Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Multiunternehmer Mike Fischer

Ein überflüssiger Unternehmer

• Wenn Mike Fischer loslegt, dann wird sein Büro zur Bühne und er zum Hauptdarsteller, Regisseur und Zuschauer zugleich. Er referiert ohne Punkt und Komma, mal mit wedelnden Armen, mal zurückgelehnt, mit aufgerissenen Augen oder einem breiten Lachen im Gesicht. Er schwärmt vom Unternehmerdasein, applaudiert seinen Mitarbeitern und rattert Ideen herunter. Seine letzte Stelle als Angestellter, er war Fahrlehrer, kündigte er 1990. „Was soll’s, habe ich gedacht“, sagt der 51-Jährige, „wird schon schiefgehen.“

Fortan gründete Fischer: erst eine Fahrschule, in der ein 20-köpfiges Team bislang mehr als 10 000 Menschen zu Auto- und Lkw-Fahrern ausgebildet hat und die heute jährlich mehr als eine Million Euro Umsatz macht; dann ein Friseurgeschäft und einen Pizzalieferdienst, der rund 120 000 Pizzen pro Jahr verkauft. Und wenn man meint, man habe alles gehört, dann kommt er auf die Fischer Academy zu sprechen: ein Internat, das Fahrschüler aus der ganzen Republik zum Intensivkurs nach Gera lockt. „Meine Maxime heißt: Langweile dich selbst nicht“, sagt er und beugt sich mit einem Ruck über den Tisch, „und andere auch nicht.“ Fischer ist Multiunternehmer: ein Mensch, der Gelegenheiten so zielsicher ergreift wie ein Akrobat Trapez und Ringe; der aber auch weiß, wie wichtig ein Team ist, das ihn antreibt, stützt und auffängt: wichtiger nämlich als er selbst. Doch von vorn.

Unternehmensgründungen sind für ihn Handwerk – etwas, das sich mit ein paar soliden Grundregeln bewerkstelligen lässt. Sie stehen auf einer Tafel in seinem Büro: „Sei besessen“, „Fokussiere dich“ und „Bleibe ehrlich!“ Daneben zeigt ein Flachbildschirm Fischers Leben in Bildern: Den Trabant namens Horst zum Beispiel, den sich Fischer 1990 zulegte – als erstes Fahrschulauto. Oder seine Familie: Ohne seine Frau und die beiden Söhne, seinen Vater und seine Mutter „wäre das alles nichts geworden“, ist Fischer überzeugt.

Das alles: ein Unternehmerleben, das ganz anders abgelaufen ist als die Biografien von hippen Gründern und erhabenen Familiendynastien. Weniger spektakulär, aber nicht weniger erfolgreich. Und das eher zufällig begann, als die DDR zusammenbrach. Fischer hatte Elektriker gelernt, aber im Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee als Hilfsfahrlehrer gearbeitet und dann als Fahrlehrer bei der VEB Kraftverkehr Gera angeheuert. Kurz nach der Wende reiste er nach Westdeutschland, sprach mit Unternehmern und beschloss, sich als Fahrlehrer selbstständig zu machen. Sein Startkapital verdiente er, indem er eine Diskothek anstrich: 1000 Mark, genug Geld, um den Trabbi Horst zu kaufen. Zurück in Gera, rannten die Menschen ihm die Türen ein. In der DDR mussten sie acht Jahre auf den Führerschein warten – jetzt konnten sie sich einfach bei Fischer anmelden. Der schaffte bald weitere Fahrschulwagen an.

Der Unternehmer orientierte sich an dem, was ihm sein Vater mit auf den Weg gab. Dessen Ratschläge sind so einfach wie selten in der Wirtschaftswelt, die sonst von Skaleneffekten träumt und jeden Schritt in Kennzahlen misst. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, das habe ihm sein Vater empfohlen. „Deswegen mache ich kein Franchise aus meinen Ideen“, sagt Fischer.

Oder: Lieber kaufen als mieten, sonst bist du Unternehmer zweiter Klasse. Deswegen hat er mit seinem Vater über mehrere Jahre eine Baufirma betrieben, nachdem der nach der Wende seine Stelle als Bauingenieur verloren hatte. Und er hat später das Haus gekauft, in dem heute Fahrschule und Pizzeria untergebracht sind. Oder: Wenn du ein guter Unternehmer sein willst, dann bezahl pünktlich. „Deswegen machen wir mittags den Briefkasten auf und begleichen bis 18 Uhr alle Rechnungen.“

Den Umgang mit Mitarbeitern musste er erst lernen. „Anfangs war ich ein Arsch“, sagt Fischer. Aber er tat etwas, das typisch ist für ihn und untypisch für viele andere Unternehmer. Um seine Mitarbeiter besser zu verstehen, ließ er sich zum ehrenamtlichen Arbeitsrichter wählen. Wenn er davon erzählt, kreisen seine Hände wie zwei Turbinen, als würden sie ihm wellenweise Wissen zuschaufeln: „Du musst immer bereit sein, dazuzulernen.“

Notfalls auch auf die harte Tour: 1993 wurde er nach einem Kreuzbandriss operiert. „Infektion, multiples Organversagen, zwei Wochen Koma“, sagt Fischer, „alle hatten mich abgeschrieben.“ Als er nach neun Monaten Krankenhaus und Reha wieder in die Firma kam, lief es dort bestens. Da begriff er, dass der Chef „die überflüssigste Person“ in einem Unternehmen ist, wenn man den Mitarbeitern genug Freiheiten lässt. Gern zitiert er eine Gallup-Studie, wonach 84 Prozent aller Angestellten bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen: „Da sind doch die Unternehmer selbst schuld“, ist Fischer überzeugt – und hat, damit bei seinen Kollegen die Motivation hoch bleibt, etwas ins Leben gerufen, das er Umdenkfabrik nennt. Jeder Mitarbeiter bringt jeden Monat eine Idee ein, sammelt Feedback und macht sich an die Umsetzung. Alles, was billiger ist als 200 Euro, bedarf keiner Zustimmung.

Wenn Fischer zeigen will, wie gut das funktioniert, loggt er sich in die virtuelle Fabrik ein, und auf seinem Bildschirm erscheint eine Tabelle: Von 711 Ideen wurden bisher 594 umgesetzt – im Schnitt haben die Mitarbeiter mehr als 80 Prozent realisiert.

Zauberkünstler mit Bodenhaftung

Zum Beispiel der Fahrlehrer, der Schneeschaufeln zimmerte, weil die im Baumarkt ausverkauft waren. Eine benutzte er selbst, die anderen nahmen ihm Nachbarn ab. Oder ein Kollege, der eine Sperrholzplatte konstruierte, damit auch klein gewachsene Fahrschüler den Fuß abstellen können, wenn sie nicht gerade aufs Gaspedal treten. Oder Fischers Fahrschulmanagerin Nancy Bradtke, die auf die Idee kam, einen Fahrsimulator bauen zu lassen.

„Viele geile Ideen“, sagt Fischer, „und zu wenig Zeit, sie alle vorzustellen.“ Jeden Monat wählen er und sein Team den besten Vorschlag aus. Auch er macht welche, aber gewonnen hat er noch nie. Ist auch egal. Denn auf jenes Geschäftsmodell, das sein Unternehmen rettete, kamen sie gemeinsam: das Fahrschulinternat. Das Team hatte früh erkannt, dass ab 2008 die Kundenzahlen bröckeln würden – wenn die geburtenschwachen Jahrgänge erwachsen wurden. Also entwickelten sie die Idee, Kunden aus ganz Deutschland in einem Intensivtraining auf den Führerschein vorzubereiten: Motorradfahrer in fünf, Autofahrer in sieben und Lkw-Fahrer in zehn Tagen.

Der Unternehmer lieh sich Geld, erweiterte seinen Altbau gegenüber vom Südbahnhof in Gera um ein paar Gästezimmer, der Pizzaservice im Erdgeschoss wurde zur Kantine. Wer hier einen Kompaktkurs bucht, zahlt neun Euro pro Übernachtung und bekommt die Pizza zum halben Preis. Laut Fischer stiegen die Umsätze seit 2008 Jahr für Jahr um mehr als zehn Prozent – während andere Fahrschulen ums Überleben kämpfen. Den Kredit hat er längst zurückgezahlt.

All das bringt der 51-Jährige inzwischen auf eine einfache Formel: „Erfolg hat, wer Regeln bricht.“ So hat er auch sein Buch genannt, das im Februar erschienen ist und ihm Auftritte in ganz Deutschland beschert: bei einem Münchner Einzelhandelskongress, dem Thüringer Gründertag oder beim Chemnitzer Entscheiderkonvent. Dort spricht er darüber, wie er bewährte Tugenden mit einem modernen Führungsstil verbindet. Wenn er wollte, könnte er inzwischen wohl von den Auftritten leben. „Auf der Bühne“, sagt Fischer, „fühle ich mich wie ein Zauberkünstler.“ Vielleicht weil seine Tricks wie Magie aussehen, aber eigentlich ganz einfach sind. ---

Mehr aus diesem Heft

Selbstbestimmung 

Der Kampf der Copycats

Viele rennen gleichzeitig los, nur wenige kommen an.Was ist das Erfolgsgeheimnis der Internet-Champions? Eine Analyse.

Lesen

Selbstbestimmung 

Das Unternehmen bist du

Viele IT-Firmen experimentieren mit demokratischen Strukturen, aber kaum eine treibt es so weit wie Praemandatum aus Hannover.

Lesen

Idea
Read