Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Menderes Bagci

Der Watschenmann

• Die Stadt Langenfeld im Rheinland kann nicht viel Prominenz bieten. Ein paar Sportler, ein paar Politiker, Cora Schumacher (die Ex-Frau des Ex-Rennfahrers Ralf Schumacher). Und Menderes Bagci. Er ist ein „Kult-Star“ – in bestimmten Kreisen.

Bekannt ist Bagci, weil er seit 13 Jahren in der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) auftritt. Nie hat er es weiter als bis zum Recall geschafft, die armselige Alternative zum sofortigen Rausschmiss. Er kann weder singen noch tanzen. Seine Stimme klang laut dem Chefjuror Dieter Bohlen einmal wie die Geräuschkulisse „auf einem anatolischen Ziegenmarkt“, ein anderes Mal erinnerte sie ihn an eine Kuh mit „Euterschwellung“. Bagci wurde bei DSDS als „singendes Schleudertrauma“ und sein Auftritt als „Scheiß hoch hundert“ abqualifiziert. Bohlens Fazit: „Du siehst aus wie ‘ne aufgeplatzte Mülltüte. Ich hätte dich mit ‘ner Dynamitstange entsorgen sollen. Dann hätte ich Ruhe vor dir. Aber ich war ja nett …“

Ortstermin in Langenfeld. Hier wurde Menderes Bagci vor 30 Jahren geboren. Hier lebt er heute noch. Treffpunkt ist die Stadtbibliothek am Marktplatz. Gegenüber gibt es die „Yogi-Lounge“, einen Friseur namens Haarfeyn und einen Kodi-Diskontladen für Haushaltswaren. Bagci kommt zu Fuß. Er wohnt gleich um die Ecke in einem bescheidenen Einzimmerapartment. Das kennt man aus dem Fernsehen: Die Fenster sind mit Papier abgeklebt, Bagci hat Angst, beobachtet zu werden. Er hat auch Angst vor engen Räumen, vor dem Fliegen, vor Menschen, vor dem Einkaufen. Er trägt einen Rucksack und Kopfhörer. Im Moment hört er den Soundtrack aus „Schindlers Liste“. Im Rucksack transportiert er das Buch „The Secret“, einen Bestseller, in dem es darum geht, wie man mit positivem Denken erfolgreich und glücklich werden kann. Bagci hat eine Sonnenbrille auf, obwohl die Sonne nicht scheint. Er sieht besser aus als im Fernsehen.

Es ist elf Uhr morgens. Für ihn ist das mitten in der Nacht. Er hat Schlafstörungen. Frühestens um fünf Uhr morgens schläft er ein, oft erst um sieben Uhr. Bis dahin liest er und hört Musik: Andrea Bocelli, Celine Dion. Oder er schaut sich Dokumentationen darüber an, wie technische Dinge funktionieren. „Das fasziniert mich.“ Er glaubt, dass seine Schlafstörungen von den Auftritten in Diskotheken herrühren. Da ist er frühestens nachts um zwei oder drei Uhr dran, wenn alle besoffen sind. Er singt dann vier, fünf eigene Titel, mehr hat er nicht, und einen Cover-Song, halb Play-back. Wenn er den ersten Ton nicht hundertprozentig trifft, wird es ein Fiasko. Dann singt er zu hoch, und hoch kann er nicht singen, „dann klingt’s wie Micky Maus“. Manchmal wird er ausgebuht, gelegentlich fliegen Gegenstände aus dem Publikum auf die Bühne. Bagci erzählt das ganz ruhig. „Neuerdings ist es besser geworden“, sagt er. Er hat sieben bis acht Auftritte pro Monat. Man kann ihn für etwa 2000 Euro buchen.

In der Bibliothek gibt es eine Sitzecke mit roten Sesseln. Hier möchte Bagci das Gespräch führen. Er trägt Jeans und ein T-Shirt. Für das Foto hat er ein schwarzes Hemd mitgebracht. Er legt es sorgfältig über eine Stuhllehne. Dann nimmt er die Brille ab. Seine Lider. sind mit Kajal schwarz geschminkt, „wie Kiss“, sagt er. Die Mitglieder der amerikanischen Rock-Band sind für ihre geschminkten Masken berühmt.

Der Mann ist höflich, auch bei unangenehmen Fragen. Seine Stimme ist angenehm und leise, er spricht sehr deutlich. „Im Vergleich zu anderen Künstlern bin ich vielleicht nicht so talentiert oder auch gar nicht talentiert“, sagt er, „aber ich bin zielstrebig und hartnäckig.“ Außerdem habe er nie behauptet, gut zu singen. „Ich habe nur gesagt, dass ich gern singe.“

Schon als Kind, als er noch bei seiner Mutter im bayerischen Lauf an der Pegnitz lebte, sang er den Mitschülern der ersten Klasse seinen Lieblings-Song vor: „Looking For Freedom“ von David Hasselhoff. Wahrscheinlich war er auch da nicht perfekt, aber es hat funktioniert. Die Kinder lachten über ihn. Das hat ihm damals schon gereicht. „Ich wollte nur Aufmerksamkeit, und die habe ich durch mein Singen bekommen.“

Alles dreht sich bei ihm um Aufmerksamkeit. Das geschminkte Gesicht, die Auftritte in Casting-Shows, die Selbstentblößung in Doku-Soaps – für ein wenig Aufmerksamkeit nimmt er Demütigungen und Hohn in Kauf. Einmal ließ er sich in seiner vermüllten Wohnung mit den zugeklebten Fenstern zeigen, bevor ein Hypnotiseur vor laufender Kamera versuchte, sein Selbstwertgefühl zu steigern. Das funktionierte nicht, und Menderes Bagci blamierte sich bei gestellten Flirtversuchen in der Fußgängerzone. Vergangenes Jahr ließ er zu, dass die »Bravo« einen öffentlichen Aufruf startete – „Love Menderes“ – und Mädchen suchte, die bereit waren, ihm seine angebliche Jungfräulichkeit zu nehmen: „Du willst den DSDS-Star kennenlernen und ihm zeigen, wie schön Liebe sein kann? Dann mach mit beim großen »Bravo«-Traum-Girl-Casting!“

„Das hat natürlich überhaupt nicht gepasst“, sagt Bagci. Aber es hat Aufmerksamkeit gebracht. Das ist die neue Währung der Halbprominenz, für die Talent oder Erfolg nicht mehr nötig sind. Es ist ein zynisches Geschäft von Faust’scher Dimension: Du verkaufst dich mit Leib und Seele an die Medien.

Die Unterhaltungsindustrie lebt davon, Talenten und Scheintalenten Loser gegenüberzustellen. Sie werden vor allem im Recycling-Reaktor der Casting-Shows benötigt, und am schonungslosesten arbeitet Dieter Bohlen das Versagen der Versager heraus. Auf ihn und sein Gespür für Talentlosigkeit kann sich RTL bislang verlassen.

Es ist nicht so, dass Menderes Bagci das nicht erkannt hätte und ein unschuldiges Opfer wäre. Im Gegenteil: Er weiß genau um den Deal und nimmt die Nachteile des Geschäftes bewusst in Kauf. Für ihn überwiegen die Vorteile. Es ist seine persönliche Therapie, die öffentliche Beachtung ist seine Medizin. Mit ihr heilt er alte Wunden. Wenn Bagci darüber spricht, redet er betont sachlich wie ein Gerichtspsychiater, der über die schwere Kindheit eines Angeklagten berichtet. Nur dass die Kindheit seine eigene ist. Er sitzt aufrecht in dem roten Sessel, die Beine parallel, beide Füße stehen auf dem Boden, die Hände liegen ruhig im Schoß. Seine Stimme ist gleichförmig.

Er ist geschäftstüchtig. Und sparsam

Die Eltern trennten sich kurz nach seiner Geburt. „Zu Hause hatte ich nie Aufmerksamkeit. Ich bin nie geliebt worden. Meine Mutter behauptete, ich hätte einen Wasserkopf und wollte mich loswerden. Eines Tages steckte mir mein Stiefvater 50 Mark in die Tasche und setzte mich ganz allein in ein Taxi, da war ich gerade mal neun. Das Taxi brachte mich nach Langenfeld zu meinem Vater. Mein Vater war sehr streng und hat mich nur nach meiner schulischen Leistung bewertet, aber nicht als Mensch. Zunächst hatte ich Sehnsucht nach meiner Mutter. Aber die Sehnsucht ist verflogen wie ein Parfüm.“

Manchmal sagt Menderes Bagci Sätze voller trauriger Poesie. Schwer zu beurteilen, ob das vorbereitet ist oder spontan. Eine Gruppe junger Männer durchquert das Foyer der Bibliothek. Einer kommt auf ihn zu und grüßt. Ein flüchtiger Bekannter. Alle Menschen in Menderes Bagcis Leben sind flüchtige Bekannte. Er hat keine Freunde, sagt er. Höflich wimmelt er den Mann ab: „Entschuldigung, ich bin gerade im Gespräch.“ Es ist schwer vorstellbar, dass Bagci jemals wütend wird. Es ist gut vorstellbar, dass er sehr traurig sein kann.

„Wenn du die Zuneigung als Kind nicht bekommst, dann ist es vorbei“, sagt er. Manchmal war Bagci so deprimiert, dass er dachte: „Es geht nicht mehr. Ich mach’ Schluss.“ Das Singen habe ihn davor bewahrt, sagt er. Richtig los ging es, als er bei Esso eine Lehre als Tankwart machte. Jeden Tag radelte er 30 Kilometer zur Arbeit. Beim Einräumen des Zeitschriftenregals fiel ihm ein Magazin mit einem Bewerbungsbogen für DSDS in die Hände. Er füllte das Formular aus, fuhr hin – und blamierte sich. Die Musik war zu schnell für ihn und zu hoch für seine Stimme. Er verhedderte sich im Text und floh unter dem hämischen Gelächter der anderen von der Bühne. Für sie war er ein Verlierer. Er selbst sah sich als Gewinner: „Dort habe ich die Aufmerksamkeit bekommen, nach der ich mich immer gesehnt habe, weil ich sie von meinen Eltern nie bekam.“ Leider war das Feedback negativ, sagt Bagci. Das hatte er sich anders vorgestellt: „Aber besser als gar keine Aufmerksamkeit.“

Zunächst arbeitete er weiter bei der Tankstelle, 5,50 Euro Stundenlohn. Dann bewarb er sich beim Radiosender 1 Live in Köln als Praktikant. „Ich wusste aber nicht, wie ich da hinkommen soll.“ Köln ist 35 Kilometer von Langenfeld entfernt. „Ich hatte Phasen in meinem Leben, die waren nicht so gut.“ An den Mitschnitten seiner Auftritte bei DSDS kann man das verfolgen. Er wurde immer dicker und seine Auftritte immer schlechter. Sein Gebiss hatte Lücken, die Haare waren ungepflegt. „Damals habe ich mich sehr unwohl gefühlt und ungesund ernährt.“

Das aber änderte er, als sein Vater vor einigen Jahren im Alter von 58 unerwartet an einem Herzstillstand starb. Bagci ließ sich Zähne und Nase richten, die Haare schneiden, er speckte ab, und auch seine Stimme verbesserte sich. Er hatte Gesangsunterricht genommen, seine Ernährung umgestellt und fing an zu joggen. Heute isst er vegan, am liebsten Kartoffeln und Brokkoli. Er trinkt niemals Alkohol.

Menderes Bagci verdient mittlerweile viel Geld. Aber er lebt bescheiden. Seine Einzimmerwohnung von damals hat er behalten. Aber jetzt gibt es ein paar Möbel. Ein Auto hat er nicht mehr. Früher fuhr er Skoda, jetzt träumt er von einem Nissan 370Z, aber der kostet um die 40 000 Euro. Das ist ihm zu teuer. Er spart das Geld lieber, für die Zukunft. Wenn er einen Auftritt hat, mietet er sich ein Auto und fährt selbst. Nur einmal schlug er über die Stränge, ein wenig: „Da habe ich mir Glitzerschuhe geholt. Die haben etwas mehr gekostet.“

Niemand wird behaupten, dass er ein guter Sänger geworden ist, am wenigsten Bagci selbst. Begabung wird seiner Meinung nach aber ohnehin überbewertet: „Talent ist das Einfachste, was du haben kannst, es wird dir geschenkt. Ich habe keins. Ich muss mir alles hart erarbeiten. Mit Wille, Kampfgeist, Ausdauer, Zielstrebigkeit.“

Er glaubt, dass diese Eigenschaften in Deutschland besonders gut ankommen und er ein Geschäftsmodell daraus machen kann. Er schreibt gerade zusammen mit einem Ghostwriter ein Buch über sein Leben als scheinbarer Loser. Sobald das auf dem Markt ist, will er mit Motivationsvorträgen auf Tour gehen und erzählen, wie man erfolgreich und glücklich wird. Notfalls auch ohne jedes Talent.

Ob Bagci das überhaupt kann? Falsche Frage. ---

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