Ausgabe 09/2015 - Schwerpunkt Pragmatismus

Susan Neiman im Interview

Man fühlt sich besser, wenn man versucht, die Welt zu verbessern

brand eins: Frau Neiman, gehört es zum Erwachsenwerden, Pragmatismus zu entwickeln?

Susan Neiman: Ich bin nicht dafür, dass man zu pragmatisch wird. Pragmatismus hat viel mit instrumenteller Vernunft zu tun – man weiß, mit welchen Mitteln man seine Ziele erreichen kann. Ich finde die praktische Vernunft wichtiger, sie gibt uns moralische Orientierung. Wenn man von jemandem verlangt, er solle pragmatisch sein, meint man damit oft, dass er seine Ideale vergessen und seine Erwartungen herunterschrauben soll. Die Welt ist nicht so, wie wir sie uns wünschen – das zu akzeptieren gilt dann als pragmatisch. Wer so argumentiert, vergisst, dass die Welt immer wieder durch Menschen, die ihre Ideale verwirklicht haben, verändert worden ist. Das jüngste Beispiel dafür ist, dass in konservativen Ländern wie Irland und den USA Schwule und Lesben heiraten dürfen. Das war vor zehn Jahren undenkbar. Es ist nicht sehr realistisch, vor lauter Pragmatismus die Kraft der Ideen und der Ideale zu unterschätzen. Das Problem ist, dass wir Wörter wie Pragmatismus oder erwachsen mit einem Hauch von Resignation verwenden.

Können sie nicht einfach nur bedeuten, die Lage zu erkennen und entsprechend zu handeln?

Natürlich. Mein Bild vom Erwachsenwerden ist stark von Immanuel Kant geprägt. Er fordert von uns, beides ernst zu nehmen, das Sein und das Sollen – die Wirklichkeit und die Ideale. Erwachsen zu sein heißt auch, die Diskrepanz zwischen diesen beiden Polen auszuhalten und nicht zuzudecken, indem man alle moralischen Werte im Namen des Realismus ignoriert oder lächerlich macht. Die Stiftung der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai – das pakistanische Mädchen, auf das Islamisten geschossen haben, weil es zur Schule gehen wollte – hat vor Kurzem recherchiert, dass es genügen würde, die weltweiten Militärausgaben für acht Tage zu stoppen, um mit dem so gesparten Geld allen Kindern der Welt eine zwölfjährige Ausbildung zu finanzieren. Acht Tage! Das ist eine unglaubliche Statistik. Angebliche Realisten tun naheliegende Fragen wie die, ob das Geld für die Ausbildung der Kinder nicht besser als für Waffen angelegt wäre, gern als naiv oder weltfremd ab. Aber das sind die Fragen, die Erwachsene beschäftigen sollten – und nicht Fragen wie die, welches Smartphone oder Tablet man sich als nächstes kaufen muss. Technisches Spielzeug zu sammeln und die Hingabe an eine Konsumkultur der permanenten Ablenkung gilt als erwachsen. Aber sich die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, ob wir eine ungerechte Welt ändern können oder wie wir mit den natürlichen Ressourcen umgehen sollen, gilt als kindisch. Das ist absurd.

Müssen wir alle nicht irgendwann erkennen, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen, und dass auch Unglück zum Leben gehört?

Wir müssen lernen, mit Schmerzen umzugehen, auch mit großen Verlusten. Der Psychoanalytiker Erik Erikson beschreibt das am Beispiel der ersten Zähne: Ausgerechnet die Quelle der größten Befriedigung, der Mund, tut weh, wenn die Zähne kommen. Das erlebt jedes kleine Kind. Aber offenbar vergessen wir diese Erfahrung wieder. Die größeren Probleme kommen in der Adoleszenz, wenn man wirklich enttäuscht ist von den eigenen Eltern oder der ganzen Welt. Nein, die Welt ist überhaupt nicht so, wie sie sein sollte. Eine Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist starker Idealismus. Die andere Möglichkeit ist eine abgebrühte Pose. Man misstraut den Forderungen der Moral und will sie am liebsten entwerten.

Was ist so schlimm daran zu sagen: Es gibt nur diese Welt, und ich möchte in ihr gut leben?

Es funktioniert nicht. Die Welt, wie sie ist, ist nicht in Ordnung.

Wer entscheidet das?

Es reicht doch, Zeitung zu lesen, um das zu wissen. Vom Papst bis zum letzten Hipster ist das jedem klar. Wir sind dabei, den Planeten zu ruinieren. Auch wer das Glück hat, in den reichen Ländern zu leben, kann damit nicht glücklich sein. Der Zustand der Welt lässt uns nicht unbeschädigt. Purer Egoismus ist nicht sehr vernünftig, und wenn Sie so wollen auch nicht besonders pragmatisch. Ich bin Amerikanerin. Ich zahle hier in Deutschland erheblich höhere Steuern, als ich in den USA zahlen müsste – und ich bin damit sehr einverstanden. Es ist nicht nur ein gutes Gefühl, in einer gerechteren Gesellschaft zu leben. Mir geht es schlecht, wenn ich im Winter in Boston auf der Straße an Obdachlosen vorbeigehen muss. Ich zahle gern höhere Steuern, damit der Staat wenigstens Arbeitslosengeld II zahlen kann. Mein Leben ist besser, wenn ich in einer weniger ungleichen Gesellschaft lebe: Ich muss in Berlin weniger Angst vor Raubüberfällen oder Amokläufern haben als zum Beispiel in Boston.

Zu jedem Zeitpunkt geschehen irgendwo auf der Welt fürchterliche Verbrechen – vom jahrzehntelangen Krieg um Rohstoffe im Kongo bis zu den Massakern des „Islamischen Staates“ …

… und in viele davon sind wir direkt oder indirekt involviert – zum Beispiel weil unsere Mobiltelefone ohne Coltan aus dem Kongo nicht funktionieren.

Kein Mensch hält es aus, sich permanent mit diesen Grausamkeiten auseinanderzusetzen. Ist es gesund, das zum Teil zu verdrängen?

Wir müssen Teile davon ausblenden, um überhaupt mit der Welt zurechtzukommen. Niemand kann alles Unglück der Welt auf sich nehmen. Verzweifelte, schuldbeladene Menschen sind nicht sehr handlungsfähig. Aber wir sollten nicht alles ausblenden. Man fühlt sich tatsächlich besser, wenn man sich engagiert und versucht, ein Stück der Welt zu verbessern, statt alles resigniert oder zynisch hinzunehmen. Ebenso wie Kant bin ich davon überzeugt, dass es eine Beziehung zwischen Glückseligkeit und Tugend oder moralischen Werten gibt. Es ist eine Forderung der Vernunft und nicht irgendeine infantile Wunschfantasie, dass Glück und Tugend halbwegs in der Balance sein sollten. Ich glaube, wir sind moralische Wesen. Schon Kleinkinder und sogar Affen haben ein Empfinden für Gerechtigkeit. So sind wir gebaut. Moralisch abzustumpfen ist kein sehr gutes Konzept, um erwachsen zu werden.

Gibt es nicht die Gefahr der etwas selbstgefälligen moralischen Überheblichkeit?

Ja, gibt es. Aber ich finde, wir sind heute wesentlich stärker vom Zynismus als von moralischer Hybris gefährdet. Eines meiner Bücher hatte den Titel „Moralische Klarheit“. Das ist ein Zitat von George W. Bush, der weder moralisch noch klar war. Der Titel war daher etwas ironisch. Ich bin für moralische Klarheit, aber man darf Klarheit nicht mit Einfachheit verwechseln. Wir hatten im Einstein Forum vor einem Jahr eine Tagung, in der es um das Prinzip Kohlhaas ging. Jemand berichtete von einem Ehepaar, das überlege, das eigene Wohlstandsniveau auf ein Minimum zu reduzieren, um möglichst viel Geld für Bedürftige zu spenden. Das ging bis zu der Frage, ob sie sich ein Eis kaufen dürften. Ich habe Respekt vor diesem moralischen Rigorismus, aber ich halte ihn nicht für notwendig.

Michael Kohlhaas ist der Titelheld einer Kleist-Novelle. Weil ihm ein eher kleines Unrecht geschieht, läuft er Amok. Ist das nicht ein gutes Beispiel für zerstörerischen Moral-Furor?

Ich würde sagen, Kohlhaas ist vielleicht ein Beispiel für moralische Hybris, aber es ist vor allem unerwachsen, so völlig rücksichtslos und unverhältnismäßig auf die Kränkung des eigenen Ehr- und Gerechtigkeitsgefühls zu reagieren. Gehört es zum Erwachsenwerden, sich in einer ungerechten Welt zurechtzufinden? Ja, das ist notwendig. Das ist der berühmte Versuch des richtigen Lebens im falschen. Aber vor lauter Zurechtfinden muss man die Ungerechtigkeit ja nicht gleich bewundern und mit allem einverstanden sein, auch wenn das als erwachsen gilt. Wir haben tatsächlich ein Bild des Erwachsenseins kultiviert, das uns nur unglücklich macht.

Wie sieht dieses Bild aus?

Nun, nach einer verbreiteten Ansicht bedeutet erwachsen zu werden, dass man auf die eigenen Hoffnungen und Träume verzichtet und sich mit der Realität abfindet. Ich finde das nicht erwachsen, sondern trostlos. Vier meiner Freunde sagten mir unabhängig voneinander sehr energisch: Nein, ich will auf keinen Fall erwachsen werden. Das sind lauter Leute Mitte, Ende 60, in künstlerischen oder intellektuellen Berufen, mit einem sehr erfüllten Leben. Alle vier haben die Vorstellung, nicht erwachsen zu werden und das ewige Kind Peter Pan zum Vorbild für das eigene Leben zu machen, sei irgendwie subversiv, eine Weigerung, sich nur zweckrational zu verhalten und zu resignieren. Das ist ein weitverbreiteter Begriff von Erwachsensein, den ich falsch finde. Regression oder die Vorstellung, wir müssten alle ewig jugendlich bleiben, kommt mir nicht sehr hilfreich vor. Natürlich hat das eine politische Dimension. Kant beschreibt, dass es für die Mächtigen sehr praktisch ist, wenn sich die Menschen infantilisieren lassen, statt sich als mündige, selbst denkende, eigenverantwortliche Bürger zu verhalten.

Kant versteht unter Urteilskraft die Fähigkeit, zu erkennen, in welcher Situation man welche Regeln anwenden oder ignorieren sollte. Das ist nichts anderes als Pragmatismus, oder?

Das könnte man sagen, aber diese Fähigkeit ist einfach notwendig für jedes Denken. Auch wenn sich ein Gemeinwesen die besten Regeln gibt, sind sie wirkungslos, wenn es niemanden gibt, der sie anwendet. Das fordert Urteilskraft. Aber Sie verwenden den Begriff Pragmatismus sehr großzügig. In der Philosophie ist die Denkschule des Pragmatismus im Grunde eine anti-metaphysische Bewegung, die sagt: Wir bräuchten keine großen, metaphysischen Sinn-Horizonte, Transzendenz sei eine Lüge. Natürlich kann das Bedürfnis nach Metaphysik missbraucht werden. Aber ich finde den Verzicht auf alle Sinnfragen falsch.

Sie haben Peter Pan erwähnt, der als Verkörperung ewiger Kindheit gilt: Er bewahrt sich seine kindliche Unschuld, indem er jeden Schmerz, der ihm zugefügt wird, sofort vergisst.

Ja, und das ist infantil. Eine Kultur, die Peter Pan zu ihrem Helden macht, feiert die Regression. Als ich das Buch geschrieben habe, dachte ich, wie traurig es ist, wenn Menschen meines Alters versuchen, möglichst jugendlich zu wirken, und glauben, dass sie vom Leben in ihrem Alter nichts mehr erwarten können. Umso schöner waren die Reaktionen von Lesern unter 30, die sich erstens freuten, dass ich mit dem Klischee gebrochen hatte, dass die Jahre zwischen 20 und 30 die besten seien. Im Gegenteil, sie sind wohl die schwierigsten. Außerdem freuten sie sich über die Idee, dass es einen anziehenden Begriff des Erwachsenwerdens gibt, auf den sie mit Lust statt mit Angst oder Resignation blicken könnten. Für die Generationen vor der Aufklärung stellte sich die Frage nicht, was man mit dem eigenen Leben machen will. Man wurde in eine Schicht hineingeboren und machte mehr oder weniger, was die Eltern gemacht hatten. Ab der Generation von Rousseau und Kant gab es mehr Möglichkeiten – deshalb mussten oder konnten sie darüber nachdenken, was ein richtiges Leben ist. Kant war der Sohn eines einfachen Sattlers. Wäre er 30 Jahre früher auf die Welt gekommen, wäre er wahrscheinlich Sattler geworden – und nicht der wichtigste Philosoph der Moderne. ---

Susan Neiman, 60,
geboren in Atlanta, studierte an der Harvard University, unter anderem bei dem Moralphilosophen John Rawls, sowie an der Freien Universität Berlin und promovierte über Immanuel Kant. Neiman lehrte als Professorin an den Universitäten Yale und Tel Aviv. Seit 2000 leitet sie das Einstein Forum in Potsdam. Ihr neues Buch „Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung“ ist im Hanser Verlag Berlin erschienen.

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