Ausgabe 06/2015 - Gute Frage

Was bringt ein Chefarzt-Tarif?

• „Grundsätzlich“, erklärt das Bundesgesundheitsministerium in seinen Prinzipien zur Krankenversicherung, könnten auch Kassenpatienten „die sie behandelnden Ärzte frei wählen“. Nur ist „grundsätzlich“ das amtsdeutsche Gegenstück zur Radio-Eriwan-Antwort: „Im Prinzip ja, aber …“

Das einschlägige Sozialgesetzbuch gestattet es zwar, sich vom niedergelassenen Internisten oder Zahnarzt seines Vertrauens behandeln zu lassen, sofern dieser eine Kassenzulassung hat. Doch im Krankenhaus sieht es anders aus: Gesetzlich Versicherte können sich allenfalls für die Klinik mit dem besten Ruf in der Gegend entscheiden. Wer allerdings abseits der Ballungsräume wohnt, hat selten eine Alternative zum Kreiskrankenhaus, und bei Reha-Maßnahmen entscheidet ohnehin die Kasse. Der Durchschnittspatient muss mit den Medizinern vorlieb nehmen, die ihm zugewiesen werden, und kann nur hoffen, dass sie kompetent sind.

Diese Rechtslage ist die Basis für das Geschäftsmodell der privaten Krankenzusatzversicherung. Deren Chipkarte gilt unter Kassenpatienten, denen nicht egal ist, wer sie behandelt, als Joker. Zücken sie ihn bei der Aufnahme ins Hospital, können sie dank ihres Privatpatienten-Status eine sogenannte Wahlleistungsvereinbarung schließen. Je nach Tarif gibt es Einbettzimmer mit Menü à la carte und Wlan sowie die Wahlarzt-Behandlung. Mit „Wahlarzt“ ist in der Sprache der Gesundheitsbürokratie grundsätzlich der Chefarzt gemeint, denn im Normalfall ist nur dieser befugt, privat abzurechnen. Deshalb preisen Versicherungen wie Arag, HUK-Coburg, die Ergo-Tochter DKV und sogar gesetzliche Kassen wie AOK und TK ihren Mitgliedern dieses Extra werbewirksam als „Chefarztbehandlung“ an.

Allerdings entlarvt bereits ein kurzer Faktencheck den Marketingschwindel. Laut aktuellen Statistiken wäre der Premium-Service, den die Patienten in Anspruch nehmen und der von den Versicherungen brav bezahlt wird, nicht einmal rechnerisch möglich. Denn: So viele Chefärzte gibt es gar nicht. Ihr Anteil an den 147 000 in Deutschland tätigen Krankenhausärzten liegt unter zehn Prozent. Rund 16 Prozent der Versicherten, 13 Millionen Menschen, haben aber einen Tarif mit Anspruch auf Chefarztbehandlung gebucht. Selbst wenn die Chefs keine anderen Verpflichtungen hätten als die exklusive Behandlung der Privatpatienten und bei ihnen keinen größeren Diagnoseaufwand trieben als bei Kassenpatienten, könnten sie dem einzelnen Kranken sehr viel weniger Zeit widmen als der statistische Durchschnittsarzt. Ohne massive Zuarbeit von dem Chef unterstellten Ärzten würden also ausgerechnet die Patienten, an denen mehr Geld zu verdienen ist, schlechter versorgt werden.

Einem leitenden Arzt bleibt allein deshalb wenig Zeit für Patienten, weil die Arbeit im OP und auf der Station für ihn sozusagen die Kür ist neben seinen Pflichten als Führungskraft im Unternehmen Krankenhaus. Ein Chefarzt müsse „die Klinik repräsentieren, verwalten und forschen“, schrieb der Arzt und Fachjournalist Werner Bartens einmal in der »Süddeutschen Zeitung«: „Die Kranken kennt er manchmal nur aus Erzählungen.“

Tatsächlich lässt die Rechtsprechung es zu, dass ein Chefarzt Privatrechnungen an Patienten verschicken lässt, die er nur vom Hörensagen kennt. Klassisches Beispiel ist der leitende Laborarzt oder Radiologe. Beauftragt ihn sein Kollege aus der Chirurgie mit einer Diagnose, wird er Teil eines kostentreibenden Konstruktes namens Wahlarztkette: Einem Patienten, der sich vom besten Spezialisten operieren lassen will, werden unweigerlich auch alle Nebenleistungen bis hin zur simplen Blutentnahme privat abgerechnet – auch wenn dasselbe Personal exakt die gleichen Untersuchungen anstellt wie bei einem Kassenpatienten. Aufgaben, die nicht zum Kernbereich ärztlicher Tätigkeit zählen, dürfen nämlich auf alle hinreichend qualifizierten Mitarbeiter übertragen werden. Der Chef muss deren Arbeit lediglich durch klare Anweisungen sein „eigenes Gepräge“ geben. Deshalb darf der Patient immerhin annehmen, dass der jeweilige Chefarzt oder dessen Stellvertreter einen Blick auf die Blutwerte oder die CT wirft, bevor er seinem Auftraggeber die Diagnose schickt.

Auch der Chirurg selbst darf den Löwenanteil seiner Arbeit am Patienten auf Mitarbeiter abwälzen und dafür kassieren, sofern gewisse formale Kriterien erfüllt sind. Wie der Bundesgerichtshof 2007 klarstellte, kann er die Vertretung nur mit unvorhergesehener Abwesenheit begründen, nicht mit Urlaub oder Teilnahme an einem Kongress. Sogar die Hauptsache, die Operation, darf der Chefarzt seinem „ständigen Vertreter“ übertragen, einem Oberarzt, der in der Wahlarztvereinbarung namentlich genannt sein muss. Dazu braucht er zwar die Zustimmung des Patienten. Der hat aber, je nach Dringlichkeit des Eingriffs, oft keine Wahl.

Die Chefs lassen sich vertreten

Der Rechnung, die oft erst Monate nach der Entlassung eintrudelt, ist häufig nicht zu entnehmen, wer wann genau was getan hat. Die Abrechnungsstellen verarbeiten Ziffern, die für bestimmte Verrichtungen und deren Fixpreis stehen. Deshalb hat die private Krankenversicherung keine Chance, Missbrauch nachzuweisen, wenn nicht dem Patienten selbst Ungereimtheiten auffallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich noch an Einzelheiten erinnert, ist freilich gering. „Man müsste schon Tagebuch führen“, sagt der Sprecher einer großen Versicherung.

Das Risiko für den Chefarzt, wegen Abrechnungsbetrugs verurteilt zu werden, ist minimal. Solange seine Vertreter seinem guten Namen Ehre machen und die Versicherung keinen Verdacht schöpft, hat der Patient keinen einklagbaren Schaden. Nur selten kommt es zum Prozess – etwa im Fall des unterfränkischen Frauenarztes Alexander T., der von einem ehemaligen Mitarbeiter belastet worden war. Der Staatsanwalt monierte unter anderem, dass der für die Gynäkologie-Abteilungen an drei Häusern verantwortliche Professor sechs ständige ärztliche Vertreter benannt hatte, obwohl in der seit 1982 gültigen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) nur von einem die Rede ist. Unter Juristen ist aber strittig, wie strikt die Formulierung auszulegen ist. Professor T. war sich keiner Schuld bewusst, zumal ihm am Ende nur noch vorgeworfen wurde, er habe gegen die – für ihn sehr einträgliche – Vertretungsregelung seines Arbeitgebers nicht aufbegehrt. Auch Patientinnen setzten sich für ihn ein. Am Ende kam T. mit einer Geldauflage von 150 000 Euro davon, das Strafverfahren wurde eingestellt.

Wäre er verurteilt worden, hätte eine Prozesslawine gedroht, denn diese Praxis ist in großen Kliniken nicht unüblich. Manche weisen bis zu einem Dutzend Vertreter für ihre Wahlärzte aus. Bei der anstehenden Novellierung der GOÄ wollen die Lobbyisten der Bundesärztekammer und des Verbandes der privaten Krankenversicherungen jetzt für Rechtssicherheit sorgen.

Dass bereits innerhalb des existierenden Systems weniger hierarchische Modelle möglich sind, die zugleich für die Patienten transparenter sind, zeigt das Evangelische Krankenhaus Düsseldorf (EVK). In dessen Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin hat nicht nur der Chef Wahlarzt-Status, sondern auch sieben seiner Oberärzte; ein weiterer ist als ständiger Vertreter benannt. Andere Abteilungen des EVK weisen dagegen ihre ständigen Vertreter als Spezialisten für Teildisziplinen aus.

Welche besonderen Stärken die Wahlärzte ihren Patienten zu bieten haben, ist der Liste nicht zu entnehmen. ---

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