Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Hamburg Kreativ Gesellschaft

Nachhilfe in Sachen Broterwerb

„In einen Vortrag gesetzt, zugehört, gelernt“: Illustrator Michael Benrad
„Diese Forderung zu stellen hätte ich vorher nie gewagt“: Tanzfotografin Anja Beutler
„Vieles erscheint machbarer“: Sarah Bürger, Modedesignerin

• Als Anja Beutler gefragt wurde, ob sie eine Ausstellung ihrer Fotografien organisieren könne, sagte sie ja – unter der Bedingung, dass sie Produktionskosten und Arbeitszeit bezahlt bekäme. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Für Anja Beutler war es ein großer Schritt.

Die 47-Jährige hat sich auf Tanzfotografie spezialisiert. Sie ist gut in dem, was sie tut, hat unter anderem Pina Bausch und Aufführungen von John Neumeier fotografiert. Trotzdem sind ihre Einnahmen so gering, dass sie kaum davon leben kann. Ihre Auftraggeber sind meist selbst Künstler mit knappen Budgets. Wenn es so weitergeht, wird sie eine Rente von 250 Euro bekommen.

Sie hat mehr als zehn Jahre durchgehalten. Ihre Leidenschaft für das Tanzen und die Fotografie haben sie angetrieben. „Ich habe immer geglaubt, wenn man etwas total liebt und unbedingt machen will, dann klappt das auch“, sagt Beutler. Heute weiß sie, dass man von Talent allein nicht leben kann.

Viele Kreative geraten irgendwann in das Dilemma zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung. Nicht immer liegt das nur am schwierigen Markt. „Die Leute sind mit Herzblut dabei, aber sie haben oft Schwierigkeiten, die Perspektive zu wechseln: Warum könnte das den Markt interessieren, was ich mache? Welcher Kunde könnte das kaufen wollen?“, sagt Susanne Eigenmann.

Sie ist zuständig für „Qualifizierung und Vernetzung“ an einer Institution, die bislang einmalig ist in Deutschland: die Hamburg Kreativ Gesellschaft, eine von der Stadt geschaffene GmbH, die der Zielgruppe durch Beratung, Coaching und Vernetzung bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts helfen soll.

Eingerichtet wurde die Gesellschaft auf Beschluss des schwarz-grünen Senats im Jahr 2009. Aus gutem Grund: Schon seit ein paar Jahren war die Kreativwirtschaft als relevante Branche und Motor für Innovationen in den Fokus gerückt. 2013 machten die ihr zugeordneten Unternehmen bundesweit einen Umsatz von 145 Milliarden Euro. Schon 2007 hatte die Bundesregierung eine Initiative gestartet, um „das Arbeitsplatzpotenzial noch weiter auszuschöpfen“.

In Hamburg zählen mehr als 78 000 Personen dazu. 2061 Euro netto monatlich sollen sie im Durchschnitt im Jahr 2011 verdient haben. Allerdings wurden in den Wert auch deutlich besser verdienende Angestellte eingerechnet. Etliche der zahlreichen Freiberufler der Branche dürften mit sehr viel weniger Geld herumkrebsen, wie eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2011 nahelegt: Demnach muss mehr als ein Drittel der in der deutschen Kreativwirtschaft tätigen Soloselbstständigen mit monatlichen Einkommen von weniger als 1100 Euro netto auskommen. Um die geht es der Kreativ Gesellschaft vor allem.

Anja Beutler erfuhr von einer befreundeten Choreografin von der Gesellschaft. Sie ging zur „Fragestunde“, einer kostenlosen Beratung in kleiner Runde. Es ging um Grundsätzliches: Wie kann ich mein Profil schärfen? Wo bekomme ich Kunden her? Wie mache ich auf mich aufmerksam?

Ein junger Illustrator erzählte ihr von einer Amerikanerin, die ihre Bilder täglich versteigerte und so ihren Lebensunterhalt bestritt. Ein älteres Paar berichtete von einer Freundin, die Firmen mit Kunst versorgte. Susanne Eigenmann wies sie auf eine Konferenz hin, die den Wert von Arbeit zum Thema hatte.

Beutler hörte zu, schrieb mit, ging zur Konferenz. Als sie das nächste Mal gefragt wurde, ob sie eine Ausstellung machen könne, zeigten sich die Auswirkungen. „Ich habe klar gesagt, welche Summe ich dafür brauche. Das war total neu für mich. Diese Forderung zu stellen hätte ich vorher nie gewagt.“

Um diese Hilfe zur Selbsthilfe geht es der Hamburg Kreativ Gesellschaft. Sie vermittelt auch Räume und Finanzierungsmöglichkeiten, aber vor allem unternehmerisches Know-how, Wissen, das hängen bleibt, nicht nur Gelder, die irgendwann aufgebraucht sind.

Wo es hakt, wissen einige der elf Mitarbeiter aus eigener Erfahrung. Eine ist selbst Ballonkünstlerin, einer Musiker. Susanne Eigenmann hat früher Öffentlichkeitsarbeit für die freie Theaterszene gemacht und so mitbekommen, was die Leute bewegt.

Welche Rechtsform ist die richtige?

Die „Fragestunde“ entstand, weil die Mitarbeiter den Bedarf nach Einzelberatungen nicht decken konnten. Zu Themen, die wiederholt von Kreativen angesprochen wurden, etwa Akquise, Marketing, Profilierung, veranstalten sie Workshops. Als ein Facebook-Posting über Honorarkalkulation besonders oft geteilt wurde, nahmen sie das Thema erneut auf die Agenda.

Mit der Reihe „Butter bei die Fische“ ziehen die Mitarbeiter der Kreativ Gesellschaft von Hochschule zu Hochschule, halten Vorträge zu Themen wie „Der Preis“ oder „Die Steuern“. Denn in den künstlerischen Studiengängen lernen die Studenten zwar viel Handwerk, aber eben nicht, wie sie damit Geld verdienen. Der Geschäftsführer der Einrichtung, Egbert Rühl, erzählt gern die Anekdote, wie eine Studentin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg nach der Veranstaltung aufstand und erklärte: „Ich habe fünf Jahre hier gelernt und erfahre heute zum ersten Mal, was für mich in Zukunft relevant ist.“

An der Universität hat auch Michael Benrad von dem Angebot erfahren. Der 33-Jährige hat in Hamburg Illustration studiert und 2012 mit zwei Freunden die Computerspiele-Firma Beardshaker Games gegründet – weil er seine eigenen Ideen umsetzen wollte, statt bei dem Blockbuster-Spiel eines großen Entwicklers für die Beleuchtung von 100 animierten Bäumen zuständig zu sein. „Wir wussten, wie man ein Spiel entwickelt, aber wenig mehr“, sagt er. Es ging schon los mit der Frage, welche Rechtsform Sinn ergibt. UG? GbR? Wofür stehen die Kürzel überhaupt? „Wenn man keinen Anwalt kennt, denkt man, die verlangen alle 200 Euro die Stunde, da kann ich doch nicht anrufen. Bei der Kreativ Gesellschaft haben wir uns einfach in einen Vortrag gesetzt, zugehört und gelernt, wie aus unserem Vorhaben etwas werden kann.“

Viele Angebote kosten wenig oder gar nichts. Die Gesellschaft experimentiert mit neuen Formaten wie einem Speed-Coaching oder einer eigenen Crowdfunding-Plattform. Wer will, bekommt ein Rundum-Paket.

Die Beardshaker haben über sie sogar eine neue Bleibe gefunden, als sie aus ihrem alten Büro ausziehen mussten. Die Wartenau 16 ist ein ehemaliges Gymnasium, das die Kreativ Gesellschaft zur Zwischennutzung an Designer, Grafiker, Künstler und Filmemacher untervermietet, für 4,90 Euro kalt pro Quadratmeter, ein Bruchteil der üblichen Hamburger Büromieten.

Bei Beardshaker arbeiten inzwischen vier Leute und ein Praktikant. Gerade entwickeln sie im Auftrag eines Profi-Skatspielers ein Spiel, das Jüngeren Skat wieder näherbringen soll. An den Wänden hängen Benrads Zeichnungen von Piraten, die Figuren für die Spielkarten. „Wir hangeln uns nicht mehr nur von Monat zu Monat, sondern können langfristiger planen“, sagt Benrad. „Die Frage ist jetzt: Wie verwenden wir unsere Einnahmen am besten?“ Auch dafür haben sie sich an die Kreativ Gesellschaft gewandt. Die vermittelt in ihrem Coaching-Programm Experten und bezuschusst die Sitzungen mit bis zu 90 Prozent. Seit Anfang Mai lassen sich die Beardshaker zum Thema Marketing beraten. Welche Maßnahmen passen zu welchem Spiel? Sind Plakate sinnvoll? Wie plant man eine Kampagne? „Wir wollen wissen, wo unsere Spieler sind und wie wir ihnen unsere Games verkaufen können“, sagt Benrad. „Damit tun wir uns noch schwer.“

Für das Coaching-Programm gibt es Fördergelder aus dem Europäischen Sozialfonds. Eine Auswertung nach 18 Monaten beschreibt die typischen Teilnehmer: überdurchschnittlicher Bildungsabschluss, seit mehreren Jahren in Vollzeit selbstständig – mit keinen oder kaum kaufmännischen Kenntnissen und in einer „wirtschaftlich angespannten bis prekären Erwerbssituation“.

Nach dem Coaching berichten die Teilnehmer von gestiegenen Umsätzen, besserer Strukturierung der eigenen Arbeit, souveränerer Preisbehauptung oder von der „Abkehr von einer Tendenz zur Selbstausbeutung“. Kurz: Es hilft. Inzwischen schicken Bundesländer, die ähnliche Einrichtungen planen, Delegierte nach Hamburg. Der Geschäftsführer Egbert Rühl war vergangenes Jahr zu einer Konferenz des Goethe-Instituts nach Hanoi eingeladen. Er sollte seine Einrichtung vorstellen, als Best-Practice-Beispiel für die Förderung der Kreativwirtschaft.

Zu dem Ergebnis, dass die Gesellschaft wichtige Arbeit leistet, kam auch ein Evaluationsbericht im Auftrag des Hamburger Senats. Ursprünglich bis Ende 2015 befristet, beschloss der Senat im September 2014, die Einrichtung unbefristet fortzuführen. Einen Betrag zwischen 600 000 und 900 000 Euro pro Jahr investiert die Stadt dafür.

Künstler und Pfeffersäcke

Für Hamburg ist eine lebendige Kreativszene ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ein Baustein im Image als spannende, weltoffene Stadt. Oft tut sie sich jedoch schwer damit, den richtigen Umgang zu finden. Der Streit um das Gängeviertel, das Künstler vor einigen Jahren besetzt hatten, um den Abriss der historischen Gebäude zu verhindern, und die nach wie vor ungeklärte Frage, wie es nun nach der Sanierung weitergeht, ist nur ein Beispiel. „Kunst und Ökonomie haben in Hamburg ein traditionell schwieriges Verhältnis“, fasste es die Kultursenatorin Barbara Kisseler einmal zusammen.

Manch einer aus der Szene beäugt die Gesellschaft skeptisch, sieht in ihr lediglich den Versuch, Kapital aus der Arbeit anderer zu schlagen. Viele Künstler würden ihr Schaffen gar nicht unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit betrachten wollen, sagen Kritiker.

Auch die hohen Mietpreise der Stadt sind für viele Künstler ein Problem. Flächen für sie nutzbar zu machen war ein Auftrag des Senats an die Kreativ Gesellschaft. 2014 hat sie 21 Objekte vermittelt. Doch die Raumangebote seien zu teuer, sagen manche. Außerdem würden andere Initiativen an den Rand gedrängt, weil freie Flächen erst der Gesellschaft angeboten werden müssten.

Viele Kreative nehmen die Einrichtung dagegen durchaus als Partner wahr. Bei „Hauptsache frei“, einem Hamburger Festival der darstellenden Künste, war sie Kooperationspartner. Susanne Eigenmann und ihre Kollegen erzählten, wie Eigenproduktionen erfolgreicher werden und wie man Projekte mit Crowdfunding finanzieren kann.

Bei denen, die ihre Angebote nutzen, überwiegt die Dankbarkeit, eine Institution zu haben, an die man sich wenden kann. „Vieles erscheint durch ihre Unterstützung machbarer“, sagt Sarah Bürger. Die 34-Jährige entwirft Herrenmode, plant ein eigenes Label, nebenher macht sie ihren Master. „Es ist gut, einen Ansprechpartner zu haben.“

Das erste Mal ging sie zur Kreativ Gesellschaft, weil sie wissen wollte, wie sie ihre Modenschau finanzieren kann. Ein weiteres Mal, als sie ein Atelier suchte. Bürger hatte ein altes Fabrikgelände im Auge, zu groß für sie allein. Man zeigte ihr als Alternative die Aula in der Wartenau 16, ein heller Raum mit großen Fenstern und Galerie.

„Ich hatte schon länger im Hinterkopf, einen Raum zu schaffen, der jungen Menschen Zugang zu Mode bietet“, sagt Bürger. „Ich hatte die Idee, die Kreativ Gesellschaft bot den Raum und die Beratung. So konnte das wachsen.“ Aus der Designerin wurde eine Unternehmerin. Sie machte aus der Aula einen Coworking-Space, vermietet jetzt etwa ein Dutzend feste und freie Arbeitsplätze. Demnächst will sie das Crowdfunding unter anderem für weitere Nähmaschinen nutzen.

Auch die Spiele-Entwickler von Beardshaker Games planen schon für die Zeit nach ihrem Marketing-Coaching. Jetzt, da sie Geld verdienen, tauchen neue Fragen auf. Kürzlich waren sie bei einem Vortrag der Gesellschaft zur Altersvorsorge. ---

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