Ausgabe 05/2015 - Markenkolumne

Mollenhauer Flöten

Play it loud!

• „ Da-da-daah! Dada-dadaaah! “ Nik Tarasov spielt „Smoke on the Water“ mit der Elody genannten Elektro-Blockflöte an. Er will demonstrieren, dass das Instrument mit jeder E-Gitarre mithalten kann. Der 48-jährige ausgebildete Konzertflötist, in der Fuldaer Firma für die Qualitätssicherung zuständig, hat vier Jahre an der Entwicklung getüftelt – und bei seinen Kollegen Überzeugungsarbeit geleistet. Mittlerweile ist man froh über das knapp 2000 Euro teure Instrument, das neue Kundenkreise erschließen und alte bei der Blockflöte halten soll. Denn spätestens in der Pubertät gilt sie als uncool. Das elektrifizierte Modell soll das ändern: Es kommt eckig und im Airbrush-Design daher und sehe, sagt Tarasov, „krass“ aus.

Die fast 200 Jahre alte Firma Mollenhauer hat Erfahrung darin, sich immer mal wieder neu zu erfinden. Jahrzehntelang sei das Geschäft mit Blockflöten für den Musikschulunterricht wie von selbst gelaufen, sagt der Geschäftsführer Stefan Kömpel, 54. Aus dieser Zeit resultiert allerdings auch der schlechte Ruf der Blockflöte als Instrument für Dilettanten. „Wenn 30 Kinder gleichzeitig Sopranblockflöte üben, klingt das nicht schön“, räumt der Chef beim Rundgang durch den Betrieb ein. Hier werden mit computergesteuerten Maschinen und viel Handarbeit rund 150 Modelle aus verschiedenen Hölzern produziert – zu Preisen bis zu 3000 Euro.

Die Zeiten, in denen die Schulen automatisch neue Kunden lieferten, sind vorbei: Die Zahl der Blockflötenschüler hat sich seit 1995 auf etwa 50 000 halbiert. Kömpel und seine Kollegen setzen daher auf höherwertige Instrumente für ambitionierte Laien und Profis, den Weltmarkt – und viel Begleitmusik zum Zwecke der Kundenbindung. So unterhält man ein eigenes kleines Blockflötenmuseum, verlegt eine Zeitschrift namens »Windkanal« mit 1600 Abonnenten und bietet allerlei Seminare an.

Außerdem gibt es eine „Blockflötenklinik“, wo auch Modelle anderer Hersteller liebevoll instand gesetzt werden. Mancher Besitzer schaue den Handwerkern dabei persönlich über die Schuler, weil er, so Kömpel, „ein emotionales Verhältnis zu seinem Instrument“ habe.

Mollenhauer schlägt sich gut auf dem schrumpfenden Markt: Die Firma verkauft heute mit 40 000 Flöten pro Jahr deutlich weniger als früher – macht aber mehr Umsatz. Das Familienunternehmen ist gesund, zu hundert Prozent eigenfinanziert und erwirtschaftet nach Auskunft des Chefs eine auskömmliche Rendite.

Tarasov, auch Redaktionsleiter des »Windkanals«, trommelt unermüdlich für die Blockflöte als „anti-elitäres, am Anfang leicht zu erlernendes, aber vollwertiges Instrument“. Prominente Kunden sind die Star-Flötisten Michala Petry und Piers Adams. Den in weiten Kreisen der Bevölkerung schlechten Ruf der Blockflöte sieht man in Fulda mittlerweile professionell: „Besser ein schlechtes Image“, so Tarasov, „als gar kein Image.“ ---

Johann Andreas Mollenhauer lernt das Handwerk des Instrumentenmachers als Wandergeselle. 1822 macht er sich in seiner Heimatstadt Fulda selbstständig – und wird wenige Jahre später mit dem Titel des Hofinstrumentenbauers geadelt. Seine Nachfahren bauen die Firma zu einem Unternehmen mit Weltgeltung aus. Nach 1945 konzentrieren sich die Mollenhauers auf das Geschäft mit Blockflöten, die in der jungen Bundesrepublik sehr populär werden. Sie rationalisieren die Produktion und fertigen auch für andere Anbieter.

Ab 1965 konzentriert man sich auf das Geschäft mit der eigenen Marke. Auf den Geschäftsrückgang in den Achtzigerjahren und die Image-Probleme der Blockflöte – von der böse Zungen behaupten, sie klinge am besten „knisternd im Kaminfeuer“ – reagiert man mit einer Sortimentsumstellung und Aufklärungsoffensive. Stefan Kömpel übernimmt im Jahr 2000 die Leitung. Er forciert das Exportgeschäft und visiert eine neue Zielgruppe an: Senioren. „Die fangen im Alter wieder an zu spielen und sind nicht preissensibel.“

Conrad Mollenhauer GmbH

Mitarbeiter: 31

Umsatz: 2,6 Millionen Euro

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