Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Roboter als Alltagshilfe für Senioren

Nimmermüde Assistenten

• Der alte Mann ist sehr unruhig, bewegt fahrig die Arme und gibt ständig dringliche, klagende Laute von sich. Dann legt ihm jemand eine kleine, pelzige Robbe auf die Brust. Kein Plüschtier, die Robbe bewegt sich, blinzelt mit den Augen, sieht den Mann an. Der wird ruhiger, streichelt vorsichtig das kleine Wesen. Seine Gesichtszüge entspannen sich.

Die Robbe ist ein Roboter. Er heißt Paro und wurde am japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) unter Leitung von Takanori Shibata entwi-ckelt, um die Betreuung dementer Menschen zu unterstützen. Die Robbe wurde bewusst gewählt, weil Wissenschaftler festgestellt haben, dass Menschen einen Roboter eher akzeptieren, wenn das tierische Vorbild eher ungewöhnlich ist. Seit 2005 wird Paro verkauft, mittlerweile ist die neunte Generation auf dem Markt. Auch in Deutschland nutzen zahlreiche Seniorenheime die künstliche Kuschelrobbe, die etwa 5000 Euro kostet oder ab 129 Euro monatlich gemietet werden kann.

Doch Paro beruhigt nicht nur. Er regt auch auf und erzeugt Angst. Für Reimer Gronemeyer etwa, Vorstandsvorsitzender der Aktion Demenz e. V., ist der so harmlos wirkende Roboter der Vorbote einer Zukunft, „in der Maschinen die Herrschaft übernehmen“. In seinem Buch „Das 4. Lebensalter“ schreibt er: „Man könnte denken, dass die Realisierung dieser Horrorfantasien bei den Alten beginnt. Sie stellen gewissermaßen das Experimentierfeld der Automatisierung von Lebensvollzügen dar, die Begegnung mit Menschen immer weniger erforderlich machen.“

Gronemeyer steht mit dieser Haltung nicht allein. Bei einer repräsentativen Umfrage unter EU-Bürgern forderten 60 Prozent der Befragten, den Einsatz von Robotern in der Altenbetreuung zu verbieten. Schließlich ist die Pflegearbeit schon heute streng durchgetaktet. Würden mehr und mehr Aufgaben an Maschinen übergeben, so die Befürchtung, hülfe kein Mensch mehr bei Körperpflege und Nahrungsaufnahme, sondern die Alten würden nach vorgegebenen Zeitplänen durch industrielle Waschstraßen geschickt und von Automaten gefüttert.

Selbstverständlich bestreitet man in der Branche solche Absichten. Es gehe nicht darum, den menschlichen Kontakt durch Technik zu ersetzen, betonte etwa Christophe Kunze von der Hochschule Furtwangen beim 1. Zukunftskongress Demografie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Oktober 2013. Vielmehr sollten die Maschinen das Pflegepersonal entlasten, um „mehr Zeit für Zuwendung zu ermöglichen“.

Maschinen, zuständig fürs Menschliche

Ist das realistisch angesichts einer Technik, die seit mehr als 50 Jahren für mehr Effizienz und den Ersatz menschlicher Arbeitskraft steht? Joseph F. Engelberger, der 1961 den ersten Industrieroboter Unimate in die Fabriken brachte, rechnete einmal vor, dass Roboter sich für weniger als ein Zehntel der Kosten, die für menschliches Pflegepersonal veranschlagt werden, um alte Menschen kümmern könnten. Im Forschungsschwerpunkt „Mobil bis ins hohe Alter“ des BMBF findet sich unter anderen das mit 1,5 Millionen Euro geförderte und noch bis Ende Januar 2015 laufende Projekt Vibe (Virtueller Begleiter) mit dem Ziel, „eine physisch anwesende Begleitperson, die einen älteren Menschen zu den unterschiedlichsten Zielen geleiten kann, mithilfe eines virtuellen Begleiters zu ersetzen“.

Und dann gibt es noch das Beispiel Dänemark: Dort verweigerte nach einem Rechtsstreit im Jahr 2011 zuerst die Stadt Billund die Bezahlung einer Putzhilfe für Senioren und empfahl stattdessen die Anschaffung eines Staubsaugerroboters. Mehr als die Hälfte aller dänischen Kommunen folgten dem Beispiel. Doch die Alten zeigten wenig Interesse an den elektronischen Haushaltshelfern. Zum einen saugten sie nicht besonders gut. Vor allem aber waren sie als Gesprächspartner völlig ungeeignet. Seit Mitte 2013 rudert die dänische Sozialpolitik in dieser Frage zurück.

Dennoch können Roboter zweifellos die Lebensqualität verbessern. Niemand hat etwas gegen einen Rollstuhl, der hilft, durch enge Türen zu manövrieren oder das Kommando „Fahr mich bitte in die Küche“ versteht. Exo-Skelette, die an Beinen, Armen oder dem ganzen Körper befestigt werden, sind bald in der Lage, schwindende Muskelkraft auszugleichen und werden eines Tages Menschen helfen, das Gleichgewicht zu halten. Pflegebetten, die Patienten beim Aufstehen unterstützen, gibt es heute schon. Zukünftig sollen sie die Wünsche des Menschen bereits an seinen Bewegungen erkennen und entsprechend reagieren.

Technik, die hilft mobil zu bleiben, dürfte auf ebenso wenig Akzeptanzprobleme stoßen wie Assistenzsysteme im Auto. Etwas problematischer erscheint ein intelligenter Rollator wie der im Rahmen des EU-Projektes Dali (Devices for Assisted Living) entwickelte C-Walker (das C steht für cognitive). Diese Gehhilfe lotst ihren Nutzer durch gezieltes, leichtes Abbremsen der Hinterräder behutsam auf einen sicheren Weg. „Die Führung ist sehr sanft“, sagt Daniele Fontanelli von der italienischen Universität Trento, „um beim Nutzer nicht das Gefühl zu erzeugen, kontrolliert zu werden.“ Es geht um die Erhöhung der Sicherheit, aber ein Rollator ist kein Fahrzeug, in dem man Platz nimmt wie in einem Bus oder Taxi, sondern eine Gehhilfe. Der Roboter lenkt den Menschen ganz unmittelbar – und der muss sich darauf verlassen, dass die Maschine es gut mit ihm meint.

Ein besonders kritischer, angstbesetzter Punkt bei der Ein-schränkung der Beweglichkeit ist erreicht, wenn der Gang zur Toilette aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist. Erfahrene Pfleger können der Situation zwar die Peinlichkeit nehmen. Dennoch wird manch einer maschinelle Unterstützung bevorzugen.

Die Geräte, die bisher dafür konstruiert wurden, sind allerdings noch ziemliche Ungetüme, durchaus geeignet, die Ängste vor der Seniorenwaschstraße zu nähren und vorerst auch nur in geräumigen Badezimmern einsetzbar. Es ist auch fraglich, ob jemand, der nicht mehr aus eigener Kraft auf die Toilette gehen kann, in der Lage ist, diese komplizierten Geräte per Joystick oder Touchscreen zu bedienen. Besser wäre die Steuerung über Sprache und Gesten. Aber die Stimme kann bei alten Menschen brüchig sein, die Gesten zittrig.

Aufseiten des Roboters erfordert das eine gewaltige Programmierleistung. Idealerweise erkennt er wie ein menschlicher Pfleger die Intentionen des Menschen auch ohne besondere Aufforderung von dessen Seite. Damit aber würde die Maschine mehr und mehr selbst zur Person.

Aktive Roboter werden von sich aus tätig

An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Schließlich schien der große Vorzug der Maschine gerade darin zu liegen, der Abhängigkeit von Personen zu entgehen und niemandem zur Last zu fallen. Wenn dem Roboter aber im Laufe der Zeit eine eigene Persönlichkeit zugeschrieben wird, was dann? Wird es dann irgendwann doch peinlich, von ihm zur Toilette gebracht zu werden oder andere Dienste in Anspruch zu nehmen?

Roboter seien Sklaven, nichts anderes, hält Joanna J. Bryson, Informatikerin an der britischen University of Bath, dem entgegen. Ethische Verpflichtungen ihnen gegenüber gebe es nicht. Sie resultierten, ebenso wie übertriebene Furcht vor Robotern, aus einer Unsicherheit über die menschliche Identität. Roboter seien Maschinen, die menschliche Fähigkeiten erweitern sollen, weiter nichts. Die Zuwendung zu ihnen hält Bryson für eine Verschwendung wertvoller gesellschaftlicher Ressourcen. Schließlich täten sie nur das, was wir ihnen einprogrammiert hätten.

Anders als Industrieroboter sollen Roboter in der Pflege aber nicht nur einen einmal festgelegten Bewegungsablauf unermüdlich und präzise wiederholen. Sie müssen vor allem eines können: lernen. Kognitive Systeme sollten sich an ihre Nutzer anpassen, forderte Susanne Biundo-Stephan (Universität Ulm) beim BMBF-Zukunftskongress Demografie. Denn spätestens bei der Betreuung alter Menschen ist der umgekehrte Weg, die Anpassung des Menschen an die Maschine, nicht mehr gangbar. Niemand wird ernsthaft von einem 90-Jährigen erwarten, dass er mit jedem Software-Update neue Features lernt. Vielmehr muss der Roboter den Menschen erfassen und sich mit der Zeit immer besser an dessen Eigenheiten anpassen. Auf diese Weise entsteht aber unweigerlich eine einzigartige und damit sehr persönliche Mensch-Maschine-Beziehung.

Natürlich sollte diese Beziehung in erster Linie vom Menschen und dessen Bedürfnissen geprägt sein, wie bei der Betreuung durch Pflegepersonal auch. Und ebenso wie verschiedene Pflegedienste zur Wahl stehen, wird man wahrscheinlich zwischen verschiedenen Robotercharakteren wählen können. Wer sein Leben lang in Führungspositionen gearbeitet und gern Kommandos gegeben hat, mag dann vielleicht einen Robotersklaven herumscheuchen. Andere werden ein eher partnerschaftliches Verhältnis bevorzugen und kein Problem damit haben, zu einer Maschine „bitte“ und „danke“ zu sagen. Manche mögen auch einen Roboterpfleger brauchen, der ihnen widerspricht, von ungesunden Verhaltensweisen abrät oder auf andere Weise herausfordert.

Im Rahmen des EU-Projektes CompanionAble wurde ein Experiment durchgeführt, bei dem Menschen mit Beeinträchtigungen der Denkleistung zwei Tage in einer intelligenten Wohnung verbringen konnten, in der ihnen auch ein mobiler Roboter zur Verfügung stand. Der wartete nicht nur auf Befehle, sondern ergriff auch selbst die Initiative, was von fast allen Versuchsteilnehmern als Bereicherung empfunden wurde. „Es gefiel ihnen, dass er zu ihnen kam, mit ihnen sprach, Initiative zeigte und eine bestimmte Persönlichkeit hatte“, sagt Christof Schröter, der das Experiment an der TU Ilmenau betreute. Es scheine diesen Menschen mehr zu helfen, wenn die Technik auf sie zukomme. Die Lebenspartner, die an dem Experiment teilnahmen, hätten den Roboter ebenfalls als hilfreich empfunden, so Schröter.

Um das eigene Leben einem Roboter anzuvertrauen, muss man Gelegenheit gehabt haben, Vertrauen zu ihm aufzubauen. Das erfordert aber auch entsprechend langlebige Computersysteme. Die Smartphones, mit denen fröhliche Senioren für den BMBF-Förderschwerpunkt „Mobil bis ins hohe Alter“ in die Kameras winken, werden in fünf Jahren überholt sein – während die Grundlagen für zukünftige Pflegeroboter unterdessen von Großunternehmen wie Google gelegt werden. Der Konzern hat mehrere Robotikfirmen erworben und Forscher wie Ray Kurzweil gewonnen. Der soll das Sprachverständnis der Maschinen voranbringen. Er geht davon aus, sie bis zum Jahr 2029 zu Gesprächspartnern zu machen, die dem Menschen ebenbürtig sind. Aber auch wenn es länger dauern sollte: Künftige Pflegeroboter werden sich daran messen lassen müssen, inwieweit sie in der Lage sind, mit Demenz umzugehen.

Die mit der höheren Lebenserwartung einhergehende Beeinträchtigung wird vor allem in kleinen Haushalten zum Problem. Die einstige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit Ursula Lehr beschrieb das bei einer Tagung anschaulich: Vor rund hundert Jahren „waren 44 Prozent aller Haushalte Fünf-und-mehr-Personen-Haushalte. Da fallen leichte demenzielle Erkrankungen nicht so schnell auf, da ist schon jemand da, der aufpasst, dass die Herdplatte ausgestellt und das Bügeleisen abgeschaltet ist, der mit sorgen und einen Demenziellen versorgen kann. Heute sind nur noch knapp fünf Prozent aller Haushalte Fünf-Personen-Haushalte. In Ein-Personen-Haushalten ist die Situation für kognitiv eingeschränkte Personen weit gefährlicher.“

Ein Wesen, das uns bis zum Schluss begleitet

Außerdem habe die Forderung „Ambulant vor stationär!“ dazu geführt, so Lehr, „dass Menschen in einem immer höheren Alter und dann in einem stark hilfsbedürftigen Zustand in ein Heim kommen“. 65 bis 80 Prozent hätten demenzielle Erkrankungen. Diese seien „oft der letzte ausschlaggebende Grund für einen Einzug in ein Pflegeheim. Das ist eine sehr große Herausforderung für die Pflegekräfte, zumal gerade demenziell Erkrankte ein großes Maß an Zuwendung brauchen, ein sehr genaues Eingehen auf ihre Situation, um bei ihnen überhaupt noch einen Rest an Selbstbestimmung zu realisieren.“

Eine künstliche Persönlichkeit, die sich dem Menschen anpassen kann, könnte sich als große Hilfe erweisen. Ein Roboter, der über mehrere Jahre zum Vertrauten und Freund wird, mag mit geistigem Verfall womöglich sogar besser umgehen können als ein Pfleger, der den Dementen erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung kennenlernt. Bei Experimenten mit autistischen Kindern hat sich gezeigt, dass Roboter Zugang zu ihnen finden und ihnen soziale Kompetenzen vermitteln können. Auf ähnliche Weise könnte künstliche Intelligenz auch bei Altersdemenz helfen, die Verbindung zur Außenwelt zu halten.

Reimer Gronemeyer gibt dagegen zu bedenken, dass Demenz vielleicht weniger eine Krankheit als vielmehr ein möglicher und legitimer Weg ist, sich aus dem Leben zu verabschieden. Ein Rückzug in die eigene Gedankenwelt.

Vielleicht täuschen wir auch gar nicht den Dementen, wenn wir ihm eine Roboterrobbe in die Arme legen, sondern uns selbst. Wir glauben, es handle sich um eine Maschine. Doch der Alte erkennt darin schon das Lebewesen, technisch erzeugt und noch sehr zart und hilfsbedürftig. Im Laufe der Jahre wird es heranreifen zu einem Gefährten, der den Menschen über Monate und Jahre begleitet und bis zum Schluss an seiner Seite bleibt, selbst wenn alle menschlichen Angehörigen und Freunde schon gestorben sind. ---

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