Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Yukiko Elisabeth Kobayashi

Das pralle Leben

• Es hätte eine klassische Konzernkarriere werden können. 15 Jahre lang reihte Yukiko Elisabeth Kobayashi zunächst bei der Lufthansa, dann beim Pharmakonzern AstraZeneca Herausforderung an Herausforderung, stieg auf, war anerkannt, sollte gerade eine nächste Stufe erklimmen – da kündigte sie. Einfach so.

Ihre Kollegen müssen ebenso gerätselt haben wie jene Head-hunter, die ihr unverzüglich die verlockendsten Angebote machten. Sie hatte noch keine rechte Idee, was sie machen wollte, also ließ sie sich auf einige Gespräche ein. Und dann, es ging um einen Vorstandsposten, saß sie mit vier Männern an einem langen Tisch, flauschiger Teppich, Blick über Hamburg, angestrengte Gespräche. Und sie war sicher: „So spaßbefreit willst du nicht leben.“

Inzwischen hat sie eine Menge Spaß. Nicht nur, weil sie sich mit der zehnjährigen Tochter und den fünfjährigen Zwillingen spontan verabreden kann, weil sie mehr Zeit hat, um mit ihrem Mann ins Kino oder Konzert zu gehen oder für Freunde zu kochen: Sie hat auch gefunden, wovon sie im Mai 2014 nur ahnte, dass es das geben musste.

Seit Juni 2014 nutzt sie, was sie im Studium und in ihrer Kon-zernzeit gelernt hat, um in Hamburg einen Impact Hub aufzu-bauen. Das ist eine Art Brutstätte für Geschäftsideen, die einen Impact, also eine Wirkung auf die Gesellschaft haben. Die Idee entstand vor knapp zehn Jahren in London, heute gibt es solche Hubs bereits in mehr als 60 Städten und mit Berlin und Mün-chen auch in zwei deutschen. Die Projekte sind vielfältig: In Wien werden beispielsweise aus Altkleidern neue Designerstücke, genäht von Einwanderinnen. In München ist ein Versicherungsverein entstanden, der mit einem Teil seiner Prämien privaten Solarstrom im Senegal kofinanziert.

Bei den entstehenden Firmen sind Gewinne durchaus erwünscht, und auch der Hub hat ein Geschäftsmodell: Er finanziert sich durch Mitgliedschaften, Vermietungen, Veranstaltungen und Aufträge aus der Wirtschaft. In Zürich klappt das schon ganz gut, Yukiko Elisabeth Kobayashi ist mit ihrem Hub allerdings noch ganz am Anfang. Sie hat erst einmal recherchiert, was es in Hamburg an Gründungsförderung schon gibt, was fehlt und wie sich ihr Projekt positionieren kann: Die Region ist ihr Thema. Sie will mit ihren Mitstreitern Ideen entwickeln, die Hamburg lebenswerter machen und seine Unternehmen erfolgreicher, vor allem indem sie unterschiedliche Menschen und Talente zusammenbringt.

Geld ist damit noch nicht zu verdienen. Für Kobayashi kein Problem. Sie hat sich in den Managerjahren ein kleines Polster zugelegt. Vor allem aber hat sie keine Angst, großes Zutrauen in ihre Idee und noch größere Lust auf das, was kommt: „Ich muss niemandem etwas beweisen und kann mich am Leben erfreuen und es genießen.“

Ob sie so viel Gelassenheit ihren japanischen Wurzeln ver-dankt? „Ich denke eher“, sagt sie, „dass ich in meinen Eltern starke Vorbilder hatte.“ Die norddeutsche Mutter war mit 30 Jahren nach Japan gezogen, um dort an einer Deutschen Schule zu unterrichten. Sie lernte Kobayashis Vater kennen: 13 Jahre jünger, ein gutes Stück kleiner, gern mit schwarzem Pullover und Baskenmütze, der zum Entsetzen seiner großbürgerlichen Eltern Germanistik und Philosophie studiert hatte. „Er ist ein autonomer Typ“, sagt die Tochter, „der mich immer ermutigt hat zu tun, was ich will, und Neues zu probieren.“

Vielleicht liest sich ihr Lebenslauf deshalb, als sei sie auf der Suche: Italianistik in Hamburg, umgestiegen auf Betriebswirt-schaft, nach dem Abschluss Wechsel an die Universität des Saarlandes, um Psychologie zu studieren, dann ein Jahr Unterbrechung für verschiedene Praktika, 1997 Abschluss mit Diplom. Dazwischen Jobs in einer PR-Agentur, einer Tourismuszentrale, zwei Verlagen und einem Filmbüro. Bevor sie im Februar 1999 als Personalreferentin bei der Lufthansa anfängt, ist sie noch ein Jahr in einem interkulturellen Forschungsprojekt der Volkswagenstiftung. Unstet könnte man das nennen. „Neugierig“ nennt es Kobayashi.

Wie aber hat sie es dann zehn Jahre bei der Lufthansa und vier bei AstraZeneca ausgehalten? „Ich habe doch immer wieder etwas anderes gemacht.“ Ihre damalige Chefin, mit der sie heute befreundet ist, führte ihr nicht nur vor, was auch in scheinbar fest gefügten Verhältnissen alles möglich ist. Sie eröffnete ihr auch weite Spielräume, gab ihr Rückendeckung und ließ sie gleich in der dritten Woche eine Potenzialanalyse mit den Top-Führungskräften machen – nicht ohne sich köstlich darüber zu amüsieren, wie die junge Kollegin mit freundlicher Hartnäckigkeit die Spielchen der Chefs unterband, die den Psycho-Schnickschnack schnell beenden und ihre Favoriten durchbringen wollten.

Überhaupt, sagt Kobayashi, habe sie mit ihren Vorgesetzten immer Glück gehabt. Vielleicht ließ man ihr aber auch den Freiraum, weil bei aller Freundlichkeit schnell klar wurde, dass sie ihren eigenen Kopf hat. So bot ihr die Lufthansa einen Spitzenjob in London an, sie lehnte ab, weil das Unternehmen nicht bereit war, eine Betreuung für die zweijährige Tochter zu bezahlen. „Die waren gewohnt, dass bei solchen Jobs die Frau dem Mann den Rücken freihält – aber ich hatte keine Frau. Und mein Mann hatte selbst einen Job.“

Das sind für sie Erfahrungen, sie addieren sich nicht zum üblichen Klagelied des Aussteigers. Ja, am Ende ging ihr schon auf die Nerven, dass überall gespart wurde, trotz zweistelliger Renditen. Aber gegangen ist sie, weil sie wieder auf der Suche war. Schon zwei Jahre vorher hatte sie mit einem befreundeten Coach darüber geredet: „Ich will noch etwas anderes. Es gibt da noch was.“

Der Hub bringt alles zusammen, was sie gelernt hat und was sie interessiert: „Ich habe im Unternehmen Brücken zwischen den Silos gebaut – nun tue ich es in der Stadt.“ Dass es schief-gehen kann? Interessiert sie erst, wenn es schiefgegangen ist. „Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen.“ ---

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