Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Atto-Tec

Der ewige Laborant

• Es ist ein sonniger Vormittag, früher November, als Karl-Heinz Drexhage mal wieder die Abkürzung nimmt. Einen Trampelpfad, der sich zwischen Baumstämmen durchschlängelt und auf dem jetzt gelbe Blätter liegen. Offiziell ist da gar kein Weg, aber Drexhage lässt sich ungern vorschreiben, wo er langzugehen hat. Außerdem spart er so ein paar Meter auf dem Weg vom Büro ins Labor und kann dort mehr Zeit verbringen.

Eigentlich sollte er gar nicht mehr im Labor sein, seit er 1999 emeritiert worden ist, nach gut 20 Jahren als Professor für phy-sikalische Chemie an der Universität Siegen. Vorlesungen halten und Doktoranden betreuen, das wäre auch im Ruhestand noch gegangen, nur hatte er dazu keine Lust. Er wollte weiter forschen, also hat er eine eigene Firma gegründet, Atto-Tec. „Diese Grenze, 65, das ist mir schon immer absurd vorgekommen“, sagt Drexhage mit seiner leisen, kratzigen Stimme, über die schon seine Studenten geklagt hatten. „Altersmäßig sehe ich kein Limit.“ Atto-Tec synthetisiert Farbstoffe, die in der Medizin und in der Kriminaltechnik eingesetzt werden. Drexhages Farben bringen lebende Zellen zum Leuchten und überführen, weil sie bei DNA-Analysen zum Einsatz kommen, Verbrecher. Und sie sind teuer. Für manche Derivate bezahlen die Kunden eine halbe Million Euro für wenige Gramm. Wissen aus Jahrzehnten steckt in den Pulvern, Drexhage beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Chemie und Farbstoffen.

Er trägt eine Strickjacke über dem gestreiften Hemd und dunkle Socken in Sandalen, hinterm Ohr sitzt ein Hörgerät, die Hände stecken in den Hosentaschen. Vor Kurzem ist er 80 geworden, eine große Feier gab es nicht, dafür ist er nicht der Typ. Aber er hat seine 15 Mitarbeiter zum Chinesen eingeladen.

Der Fachbereich Chemie befindet sich in einem modernen Universitätsgebäude über dem Tal, durch das die Sieg fließt, mit seinem Turm sieht es aus wie eine hellblaue Burg. Darin hat Drexhage ein paar Labore gemietet. So musste er nicht einmal umziehen, als er vor 16 Jahren von der Lehre in die Wirtschaft wechselte. Der Anstieg zum Gebäude ist steil, „ein bisschen Training“, sagt er, ohne dass es angestrengt klingt. Oben angekommen, betritt Drexhage die Universität und nimmt die Treppen in den vierten Stock. Früher ist er Halbmarathons gelaufen, und er ist immer noch hager wie ein Langstreckenläufer.

Durch das runde Fenster in der Tür kann man ins Labor gucken, in dem Menschen in weißen Kitteln und mit Schutzbrillen arbeiten. Eine Frau spannt einen Glaskolben in einen Apparat, eine andere filtriert eine rosa Flüssigkeit, ein Mann beobachtet Kurven auf einem Monitor, die ihm Farben zeigen, die er mit dem bloßen Auge nicht sehen könnte. Die Hälfte der Laboranten waren mal Drexhages Studenten.

Neben der Tür hängt ein Plakat, das einige der Farbstoffe listet, die Atto-Tec entwickelt, sie heißen Atto MB2 oder Atto Rho12. Es sind fragile chemische Strukturen, die so nicht in der Natur vorkommen. Trotzdem müssen die Verbindungen stabil bleiben, das ist die Krux.

Wenn man an einem Problem arbeite, etwa der Stabilität einer Farbe, sagt Drexhage, dann habe man nicht um 17 Uhr Feier-abend. Dann denke man so lange daran, bis es gelöst sei, auch beim Einkaufen und in der Nacht. Ähnlich sei das mit dem Urlaub, der müsse nicht unbedingt sein. Er habe nie nachgezählt, wie viele freie Tage er im Jahr nehme, sagt Drexhage. Viele sind es nicht, aber er war kürzlich mit seiner Frau auf Kreuzfahrt in Norwegen. Man kann sich vorstellen, wie er da an Deck stand, pflichtbewusst in die Fjorde guckte, das auch alles ganz spannend fand und doch noch ein bisschen lieber im Labor gestanden hätte, vor seinen Reagenzgläsern.

Drexhage öffnet die Tür, es riecht nach Alkohol und Aceton, die Motoren der Rotationsverdampfer summen. Gummihandschuhe und Alufolie liegen auf ziegelrot gefliesten Tischen, Behälter mit Kieselgel stehen herum, durch gewundene Glasröhrchen läuft eine neongelbe Flüssigkeit. Und auf dem Boden fallen pinkfarbene Flecken auf, die das marmorierte Muster durcheinanderbringen. Anfangs saßen sie in einer ehemaligen Mensaküche ohne Fenster, dann zogen sie hierher, inzwischen sind auch diese Räume zu klein. Am liebsten würde Drexhage neu bauen, aber in Uni-Nähe, wo er gern bliebe, gibt es keine geeignete Fläche. Das ist das Problem, Geld nicht. Atto-Tec ist also erfolgreich? „Sehr erfolgreich“, sagt Drexhage und lacht ein ganz klein wenig.

Geld ist ihm egal

2008 war die Firma fast insolvent. Nicht, weil es nicht gelaufen sei, sondern weil die Geldgeber ihr Wagniskapital plötzlich für etwas anderes gebraucht hätten, sagt Drexhage. Er half sich selbst, nahm eine halbe Million Euro privates Vermögen in die Hand und einen Kredit auf und rettete seine Firma. Seitdem hält er 70 Prozent an Atto-Tec. Ob er sein Erspartes je wiedersehen würde, war damals nicht klar. Aber Geld an sich sei ihm sowieso egal, immer schon gewesen, das hat er erst vergangenes wieder der Frau bei der Sparkasse gesagt. Sie verstand ihn nicht, das geht vielen so.

Auf Karl-Heinz Drexhage wirkt Geld nicht beruhigend, im Gegenteil, es ermöglicht ihm, weiterarbeiten zu können. Es ist Mittel zum Zweck, ein Labor ist eben teuer.

„Wir müssten eigentlich nicht mehr forschen“, sagt Drexhage, „wir könnten unsere bewährten Farbstoffe noch jahrelang verkaufen.“ Er hat ein Reagenzglas in die Hand genommen, in das er ein unscheinbares Pulver schüttet, vorsichtig, ein paar Krümel nur, man sieht es kaum. Jetzt gibt er Alkohol aus einer Spritzflasche dazu und schwenkt das Reagenzglas vor seinem gestreiften Hemd hin und her. Die Flüssigkeit verwandelt sich in ein Orange, eine aus sich heraus leuchtende Farbe, das musste er jetzt einfach mal zeigen.

Mit dem Forschen sei es wie mit dem Laufsport, sagt er, da habe er sich auch immer wieder gefragt, warum er das eigentlich mache. „Ich habe nie eine Antwort gefunden“ – kurze Pause – „außer, dass es mir Freude macht.“ ---

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