Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Demokratie-Bewegung in Malawi

Jung ist die Hoffnung

• Das Parlament tagt heute unterm Mangobaum. Die Präsidentin sitzt barfuß im Sand, ihre Stellvertreterin trägt eine Decke über dem löchrigen Kleid. Die Sportministerin ist knapp einen Meter vierzig groß und schaut verträumt in den Wolkenhimmel, dem Gesundheitsminister an ihrer Seite wächst ein Flaum über der Oberlippe. Auf die Frage, warum die Wahl auf sie gefallen ist, antwortet die Präsidentin: „Weil ich lesen und schreiben kann.“

Die Präsidentin ist 14, ihre Stellvertreterin 13, der Gesundheitsminister gerade 11 Jahre alt – zusammen mit gut 20 weiteren Volksvertretern und Ministern stellen sie das Kinderparlament des Dörfchens Ndjoka, im äußersten Osten des südafrikanischen Staates Malawi. Das Haus der minderjährigen Abgeordneten trifft sich dreimal in der Woche unter dem Mangobaum. Der einzige Tagesordnungspunkt für heute behandelt den nahenden Jugendtag. Die Sportministerin organisiert ein Fußballturnier, der Transportminister kümmert sich um die Anreise der Teilnehmer, und die barfüßige Präsidentin feilt an einer Rede. „Unser Ziel ist, dass sie so viel wie möglich selber machen“, sagt Schwester Infanta, die sich in ihrer blassrosa Kutte im Hintergrund hält – sie ist die Mentorin der Parlamentarier.

Im Nachbardorf Ntenje geht es am Nachmittag ernster zu: Hier debattieren etwas ältere Abgeordnete über Kinderprostitution und ob es sinnvoller sei, in die Schule zu gehen oder im nahen Malawi-See zu fischen. „Vom In-die-Schule-Gehen wirst du nicht satt“, sagt die Gesundheitsministerin und spielt den Advocatus Diaboli: „Dagegen kann man Fische essen und verkaufen.“ Mit ein paar Fischen könne man sich zwar einmal satt essen, hält der Erziehungsminister dagegen, doch mit einem Schulabschluss habe man für das ganze Leben ausgesorgt. Das regt im Justizminister Widerspruch: „Und wenn du nach zwölf Jahren Schule keine Arbeit findest, was hast du dann davon?“ Schließlich versucht der Parlamentssprecher mit dem Argument zu trumpfen, am See lauerten Krokodile, und außerdem: „In der Schule lernst du was. Auf dem See lernst du nichts.“

Schwester Infanta ist mit der Debatte ihrer Zöglinge zufrieden. „Sie sind schon wesentlich aufgeweckter als noch vor ein paar Wochen“, sagt die Nonne des südindischen Ordens der „Töchter der unbefleckten Maria“ (DMI). „Je mehr sie aus sich herausgehen, desto besser.“ Die 1984 von dem katholischen Priester Arul Raj gegründete Vereinigung konzentriert sich auf die „Schwächsten der Gesellschaft“, Frauen und Kinder.

„Vor allem in Ländern der sogenannten Dritten Welt werden Kinder sträflich vernachlässigt“, sagt Schwester Infanta, „wir wollen ihnen eine Stimme geben.“ In Indien gründeten die Ordensschwestern bereits mehr als tausend Kinderparlamente, in denen die Vernachlässigten ihre Interessen artikulieren können. Dort tauschen sich junge Tsunami-Opfer über ihr Trauma aus oder setzen jugendliche Abgeordnete eine überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung durch. Irgendwann, so die Vision, soll es in jedem Dorf ein Abgeordnetenhaus für Kinder geben.

Keimzelle der Demokratie

Nachdem sich die Idee in Indien bewährt hatte, schauten die Schwestern über die Grenzen ihrer Heimat hinaus. In Afrika war das Konzept der jugendlichen Selbstbestimmung in ihren Augen noch dringender nötig. Hier hätten Kinder noch weniger zu sagen als auf dem asiatischen Subkontinent, erklärt Schwester Infanta. „Sie müssen hier so unscheinbar wie möglich bleiben.“ Obwohl Kinder in Afrika fast die Hälfte der Bevölkerung stellten, gingen sie im Alltag häufig unter: Sie müssen Respekt gegenüber den Älteren zeigen und werden oft zur Kinderarbeit, zur Prostitution oder zum Heiraten gezwungen, sagt Schwester Infanta. Würden in Indien die Kinder stets vor den Erwachsenen mit Essen versorgt, so sei es in Afrika genau umgekehrt. Und wenn ein Fahrrad verschenkt oder ein wichtiger Job vergeben werde, gingen diese in Indien an junge Menschen, die mehr damit anfangen könnten. In Afrika dagegen würden sie als Zeichen des Respekts den Erwachsenen gegeben. Wenn Afrika vorwärtskommen wolle, müsse die Initiative von jungen Menschen ausgehen, fügt die Schwester hinzu. „Sie sind die Agenten des Wandels.“

Einen Wandel könnte Malawi gut gebrauchen. Die 16 Millionen Einwohner des Staates zählen zu den Ärmsten der Welt, das Durchschnittseinkommen beträgt kaum mehr als 200 Euro im Jahr. Arbeitswillige junge Malawier werden wegen des chronischen Jobmangels im eigenen Land als Gastarbeiter häufig nach Südkorea geschickt. Ohne nennenswerte Bodenschätze oder einen Zugang zum Meer ist die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftssektor der Nation – in dem sich seit Jahrhunderten kaum etwas bewegt.

Kürzlich brachte es der 14-jährige William Kamkwamba zu internationalem Ansehen, weil er mit einer selbst gebauten Windmühle aus Fundstücken das Dorf seiner Eltern elektrifiziert hat. Daraufhin wurden ihm zahllose Zeitungsartikel, ein Dokumentarfilm und ein Buch gewidmet. Darüber hinaus konnte das Land in den vergangenen Jahren kaum Initiative und Erfindungsreichtum vorweisen. Schwester Infanta ist überzeugt, dass es noch viele William Kamkwambas gibt. Sie müssten nur gefunden und gefördert werden.

Idi Welemu könnte womöglich so ein zweiter William Kamkwamba werden – nicht als Techniker, sondern als Musiker. Der 16-jährige Präsident des Kinderparlaments von Ntenje schreibt Songs und trägt sie a cappella mit seinem Stellvertreter vor, Instrumente können sich die beiden Hip-Hopper nicht leisten. Als Idi Welemus Vater vor Jahren starb, ging seine Mutter nach Südafrika. Anfangs schickte sie von dort noch etwas Geld, später nicht mehr. Der Parlamentschef lebt mit seiner Großmutter und seinen vier Brüdern in zwei strohbedeckten Hütten ohne Strom- und Wasseranschluss. Am Wochenende verbringt er zwei Nächte auf dem See, um Fische zu fangen, die er verkauft, um seine Familie zu unterstützen. Neben der Schule und den Hausaufgaben hilft er seiner Großmutter jeden Tag beim Kochen, wäscht seine Wäsche, besucht die Parlamentssitzungen und schreibt abends bei Kerzenschein Lieder über die Liebe und die Bedeutung einer guten Ausbildung.

Wenn sich Idi Welemu vom Kinderparlament etwas erhofft, dann „dass wir mehr Schulbücher und Hefte bekommen“. Radikalere Forderungen kommen dem Musiker derzeit nicht in den Sinn. Dabei könnte er wütend in die Welt schreien, dass sein Dorf endlich an das Stromnetz angeschlossen werden müsste und die Politiker in der Hauptstadt Lilongwe aufhören sollten, sich mit Steuereinnahmen und Entwicklungsgelder die eigenen Taschen vollzustopfen. Die Nachricht, dass malawische Regierungsbeamte mindestens 32 Millionen Dollar an Staatsgeldern veruntreut hatten, sorgte voriges Jahr über die Grenzen Malawis hinaus für Schlagzeilen. Doch Idi Welemu weiß von dem sogenannten „Cashgate“-Skandal nichts.

Mit Elia Chirombo hat das Dorf Ntenje zumindest keinen Betonkopf als Bürgermeister. „Natürlich müssen wir die Kinder fördern, ihnen gehört schließlich die Zukunft“, sagt der 48-Jährige, dessen Schuhe von Schnüren zusammengehalten werden: „Wir hingegen haben unsere Zukunft schon verbraucht.“ In der positiven Einschätzung der Kinderparlamente sind sich die Dorfältesten der Region allerdings nicht einig. Manch einer von ihnen im muslimischen Osten Malawis glaubt, dass die katholischen Schwestern lediglich christliche Brückenköpfe errichten wollten. In den Dörfern kursiere das Gerücht, dass während der Sitzungen der Kinderparlamente Schweinefleisch gegessen werde, erzählt die 17-jährige Gesundheitsministerin von Ntenje. Die Gegner der jugendlichen Ermächtigung lassen sich aberwitzige Geschichten zur Begründung ihrer Skepsis einfallen.

Der Dorfälteste ist die erste Instanz für sämtliche Nöte des Alltagslebens. Zu ihm geht man, wenn man einen größeren Acker braucht, der Nachbar Tomaten geklaut hat oder die Ehe scheitert. Selbstverständlich könnten auch Kinder mit ihren Problemen zu ihm kommen, sagt Bürgermeister Chirombo. Allerdings sei das in seiner zehnjährigen Amtszeit noch nicht vorgekommen. Die Hemmungen der kleinen Dorfbewohner sind offenbar zu hoch. Immerhin lernen die Kinder bei den Schwestern schon mal ihre Rechte kennen und studieren in den Parlamentssitzungen die Regeln der Demokratie, die auch die erwachsenen Malawier erst nach dem Ende der drei Jahrzehnte währenden Diktatur des „Präsidenten auf Lebenszeit“ Hastings Banda kennengelernt haben.

Vorboten des Frühlings

Parlamentssitzung in der Grundschule von Mpinganjira. Nachdem die Abgeordneten eine halbe Stunde lang durch Begrüßungsrituale und Formalitäten gegangen sind, spricht die Lehrerin Beatrice Koumwenda zwei heikle Themen an: dass Väter ihre Töchter schon im Alter von zwölf Jahren gegen ihren Willen verheiraten – um den Brautpreis einzustreichen und Unterhaltskosten zu sparen – und dass in diesem Jahr schon neun schwangere Mädchen die Schule verlassen hätten. Die jugendlichen Abgeordneten sind sich einig, dass beides unrechtmäßig und zu verdammen ist. Doch ihre bisherigen Gegenmaßnahmen hatten keinen Erfolg. Eine Delegation des Parlaments sollte einen Vater davon abhalten, seine zwölfjährige Tochter zu verheiraten. Doch der verweigerte den Kindern den Zugang zu seiner Hütte. Auch der Versuch, die Zahl der Teenager-Schwangerschaften zu senken, scheiterte. Koumwenda sagt, zu viele Mädchen versuchten sich ein paar Cent durch Sex mit einem „Sugar Daddy“ zu verdienen oder nähmen an traditionellen Initiationsriten teil, zu denen der Besuch eines professionellen Beischläfers gehört. „Malawi ist eines der rückständigsten Länder der Welt“, klagt die Lehrerin: „Es wird höchste Zeit, dass sich etwas tut.“

Ob die Kinderparlamente es schaffen können, Malawi eines Tages zu verändern, ist weniger als ein Jahr nach ihrer Gründung nicht abzusehen. Für die Eltern ist es bereits ein Erfolg, dass ihre Kindern nachmittags zu den Sitzungen gehen und sich nicht im Dorf langweilen. Der Bürgermeister ist froh darüber, dass die Schwestern den minderjährigen Parlamentariern auch die Bedeutung des Respekts vermitteln. Und die indischen Demokratie-Trainerinnen freuen sich, dass schon mancher Schulabbrecher wieder zum Unterricht zurückgekehrt ist und im Rahmen der Parlamentsarbeit auch Hausaufgabenhilfe angeboten wird.

Zu Auseinandersetzungen zwischen Jung und Alt kam es bislang nicht. Doch es mehren sich die Anzeichen: In der Grundschule von Mpinganjira kam es kürzlich zu einem etwas peinlichen Zwischenfall für die indischen Mentorinnen, als sich die Schüler weigerten, außer dem Schulgelände auch noch die freien Flächen der Umgebung zu putzen. Mit Unterstützung des Kinderparlaments traten die 2000 Schüler in einen dreitägigen Streik, auf den die Schwestern nicht gern zu sprechen kommen. Schließlich wollen sie ihre Zöglinge zu verantwortungsvollem Verhalten und nicht zur Renitenz erziehen.

Aus dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung entsteht Protest. In ganz Afrika wächst derzeit die Wut der besser ausgebildeten und über das Internet mit der Welt verbundenen Jugendlichen. Womöglich bahnt sich südlich der Sahara so etwas wie ein „afrikanischer Frühling“ an – die Ereignisse in Burkina Faso, wo ein seit 27 Jahren regierender Präsident jüngst von überwiegend jugendlichen Demonstranten aus dem Land gejagt wurde, könnten die ersten Vorboten des Frühlings sein. ---

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