Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Finn Plotz

Die Gaben des jungen Plotz

Finn Plotz
Im „Nettchen“: Vater und Sohn Plotz
Im Koffer: der Prototyp des Produktes

• Klack, klack machen die Verschlüsse. Finn Plotz hält einen Moment inne. Dann öffnet er langsam den schwarzen Koffer, den er seit Wochen stets bei sich trägt.

Er sitzt im „Nettchen“, einem Bistro im schleswig-holsteinischen Glückstadt, wo er viel Zeit verbrachte, bevor sein Leben eine Wende nahm. Er ist ein groß gewachsener Mann mit roten Wangen, höflich und aufgeweckt. Seine Sätze mit norddeutschem Akzent klingen für einen 19-Jährigen manchmal etwas altklug.

Sein Koffer enthält, in Schaumstoff gebettet, einen dunklen Kunststoff-Kasten sowie ein kieselsteinförmiges, silber-schwarzes Ding mit Tasten, auf denen TV, Film und Musik geschrieben steht. „Um eine Vorstellung zu bekommen, muss man das mal angefasst haben“, sagt Plotz, der in diesen Mai-Tagen mitten in den Abiturprüfungen steckt, aber kaum einen Gedanken an Mathematik, Deutsch oder Englisch verliert.

Wie schafft ein Schüler es, sich in der Wirtschaftswelt zu vernetzen, 600.000 Euro einzutreiben, Lieferanten in China und Luxemburg aufzutun und mit Handelskonzernen zu verhandeln, um das selbst entwickelte Produkt auf den Markt zu bringen? Es handelt sich um ein Gerät, das den Medienkonsum bequemer machen soll. Der graue Kasten ist eine Set-Top-Box, die an den Fernseher angeschlossen wird und auf diesem neben dem TV-Programm auch Musik und Filme aus dem Internet abspielt. Das kieselförmige Ding ist die dazugehörige Fernbedienung.

Eine erstaunliche Geschichte: Mehr als 80 Prozent der Unternehmensgründer in Deutschland sind laut der Staatsbank KfW älter als 24. Plotz war 17, als er begann, die Idee für das Produkt zu entwickeln. Während sich seine Mitschüler auf das Abitur vorbereiteten und an den Wochenenden Partys feierten, feilte er an einem Businessplan und ging auf Investorensuche.

Er hat sich ein besonders schwieriges Vorhaben ausgesucht, keine App, die man am Laptop entwickeln kann, sondern ein Gerät, für dessen Herstellung Designer und Ingenieure vonnöten sind und das sich auf dem hart umkämpften Markt für Unterhaltungselektronik behaupten muss.

Seine Eltern hatten ihn immer wieder zu Hilfe gerufen, weil sie mit der Bedienung ihres neuen Heimkino-Systems überfordert waren, bestehend aus Flachbildfernseher, streaming-fähigem HD-Receiver, Blu-Ray-Player und Surround-Anlage. Finn Plotz wollte dem Wirrwarr aus Fernbedienungen und Menüführungen ein Ende bereiten. Er suchte nach einer Lösung, die seinen Eltern ermöglichen könnte, sowohl ihre bevorzugten Fernsehsender als auch Musiktitel und Filme aus dem Internet ganz bequem mit einer einzigen Fernbedienung aufzurufen. Weil es die auf dem Markt nicht gab, entwickelte er selbst eine.

Im September kommt das Produkt, das Simplex heißen und 250 Euro kosten soll, auf den Markt. Ob es genügend Käufer finden wird, wird sich zeigen. Manche der Investoren, denen er die Idee präsentierte, glauben nicht an einen Erfolg. Doch letztlich ist es Plotz gelungen, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein sowie ein paar private Geldgeber zu überzeugen, sodass er das nötige Kapital eintreiben und seine Idee binnen zwei Jahren realisieren konnte. Wie hat er das geschafft?

Können

Als er im Sommer 2013 auf einer Gartenliege darüber grübelte, was zu tun sei, damit seine Eltern ihn nicht mehr ständig um technischen Rat bäten, war ihm klar, dass eine von diesen Universalfernbedienungen, die so viele Tasten haben und kompliziert zu programmieren sind, das Problem nicht lösen würde. „57 Prozent der Deutschen“, sagt er, „können laut einer Studie der Bauer Media Group ihre Fernsehsender nicht sortieren, 69 Prozent wissen nicht, wie sie Filme oder Musik auf die TV-Anlage bekommen. Das zeigt doch, dass wir mehr Einfachheit brauchen.“

In gewisser Hinsicht konkurriert sein Produkt mit Apple TV, einer Set-Top-Box, die den Fernseher im heimischen Wohnzimmer zu einem Abspielgerät für sämtliche iTunes-Inhalte sowie für Youtube-Videos und Streaming-Dienste von Drittanbietern macht. Das Programm der Fernsehsender ließ Apple außen vor. In diese Bresche springt nun Plotz.

Wochen zuvor hatte er von der neuen CEC-Technik gelesen, die es erlaubt, mehrere Geräte von unterschiedlichen Herstellern automatisch ein- und auszuschalten. Gekoppelt mit einem TV-Receiver, einem Prozessor, wie er in Smartphones steckt, und einer Software, die alles kontrolliert und aufbereitet, könnte sie die Lösung sein – so die Gedankengänge des Schülers vor zwei Jahren.

Finn Plotz interessiert, wie Computer und Smartphones funktionieren. Er liest entsprechende Fachmagazine und unterhält sich mit Kumpels darüber, aber ein genialer Tüftler ist er nicht. Die Produktidee erforderte technisches Verständnis und abstraktes Denkvermögen – seine wahren Stärken aber zeigten sich erst bei deren Umsetzung.

Im Dezember 2013 suchte er Leute, die ihm helfen könnten, aus der Idee ein Produkt zu machen. Sein Vater gab ihm den Tipp, Gerrit Tamm zu kontaktieren, Unternehmensberater, Professor für Wirtschaftsinformatik und Initiator eines Studiengangs für Entrepreneurship an der privaten SRH Hochschule in Berlin. „Den habe ich so lange über Xing und Co. angeschrieben, bis er bereit war, mich zu treffen.“ Im Café „Sankt Oberholz“, einem beliebten Treffpunkt der Berliner Gründerszene, erzählte Plotz dem Professor, was er vorhat. Die Idee gefiel Tamm so gut, dass er mit ihm drei Stunden lang das erste Gerüst eines Businessplans ausarbeitete. Heute sitzt er im Beirat des Start-ups.

Der Schüler baute sich in den folgenden Monaten ein Netz an Förderern auf. Er sprach mit Gründungsberatern, Technikern und Marketingexperten. Er ging ohne Angst auf die Leute zu, nahm dankbar ihren Rat an, hielt beharrlich den Kontakt aufrecht.

„Finn Plotz hat die Gabe, bei Menschen die Lust zu erzeugen, sich mit seinem Projekt zu beschäftigen“, sagt Mark Miller, Geschäftsführer von Catcap, einer Beratung für Unternehmenskäufe und -verkäufe. Plotz hatte am Innovationszentrum in Itzehoe den Tipp bekommen, dass Miller in der Investorenszene bestens vernetzt sei, und wollte ihn unbedingt kennenlernen. Er schrieb Mails, rief ihn an, ließ nicht locker, bis sie endlich eines Abends in Millers Büro in Hamburg zusammensaßen. „Der hatte Charme und wirkte extrem zielstrebig“, erinnert sich der Berater. Um eine weitere von Plotz’ Stärken zu beschreiben, erzählt er von einer gemeinsamen Autofahrt.

Der Schüler hatte gerade eine Absage von einem der wichtigsten Frühphasenfinanzierer in Deutschland erhalten. Miller war schon mit vielen Gründern dort und hatte oft erlebt, wie niederschlagen oder wütend sie waren, wenn die ersehnte Zusage ausgeblieben war. Nicht so Plotz. Der habe stattdessen die konstruktive Kritik der Investmentmanager gelobt und sich sogleich Gedanken gemacht, was er noch verbessern könne. „Da hat es bei mir klick gemacht“, sagt Miller, „ich wusste in diesem Moment, dass er das Zeug zum Unternehmer hat.“

Im Frühjahr 2014 präsentierte Plotz seine Geschäftsidee Georg Banner von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein. „Ein außerordentlicher Auftritt“, erinnert er sich. „Finn Plotz war sehr viel überzeugender als die meisten, deutlich älteren Geschäftsführer, die ich sonst erlebe. Der kannte seinen Markt und hatte jeden Schritt bis zur Fertigstellung seines Produktes vor Augen.“

Jetzt zahlte sich aus, dass Plotz zuvor mit etlichen Fachleuten gesprochen und viel Wissen angehäuft hatte. Zudem hatte er sich akribisch auf die Präsentation vorbereitet. „Da bin ich perfektionistisch“, sagt er, „vom Zettel ablesen kommt nicht infrage.“

Banner bewilligte ihm 125 000 Euro – unter der Bedingung, dass ein weiterer Investor mit mindestens 50 000 Euro ins Risiko gehe. Den Produkterfolg sieht er keineswegs als gesichert an. Hardware sei ein schwieriges Thema, vor allem für einen Anfänger, der keine langen Beziehungen zu Lieferanten unterhält und wegen geringer Stückzahlen hohe Produktionskosten hat. „Das kann durchaus schiefgehen“, sagt er. Als regionaler Wirtschaftsförderer hätten sie aber die Aufgabe und die Mittel, auch riskantere Projekte in der Frühphase zu finanzieren. Ausschlaggebend sei gewesen, dass Plotz die richtige Mischung aus Begeisterung und Bodenhaftung mitbringe. Das Geld sei als Investition in einen vielversprechenden Nachwuchsunternehmer zu verstehen.

Im Herbst 2014 sollte die Produktion losgehen. Doch dann erfuhr Plotz, dass die Platinen, die er in sein Gerät einbauen wollte, gewissen Sicherheitsstandards genügen müssen, damit das Produkt ein wichtiges Zertifikat erhält. Alles drohte daran zu scheitern, denn mit den höheren Produktionskosten stieg sein Kapitalbedarf von 200 000 auf 600 000 Euro. Seine Kalkulation war für die Katz, und ob die bereits gewonnenen Geldgeber unter diesen Umständen bei der Stange bleiben würden, äußerst fraglich. Der junge Mann hatte nun viele schlaflose Nächte. Dann fing er von vorn an. Neuer Businessplan, neue Präsentationen, neue Partnersuche. Er recherchierte unzählige Stunden im Internet, bis er die Firma gefunden hatte, die ihm die Platinen produzieren könnte. Er rief an deren Sitz in Hongkong an und verabredete sich mit einem der Manager auf einer Messe in Amsterdam.

Die alten Investoren blieben ihm glücklicherweise treu. Mit dem Braunschweiger IT-Unternehmer Michael Goldapp gesellte sich dank der Vermittlung durch Mark Miller ein weiterer hinzu. Der gab nicht nur Geld, sondern stellte Plotz zu besonders günstigen Bedingungen einen seiner Softwareentwickler zur Verfügung. Einen weiteren Deal machte Plotz mit dem Hersteller seiner Platinen. Der investierte 250 000 Euro in die Entwicklung von Simplex, wird dafür später am Umsatz beteiligt.

Wille

Fragt man Henning Plotz, was seinen Sohn ausmacht, erzählt er Anekdoten, die einerseits von der Weigerung zeugen, etwas zu tun, nur weil er es muss, andererseits von extremer Hingabe. Für die „Titanic“ beispielsweise. Finn habe das Schiff x-mal nachgebaut, Bücher darüber gelesen, jede Detailinformation wie ein Schwamm aufgesogen. „Das zog sich über Jahre hin“, sagt Henning Plotz.

Hartmut Appel, Direktor am Detlefsengymnasium in Glückstadt, erinnert sich noch gut an Finns Widerwillen gegen den Französischunterricht. In der neunten Klasse konnten die Schüler zwischen Latein und Französisch wählen. Am Ende des Schuljahres habe Finn ihn gebeten, zu Latein wechseln zu dürfen. „Eigentlich geht das nicht“, sagt Appel, „denn das heißt, bei null anzufangen, während die anderen Schüler schon viel weiter sind.“ Es sei dann aber doch gegangen, weil Finn den Stoff des verlorenen Jahres kurzerhand in den Sommerferien nachgeholt habe.

Ein Überflieger ist Plotz trotzdem nicht. Schon gar kein Mathe-Ass, „da bewege ich mich eher am unteren Rand der Notenskala“. Er ist in manchen Fächern sehr gut, in anderen schlecht. Für seine unternehmerische Tätigkeit spielen seine Leistungen in der Schule ohnehin eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist sein eiserner Wille, der sich schon zeigte, als er sich für die Gründung entschied. Das war im Dezember 2013. Nachdem er die Idee entwickelt hatte, weihte er einen gleichaltrigen Freund, der gut programmieren kann, in das Projekt ein. Ein halbes Jahr lang probierten sie ein paar Dinge aus, bis sie zu der Erkenntnis kamen, dass sich die Idee technisch realisieren lasse. Für den Freund war die Sache damit erledigt. Das Projekt machte ihm Spaß – aber ein Unternehmen gründen, jetzt, anderthalb Jahre vor dem Abitur? Nein, das wollte er nicht. Anders als Plotz, der, wie er sagt, „von der Sache innerlich so gepackt“ war, dass er seinem Schulleiter die Genehmigung abrang, von nun an häufiger dem Unterricht fernzubleiben.

Inspiration

Damit Talent sich entfaltet, braucht es neben dem Willen auch Vorbilder und Inspirationen. Bei Finn Plotz hatten der Vater, das „Nettchen“ und Steve Jobs diese Funktion.

Henning Plotz, einst zum Gärtner ausgebildet, führt heute in Glückstadt ein Restaurant, ein Bistro und einen Beachclub. Ein Hotel ist im Aufbau. Und dann ist da noch die Matjesproduktion, deretwegen ihn die Lokalpresse wahlweise als „Fisch-Rebell“ oder „Matjes-König“ tituliert. Seit 1995 bietet er den niederländischen Produzenten die Stirn, die mit Billigimporten den traditionsreichen Glückstädter Matjes vom Markt verdrängt hatten. Er ließ sich von einem alten Fischer in die Besonderheiten des Matjesherings einweihen, behielt die traditionelle Produktionsweise bei und verpasste dem Fisch dank Marketing und der Hilfe von Spitzenköchen ein edles Image. „Geschenktes Geld ist nichts wert“ heißt sein Leitsatz. Sohn Finn hat ihn seit Kindestagen verinnerlicht.

Bevor er sich selbst als Unternehmer versuchte, hatte er im Nettchen mitgearbeitet, dem Bistro des Vaters am Glückstädter Hafenkopf. Jede freie Minute verbrachte er dort. Das Nettchen war seine eigentliche Schule. An schönen Tagen ist es dort brechend voll, die Menschen stehen Schlange, um an der Theke ein Latte macchiato, Bratkartoffeln oder ein Fischbrötchen zu bestellen. Finn Plotz war zunächst Aushilfe im Service, später koordinierte er das Personal. Er lernte, die wartende Kundschaft bei Laune zu halten. Er versuchte, die Arbeitsabläufe durch penible Vorgaben zu verbessern – und musste erkennen, dass dadurch die Eigeninitiative der Mitarbeiter verloren ging.

Im Grunde hat Finn Plotz vor Jahren mit der Vorbereitung seines Unternehmertums begonnen. Leute wie der Virgin-Gründer Richard Branson und vor allem Steve Jobs faszinieren ihn schon lange. Er hat ihre Biografien verschlungen, und genauso versessen, wie er als Kind die Titanic studierte, hat er jede einzelne von Jobs’ Produktpräsentationen im Detail analysiert. Einmal, als sein Vater im Nettchen eine Aushilfe rügen wollte, bat Finn darum, das Gespräch führen zu dürfen. „Gutes Feedback besteht zu drei Vierteln aus Lob und einem Viertel aus Kritik. Ich wollte sehen, ob ich das kann.“ Im Juni, wenn er Simplex in einem Hamburger Kino offiziell vorstellt, beginnt die nächste Lerneinheit. ---

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