Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Johnny Haeusler

Weil ich es will

• Die Arbeit an diesem Text, mit dem ich mich auf die Suche nach meinen eigenen Fähigkeiten und Talenten begeben wollte, begann mit Erstaunen.

„Was, würdest du sagen, ist mein größtes Talent?“
Ich stellte diese Frage im Verlauf einiger Tage einem Dutzend engerer Freunde und Familienmitglieder, und niemand antwortete sofort. Alle fingen an zu grübeln, was mich etwas irritierte. Schließlich kennen sie mich sehr gut und wissen, was ich kann. Es wäre ein Leichtes gewesen, mein herausragendes Gitarrenspiel oder meine außergewöhnlich gute Gesangsstimme zu loben. Oder mein Organisationstalent und meine Führungsqualitäten. Mein investigativjournalistisches Gespür oder meine gestalterischen Fähigkeiten.

Doch nichts davon erwähnten meine Freundinnen und Freunde auch nur in einem Nebensatz. Und hätten sie es getan, hätten sie gelogen. Ihr Zögern hatte Gründe.

Bis Mitte der Neunzigerjahre spielte ich in einer für deutsche Verhältnisse durchaus erfolgreichen Rockband namens Plan B. Mit ihr tourte ich mehrfach durch die Republik, zweimal mehrere Monate lang durch die USA. Dort und in England nahmen wir unsere Alben auf. Ich reiste für Konzerte nach Moskau, Los Angeles, San Francisco, Portugal, Spanien, New York, London. Ich konnte viele Jahre lang allein vom Musikmachen leben.

Ich lebte den Traum eines jeden Musikers. Weshalb ich manchmal während dieser wirklich großartigen Zeit ein schlechtes Gewissen hatte. Denn ich war gar kein Musiker.

Zumindest war ich nicht die Art Musiker, die ich kannte und für ihre Fähigkeiten bewunderte. Diese Musiker waren talentiert und eifrig, übten mindestens sechs Stunden pro Tag an ihrem Instrument, waren echte Virtuosen und konnten jeden Song der Welt nachspielen. Sie diskutierten über diatonische Tonleitern und die offenen Tunings ihrer Lieblingsgitarristen. Die Sängerinnen und Sänger unter ihnen konnten Soul-Songs überzeugend interpretieren, nahmen Gesangsunterricht und gaben nebenbei selbst welchen.

Ich hingegen hatte mit dem Gitarre-Üben aufgehört, nachdem ich ein paar Grundakkorde gelernt hatte. Bis heute kann ich kein Gitarrensolo spielen und musste „diatonische Tonleiter“ bei Wikipedia nachschlagen. Beim Thema Gesang hatte ich einen einzigen Unterrichtsversuch nach zwei Stunden abgebrochen und mir eingeredet, dass Neil Young, Bob Dylan und Joe Strummer auch keine guten Sänger im klassischen Sinne waren – ohne mich mit denen vergleichen zu wollen. Trotzdem stand ich auf großen Bühnen und reiste mit meiner Band durch die Welt. Nicht vielen der viel besseren Musiker in meinem Umkreis war dieses Glück beschert.

Natürlich lag die Ursache für den Erfolg meiner Band nicht in meiner Mittelmäßigkeit an der Gitarre oder in meinen höchstens ausreichenden Gesangskünsten. Einige meiner Bandkollegen waren wesentlich versierter als ich und konnten meine musikalischen Schwächen ab- und auffangen, so ganz ohne Können kamen also auch wir nicht aus, und wir hatten auch die nötige Portion Glück. Und ich? Was habe ich zum Erfolg der Band beigetragen?

Mein Talent war weniger musikhandwerklicher Natur. Es war und es ist relativ unabhängig von dem Metier, in dem ich gerade arbeite, und ich bin dafür sehr dankbar.

Denn es stand mir auch bei allen weiteren Unternehmungen im Laufe meines Lebens zur Seite. Wohlgemerkt, nicht immer völlig zuverlässig, oft genug waren Dinge, die ich anpackte, nicht besonders erfolgreich, nur mitteltoll oder endeten abrupt durch eigene Fehler oder die Dritter. Doch im Großen und Ganzen konnte und kann ich mich auf eine Fähigkeit verlassen:

Ich kann machen.

Nicht alles. Nicht wahllos. Aber sobald ich etwas tun will, sobald mich eine Leidenschaft für ein Thema oder Vorhaben gepackt hat, lege ich los. Ich setze Ideen in die Tat um. Egal ob ich mich schon gut damit auskenne oder nicht, egal ob mir Menschen davon abraten, egal wie die Chancen auf Erfolg stehen. Und in den meisten Fällen klappt es auch. Nicht unbedingt und vor allem nicht ausschließlich weil ich es kann. Sondern weil ich es will.

Mich hat am Musikmachen nicht zuerst das Spielen eines Instruments fasziniert. Ich wollte in einer Band spielen, mit ihr die Welt bereisen, von Frauen toll gefunden werden (Sport war keine Option für mich), Krach machen und für mich wichtige Texte schreiben.

Ich schrieb sie ohne Ausbildung, genauso wie ich heute noch Blog-Beiträge, Bücher und Artikel wie diesen schreibe, ohne dass mir jemals jemand beigebracht hat, wie das geht. Ich wollte schreiben, also schrieb ich. Eine Journalistenschule habe ich zum ersten Mal von innen gesehen, als man mich einlud, dort einen Vortrag zu halten. Als hätte ich damals gewusst, wie man einen Vortrag hält.

Als ich 2007 gemeinsam mit anderen beschloss, die Konferenz „Re:publica“ zu veranstalten, wusste ich über Konferenzen nur, dass ich sie meistens langweilig fand. Also mussten wir das etwas anders machen. Und als ich gemeinsam mit meiner Frau an dem Elternratgeber „Netzgemüse“ zu arbeiten anfing, hatte ich keine Ahnung davon, wie schwierig das werden würde. Aber ich fand, dass unser Buch geschrieben werden musste, also tat ich es – zum Glück nicht allein.

Nun haben wir auch noch den gemeinnützigen Verein Tincon gegründet, der Festivals für digitale Jugendkultur und vieles andere initiiert. Nicht, weil ich so gern mal in einem Vorstand sein wollte oder weil ich so gut im Administrieren von Vereinsmitgliedern wäre. Sondern weil es meiner Meinung nach wirklich Zeit ist, sich um die digitale Bildung zu kümmern, die Eltern und Lehrer allein nicht mehr leisten können.

Jeder Text über eigene Fähigkeiten oder Talente läuft Gefahr, sehr eitel und selbstbeweihräuchernd zu klingen, ich wünsche mir aber, dass dieser hier eher motiviert. Denn viel zu oft habe ich tolle Menschen getroffen, die ihre guten Ideen nicht umgesetzt haben. Aus Angst vorm Scheitern, aus Sorge ums Fallen oder vor Verlusten, vor allem aber, weil sie dachten, sie könnten das alles nicht. Aber wenn mich diese Menschen mit Blick auf meine Biografie gefragt haben: „Wie machst du das?“, dann konnte ich immer nur entgegnen: „Ich weiß nicht. Ich mache es. Das Wie ist erst mal nebensächlich.“

Selbstverständlich stürze auch ich mich nicht (nun ja: selten) in Schulden, wenn es nicht wenigstens eine Chance gibt, dass sich die Investition auszahlt. Und ich rate dringend davon ab, ohne Schulung mit dem Paragliding anzufangen, einfach nur weil man „es mal machen will“. Die grundsätzliche Empfehlung, Dinge, für die man brennt, auch wirklich zu tun, spreche ich aber gerne aus. Denn es macht glücklich, und man lernt sehr viel dabei.

Das Talent, das man dafür benötigt, ist vielleicht das, welches mir fast alle meiner eingangs beschriebenen Freunde und Familienmitglieder nach einiger Zeit der Überlegung zugeschrieben haben, worüber ich dann doch sehr froh war: Begeisterungsfähigkeit.

Das Beste ist: Die braucht man nicht einmal zu lernen. Man muss sie nur zulassen. ---

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