Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Die Selbstbestimmer

1. Selbstporträts oder: What is this shit?

Am 8. Juni 1970 veröffentlichte die Plattenfirma Columbia Records ein Doppelalbum ihres bedeutendsten Künstlers: Robert Allen Zimmerman, bekannt unter seinem Künstlernamen Bob Dylan. Das Album trägt den Titel „Self Portrait“.

Es ist wohl auch diesem Titel geschuldet, dass sogar das Plattencover von Dylan gestaltet wurde. Und zwar in Form eines Selbstporträts in Öl, das die einen für Beutekunst aus einer Kita halten, andere für ein großes Werk. Da gibt es verschiedene Meinungen.

Auf die 24 Musikstücke von Self Portrait trifft das nicht zu. Jemanden zu finden, der die Mischung aus Kaufhausmusik, schwülstigen Instrumentalnummern und lustlos abgespulter Cover-Versionen anderer Künstler toll findet, ist eine echte Herausforderung. Die meisten Hörer fragten sich mit dem »Rolling Stone«-Musikkritiker Greil Marcus schlicht: „What is this shit?“

Self Portrait gilt als schlechtestes Dylan-Album aller Zeiten. Heute überrascht das keinen. Die Auseinandersetzung mit dem Selbst – das weiß man doch – ist peinlich. Wer sich selbst zum Thema seiner Darstellungen macht, gilt als eitel und narzisstisch.

Allein das Wort Selbst versetzt manche Menschen in Wallung. Und manche bestreiten glatt, dass es so etwas gibt. Leute, die vom Selbst reden, gelten als Ellbogen-Gesellschafter. Als Egoisten. Und damit bilden sie – irgendwie – die soziale Grundlage all jener, die man mit dem neudeutschen Schimpfwort Neoliberale zusammenfasst. Wer vom Selbst redet, ist gegen die Gemeinschaft. Da schwingt die Selbstsucht mit, die Selbstverliebtheit, der Eigennutz und die Gier – kurz alles, was die Krisen verursacht, die andere Leute zahlen müssen.

Das Gegenteil davon, die Selbstlosigkeit, ist die höchste Stufe des sozialen Edelmuts. Kurz: Alles Schlechte auf der Welt ergibt sich aus dem Selbst. Ist doch ganz klar.
What is this shit?

Auch darauf gibt es eine einfache Antwort: Dieser Shit, das sind die kulturellen Muster, mit denen wir dem Thema begegnen, jedenfalls die meisten von uns. In einer Welt, nein, in einer Solidargemeinschaft voller Teamplayer und Partner hat das Selbst nichts verloren.

Es ist aber höchste Zeit, mit diesem Unfug aufzuhören. Es ist höchste Zeit, sich mit dem Selbst zu beschäftigen und darüber nachzudenken, was es ist und was nicht und welche Rolle ihm in der Wirtschaft und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zukommt. Es ist das, was man über sich selbst wissen sollte, damit man selbst bestimmen kann, wie all das läuft, was kommt.
Machen wir mal einen Selbsttest.

2. Selbstbewusstsein 

Vor gut 200 Jahren begann in der westlichen Welt eine gewaltige Umwälzung. Die industrielle Revolution überrollte alles und jeden, und sie veränderte die Sichtweise der Menschen auf die Welt. Die Industrialisierung machte aus gemütlichen Städten Ballungszentren, in denen große Fabriken standen. Diese Fabriken waren nicht einfach Arbeitsstätten wie jene Bauernhöfe, auf denen die meisten Leute in der Agrargesellschaft arbeiteten. Es waren komplexe Maschinerien, in denen Menschen überall dort eingesetzt wurden, wo Apparate eine bestimmte Tätigkeit nicht kostengünstig oder technisch befriedigend erledigen konnten.

Die Integration der Person in die Maschinerie war eine notwendige Konsequenz der Arbeitsteiligkeit, die das gewaltige Wachstum der Industriegesellschaft erst ermöglichte. Eine weitere, naheliegende Konsequenz war eine allgegenwärtige Normierung und Regelung aller Lebensbereiche. Von Eliten und Intellektuellen wurde das damals beklagt, die meisten Arbeiter nahmen es hin, denn für sie war der Tausch ihrer Persönlichkeit gegen die Einordnung in die Maschinerie ein vergleichsweise gutes Geschäft.

Wer auf Gutshöfen schuftete, konnte nur in romantischen Träumereien seinen persönlichen Neigungen besser nachkommen als in den stinkenden Fabriken. Denn dort herrschten Willkür und Gewalt. Man tauschte Gutsherren gegen Fabrikherren, wobei Letztere Lohn und eine, wenn auch geringe, Teilhabe an materiellen Gütern boten.

Keiner der Aufklärer wie Immanuel Kant, der das Zeitalter der Selbstbestimmung für alle mit dem Leitsatz „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ beschrieb, hatte damit gerechnet. Die Kollektivierung war eine glatte Verhöhnung der Revolutionen und Freiheitskriege, die von Amerika und Frankreich ausgingen. Die meisten Leute, so zeigte sich, wollten eine halbwegs anständige Arbeit und weniger Prügel, mehr Brot – aber keine Selbstbestimmung. Manche Intellektuelle, wie Karl Marx, regte das furchtbar auf. Aber das half auch nicht. Autonomie der Autonomie wegen interessierte stets nur wenige.

Worin man allerdings enorme Fortschritte erzielte, war die Normierung. Der Organisation der Massen hatte sich in Ost und West alles unterzuordnen. Die Fabrikgesellschaft ermöglichte den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts, eine geschlossene Einheit mit engen Regeln – in der der Einzelne in der Masse aufzugehen hatte. Der Kurs auf die totalen Staaten der linken und rechten Diktaturen des 20. Jahrhunderts war aufgenommen. Aber nicht der Schock über das, was der Kollektivismus anrichtet, führte zu seiner Schwächung, sondern der Wohlstand, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Konsumgesellschaft mündete.

Genau wie im 19. Jahrhundert folgten die Leute nicht Idealen, sondern ihrem Bauch. Je mehr materieller Wohlstand sich im Westen verbreitete, desto mehr wurde über das Selbst, die Person, das Individuum und seine Unterscheidbarkeit geredet.

In den Sechzigerjahren, als alle satt waren, fingen einige an, etwas Selbstbewusstsein zu entwickeln. Man hörte nicht auf mitzumachen, aber wenigstens begann man über Uniformität und ihre Folgen nachzudenken.

Was sich dann in weniger als drei Jahrzehnten in den Unternehmen und in der Gesellschaft abspielte, ist enorm, nicht nur im Vergleich zu dem, was vorher war: Die Massengesellschaft hatte zum ersten Mal einen ernst zu nehmenden Gegner gefunden – Menschen, die auf mehr Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung bestanden. Das Selbst mischte sich ein, es forderte mehr Raum, mehr Eingehen auf sein Talent, seine Fähigkeiten. Und das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Ökonomie. Ein Beispiel dafür ist die Computerisierung, die in den Achtzigerjahren begann. Bald gab es keine Zentralrechner mehr, sondern Personal Computer. Und es begann die Digitalisierung, die immer auch Dezentralisierung bedeutete, die Abkehr von der großen Einheit, vom Kollektiv. Die Zukunft von Gesellschaft und Wirtschaft wurde nicht mehr allein in Masse und Menge berechnet, sondern immer öfter auch in personalisierten Angeboten. Gesättigte Märkte förderten den Trend zur Individualisierung weiter.

Es war ein befreiendes Gefühl: Das Selbst schien aus dem Exil heimzukehren, in das es die kollektivistische Industriegesellschaft und die dazugehörigen Ideologien verbannt hatten. Mit dem Internet schienen Macht und Autonomie des Einzelnen erheblich gestärkt zu werden. Das Web fühlte sich wie ein ideales Werkzeug für Selbstbestimmer an. Das Netzwerk als Symbol einer neuen, veränderlichen Ordnung stand für eine Vielheit autonomer Einheiten, die für sich funktionierten – und auch als großes Ganzes.

Doch wirklich ernst wird es jetzt: Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 verbindet sich die Produktionswirtschaft mit der Wissensgesellschaft. Wo die Einzelfertigung zur neuen Normalität wird, geht es nicht nur um einen neuerlichen Individualisierungsschub. In den Unternehmen arbeiten selbstbewusste Spezialisten, Experten, die über ein hohes Maß an individuellem Wissen verfügen. Selbstbestimmung ist so betrachtet keine idealistische Utopie, sondern eine folgerichtige Entwicklung.

Selbstbestimmung bedeutet: Wir müssen lernen, uns selbst zu organisieren. Wer sein eigenes Ding machen will, muss sich in den Griff kriegen. Das ist schwere Arbeit, bei der man draußen und bei Gegenwind arbeitet.

3. Selfies

In der derzeitigen Ausbaustufe unserer Gesellschaft halten wir es für ganz normal, von anderen beurteilen zu lassen, was wir sind und was wir können. Was man tut, wer man ist, was man kann – das sagen einem immer die anderen. Immer ist ein bisschen Zeugnistag, überall. Wir machen keine Selbstporträts – wir stellen uns dar. Das ist nicht gut, sondern Fremdbestimmung in eigener Sache. Oder, wie man auf Neudeutsch sagt: Selfies.

Ein Selfie ist ein Selbstporträt für andere. Selfies wollen einen guten Eindruck machen, toll aussehen, gut rüberkommen. Es geht nicht um Identität, sondern um Image. Image ist, wofür man gehalten werden will. Das Selfie ist eine Selbsttäuschung.

Natürlich lassen sich oberflächliche Identitäten – bei Mensch und Marke – künstlich erzeugen und auch wieder ändern. Die ständige Nachfrage, wie man sein soll, sind wir noch aus der alten Einheitskultur gewohnt. Da gaben Sitte, Anstand, Moral und öffentliche Vorurteile klare Antworten. Personen „von öffentlichem Interesse“, Politiker und Künstler, Unternehmer und Manager, präsentierten sich den gängigen Klischees nach als dynamische Macher mit sportlichen Ambitionen, künstlerischem Verständnis, weltmännischen Umgangsformen und – natürlich – als liebevolle Familienväter. Die engen Korsetts der Kultur und der Moral unterdrückten jede Form von Individualität. Unterscheidbarkeit war kein Wert, sondern ein Defekt. In einer solchen Welt dreht sich alles darum, was andere von einem denken. Das Selfie ist älter, als man denkt. Und es hat immer den gleichen Preis: einen massiven Identitätsverlust.

Besonders stark bemerkten das die Stars der Massenmedien-Gesellschaft, die das 20. Jahrhundert prägte, vor allem Filmschauspieler und Popsänger. Das Fremdbild überschattete alles. Wer über sich in Zeitungen und Magazinen las, erkannte sich kaum wieder. Der Schauspieler Cary Grant, seit den Dreißigerjahren ein großer Star Hollywoods, antwortete auf dem Höhepunkt seines Ruhms auf die Feststellung eines Reporters „Jeder möchte Cary Grant sein“ mit einem Seufzer und der Feststellung: „Das möchte ich auch.“

Einige Jahrzehnte später, bei Dylan und den Beatles, hatte sich die Fremdbestimmung bei Stars so weit entwickelt, dass sich praktisch jede noch so kleine Gruppe der Identität eines Stars bemächtigen konnte. Jede Zeile, jeder Satz, den Bob Dylan schrieb, wurde von jedem, der auch nur am Rande mit der Protest-, Alternativ- oder Studentenbewegung der Sechzigerjahre zu tun hatte, auf die eigene Gesinnung bezogen. Vor zehn Jahren berichtete Dylan in einem CBS-Interview der Reihe „60 Minutes“ davon, wie ein Haufen Irrer in sein Haus in Woodstock eindrang und ihn und seine Familie als Geisel nahm: Sie wollten Dylan zwingen, ein Statement zum Thema ökologische Landwirtschaft abzugeben. Davon hatte Dylan noch nie etwas gehört.

Jahre zuvor hatte der Held der Folkprotestbewegung seine Gitarre an einen elektrischen Verstärker angeschlossen. Die Fans waren außer sich und warfen Dylan „Verrat an sich selbst“ vor. Dylan wies seine Band an, die elektrisch verstärkten Titel „fucking loud“ zu spielen. Ja, das ist ein bisschen stur, ein wenig trotzig und durchaus verständlich, wenn man ständig mit Leuten zu tun hat, die einem sagen, sie wüssten besser, wer man sei, als man selbst. Identitätsdiebstahl ist kein Kavaliersdelikt.

Self Portrait ist, wie es ist, die Antwort auf diese Übergriffigkeit. Er habe das nur veröffentlicht, um sich „die Leute vom Hals zu schaffen“, sagte er Jahre später über das Album. Das ist klug – und überdies ein guter Rat für alle, die am Rande der Wissensgesellschaft ihr Selbst zu bestimmen versuchen. Die Zeit, in der Macht bedeutete, die Kontrolle über andere zu haben, geht langsam zu Ende. Doch damit beginnt die Ära der freiwilligen Selbstkontrolle – also die Fähigkeit, das, was man ist, was man will und kann, auch klar zu benennen und sich von dem abzugrenzen, womit man nichts zu tun haben will. Wer sein Selbst zur allgemeinen Interpretation freigibt, muss sich nicht wundern, wenn am Ende nichts mehr übrig bleibt, woran er sich halten kann.

Das sollte man sich schon überlegen. Denn sowohl geschäftlich als auch seelisch gilt: Mit sich selbst muss man gut auskommen.

4. Selbstverwirklichung 

Man könnte solche Selbstbestimmung leicht mit jenen Selbstdarstellern verwechseln, die ständig irgendwo „ich“ piepen und ihre Selfies machen. Doch das wäre falsch. Ein Selbstdarsteller will dorthin, wo die anderen ihn haben wollen. Ein Selbstbestimmer hingegen kennt seinen Standort. Deshalb hat er ihn ja.

Und das ist natürlich, also Evolution, eine folgerichtige Entwicklung. Um die Zeit, in der Dylans Self Portrait erschien, wurde ein Wort ganz besonders populär: Selbstverwirklichung. Es hat in unserem Kulturkreis bis heute einen schlechten Klang. Unter Selbstverwirklichung versteht man landläufig Leute, die sich auf Kosten anderer einen Lenz machen wollen, während die ihre Pflicht tun. Selbstverwirklichung, das ist Töpfern in der Toskana und der Yoga-Kurs, während die anderen im Büro versauern. Oder Karriere, die auf der Arbeit der Kollegen beruht. What is this shit?

Ein Wörterbuch hilft weiter. Im angloamerikanischen Kulturkreis gibt es mehrere Begriffe für Selbstverwirklichung. Der eine, „self-realisation“, macht klar, dass damit ein Prozess gemeint ist, bei dem es um Selbstvergewisserung geht, die ganz entscheidend damit zu tun hat, seine Fähigkeiten und Talente einzuschätzen.

Ganz ähnlich ist der dazu alternative Begriff „individual fulfilment“ zu verstehen: Selbstverwirklichung ist dabei die Ausbildung einer Persönlichkeit, das, was man im Deutschen den Vorgang des Erwachsenwerdens nennt.

In beiden Fällen gilt: Diese Selbst-Bestimmung steht nicht im Widerspruch zu einer guten Gesellschaft, sondern ist geradezu ihreVoraussetzung. Nur wer erwachsen ist, kann auch Verantwortung übernehmen – für sich und andere. Nur wer weiß, was er am besten kann, und diese Talente und Fähigkeiten pflegt, kann sich und andere damit nach vorn bringen. Das klare Ziel jeder guten Gemeinschaft muss also eine möglichst hohe Zahl an Menschen sein, die sich selbstverwirklichen. Nur das erhöht die Tragfähigkeit des Systems – und erlaubt, nebenbei, dass all jene, die diesen Weg nicht gehen, auch ihr Auskommen haben.

Im Jahr 1943 legte der amerikanische Sozialpsychologe Abraham Maslow sein Modell der menschlichen Bedürfnisse vor, das fünf Stufen umfasst. Auf der ersten Ebene befinden sich die physiologischen Bedürfnisse, Essen, Trinken, Schlafen, alles, was man zum unmittelbaren Überleben braucht. Die zweite Stufe nehmen die Sicherheitsbedürfnisse ein, danach folgen die sozialen Bedürfnisse. Hier geht es um die menschliche Sehnsucht nach Beziehungen, Liebe, Freundschaft, Austausch.

Ein bis ins Detail geregeltes Sozialwesen war damit nie gemeint. Die ersten drei Stufen sind elementar, erst Stufe vier und fünf widmen sich dem Selbst. Die vierte Etage ist die der „Individualbedürfnisse“, was etwas in die Irre führt, denn hier geht es um das, was jeder Mensch von anderen möchte: Respekt, Anerkennung, das Wahrgenommen-Werden als Person. Wer seine Bedürfnisse im „vierten Maslow“ befriedigen will, braucht immer andere dafür. Es ist die Ebene, die uns heute noch am meisten beschäftigt: Es geht um Aufmerksamkeit, Selfies, um Anerkennung.

Ganz oben bei Maslow thront das Selbst, das höchste Niveau der Selbstverwirklichung. Er formulierte: „Was ein Mensch sein kann, muss er sein.“ Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung sind damit nicht zu trennen. Wer weiß, wer er ist, macht, was er für richtig hält.

Diese Einsicht mahnten schon die alten Griechen an, als sie in ihr Heiligtum, den Apollontempel von Delphi, die Worte „Gnothi seauton“ – Erkenne dich selbst – meißelten. Und schon damals bildeten sich zwei Fraktionen, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Die einen interpretierten den Spruch als Mahnung: „Treib es nicht zu weit mit dir! Erkenne deine Grenzen!“ Diese Selbsterkenntnis ist eine Drohung und der Wunsch nach Selbstbestimmung ein Aufruhr gegen göttliche und weltliche Ordnung. Das ist natürlich verboten.

Auf der anderen Seite standen die Vertreter der Freiheitsbewegung, die empfahlen, die Selbsterkenntnis zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten zu nutzen. Wer sich selbst voranbringt, bringt auch die Menschheit voran. Diese Entwicklungsidee hat sich in 3000 Jahren nie ganz kleinreden lassen, auch wenn das bis heute redlich versucht wird. Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht.

Allerdings muss man auch fairerweise anmerken, dass dieses Menschenrecht lange Zeit auf Kosten anderer erkauft wurde. Selbstverwirklichung in der Antike – und bis in unsere Zeit hinein – bedeutete vielfach tatsächlich Freiheit auf Kosten anderer. Das waren die Regeln: Viele werden fremdbestimmt, damit andere selbstbestimmt leben. Doch diese Ordnung zerfällt mit wachsendem Wohlstand, der nicht mehr auf Ausbeutung beruht, sondern auf Innovation. Maslow schätzte später den Anteil der Menschen an der Weltgesamtbevölkerung, die materiell und intellektuell in der Lage waren, an ihre Selbstverwirklichung zu gehen, mit nicht mehr als zwei Prozent ein. Das mag nach wenig klingen, ist aber, verglichen mit der feudalen vorindustriellen Gesellschaft, schon ein Vielfaches dessen, was einst möglich schien. Und seit Maslows Schätzung haben sich Hunderte Millionen Menschen in den Schwellenländern von bitterer Armut zu bescheidenem Wohlstand hochgearbeitet – auch die Ansprüche an Lebens- und Arbeitsautonomie in den westlichen Industrieländern steigen unübersehbar.

Der industrielle Kapitalismus schafft Zeit und Chancen dafür, dass sich immer mehr Menschen auf sich und ihre Talente konzentrieren können. Die Prinzipien, die ihn groß gemacht haben, stehen der weiteren Entwicklung des Selbst aber auch im Weg.

Selbstverwirklichung, also das Wissen, was das eigene Ding ist und wie das anderen nützt, hat nichts mit dem zu tun, was man in unserem Kulturkreis immer noch dafür hält: Selbstoptimierung. Eine Ende November veröffentlichte Studie des GfK Vereins zum Thema zeigt das Dilemma. Die Marktforscher schreiben: „Fragt man diejenigen, die den Begriff kennen, welche Inhalte sie spontan mit Selbstoptimierung verbinden, nennt fast die Hälfte (45 Prozent) Leistungsverbesserung, jeder Fünfte (22 Prozent) denkt an Selbstfindung“ – also Selbstverwirklichung.

Daran erkennt man, wie zerrissen das Selbstbild in unserer Gesellschaft ist: Die meisten sind noch im alten Industriezeitalter, in der mehr vom Gleichen das Ideal war. Selbstoptimierung ist ein Weiter-So, bei der man sein quantitatives Wachstum verbessern kann. Dazu muss man sich nicht verändern, nur besser verkaufen. Diese Form des Ich-Tunings wird dann, das legt die GfK-Studie nahe, meist mit Selbstverwirklichung verwechselt.

5. Scheinselbstständig 

Die Folge ist: Nicht überall, wo Selbst draufsteht, ist auch Selbst drin. Kein Wunder. Eine lange Geschichte der Einheit und des allumfassenden Vorrangs der Gemeinschaft vor dem Individuum haben auch die Industriegesellschaft geprägt, die ihre Kinder nun in die Selbstständigkeit entlässt.

Professor Fritz Gairing, Organisationspsychologe an der Hochschule Pforzheim, erkennt das an den Personen und den Organisationen gleichermaßen: „Wir haben einerseits noch nie so viel Selbstbewusstsein unter den Studenten und Berufseinsteigern in den Unternehmen gehabt. Jeder redet von der Selbstgestaltung der Lebensentwürfe und von Selbstoptimierung, jeder macht sein Selbstmarketing. Und jeder, der heute auf den Arbeitsmarkt geht, geht ganz selbstverständlich davon aus, dass er sich selbst verkaufen muss.“ Das allerdings hat nichts oder nur wenig mit Autonomie und Selbstbestimmung und Selbstsicherheit zu tun, sondern mit ihrem Gegenteil, nämlich mit einer großen Unsicherheit und der Sorge, „seinen Platz in der Gesellschaft nicht zu finden und die hohen Ansprüche an Job, Partnerschaft, Familie, Karriere nicht ,optimal‘ unter einen Hut zu bringen“, sagt Gairing.

Es ist wie beim Selfie. Es geht nicht darum, dass man sagt, wer man ist, sondern dass man sich für andere auftakelt. Am Ende kommt dabei keine unverwechselbare Identität heraus, keine Differenz und kein Original, sondern etwas anderes: eine Schein-Selbstständigkeit.

Aber das ist nicht überraschend. Die alte industrielle Organisation und Denkart – der Einzelne ist Teil des Ganzen – passt einfach nicht mehr zu den Entwicklungsschritten von Mensch und Ökonomie.

Schon in den Zwanzigerjahren beschäftigten sich Organisationsexperten mit der Bedeutung von menschlichen Beziehungen im Unternehmensalltag. Die Hawthorne-Untersuchungen zeigten, dass Menschen auch im Betrieb als Menschen beachtet werden wollen. Wer Respekt und Anerkennung erfährt, und sei es nur pro forma als „Mitarbeiter des Monats“, der leistet mehr als jemand, der einfach nur unter der Knute gehalten wird. Von Achtsamkeit und Anerkennung der Vielfalt redet heute jede Betriebsbroschüre.

Doch beim Thema Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hat die industrielle Organisation offensichtlich die Grenzen ihrer Entwicklungsfähigkeit erreicht. Menschen mit individuellen Fähigkeiten und Entwicklungslinien „funktionieren“ nicht als Teil des Ganzen. Die Frage, die sich stellt, ist einfach: Soll man nun das neue Selbstverständnis der Menschen abschaffen? Oder die alte Organisation?

Im alten Bild von Kollektiv und Einheit, das die Industriegesellschaft vorgab, war es einfach. Mitarbeiter waren nach vergleichbaren Kriterien ausgebildet, sie waren deshalb auch relativ leicht ersetzbar. Wo immer es um Routinejobs geht, wird das auch weiterhin so bleiben. Überall dort, wo es um Wissen geht, also die ökonomisch nutzbare Seite des Selbst, sieht es deutlich anders aus. Das persönliche Wissen ist das eigentliche Humankapital, um das überall gebuhlt wird. Das mag das Selbstbewusstsein stärken, nährt aber auch die Zweifel. Denn die Organisation, sagt Gairing, „verlangt jetzt den ganzen Menschen, mit seinen Emotionen, Leidenschaften, mit seinem gesamten Wissen – und nicht mehr eben nur einer definierten Zahl an Fertigkeiten und Kenntnissen, so wie das früher war“. Und da müsse sich jeder selbst fragen: „Wie viel gebe ich davon her, wie viel von meiner Person, meinem Selbst, biete ich an? Und zu welchem Preis?“ Zur Selbstbestimmung gehöre vor allen Dingen auch, sich bewusst zu sein, was man von sich selbst preisgibt.

6. Selbstverantwortung

Jeder soll selbst bestimmen, wie viel Selbstbestimmung er braucht – denn erst dort, wo sie selbstverständlich ist, sagt Birger Priddat, gibt es sie auch. Der Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten /Herdecke bringt es auf den Punkt. Sein Ding machen heißt: „Du kriegst es auf deine Art hin – und nicht auf meine.“ Dazu braucht man Leute ohne Kontrollwahn, dafür mit Zutrauen in die Fähigkeiten anderer. Dafür gibt es historische Vorbilder: „Der erfolgreiche Hamburger Kaufmann ging nicht vor zehn Uhr ins Kontor“, sagt Priddat, „und um zwölf spazierte man zum Mittagessen. Darauf war man stolz.“ Denn das bedeutete: „Der hat seinen Laden im Griff und die besten Leute.“

Die Freiheit der anderen wurde zur eigenen Freiheit. Verantwortung lassen, die in Selbstbestimmung mündet, entlastet eben auch. Es ist ein System für Erwachsene. In dieser alten hanseatischen Einstellung findet sich die Grundlage der modernen Zivilgesellschaft, das Subsidiaritätsprinzip. Das beschreibt, so kann man in der Wikipedia nachlesen, „eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Maxime, die die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung anstrebt“.

Man versucht es erst mal selbst, und nur, wenn dieses Vorhaben scheitert, bemüht man die nächsthöhere Ebene. Eigentlich ganz einfach, aber in Zeiten, in denen man alle Lebensprobleme dem Kollektiv zuschanzt, auch wieder Geheimwissen. Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass die Idee der Subsidiarität eine wahrnehmbare politische Rolle spielte – bei den Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreformen des Kabinetts Gerhard Schröder. Der sozialdemokratische Kanzler stand mit seiner Regierung vor dem Resultat einer aus dem Ruder gelaufenen Sozialbürokratie. Hilfe zur Selbsthilfe, eine der Funktionen der Subsidiarität, war dringend nötig.

Birger Priddat, damals einer von Schröders Beratern, formulierte damals einen Kernsatz der modernen Zivilgesellschaft, die er definierte als „Rückverlegung der schwierigen Entscheidungen, wie man leben will und soll, an die Einzigen, die das entscheiden können: an die Bürger selbst“.

Das allerdings ist nicht ganz leicht mit Menschen, die nur gelernt haben, sich in der Fremdbestimmung einzurichten. „Und leider“, so Priddat lapidar, „lässt sich Selbstbestimmung nicht verordnen.“ Mit den seit Ende der Nullerjahre stark strapazierten „Krisen“-Begriffen hat die Subsidiaritätsidee gelitten: Banken, die mit Steuergeldern „gerettet“ werden. Ganze Wirtschaftszweige, die ohne Subvention nicht leben können. Ein Bildungssystem, das „Frontalunterricht und stures Büffeln statt Selbstständigkeit verlangt, dieser ganze Bachelor-Zirkus“, wie Priddat sagt. Und tausend Verunsicherungen, die mit der rapiden Veränderung der alten Verhältnisse zu tun haben.

Es mangelt an Selbstvertrauen. Da machen viele lieber Selfies und kuscheln, oder sie wechseln in den Social Networks schnell ihre Identität und ihre „Freunde“, wenn der Umgang mit diesen Sachen zu anstrengend wird. Zu entscheiden, wie man leben will, ist nicht leicht. Aber es funktioniert, im Wortsinn.

„Selbstständigkeit“, sagt Birger Priddat, „bedeutet immer eines: wissen, wie es geht.“
Mach dein Ding. Nicht meins. ---

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