Ausgabe 05/2015 - Was Wirtschaft treibt

Pot Inc.

• Was passiert, wenn ein verbotenes Wirtschaftsgut legalisiert wird? Wenn aus einem Dealer über Nacht ein staatlich zertifizierter Händler wird, aus einem illegalen Rauschmittel ein banales Produkt und wenn aus Drogenkäufern normale Kunden werden? Am Beispiel des US-Bundestaats Colorado lässt sich das Entstehen legalisierter Märkte beschreiben. Seit Januar 2014 dürfen dort alle Erwachsenen über 21 Jahre Marihuana kaufen, konsumieren und privat anbauen. Bislang gab es nur Marihuana für Patienten und mit ärztlicher Verschreibung (medical marijuana). Das Geschäft mit sogenanntem Marihuana zum Freizeitgebrauch (recreational marijuana) hat seitdem in den USA eine erstaunliche Entwicklung gemacht. Es folgten nicht nur weitere Bundesstaaten dem Beispiel Colorados, die Marihuana-Industrie war 2014 auch der am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor der USA.

Der Markt

Marihuana zum medizinischen Gebrauch darf in 23 Bundesstaaten der USA sowie Washington D. C. legal gekauft, konsumiert und produziert werden. In drei Staaten sowie der US-Hauptstadt Washington ist Marihuana darüber hinaus inzwischen ein gewöhnliches Genussmittel zum privaten Gebrauch. Vom kommenden Juli an wird auch in Oregon Besitz, Anbau und Verkauf von „recreational marijuana“ legal. Jeder der Bundesstaaten hat zwar eigene Regeln erlassen, sich aber an den Gesetzen von Colorado orientiert. In den Pot-Hochburgen Kalifornien, Colorado, Washington, Arizona und Michigan wurde ein Umsatz von 2,7 Milliardon Dollar erzielt. Das entspricht einer Steigerung von 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mit 49 Prozent machten die medizinischen Marihuana-Produkte aus Kalifornien, dem einwohnerstärksten Bundesstaat der USA, den größten Teil der Verkäufe aus. 30 Prozent entfallen auf Colorado und gerade einmal 8 Prozent wurden in Washington umgesetzt.

Die Kunden

Laut einer Gallup-Umfrage konsumieren durchschnittlich sieben Prozent der Bevölkerung über 21 Jahre landesweit öfter als einmal im Monat Marihuana. Pro Jahr gibt der durchschnittliche Konsument für seine Leidenschaft 1869 Dollar aus. Im Jahr 2014 kauften in den USA 1,5 Millionen Menschen legal Cannabis. Eine vom Bundesstaat Colorado in Auftrag gegebene Studie schätzt die Gesamtnachfrage nach Cannabis im Bundesstaat für 2014 auf 130 Tonnen.

Die Produkte

Das Angebot vergrößert sich täglich. Ein Großteil entfällt dabei auf die Pollen der Marihuana-Pflanzen. Mit dem Cannabis-Wirkstoff THC versetzte Getränke, Süßigkeiten wie Schokolade, Kekse oder Bonbons, sogenannte Edibles, kommen auf einen Anteil von 40 Prozent. Schließlich gibt es noch Pflegeprodukte wie Seifen, Massageöle oder Shampoo, aber auch hoch konzentrierte Produkte wie Cannabisbutter, Öle und Extrakte mit einem THC-Anteil von mehr als 70 Prozent. Außerdem Accessoires wie Glaspfeifen (Bongs), Merchandising-Produkte und Geräte zum Eigenanbau wie Lampen oder Bewässerungssysteme sowie Dünger.

Der Preis

In Denver, der Hauptstadt von Colorado, kostet eine Unze (knapp 29 Gramm) Marihuana zum Freizeitgebrauch durchschnittlich 300 Dollar inklusive Steuern. Die mit 80 Milligramm Cannabis versetzten Edibles sind ab 20 Dollar erhältlich. Vielen Konsumenten allerdings sind die Preise des legalen Marihuanas zu hoch – die auf dem Schwarzmarkt umgeschlagenen Mengen unversteuerten Marihuanas sind nach wie vor beträchtlich: So wurden in Colorado 2014 in staatlich lizenzierten Geschäften zwar rund 77 Tonnen Cannabis verkauft (55 Tonnen medical und etwa 22 Tonnen an recreational marijuana). Doch immerhin 38 Prozent des Gesamtanbaus, das entspricht 53 Tonnen, werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt sowie im nicht genehmigten Eigenbau (ab sieben Pflanzen) produziert.

Die Regeln

Um zu kontrollieren, wer auf dem Milliardenmarkt mitmischen darf, haben alle 23 Staaten Gesetze erlassen. Produzenten, Shopbesitzer und Verkäufer müssen sich um eine staatlich ausgestellte Lizenz bewerben, die in Colorado bis zu 30 000 Dollar kosten kann. Nur Einheimische aus den jeweiligen Bundesstaaten dürfen in das Geschäft einsteigen. Vorher müssen sich die Bewerber einer intensiven Prüfungen unterziehen (Vorstrafenregister und Steuerauskünfte).

Ende 2014 gab es in Colorado 505 Geschäfte für medizinisches sowie 322 für den Freizeitgebrauch vorgesehenes Marihuana, außerdem 748 Cannabis-Züchter, von denen 397 Marihuana für den Freizeitkonsum anbauten. Der Bundesstaat Washington hat weniger Lizenzen ausgestellt: Dort gibt es 322 Züchter und 99 lizenzierte Shops.

Der Arbeitsmarkt

16 000 Einwohner Colorados erhielten bis Ende 2014 die staatliche Lizenz, um in der Marihuana-Produktion zu arbeiten. Hinzu kommen Angestellte in Geschäften sowie dem mittelbar profitierenden Handel wie etwa Baumärkte und Gartenfachgeschäfte sowie Handwerksbetriebe, Hersteller von Wärmelampen oder Architekten, die durch die Legalisierung Aufträge erhalten. Auch die Tourismusbranche Colorados erhielt neue Impulse, es entstanden sogar eigene Ski-Ressorts für Cannabis-Konsumenten sowie spezielle Taxiservices.

Seit der Legalisierung im Januar 2014 ist die Arbeitslosenquote in Colorado innerhalb von zwölf Monaten um 1,6 Prozentpunkte auf einen Rekord-Tiefstand von 4,2 Prozent gefallen. Ein Job in der Marihuana-Branche ist gut bezahlt: Zwischen zehn und zwölf Dollar beträgt der durchschnittliche Stundenlohn für Ungelernte in Colorado, weit mehr als der staatliche Mindestlohn von acht Dollar pro Stunde.

Die Rechtsunsicherheit

Marihuana bleibt nach den Bundesgesetzen der USA immer noch illegal. Die Legalisierung der einzelnen Bundesstaaten wird vom Präsidenten und Senat der USA letztlich nur geduldet und kann jederzeit verboten werden. Ebenso sind Anklagen wegen Förderung des Drogenhandels für Investoren wie Banken und Versicherungen zumindest nicht ausgeschlossen.

Die Unternehmensstruktur

Nachdem in Colorado im Jahr 2009 medizinisches Marihuana freigegeben wurde, entstanden die ersten kleinen Marihuana-Farmen, die mit Investitionen von maximal 50 000 Dollar auskamen. Sie stammten in der Regel aus den Ersparnissen der Gründer. Nach der erfolgreichen Bürgerinitiative zur Freigabe von Marihuana für den privaten Konsum im Jahr 2012 gründeten 51 Prozent dieser Züchter größere Farmen, von denen rund zwei Drittel zwischen 50 000 und mehr als eine Million Dollar investierten.

77 Prozent der Shops erzielen einen Umsatz von bis zu 500 000 Dollar pro Jahr. Und 62 Prozent der Unternehmen, die Marihuana nicht nur verkaufen, sondern auch anbauen, erwirtschaften einen Umsatz zwischen 500 000 und mehr als drei Millionen Dollar. Insgesamt arbeiten mehr als 80 Prozent aller Gras-Firmen profitabel.

Die Investoren

Trotz Rechtsunsicherheit entdecken inzwischen Private-Equity-Firmen, Risikokapitalgesellschaften und Superreiche die Marihuana-Branche. Für Aufsehen sorgte Anfang des Jahres ein Investment des Silicon-Valley-Milliardärs Peter Thiel, der sich „mit mehreren Millionen Dollar“ (mehr wurde nicht bekannt) an einer auf Cannabis-Geschäfte spezialisierten Private-Equity-Gesellschaft beteiligte. Die Investitionen fließen zum Großteil an den Beginn der Wertschöpfungskette: Zwei Drittel gehen direkt an die Züchter, den Rest teilen sich Händler und Hersteller von THC-haltigen Nahrungsmitteln.

Die Gewinner

Der Bundesstaat Colorado nimmt von jedem Dollar, der durch den Verkauf von privat konsumiertem Marihuana erwirtschaftet wird, eine Steuer von knapp 28 Cent ein. Dazu kommt in einzelnen Gemeinden eine lokale Steuer von rund drei Prozent. Der Bundesstaat hat im vergangenen Jahr mit Lizenzgebühren und Steuern auf medizinisches und Freizeit-Marihuana mehr als 61 Millionen Dollar eingenommen. Die Einnahmen fließen zum Großteil zurück in Infrastruktur und Drogen-Aufklärungsprogramme sowie in die Jahresbudgets einzelner Distrikte, die Verkauf und Produktion von Marihuana erlaubt haben.

Auch der Immobilienmarkt boomt. Der Leerstand für Lagerhäuser in Denver beträgt nur vier Prozent. Dort wird bereits auf rund 418 000 Quadratmetern Marihuana angebaut. Die durchschnittlichen Gewerbemieten stiegen auf bis zu 200 Dollar pro Quadratmeter monatlich an, eine Vervierfachung im Vergleich zum Jahr 2009.

Die Zukunft

Bis zum Jahr 2020 wollen 14 weitere US-Staaten Marihuana legalisieren. Es entstünde ein Markt mit einem geschätzten Gesamtvolumen von elf Milliarden Dollar pro Jahr. Eine Rücknahme der Legalisierung seitens der Regierung gilt als sehr unwahrscheinlich – vielmehr werden aktuell Regeln ausgearbeitet, die es Banken und Versicherungen erlauben sollen, Geld- und Kreditgeschäfte mit Marihuana-Firmen abzuschließen. Das Volumen eines US-weiten Marihuana-Marktes in allen 50 Bundesstaaten der USA wird auf mehr als 36 Milliarden Dollar geschätzt. ---

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