Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Hans Petermann, ehemaliger Bürgermeister von Riedlingen

Bürger, nicht mehr Meister

• Wäre da bloß nicht die Sache mit dem Krankenhaus gewesen, der Abend des 3. November 2013 wäre möglicherweise anders verlaufen für Hans Petermann. Er verbrachte ihn in seinem Amtszimmer im Rathaus der Kleinstadt Riedlingen. Auf seinem Computer liefen die ersten Ergebnisse der Ortsteile ein. Pflummern, Neufra, Zwiefaltendorf, es sah nicht gut aus. Gegen halb acht war es draußen auf dem Marktplatz finster, und Petermann musste sich fassen.

Fast 40 Jahre lang war er für die Freien Wähler Bürgermeister gewesen, zuerst in Ertingen, die letzten 16 Jahre in Riedlingen. Jetzt hatten nur 28,7 Prozent der Wähler für ihn gestimmt. Sein härtester Gegner erhielt 44,3 Prozent, nur knapp unter den nötigen 50 Prozent, um in der ersten Runde zu gewinnen.

Es war ein Lagerwahlkampf gewesen. Petermann hatte die Teilprivatisierung der Kreisklinik befürwortet, was zu deren Schließung hätte führen können. Der Gegner kämpfte für deren Erhalt. An jenem Abend äußerte sich das Volk – das Votum war ein harter Schlag für einen, der in seinem Leben kaum etwas anderes getan hat, als Bürgermeister zu sein.

Als der Vorsitzende des Wahlausschusses ihm das Ergebnis überbrachte, wollte er allein sein. Er sah sich in dem holzvertäfelten Zimmer um, suchte nach Antworten und wusste, heute Abend würde er keine mehr finden. Er ging dann nicht die Treppe in den Ratssaal hinunter. Er gratulierte nicht den anderen Kandidaten. Er wollte auch nicht gefragt werden, ob er zur Stichwahl antreten werde. Nur schnell nach Hause.

Das Amt des Bürgermeisters ist nur verliehen. In regelmäßigen Abständen entscheiden die Bürger über die Zukunft des Stadtoberhaupts. Es sind die Nachbarn, die da abstimmen, die Kassiererin im Supermarkt, die Mitglieder der anderen Parteien. Und am Ende bleibt nur, das Ergebnis zu akzeptieren.

Die Bürgermeister sind die kleinen Helden der deutschen Politik. Ihr Wirken beeinflusst das Leben der Menschen unmittelbar. Sie sind sieben Tage in der Woche im Dienst, werden permanent beobachtet, müssen zum Straßenfest, zu Firmenjubiläen und dafür sorgen, dass der Tischtennisverein in der Mehrzweckhalle trainieren kann. In kaum einer anderen Position sind Berufspolitiker so nah am Volk.

Dafür haben sie großen Einfluss. In Baden-Württemberg sind sie gar Chef der Gemeindeverwaltung, verdienen mehr als ein Gymnasialdirektor und können viele Entscheidungen allein treffen. Doch das ist auch riskant.

Gut 13 Prozent aller Rathauschefs in Baden-Württemberg werden nach der ersten, 27 Prozent nach der zweiten Amtsperiode abgewählt. „Für viele ist das ein Trauma“, sagt Ulrich Heckmann, der Kandidaten im Wahlkampf berät. Timm Kern, Landtagsabgeordneter der FDP in Stuttgart, hat über die Gründe zur Abwahl von Bürgermeistern promoviert. Er sagt: „Wenn die Leute das Gefühl haben, einer vertritt nicht mehr die Interessen der Stadt, wird es ganz schwer.“

Ein knappes Jahr nachdem viele Riedlinger glaubten, Petermann habe leichtfertig das Krankenhaus aufs Spiel gesetzt, führt der durch die Stadt, durch seine Stadt. 10 000 Einwohner, malerisch an der Donau gelegen. Verwaltungszentrum für die anliegenden Gemeinden. Weiterführende Schulen, Landratsamt, Amtsgericht. Am Weibermarkt die SRH-Fernhochschule. „Dass die sich hier angesiedelt haben, war ein Erfolg.“ Am Schweinemarkt die Skulptur des aus der Gegend stammenden Bildhauers Gerold Jäggle. „Hat die Sparkasse gestiftet.“ Die Aussichtsplattform an der Donau. Die Tiefgarage. Das restaurierte Rathaus. Alles hat irgendwie mit ihm zu tun. „Schauen Sie dort drüben, da renovieren wir die Schule“, sagt er. Und merkt es erst gar nicht. Sein Nachfolger Marcus Schafft lässt die Schule renovieren. Nicht er.

Petermann ist in Riedlingen geboren, Ortsteil Zwiefaltendorf. Er sollte den Bauernhof des Vaters übernehmen, bis ihm ein Lehrer auf der Berufsschule klarmachte, dass der Betrieb zu klein war, um davon leben zu können. Als Petermann zur Bundeswehr eingezogen wurde, erpresste er den Vater: Entweder ich darf was anderes lernen, oder ich verpflichte mich.

Er absolvierte die Abendrealschule, bestand die Prüfung für den mittleren, dann für den gehobenen Verwaltungsdienst. Als er eine Anstellung suchte, nahmen sie ihn in Ertingen, dem Nachbarort, als Hauptamtleiter. Schließlich brauchten sie dort einen Bürgermeister, er kandidierte für die Freien Wähler und gewann. Später trat er im größeren Riedlingen an. Zum Abschied schenkten ihm die Ertinger einen Startplatz beim New York Marathon. Als er 16 Jahre später in Riedlingen ausschied, gab es 500 Euro von der Stadt, die er spendete.

„Die Niederlage hat mich runtergezogen“, sagt Petermann, der nicht mehr zur Stichwahl antrat. Er ist gerade 66 Jahre alt geworden. Er könnte sein Leben als Pensionär genießen. Er läuft Marathon. Hamburg, Frankfurt, Kiel. Überall ist er schon gestartet. Er absolviert 100-Kilometer-Läufe, seine Bestzeit waren 9 Stunden 58 Minuten. Er könnte mit seiner Frau das Donau-Tal durchwandern. Aber er hadert. Denn er hat den Job geliebt. „Ich wollte doch noch Projekte machen“, sagt er. Jetzt muss er lernen, Bürger zu werden.

In der Fußgängerzone steht ein aufwendig saniertes Stadthaus. Die Malereien an der Fassade stellen die Stadtgeschichte dar. Unten ein Geschäft, Mark Schönes Wohnen. Markus Mark, 38, öffnet die Tür. Der CDU-Vorsitzende von Riedlingen trägt Jeans, Hemd und modische Brille.

Vor der Bürgermeisterwahl hatte der CDU-Stadtverband beschlossen, Petermann nicht zu unterstützen. „Man sollte erwähnen, dass das einstimmig war. Im Vorstand sind Vertreter der Frauenunion, der Seniorenunion, der Jungen Union“, sagt Mark. Auf dem Marktplatz, bei den Vereinen, am Stammtisch, da habe man deutlich gespürt, „dass es eine Wechselstimmung gibt“.

Zudem hätte man Petermann nur für „zwei Jahre und zehn Monate“ zum Rathauschef machen können. Dann wäre er 68 geworden und ohnehin zwangsweise pensioniert worden. „Wir sind nur der Stimmung in der Bevölkerung gefolgt“, sagt Mark. Und dann war da noch die Sache mit dem Krankenhaus. „Es entstand der Eindruck, er habe die Sorgen der Leute nicht wahrgenommen.“

Als es dunkel wird, kehrt Petermann im Café Reinke am Marktplatz ein. Er bestellt schwarzen Kaffee und Kirschkuchen. Den Kaffee lässt er kalt werden, den Kuchen vergisst er beinah. Er muss ja so viel erklären. Er hatte noch viel vor. Vor allem Straßen wollte er bauen. „Dafür braucht man Stehvermögen.“ Von draußen winkt ihm jemand zu. „Ich seh’ gerade nicht, wer’s ist, aber ich wink’ mal zurück, die mögen mich offenbar noch.“ Nicht mehr alle grüßen ihn. Bei manchen ist er unsicher. „Klar fragt man sich, hat der dich noch gewählt? Was habe ich falsch gemacht?“

Dann kommt er auf die Sache mit der Klinik. Das Krankenhaus von Riedlingen ist ein kleiner Betrieb, getragen wurde er vom Landkreis. Jährlich musste dafür viel Geld aufgebracht werden. Weil das schwierig war, schickte Petermann als Bürgermeister und Kreisrat im März 2012 einen Brief an die zuständige Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz nach Berlin. Er bat darin, die Fallkostenpauschale zu erhöhen, „damit Kliniken der Grundversorgung kostendeckend finanziert werden können“.

Die Antwort kam prompt – von der Jungen Union. Sein „Bettelbrief“ sei „populistisch“. Er solle nicht „versuchen, die Verantwortung an die große Politik abzuschieben“, ätzten die Nachwuchspolitiker. „Ich hätte erwartet, dass die CDU sagt: Gut so! Wir schreiben auch einen Brief“, sagt Petermann.

Mehr Geld für die Klinik war nicht aufzutreiben. Schließlich beschloss der Kreistag im Dezember 2012, die Mehrheit an der Klinik zu privatisieren. Die Entscheidung fiel nahezu einstimmig. Auch Petermann stimmte zu.

CDU-Mann Mark wirft ihm vor, die Interessen der Stadt nicht vertreten zu haben. „Zumindest wurde das in der Stadt so wahrgenommen.“ Dadurch dass die Klinik in einem größeren Verbund aufgeht, droht ihr die Schließung.

Petermann schüttelt den Kopf: „Es gibt Dinge, die kann die Kommunalpolitik nicht lösen. Zum Beispiel: Die Geburtenstation wurde geschlossen, weil nicht genügend Kinder bei uns geboren werden. Was soll man da machen?“

Die Debatte um das Krankenhaus hat die Stadt damals bewegt. Der kostenlose Anzeiger »Wochenblatt« machte daraus den „Fall Petermann“. Der sagt dazu heute: „Die Teilprivatisierung war eine bedauerliche Entscheidung. Eine andere wäre mir lieber gewesen. Ich habe alles versucht.“

Es war im Wahlkampf für Marcus Schafft einfach, sich zu positionieren. Das holzvertäfelte Amtszimmer im Rathaus ist jetzt seins, in der Ecke steht eine Glasvitrine mit Erinnerungen. Das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold, Silber und Bronze, die Ehrennadel der Kreisjugendfeuerwehr Fulda in Bronze, der Leone des Municipio di Tredozio aus Italien.

Schafft war von 2003 bis 2012 Bürgermeister im hessischen Hofbieber und wurde dort abgewählt. Später arbeitete er als Rechtsanwalt und als Dezernent für den Hessischen Städte- und Gemeindetag. Eines Tages sagte seine Frau: „Eigentlich bist du doch eh der Bürgermeister.“ Als die Stelle in Riedlingen ausgeschrieben wurde, fuhr er mit seiner Familie zehn Tage nach Oberschwaben, es gefiel ihnen, und er kandidierte.

Beim Thema Klinik positionierte er sich zwischen Petermann und dessen Widersacher. Er setzte sich für ein Gesundheitszentrum mit stationärem Bereich ein. Er fand, dass trotz Privatisierung der Kreis eine Verantwortung „für Gesundheitsversorgungsstrukturen“ hat.

So gewann der Mann, den niemand kannte, die Stichwahl. „Aber vorher war schon klar, im Verhältnis zwischen Herrn Petermann und den Bürgern gab es Brüche.“

Um halb acht am Abend betritt Petermann die Kreissparkasse Biberach. Der Bundestagspräsident Norbert Lammert ist zu Gast. Sein Vortrag: „Grenzen nationaler Souveränität in einer globalisierten Welt.“ Petermann war bis vor Kurzem im Verwaltungsrat der Sparkasse und im Kreditausschuss, dann wird man zu solchen Veranstaltungen eingeladen.

Kleine Stadt und große Welt

Er ist früh dran. Der Saal noch halb leer. Petermann setzt sich in die zweite Reihe. Vor ihm die reservierten Plätze: Lammert, der Landrat, der Sparkassenchef. Später berichtet Lammert in Biberach von der großen Welt. Davon, dass Nationalstaaten nicht mehr souverän entscheiden können. Dass die Europäische Union gut für Deutschland sei. Wie es war, als Angela Merkel ihn angerufen habe, um mitzuteilen, die EU-Staatschefs hätten sich darauf geeinigt, Garantien für die Banken in Höhe von 450 Milliarden Euro zu übernehmen, was ganz schnell durch das Parlament müsse. 450 Milliarden, so Lammert, das seien zwei Bundeshaushalte, „über die wir normalerweise sechs Monate beraten“.

Aber Berlin ist weit weg. Nach dem Vortrag wird Petermann eine Abkürzung zum Buffet gezeigt, so muss er nicht Schlange stehen. Beim Bier trifft er alte Bekannte. „Grüß Gott, wie geht’s?“ Ein Unternehmer mit eigener Stiftung kommt auf ihn zu: „Ich habe eine Idee, wir sollten was Großes machen.“ – „Da können wir nächste Woche drüber reden.“ Petermann zieht einen Zettel aus dem Portemonnaie. Er hat ihn selbst ausgedruckt und ausgeschnitten. „Es ist keine richtige Visitenkarte“, entschuldigt er sich. „Aber da ist alles drauf.“ Auf dem Zettel steht: „Hans Petermann, Bürgermeister a. D.“

Auf der B311 zurück nach Riedlingen hängt der Nebel in der Schwäbischen Alb. Petermann fährt langsamer, sagt: „Politiker wie Lammert sind von den Menschen weit weg. Wir hingegen müssen ihnen in die Augen schauen, wir begegnen ihnen täglich.“ Wenn das Abwasser teurer wird, die Müllabfuhrgebühren steigen, eine Buslinie einen anderen Weg nimmt – Schuld hat der Bürgermeister.

Er muss zudem umsetzen, was in Berlin beschlossen wird. Etwa Wohnungen für die Spätaussiedler finden, die nach dem Mauerfall in Deutschland aufgenommen wurden. Petermann suchte unermüdlich, holte viele nach Ertingen. Es blieb nicht aus, dass ihn beim Stadtfest Alteingesessene zur Rede stellten und meinten, die Fremden nähmen den Einheimischen die Arbeitsplätze weg. „Wenn dann Alkohol im Spiel ist, kann man nicht viel erklären.“

Hans Petermann erzählt all das, um zu zeigen, wie er sich aufgerieben hat. Ein wenig ist es auch eine Klage darüber, wie undankbar die Wähler sind.

Am nächsten Morgen bringt er einen Gemarkungsplan mit ins Café. Darauf sind seine Projekte eingezeichnet. Die Zubringer zur B311 und zur B312, die Bahnüberführung, das Naturschutzgebiet. Manchmal klingt er wie einer, der es wirklich besser weiß. Doch über all den Straßen und Brücken hat er die Klinik vergessen – sie war das Thema, das die Riedlinger bewegt hat.

Als es richtig hoch herging, titelte das »Wochenblatt«: „Wie lange hält sich Petermann?“ Ein Unbekannter schickte einem Brief an das Rathaus. Darin die Aufforderung: „Rücktritt oder Rübe ab!“

Petermann wohnt wieder in seinem Elternhaus in Zwiefaltendorf, direkt an der Donau. Mittags geht er gern ins „Rössle“, die Gaststätte der Brauerei Blank. Eine Reservierung braucht er nicht. Man kennt ihn. Er schüttelt Hände, der frühere Besitzer der Kiesgrube, eine Familie aus der Nachbarschaft. Hier fragt er sich nicht, wer ihn gewählt hat. Bei Zwiebelrostbraten und Krautspätzle erfährt er die Geborgenheit, die er nach dem abrupten Ende seiner Laufbahn braucht.

Ebenso gut tut es ihm, als Frank Lock, Chef des Windenherstellers Lock, ihm am Nachmittag für seine Unterstützung als Bürgermeister dankt. Bei der Führung anlässlich des Firmenjubiläums trifft Petermann einen alten Bekannten. Der Mann steht an einer Maschine, er war der erste Spätaussiedler, der nach Ertingen kam. Petermann hat ihm damals geholfen, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Drei Kinder hat der Mann inzwischen. Alle drei haben gebaut. „Dank Petermann sind wir hier!“ Petermann packt gerührt mit beiden Händen die Hand des Mannes, sagt: „Danke.“ Mehr kriegt er nicht raus. Schnell wendet er sich ab.

Er hat später noch einen Abendtermin. Petermann ist mit seiner Frau eingeladen. Gestern bei der Sparkasse. Heute bei Lock. Die Leute suchen ihn. Vielleicht sind es weniger als früher. Aber irgendwie ist er immer noch Bürgermeister. „Schon noch“, sagt er. „Irgendwie halt.“ Es sei eben so, dass „die Leute mich kennen, und ich weiß, wie man Dinge anpacken muss“.

Nach einer Pause fügt er hinzu: „Ich bin doch ein Kind dieser Gegend. Ich will meinen Lebensabend hier verbringen. Mir gefällt die Mentalität, die Lebensart. Ich will einfach, dass es für den Raum Riedlingen positiv weitergeht.“ Den Beitrag dazu muss er fortan als Bürger Petermann leisten. ---

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