft als Feindbild sieht, „als Abgrenzung von den anderen, um sich im gesellschaftlichen Leben Freiräume offenzuhalten“. Der Erfolg solcher Ideologien beruht darauf, dass sie Vereinfachungen anbieten. Sie flüstern unaufhörlich: „Befreie dich von der Last schwerer Entscheidungen. Hör auf, dich mit Auswahl und Unterschieden zu quälen! Wir erledigen das für dich.“ Inventur? Braucht keiner. Es gibt für alles ein Formular. Niemand muss sich entscheiden, keiner ist verantwortlich. Auf das Reich der Notwendigkeiten folgt erst das der Vorschriften, dann das der Verbote.

7. Der Frei-Raum

Es geht darum, diese Muster zu erkennen.

Hannah Arendt wusste, wohin sie führen. Im Jahr 1951 erschien ihr Buch „The Origins of Totalitarianism“, das die deutsch-amerikanische Denkerin schlagartig berühmt machte. Darin findet sich ihre Definition der „totalitären Herrschaft“, deren Charakter nicht darin besteht, „dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns – und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit – verschwindet.“

Das ist das Ergebnis absoluter Vereinnahmung. Es gibt keinen Unterschied mehr – und damit auch keinen Grund mehr zu handeln.

Wer nicht mehr handeln kann, ist nicht frei. Dazu braucht es keine äußere Diktatur. Max Weber hat als Folge der zunehmenden Bürokratisierung des Kapitalismus und seiner Gesellschaft ein „stahlhartes Gehäuse“ in Aussicht gestellt. Man kann sich das heute ganz gut vorstellen. Wie viel Freiraum des Handelns, des Entscheidens verbleibt noch in der Arbeit, im Privaten, im Leben? Wie viele Stunden am Tag reagieren wir nur? Und wo entscheiden wir tatsächlich?

Auch hier empfiehlt sich ein Blick in die Arbeit Hannah Arendts. In ihrem Buch „On Revolution“ aus dem Jahr 1963 hat sie das westliche Freiheitsverständnis gründlich untersucht. Sie verbindet es mit den „klassischen“ Freiheitskämpfen der Revolutionen. Die Autorin stellt zunächst eine nüchterne Frage: Was sind Revolutionen, was ist ein revolutionärer Geist? Ihre Antwort ist klar: Wer sich „nur“ von Zwang und Herrschaft befreit, der hat noch keine Revolution gemacht. Die verdient ihren Namen erst, wenn mit ihr etwas Neues beginnt – ein „Neuanfang“, wie sie sagt.

Die amerikanischen Revolutionäre der Unabhängigkeitskriege rebellierten, anders als ihre französischen Freunde Jahre später, nicht vor dem Hintergrund bitterer Not. Die Amerikaner lebten vergleichsweise gut, hatten genug zu essen und meist „einen warmen Ofen“, wie Benjamin Franklin das einmal nannte.

Es passte ihnen allerdings nicht, dass die Briten sie besteuerten und ihnen Vorschriften machten – obwohl die Präsenz der Kolonialmacht in Übersee nicht als Tyrannei bezeichnet werden konnte. Aber die Amis wollten auf eigene Rechnung arbeiten. Bei ihrer Revolution ging es um einen Kampf für eine positive Freiheit.

Die französischen Revolutionäre hingegen kamen aus zwei Lagern, dem begüterten Bürgertum und dem einfachen Volk des dritten Standes. Die Revolutionstheoretiker aus dem Bürgertum wollten die Armen und Entrechteten befreien. Das Pathos der Französischen Revolution ist bis heute einmalig geblieben.

Die Revolutionselite versuchte sich geradezu in Verzicht und Handeln gegen die eigenen Interessen zu überbieten – eine Art Disciplina. Der echte Revolutionär musste sich aufopfern, sich der Sache wegen selbst beschädigen. Die eigene Freiheit hingegen spielte keine Rolle. Im Gegenteil.

Hannah Arendt erkennt darin das Grundmuster, das „alle Terrortheorien von Robespierre bis Lenin und Stalin“ kennzeichnete. Sie alle würden davon ausgehen, dass das „Gesamtinteresse automatisch und ständig in Feindschaft liegt mit dem Eigeninteresse jedes einzelnen Bürgers“.

Wer sich die Freiheit nimmt, der kann das nur auf Kosten anderer tun. Diese Behauptung hilft den Feinden der Freiheit bis heute – und behindert eine selbstbewusste Freiheitsliebe in Zeiten der Bedrohung.

8. Inventur, II

Machen wir uns also frei von diesem alten, gefährlichen Kitsch, der unsere Handlungsspielräume einschränkt. Befreien wir uns endgültig von einer Kultur, in der die Freiheit unter Generalverdacht steht, weil sie die Menschen dazu bringt, sich zu entscheiden und nach diesen Entscheidungen zu handeln. Befreiungen, die vor dieser Aufgabe kapitulieren, sind Scheingefechte. Sie führen zu nichts.

Machen wir radikale Lockerungsübungen. Nehmen wir mal die Bezeichnung „freie Wirtschaft“. Wer das in unseren Breiten ausspricht, der guckt meist in ein paar rollende Augen. „Frei“ hört sich für die meisten an wie „egoistisch“ und „unfair“.

Einmal im Jahr gibt der kanadische Thinktank Fraser Institute den Statusreport „Economic Freedom of the World“ heraus. Wie frei sind die Ökonomien und damit die Bürger in welchen Staaten der Welt?

Im Jahresreport 1996 definierten die Herausgeber James Gwartney und Robert Lawson die Kriterien für den Begriff „ökonomische Freiheit“. „Menschen verfügen dann über ökonomische Freiheit, wenn das von ihnen ohne Gewaltanwendung, Diebstahl oder Betrug erworbene Eigentum von Dritten nicht vereinnahmbar ist – und sie frei sind darin, dieses Eigentum zu benutzen, zu tauschen oder zu verschenken – solange das nicht die gleichwertigen Rechte anderer beeinflusst.“

Nun gibt es, wie wir wissen, vielfältige Möglichkeiten, sich auch anders am Geld anderer Leute zu bedienen. Man muss also, wie die Forscher des Economic Freedom Reports, auch genau und für jedes untersuchte Land unter die Lupe nehmen, wie groß die Verwaltung ist, wie viel sie für sich selbst verbraucht und was sie den Bürgern zu Verfügung lässt. Wie viele Handlungsspielräume bleiben also, um selbst zu entscheiden und zu investieren, eigene Geschäfte zu machen?

Und, nicht weniger wichtig: Wie verlässlich ist das Rechtssystem, wie zuverlässig arbeiten Gerichte und Exekutive, wie beeinflusst Korruption und Vetternwirtschaft das praktische Handeln? Wie stark werden die Märkte nach politischen Vorgaben reguliert? Es sind Dutzende Kriterien, die da abgearbeitet und mit einem Punktesystem bewertet werden. Am Ende werden die – in diesem Jahr untersuchten – 157 Volkswirtschaften in vier Gruppen unterteilt.

Nur die ersten 39 erhalten das Prädikat „freie Ökonomie“. In dieser Gruppe sind so unterschiedliche Ökonomien wie Hongkong, Neuseeland, die Schweiz, Deutschland, Österreich und die Niederlande vertreten.

Nun folgen die Staaten, deren Regierungen einen stärkeren Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Darunter sind eine Reihe von EU-Staaten wie die Slowakei (47), Spanien (49), Ungarn (55), Italien (68) und Frankreich (70).

Die dritte Gruppe präsentiert Regierungen, die sich zwar wortreich zur freien Marktwirtschaft bekennen, bei denen aber der Protektionismus der Regelfall ist, etwa Russland (99), China (111) oder Indien (114). Ganz am Schluss finden sich die materiell Abgehängten, die Schwellen- und Entwicklungsländer, teils Planwirtschaften, teils korrupte Bürokratien, durch Krieg und Bürgerkrieg von allen Freiheiten abgehängte Länder wie etwa die Republik Yemen oder Syrien.

Das ist eine interessante Liste, und es stimmt schon, dass es Ausnahmen von der von Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman einst aufgestellten Regel gibt, dass dort, wo es mehr ökonomische Freiheit gibt, auch die menschliche Freiheit am höchsten ist – aber es bleiben Ausnahmen, also seltene Einzelfälle.

Für die Lebenswirklichkeit der Menschen ist ohnehin viel wichtiger, welche Möglichkeiten mit der ökonomischen Freiheit verbunden sind. Was konkret haben die Bürger davon, dass sie in einer freien Ökonomie leben?

Nicht gerade wenig. Mit durchschnittlich 38 601 US-Dollar pro Kopf und Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt der Länder im ersten Viertel der „freien Länder“ mehr als doppelt so hoch wie das des nächstgrößeren Viertels. Vergleicht man die freiesten Ökonomien sogar mit den am stärksten politisch und staatlich kontrollierten Systemen, dann geht es hier um mehr als das Fünffache des BIP.

Ein populäres Vorurteil gegen freie Ökonomien ist mittlerweile die Behauptung, dass in ihnen die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Doch je höher der Freiheitsgrad einer Volkswirtschaft, desto entwickelter ist sie, und das kommt auch den ärmsten zehn Prozent der jeweiligen Bevölkerung zugute. Für sie stehen im wirtschaftlich freien Viertel der Staaten jährlich durchschnittlich 9881 US-Dollar zur Verfügung, mehr als doppelt so viel wie im zweiten Viertel und mehr als das Sechsfache dessen, was die regulierten Ökonomien ihren Armen bereitstellen können oder wollen.

Alles zusammen wirkt sich die wirtschaftliche Freiheit auch noch auf die Lebenserwartung der Bürger positiv aus. Der Unterschied zwischen dem ersten und letzten Viertel beträgt fast 20 Jahre. Das alles, und das ist wichtig, kann man nutzen, man muss es nicht.

Der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek hat auf einen zentralen Punkt hingewiesen: Freiheit kann, sie muss nicht. „Die Freiheit wird etwas Positives nur durch den Gebrauch, den wir von ihr machen. Sie sichert uns keinerlei bestimmte Möglichkeiten, sondern überlässt es uns zu entscheiden, was wir aus den Umständen machen, in denen wir uns befinden.“ Das ist ein wesentlicher Hinweis für alle Erwachsenen, die sich nicht von anderen sagen lassen wollen, wie ihre Freiheit auszusehen habe, welche Entscheidungen sie treffen sollten, und die auch keine Belehrungen brauchen, wann es von wie viel genug sei.

Die Freiheit braucht Menschen, die etwas aus ihr machen. Sie garantiert für gar nichts. Sie ist keine sichere Bank. Aber die Tatsache, dass wir über sie verfügen dürfen, gibt uns die Chance, dass wir unser Leben verbessern können, weil wir tun können, was wir wollen. Nicht mehr, nicht weniger.

9. Zufriedenheit

Und es sieht heute keineswegs so finster aus mit der Freiheit, wie wir es oft hören. Nur das Pathos hat gelitten. Der echten Freiheit geht es gar nicht so schlecht, wie immer behauptet wird.

Der Ökonom Hans Pitlik forscht am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) in Wien – im aktuellen Atlas der ökonomischen Freiheit hat er mit seinen Kollegen Dulce M. Redin und Martin Rode eine hochinteressante Verbindung untersucht: den Zusammenhang zwischen ökonomischer Freiheit und der Wahrnehmung von Menschen, dass sie ihr Leben gut im Griff haben – und insgesamt ganz zufrieden sind.

„Es ist eigentlich ganz einfach“, fasst Pitlik zusammen, „je mehr Wahlfreiheit herrscht, und das gilt natürlich auch für materielle Angebote, je größer die Vielfalt und die Komplexität im Angebot, desto zufriedener sind die Leute.“

Auch wenn manche der Untersuchungen sich auf die Glücksforschung der vergangenen Jahrzehnte beziehen, ist die dem Begriff Glück innewohnende Euphorie, das Pathos also, nicht mehr in Mode.

Bescheidener und wahrscheinlich viel realistischer redet man von „Satisfaction“, von der Zufriedenheit, die ein selbstbestimmtes Leben unter guten materiellen Bedingungen ermöglicht.

Und die Freiheit? Freiheit, so zeigt sich, ist das Gefühl der Menschen, dass sie ihr Leben im Griff haben, und das heißt: nicht vor der Komplexität kapitulieren. Nicht vor der Last der Entscheidungen einknicken. Sondern seine Liste machen, immer wieder neu.

Wer die Freiheit verteidigen will, soll aus seiner etwas machen. ---

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