Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Ausbildung für Flüchtlinge

An die Flex

• Als Benyamin Ahmadi aus dem Iran flieht, ist er 17 Jahre alt. Er hat nichts bei sich außer etwas Geld, seiner kleinen Schwester und einer vagen Vorstellung von Europa. Dass er nach sieben Monaten wohlbehalten in Deutschland ankommt, grenzt an ein Wunder. Dass er heute – fünf Jahre später – einen Ausbildungsbetrieb gefunden hat, ebenso.

Dabei beklagen deutsche Unternehmen schon lange den Fachkräftemangel. Mindestens 37 100 Ausbildungsstellen blieben 2014 unbesetzt. Ein neuer Höchststand, der durch zunehmende Akademisierung, eine geringe Geburtenrate und eine hohe Lebenserwartung weiter zu steigen droht. Im Jahr 2015 werden voraussichtlich 400 000 Flüchtlinge einen Asylantrag in Deutschland stellen, die meisten im erwerbsfähigen Alter. Beinahe alle haben in ihrer Heimat die Schule besucht, knapp die Hälfte hat eine Berufsausbildung und jeder Zehnte ein Hochschulstudium abgeschlossen. Unter ihnen sind Facharbeiter und solche, die es werden wollen. Doch vor dem Eintritt in die legale Arbeitswelt Deutschlands müssen sie etliche Hürden nehmen.

1. Bürokratie

Vier Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland hat Ahmadi im September 2014 seine Lehre als Steinmetz in Lübeck angetreten. Obwohl der 22-Jährige mittlerweile gut Deutsch spricht, wachen Verstandes ist und vor seiner Flucht bereits fünf Jahre in diesem Gewerk gearbeitet hat, wäre er ohne den Einsatz Dritter heute arbeitslos. Zwischen der Einreise ohne gültige Papiere und dem unterschriebenen Ausbildungsvertrag liegt eine bürokratische Ochsentour durch Behörden, die die Rechtslage bisweilen selbst nicht mehr überblicken. Wie kann sich ein unbegleiteter Flüchtling da zurechtfinden?

„Gar nicht“, sagt Wolfgang Cramer vom Jugendmigrationsdienst in Lübeck. Er ist einer der Helfer, ohne die Benyamin Ahmadi heute sein Geld vom Amt bekäme oder als Schwarzarbeiter seine Gesundheit wie sein Aufenthaltsrecht aufs Spiel setzen würde. Cramer kennt den jungen Flüchtling erst seit zehn Monaten, aber die Akte über ihn ist fast so dick wie sein Unterarm. „Ich brauch’ bald einen Ordner für den Kollegen“, sagt er und lacht, dass sein Schnauzer bebt. Cramer arbeitet seit 25 Jahren mit jungen Leuten wie Ahmadi und erklärt ihnen, wie Deutschland funktioniert. Zwischendurch erteilt er auch mal einem Sachbearbeiter Nachhilfe.

Als Ahmadi aus seiner Jugendeinrichtung in Neumünster nach Lübeck zieht, um die Ausbildung anzutreten, beginnt ein kafkaeskes Narrenspiel: Sein Gehalt im ersten Lehrjahr beträgt 363 Euro, die neue Bruttokaltmiete liegt bei 366 Euro. Der junge Mann beantragt Mietzuschuss beim Job-Center – was abgelehnt wird. Die Begründung: Er wohne noch nicht in Lübeck und falle daher nicht in die Zuständigkeit der dortigen Behörde. Cramer insistiert, und die Behörde gibt klein bei. Allerdings erst nach Vorlage des unterschriebenen Mietvertrags; den will der Vermieter aber erst nach Vorlage des Bescheids über den Mietzuschuss unterschreiben. Zudem weigert sich das Job-Center, die Kaution für den Azubi auszulegen, weil er nicht arbeitslos ist. Sein Antrag auf eine Unterstützung für die Erstausstattung der unmöblierten Wohnung wird mit derselben Begründung abgelehnt. Ahmadi leiht sich das Geld bei einem Cousin, der in Hamburg wohnt. Damit er in dieser Zeit nicht auf der Straße schlafen muss, bringt ihn Cramer privat bei einem Bekannten unter.

Erschwerend hinzu kommt, dass der theoretische Teil der Steinmetzausbildung blockweise im knapp 300 Kilometer entfernten Königslutter unterrichtet wird. Während seiner drei Ausbildungsjahre muss der Lehrling sechsmal für anderthalb Monate dorthin ziehen. Jeder Aufenthalt kostet ihn knapp 500 Euro. Rund die Hälfte davon übernimmt das Berufsbildungswerk, den Rest muss sich Ahmadi wieder privat leihen; einen Kredit von der Bank bekommt er nicht. Als er abermals im Job-Center vorspricht und versucht, dem Beamtendeutsch des Sachbearbeiters zu folgen, fragt ihn dieser: „Herr Ahmadi, wieso bleiben Sie nicht einfach zu Hause? Als Arbeitsloser wäre alles einfacher.“ Ahmadi ist sprachlos, der Sachbearbeiter zuckt mit den Schultern.

„Das Schlimme ist, der hat in gewisser Weise sogar recht“, sagt Cramer. Würde Ahmadi Arbeitslosengeld II beantragen, bekäme er Kaution, Miete und Erstausstattung bezahlt. „Ich will aber nicht jeden Tag zu Hause sitzen und nur auf mein Geld warten“, sagt Ahmadi. Cramer nickt zufrieden.

Jeden Tag hört er die Schicksale der Flüchtlinge in seinem Büro: von entführten Kindern, ermordeten Vätern, vergewaltigten Müttern. Ihre Geschichten füllen die Mappen auf seinem Schreibtisch. Vor der Verzweiflung retten ihn Humor und Kampfeslust. „Ich bin ein friedliebender Mensch, aber wenn mir einer was von Wohlstandsflüchtlingen erzählt, würde ich dem am liebsten …“, Cramer bricht ab, es gibt zu viel zu tun, um sich zu ärgern.

Noch dicker als die Mappen voller Schicksale sind die Ordner im Regal hinter ihm. Auf den Etiketten stehen lange Verwaltungsfachbegriffe, die Einwanderern jede Hoffnung auf den Deutschtest nehmen müssen. Cramer kennt sie alle, und wenn er einmal nicht sicher ist, stößt er sich mit seinem Bürostuhl vom Schreibtisch ab, rollt zum Regal und zieht den passenden Ordner heraus. Neulich hat er in einem Fall so lange insistiert, bis er beim Ministerpräsidenten persönlich vorsprechen durfte – und recht bekam. „Den einzelnen Sachbearbeitern mache ich keinen Vorwurf“, sagt er, „es liegt an den Gesetzen.“

Doch seine Klienten haben keine Zeit für lange Streitereien. „Ich habe hier schon eine Kuhle im Boden“, sagt Cramer, „so scharren mir die Leute mit den Füßen – die wollen endlich loslegen und arbeiten, das sind ihre besten Jahre.“

2. Schicksal 

Benyamin Ahmadi ist 1993 im afghanischen Ghazni geboren, zwischen Kabul und Kandahar. Nach der Machtübernahme der Taliban 1996 flieht seine Familie vor der Gewalt der neuen Herrscher in den Iran – da ist er fünf Jahre alt. In Teheran ist die Familie zwar vor den Taliban sicher, doch als Flüchtlinge nun der Willkür der Polizei ausgeliefert. Sie gelten als vogelfrei, dürfen weder Wohnung noch Auto kaufen, nicht einmal einen Handyvertrag abschließen. Der Sohn muss nach der fünften Klasse die Schule verlassen, weiterführende Bildung ist dem Flüchtling verwehrt. Wenn er über die Straße huscht, hält er den Blick gesenkt, um den Polizisten nicht aufzufallen. Trotzdem finden sie ihn immer wieder, schlagen und bestehlen ihn. Einfach so. Wehren darf er sich nicht, sonst schicken sie ihn zurück nach Afghanistan, wo noch immer die Taliban wüten. Davor hat er noch größere Angst.

Um nicht verrückt zu werden, begleitet er seinen Vater zur Arbeit in den Steinmetzbetrieb. Anfangs muss er Platten schleppen und Werkzeug sortieren; später darf er kleinere Arbeiten erledigen. Dabei wächst sein Gefühl für die Struktur der Steine und mit ihm das Vertrauen des Vaters ins Können des Sohnes. Aus Zuarbeiten werden eigene Projekte: die erste Küchenplatte, eine Säule, ein Kamin. Dann wird sein Vater von der iranischen Polizei verschleppt und nach Afghanistan abgeschoben. Monatelang hört der Sohn nichts von ihm. Dann, irgendwann, ein Lebenszeichen aus Kabul. Für die Rückkehr in den Iran fehlt das Geld.

Mit 17 Jahren beschließt Ahmadi abermals zu fliehen. Diesmal auf eigene Faust. „Im Iran wäre ich für immer nur Benyamin geblieben, dort gab es keine Zukunft, ich hätte nie einen Pass bekommen und hätte mir nie eine Wohnung kaufen können – was sollte da aus mir werden?“ Ahmadi spricht langsam und bedächtig, was nicht zu seinem zielstrebigen, teils ungeduldigen Wesen zu passen scheint. Noch muss er sich jedes Wort vor dem Aussprechen übersetzen. Wenn ihm eine Vokabel fehlt, fragt er: „Wie sagt ihr?“ Er hat noch nicht das Gefühl dazuzugehören. Er wohnt erst seit Kurzem in Lübeck und hat dort noch keinen Freundeskreis. Aber er fühlt sich so sicher und frei wie nie: „Hier sagt keiner: Du bist nur Afghane, das darfst du nicht, hier habe ich alle Möglichkeiten.“ Cramer sitzt neben ihm und zieht die Brauen zusammen. Das tut er, wenn er findet, dass die Dinge komplizierter sind – also ständig. Er weiß um die Last, die jeder seiner Klienten mit sich herumträgt: „Hier kommt keiner aus Jux und Dollerei her – die haben Sachen erlebt, die wir uns nicht vorstellen können.“

3. Sprache 

Nach dem Verschwinden seines Vaters redet Ahmadi nächtelang auf seine Mutter ein. Sie hat Angst um ihren Sohn, kann ihn aber nicht halten. Für seine Reise verkauft sie den spärlichen Goldschmuck, den sie aus Afghanistan retten konnte. Sie will nicht noch einmal fliehen. So macht sich der 17-Jährige zusammen mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester auf den Weg: anfangs mit dem Fahrrad, schließlich wochenlang zu Fuß in Richtung Europa. Als Ahmadi in der Türkei nachts in ein Boot klettert, verliert er seine Schwester. Er ruft nach ihr, will das Boot stoppen, doch die anderen halten ihn zurück, aus Angst vor der Küstenwache.

In Griechenland ruft er immer wieder seine Mutter an, in der Hoffnung von seiner Schwester zu hören. Dabei wirft er einen gehörigen Teil seines mageren Fluchtbudgets in den Fernsprecher. Nach quälenden Wochen hört er, dass die Schwester unversehrt bei einem Cousin in Hamburg angekommen ist. Versteckt im doppelten Boden eines Lastwagens, macht er sich auf den Weg. Die Fahrt endet in Neumünster. Er fragt: „Wo bin ich?“, jemand antwortet: „Hier ist Deutschland.“ Seine Reise hat sieben Monate gedauert und 4000 Dollar gekostet.

Ahmadi meldet sich bei der Polizei, wird durchsucht und in eine Jugendeinrichtung gebracht. Von dort stellt er einen Antrag auf Asyl und wartet. In der Regel sollte die Bearbeitung wenige Monate dauern. Weil sich die Behörden aktuell aber bevorzugt Anträgen aus Osteuropa widmen – um sie beinahe ausnahmslos abzulehnen – wartet er drei Jahre auf seinen Bescheid. In dieser Zeit darf er wegen des laufenden Verfahrens zwar nicht abgeschoben werden, hat aber ohne Aufenthaltserlaubnis auch keinen Anspruch auf einen Sprach- oder Integrationskurs. Alle sechs Monate muss er seinen Status als Wartender auf dem Amt erneuern. Versäumt er die Frist, droht ihm die Ausweisung, hält er sie ein, wiederholt sich das Spiel nach sechs Monaten.

Wegen seines anhaltenden Bittens und des Einsatzes seiner gesetzlichen Betreuer in der Jugendeinrichtung darf er die Schule besuchen. Nach acht Monaten macht er seinen Hauptschul- und zwei Jahre später den Realschulabschluss, mit der Note 2,5. Schließlich bekommt er Asyl und will als Steinmetz arbeiten. Als ihm sein Betreuer das deutsche Ausbildungssystem erklärt, fällt Ahmadi fast vom Stuhl: „Noch mal drei Jahre lernen fast ohne Geld? Ich dachte, er macht Spaß!“ Ahmadi beißt die Zähne zusammen und sucht nach einem Ausbildungsbetrieb.

Während die meisten Flüchtlinge den handwerklichen Anforderungen gewachsen sind, scheitern sie in der dualen Ausbildung oft an der Sprache. „Neun Monate Deutschkurs für Jugendliche und sechs für Erwachsene sind einfach zu wenig“, sagt Cramer. Er fordert für jeden Flüchtling Sprachunterricht vom ersten Tag an. Es gibt zwar bundesweit Hunderte Einrichtungen, die sich um diese Menschen kümmern, trotzdem reicht die Betreuung nicht aus. Allein Cramer und seine beiden Kolleginnen sind für 9000 junge Migranten im Umkreis zuständig, im Jahr können sie gerade einmal 200 beraten. „Das Problem ist, dass der Bund sagt, Flüchtlinge seien Ländersache“, erklärt Cramer, „und die Länder wälzen das Problem gerne auf die Kommunen ab.“

4. Verbote 

Zurzeit darf ein Flüchtling in den ersten drei Monaten nach seiner Ankunft in Deutschland nicht arbeiten. In den folgenden zwölf gilt die Vorrangprüfung, also die Nachweispflicht, dass es keinen Deutschen oder EU-Ausländer gibt, der die Stelle besetzen könnte. Häufig kommt das einem Arbeitsverbot gleich. Zu oft geht die Prüfung laut Cramer wie folgt aus: Der Flüchtling findet einen Betrieb, der ihn ausbilden möchte, bittet um Erlaubnis bei der Ausländerbehörde, die fragt das örtliche Arbeitsamt und bekommt eine Absage. Der Betrieb darf die Stelle folglich nicht mit dem Wunschkandidaten besetzen und bekommt vom Arbeitsamt einen Kandidaten vermittelt, der dann oft nicht zum Bewerbungsgespräch erscheint. Am Ende steht die Firma ohne Azubi und der Bewerber ohne Ausbildung da.

Zwar wurden die Fristen in den vergangenen Jahren reduziert – in den späten Achtzigerjahren galt ein bis zu fünfjähriges Arbeitsverbot – Cramer kann in den Verordnungen dennoch keinen Sinn erkennen. „Warum drei Monate Arbeitsverbot? Warum zwölf Monate Vorrangprüfung? Man könnte den Eindruck kriegen, diese Zahlen werden irgendwo gewürfelt.“

5. Diskriminierung 

Ist dieses Hindernis überwunden, steht der Bewerber vor dem nächsten: seinem Namen. Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes werden Bewerber mit einem türkischen Namen bei gleicher Qualifikation 14 Prozent seltener zum Bewerbungsgespräch eingeladen als solche mit einem deutschen Namen; in kleinen Betrieben liegt die Quote sogar bei 24 Prozent.

Obwohl Ahmadi nicht Müller heißt, hat der junge Afghane Glück und bekommt Antwort auf seine Bewerbung beim Natursteinwerk Rechtglaub-Wolf in Lübeck. Der Ausbilder und Chef des Unternehmens mit 40 Mitarbeitern geht mit seinen Bewerbern einen ungewöhnlichen Weg. „Ich lese keine Lebensläufe, sondern lade jeden direkt zum Praktikum ein“, sagt Stefan Wolf, der das Unternehmen in vierter Generation führt. „Mindestens die Hälfte der Bewerber kommt gar nicht zum Praktikum, warum soll ich deren Zeugnisse lesen?“ Die Einladung spart Zeit, und von jenen, die ihr folgen, kann er sich in den zwei Praktikumstagen in der Werkstatt ein Bild machen. „Mir ist völlig egal, ob da ein Sonderschüler oder eine Abiturientin vor mir steht – Hauptsache es wird angepackt.“

Cramer wünscht sich mehr Unternehmer wie Wolf, die keine Berührungsängste haben, aber ein handfestes Interesse: Allein Wolfs Betrieb könnte auf der Stelle sechs Ausbildungsplätze besetzen, sagt er – es fehle jedoch an qualifizierten Bewerbern. Die Stellen sind seit anderthalb Jahren unbesetzt. „Wenn Sie einem Flüchtling die Chance geben, sein Können zu zeigen, kriegen Sie in aller Regel einen hochmotivierten Arbeiter“, sagt Cramer.

6. Ausbildungsniveau 

Seit 2012 hat jeder das Recht, seinen im Ausland erworbenen Berufsabschluss in Deutschland anerkennen zu lassen. Für Gesine Keßler-Mohr von der Handwerkskammer Hamburg war das „eine stille Revolution“. Deutschland habe heute vergleichsweise liberale Flüchtlingsgesetze, die Krux sei das komplexe System dahinter. „Deutschland ist ein sehr formalisiertes Land“, sagt sie. Zur Anerkennung benötigten die Antragsteller viele Dokumente. Aber wer denkt schon bei der Flucht an seine Ausbildungsbescheinigungen?

Die Handwerkskammer Hamburg organisiert daher mehrmals im Jahr eine Aktionswoche, bei der Vertreter aller Zünfte den Flüchtlingen kleine Aufgaben stellen, um deren Fertigkeiten zu erkennen. Man verständigt sich mit Händen und Füßen. Am Ende bekommen die Teilnehmer ein Zeugnis und nicht selten ein Praktikum bei einem der Meister. Doch mitunter bringt die Woche auch ernüchternde Erkenntnisse über das hohe deutsche Ausbildungsniveau mit sich. Ein voll ausgebildeter Industriemechaniker aus dem Iran ist hierzulande auf dem technischen Stand von vor 20 Jahren.

Als sich Ahmadi am ersten Tag seines Praktikums in Lübeck vorstellt, erzählt er dem Meister von seiner fünfjährigen Berufserfahrung. Der reicht ihm Hammer und Meißel und bittet ihn, einen Randschlag zu ziehen. Ahmadi hält das Werkzeug fassungslos in den Händen. Bislang hat er ausschließlich mit Maschinen gearbeitet, mit Flex, Dremel und Bohrer – aber nie mit Schlageisen und Fäustel. Er gibt sein Bestes mit dem ungewohnten Gerät und bittet anschließend um eine Flex. Der Meister lässt ihn mit kritischem Blick gewähren. Als Ahamdi mit der Maschine vor dem Sandstein steht, hat er Tränen in den Augen. Fünf Jahre ist es her, dass er so zum letzten Mal gearbeitet hat. Er skizziert die Umrisse einer Muschel – so wie er es von seinem Vater gelernt hat – und setzt die Flex an. Nach zwei Stunden fragt ihn der Meister, ob er keine Pause machen wolle, doch Ahmadi ist endlich in seinem Element. Er hatte lange genug Pause. Nach vier Stunden ist die Muschel fertig und der Ausbildungsvertrag sicher.

Was er in Teheran gelernt hat, nutzt ihm in Lübeck bislang wenig. Ausbilder Wolf sagt: „Die Techniken seiner alten Lehre soll er bei uns hintanstellen.“ In den ersten beiden Jahren gehe es um handwerkliche Grundkenntnisse, also den Umgang mit Hammer und Meißel. Die Flex kommt erst im dritten Jahr. Ahmadi verdreht die Augen.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt Wolfgang Cramer mit seiner auf Verständlichkeit gerichteten langsamen Sprache, „verstehst du den Satz?“ Ahmadi versteht den Satz. Aber er kann ihn nicht leiden. Ihm geht es in Deutschland nicht schnell genug. Er möchte endlich sein eigenes Geld verdienen, ohne Beihilfe, ohne Job-Center und ohne juristische Querelen – auch wenn er Herrn Cramer, den er fest ins Herz geschlossen hat, dann nie wiedersähe. Ahmadi möchte endlich an die Flex. ---

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