Ausgabe 05/2015 - Schwerpunkt Ziele

Telekom Breitbandausbau

Es kann nur einen geben

• Was ist eigentlich Breitband? Die meisten Menschen hierzulande haben noch keine Vorstellung davon, welches Potenzial eine Datenleitung mit einer Geschwindigkeit von mehr als 50 Megabit pro Sekunde (Mbit /s) hätte. Man könnte in drei Zimmern gleichzeitig verschiedene Onlinevideos in Ultra-HD-Auflösung laufen lassen. Ein Song von iTunes wäre in weniger als einer Sekunde geladen, ein gesamtes Betriebssystem wie Windows 10 in gerade mal elf Minuten. Das wäre nicht schlecht.

Setzt allerdings voraus, dass die Netzausbaupläne der Bundesregierung Wirklichkeit werden. Wenn es nach ihr geht, wäre das schnelle Internet in drei Jahren für alle Bürger Realität. Doch dieser Fortschritt hätte möglicherweise einen Preis: die Remonopolisierung des Festnetzgeschäftes durch die Telekom Deutschland GmbH (im Folgenden: Telekom), der eine de facto marktbeherrschende Rolle als Preis für eine Beschleunigung der bundesweit oft so lahmen Leitungen winkt. Das wäre, so fürchten Insider und Konkurrenten, ein Zurück in die Zeiten des Fernmeldemonopols.

Seit 20 Jahren ist die Telekom Aktiengesellschaft, seit 18 Jahren börsennotiert, seit 17 Jahren steht sie im Wettbewerb. Doch ihre Privatisierung stockt seit 2006: Knapp 32 Prozent der T-Aktien gehören noch dem Bund. Bis heute ist ihr kein Konkurrent je gefährlich geworden – im Gegenteil. Sie gibt im Mobilfunk den Takt vor und dominiert den Markt im Festnetz. Über ihre Teilnehmeranschlussleitungen telefonieren, surfen, mailen, faxen sechs von sieben Kunden, auch die meisten derer, die ihren Internetzugang von anderen Anbietern haben. Deren Glasfasern reichen nur bis zur Vermittlungsstelle oder zum Verteilerkasten. Für die sogenannte letzte Meile, die zum Haus oder Büro des Kunden führt, kassiert die Telekom eine Monopolgebühr.

Niemand sonst unterhält eine flächendeckende Infrastruktur bis zum Privathaushalt. Kabel Deutschland und Unitymedia erreichen immerhin zwei Drittel der Haushalte mit Kabelanschluss, zeigen aber an Geschäften mit Fremdanbietern kein Interesse.

Die Telekom vermietet ihre Leitungen an Dritte, weil sie es muss. Die Entscheidung darüber trifft die Bundesnetzagentur. Die zuständige Beschlusskammer könnte aber jederzeit attestieren, dass in bestimmten Großstädten der Wettbewerb mittlerweile so gut funktioniere, dass diese Zugangsregeln nicht mehr nötig seien. Damit wäre die Telekom die lästige Pflicht los, die Konkurrenz auf ihren Leitungen zum Kunden mitzunehmen.

Der Vorwurf lautet: Remonopolisierung

Unter ihrem forschen Chef Timotheus Höttges tritt der Konzern ohnehin so selbstbewusst und fordernd auf, dass sich manche in der Branche seinen Vorgänger zurückwünschen. „René Obermann sah uns als Kunden“, sagt etwa Patrick Helmes, Bereichsleiter Recht und Regulierung bei Netcologne in Köln. Der neue Boss der Telekom agiere anders: „Höttges fährt eine glasklare Remonopolisierungsstrategie.“ Ein schwerer Vorwurf. Philipp Blank, Corporate Blogger und bei der Telekom für PR-Fragen zur Regulierung zuständig, lässt ihn routiniert abperlen. Kaum ist das böse Wort ausgesprochen, antwortet Blank wie aus der Pistole geschossen: „Es gibt keine Remonopolisierung.“ Streng genommen ist der Ausdruck ja auch nur korrekt, wenn im fraglichen Marktsegment wenigstens zeitweise kein Monopol geherrscht hätte.

Dass dieser Streit jetzt entbrennt, kann der Bundesregierung nicht recht sein. Die Beschleunigung des Internetzugangs, die mehr als symbolisch für den Aufbruch in eine digitale Ökonomie und Modernisierung der Infrastruktur steht, sollte ein Projekt nationaler Harmonie werden – einer wahren „Netzallianz Digitales Deutschland“ eben, wie der gleichnamige Förderverein im Umfeld des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur heißt. Die Beteiligten hatten der Kanzlerin Kooperationsbereitschaft zugesichert.

Die neue Technik ist leider, leider exklusiv

Doch dann preschte der Platzhirsch im Februar mit einem Antrag an die Bundesnetzagentur vor. Dessen Kernaussage lautet: Die Telekom verspricht einen großzügigen Beitrag zum Breitbandausbau zu leisten, wenn sie die Konkurrenz aus ihren 7904 Hauptverteilern verbannen darf. In deren Einzugsgebiet bekämen dann 5,9 Millionen Haushalte superschnelles Internet. Betroffen von dem Rausschmiss wären 47 Wettbewerber, die an bislang 3659 Standorten mit eigener Technik bis zu 50 Mbit /s schnelle VDSL-Internetzugänge bereitstellen.

Die Erben des alten Postmonopols fordern dabei nicht weniger als einen raschen und geordneten Rückzug der Konkurrenz: Die müsste ihre Gerätschaften abmontieren und könnte ihren Kunden als Ersatz nur noch eine Telekom-Vorleistung von der Stange anbieten oder langsame Zugänge auf Basis des veralteten ADSL. Auch in 40 000 Verteilerhäuschen in der näheren Umgebung dieser Stationen hätten sie nichts mehr zu suchen. Damit verlören sie buchstäblich den direkten Draht zu ihren Kunden.

„Das ist ein absoluter Frontalangriff“, wettert Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Branchenverbands VATM, „die Telekom versucht sich schlichtweg des Wettbewerbs zu entledigen.“ Und Patrick Helmes sagt: „Wer sich verhält wie Höttges, hat am Tisch einer Netzallianz keinen Platz.“

Bei der Telekom sieht man das selbstverständlich ganz anders. Die von ihr beauftragte Anwaltskanzlei Dolde Mayen & Partner stützt den umstrittenen Antrag auf Sachzwänge: Eine friedliche Koexistenz sei aus technischen Gründen leider nicht möglich. Dem Zusammenlegen unterschiedlicher Anbieter auf der letzten Meile stehe nämlich einer Schlüsseltechnik für das schnellere Internet im Wege, dem sogenannten Vectoring. Das ist eine Art Tuning für müde Leitungen.

Beim Vectoring eliminiert eine Software die unvermeidlichen elektromagnetischen Störungen, die innerhalb von Kabelbündeln auftreten. Dadurch kommt beim Teilnehmer ein stärkeres Signal an. Wer in der Nähe wohnt, genießt Spitzengeschwindigkeit, und selbst entferntere Kunden erhalten noch durchaus akzeptable Werte. Der Haken: Das Rauschunterdrückungsverfahren wird der Störungen nur Herr, wenn sich nicht mehrere Anbieter den Kabelstrang teilen. Die Technik, erklärt Patrick Helmes von Netcologne, funktioniere „nach dem Highlander-Prinzip: Es kann nur einen geben“.

In der Branche stellt sich die Frage nicht mehr, wer der Highlander ist. Es ist die Telekom, die den Exklusivitätsanspruch stellt. Einzig Netcologne hat den Spieß symbolisch umgedreht und ausgerechnet am 1. April der Bundesnetzagentur angeboten, den Kölner Raum exklusiv zu erschließen. Die Offerte sei ebenso ernst gemeint wie jene der Telekom, heißt es bei dem Unternehmen aus der Jeckenmetropole augenzwinkernd. Tatsächlich halten Netz- und Rechtsexperten von Telefongesellschaften und Branchenverbänden das Versprechen der Telekom, die Netze auszubauen, für nicht einklagbar. Und kaum jemand in der Branche glaubt, dass der forsche Antrag der Telekom auf die Vertreibung der Konkurrenz aus den Verteilerkästen Aussicht hat, bei der zuständigen Beschlusskammer durchzukommen.

Doch Höttges’ Vorstoß, da sind sich die Verbände Breko (Bundesverband Breitbandkommunikation), Buglas (Bundesverband Glasfaseranschluss) und VATM (Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten) einig, habe dennoch negative Folgen. Die Planungssicherheit beim Netzausbau werde infrage gestellt. Der Buglas-Geschäftsführer Wolfgang Heer sagt, dass Unternehmen wie M-net und Netcologne Milliarden in Glasfaserkabel parallel zu den bestehenden Kupferleitungen der Telekom investiert hätten – im Vertrauen auf klare Regeln. Nun fürchte man „sunk invests“, tote Leitungen statt schöner Gewinne.

Der Telekom-Blogger Blank widerspricht in einem „Faktencheck Vectoring-Ausbau“. Dort heißt es: „In direkten Gesprächen sagen uns die Wettbewerber, dass sie nichts dagegen haben, dass wir den Infrastrukturausbau übernehmen – im Gegenteil: Sie profitieren ja davon.“ Den Branchenverbänden gehe es wohl vor allem darum, die Ablöse für ihre Mitglieder in die Höhe zu treiben.

„Das ist Quatsch“, sagt Buglas-Geschäftsführer Heer. Denn in den dann von der Telekom wieder vollständig kontrollierten Leitungen würden viele Dienstleistungen für Geschäftsleute und Private nicht mehr funktionieren. So wäre es für die Telekom-Konkurrenz beispielsweise nicht mehr möglich, selbst Flatrates für Endkunden zu kalkulieren – das wäre, so VATM-Justiziar Frederic Ufer, auch „unweigerlich das Ende der ungedrosselten DSL-Flat“.

Zum Breitbandziel der Bundesregierung passt das nicht. Das schnelle Internet ergibt nur dann Sinn, wenn die Nutzer es sich leisten können, große Datenmengen herunterzuladen oder zu verschicken. Wie die Telekom sich die Umsetzung des Ziels genau vorstellt, lässt sie auch in dem Ausbauversprechen offen, das sie der Bundesnetzagentur gegeben hat.

An Alternativen mangelt es indes. Um allen ein breitbandiges Netz anzubieten, könnte man auch auf die Funktechnik LTE setzen. Theoretisch ist der Standard schnell. Praktisch kommt man aber nicht über das Niveau der alten ADSL-Technik hinaus. Die war bereits bei ihrer Einführung Ende der Neunzigerjahre nichts weiter als ein Provisorium, mit dem sich die Kupferleitungen des Telefonsystems für ein etwas schnelleres Internet nutzen ließen.

Abhilfe können nur schnelle Glasfaserleitungen schaffen – wie sie in Skandinavien, im Baltikum und in Osteuropa längst verlegt sind. Deutschland – der Champion der reifen Industriegesellschaft – ist beim Ausbau das Schlusslicht, zusammen mit Großbritannien.

Die einzige Gefahr droht der Telekom von den Kabelanbietern wie Kabel Deutschland oder Unitymedia, die in den Städten rund 80 Prozent der Haushalte versorgen könnten. In einigen Gebieten können Kabelkunden bereits ein Superbreitband mit 200 Mbit /s bekommen. Für Michael Bergeritz, Geschäftsführer des mittelständischen Breitbandanbieters Eifel-Net aus Euskirchen, ist es deshalb logisch, dass sich die Telekom jetzt auch die Vermittlungsstellen exklusiv sichern will. „Die Hauptverteiler stehen in der Regel in den Kernorten, insbesondere im ländlichen und halbstädtischen Raum – und dort ist fast überall ein Kabelnetz vorhanden.“

In dünn besiedelten Gegenden investiere die Telekom auch, räumt Bergeritz ein – aber dabei konzentriere sie sich auf Orte, an denen sie Subventionen bekomme. Darin ist das Unternehmen offenbar sehr clever. So läuft in Bayern derzeit ein milliardenschweres Förderprogramm, mit dem die Staatsregierung endlich die vielen Versorgungslücken beseitigen will. „Unser Eindruck ist, dass die Telekom fast überall anbietet“, sagt der M-net-Manager Jörn Schoof. Wie bei allen Kritikern schwingt auch bei ihm Respekt mit für die Konsequenz, mit der der Gigant seine Ziele verfolgt. Schoof schätzt, dass sich die Telekom 80 Prozent des Kuchens sichern kann.
Die Frage, ob man das Monopol nennen darf, wäre bei dieser Quote müßig. ---

Breitbandausbau

Schnelles Versenden und Empfangen von Daten funktioniert am besten mit der Glasfasertechnik. Im Idealfall reicht das Kabel bis in die Wohnung oder zu einem Anschlusspunkt im Haus – dann sind Geschwindigkeiten bis zu 1000 Mbit /s möglich. In Deutschland nutzen bislang weniger als 400.000 Haushalte die Technik.

Schnellen Datenverkehr versprechen auch die Koaxialkabel, die von den Kabelfernsehanbietern verlegt wurden – und die aktuell bis zu 200 Mbit /s zulassen. Diese Option haben zurzeit 21 Millionen Haushalte, auch außerhalb der Ballungsgebiete.

Weit mehr als zwei Drittel aller Anschlüsse bestehen aus Kupfer, es handelt sich um die alten Telefonleitungen. Dabei kommt die Digital-Subscriber-Line-Technologie (DSL) zum Einsatz, mit der sich die alte Infrastruktur aufpeppen lässt.

ADSL (Asynchrones DSL) liefert Geschwindigkeiten von 1,5 bis 24 Mbit /s beim Empfangen und von 0,5 bis 3,5 Mbit /s beim Versenden. Ein höheres Tempo ist bei der VDSL (Very High Speed Digital Subscriber Line) ebenfalls auf Grundlage der alten Telefonleitungen möglich. Die erste Generation, VDSL1, liefert bis zu 52 Mbit /s an Empfangsgeschwindigkeit, VDSL2 ungefähr doppelt so viel. Voraussetzung für die Nutzung ist die Nähe des Kunden zum Kabelverteiler beziehungsweise -verzweiger (etwa ein Kilometer).

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