Ausgabe 09/2015 - Schwerpunkt Pragmatismus

Pragmatismus

Nüchtern betrachtet

1. Das kalte Herz

Manche gehen früh und bleiben trotzdem lange. Am 18. November 1827 beendete der Typhus die kurze Karriere des Wilhelm Hauff. Der Dichter aus Tübingen war in den letzten Monaten seines Lebens zum Meister des romantischen Märchens geworden, also des literarischen Genres, für das die Deutschen bis heute in der ganzen Welt berühmt sind.

Hauffs erster Hit war der „Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 für die Söhne und Töchter gebildeter Stände“. Die Erzählungen spielen im Orient, dort, wo noch Abenteuer warten und Wunder geschehen, während das Leben zu Hause eintönig und für die Jugend perspektivlos abläuft.

Das deutsche Biedermeier ist eine Zeit der sozialen, moralischen und materiellen Erschöpfung. Die Wirren der Französischen Revolution und fast 20 Jahre Krieg hat man überlebt. Die „Geschichte vom Kalif Storch“ ist weniger für Kinder als für eine Jugend geschrieben, die sich nach moralischer Orientierung und Verlässlichkeit sehnt. Politik und Wirtschaft reden immer öfter von Nutzen und Zweckmäßigkeit. Und die beginnende industrielle Revolution stellt alles infrage, was bisher heilig gewesen war. Dagegen helfen nur Märchen, das ist immer so.

Hauff schreibt diesen Zeitgeist auf. Das Märchen „Zwerg Nase“ ist eine Anklage gegen die Kleinstaaterei und begeistert sich fürs „nationale Ganze“, seine berüchtigte Novelle „Jud Süß“ bringt Antisemitismus mit antikapitalistischen Ressentiments zusammen. Seine Hauptanklage gegen die nüchterne neue Zeit aber wird ein Märchen, das aus seiner Sammlung „Das Wirtshaus im Spessart“ hervorsticht: „Das kalte Herz“.

Tief im Schwarzwald lebt Peter Munk, ein Köhler, ein Beruf, der den Armen und Besitzlosen vorbehalten war. Natürlich träumt er vom Aufstieg, erst recht, als er sich in die schöne Lisbeth verliebt. Er wendet sich an einen guten Geist, der ihm seine Wünsche auch erfüllt – aber im Gegenzug verliert Munk alles, weil er eines nicht auf seiner Liste hatte: mehr Verstand. Nun wendet er sich an einen bösen Geist, der ihm materiell aushilft, dafür aber sein Herz als Pfand will – und ihm stattdessen eines aus Stein einsetzt.

Fertig ist der Kapitalist. Peter Munk wird Geldwechsler und Händler, gnadenlos gegenüber den Schwachen und hart gegenüber allen anderen. Seine Frau erschlägt er, als die – gegen seinen Willen – einem Bettler hilft. Nun aber packt den bösen Mann, trotz seinem Steinherz, doch die Reue. Er will sein Herz aus Fleisch und Blut wiederhaben. Das gelingt durch Irrungen, Wirrungen und zahlreiche Tricks. Im Gegenzug verzichtet Munk auf seinen Reichtum.

Zum Dank dafür, dass er sich gegen den Materialismus und für die Romantik entschieden hat, ersteht seine Frau von den Toten auf. Und damit auch sonst alles gut ist, schenkt Papa Waldgeist ihm eine dicke Rolle Taler.

Und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute – im kollektiven Gedächtnis: Materialismus bringt Unglück, nüchternes Kalkül verdirbt den Charakter. Nur Herzenswärme, Gefühlsbetontes hingegen ebnet den Weg zum Glück. Auch der Verstand, den der gute Waldgeist einfordert, hat, näher betrachtet, nichts mit kühlem Intellekt zu tun, sondern besteht aus purer Moral. Die Regeln der Aufklärung – nüchtern bleiben, logisch denken, pragmatisch handeln – sind außer Kraft gesetzt. Zweckmäßiges Handeln ist „kalt“. Ein deutsches Märchen.

Hauffs Welt ist eine der Gefühle, der Wunder, der Ahnungen. Noch war die bald massenhaft gemachte Erfahrung, dass Vernunft, Materialismus und Wohlstand zusammengehören, nicht gemacht. Wer vom armen Schlucker zum reichen Mann wurde – und das nicht durch Revolution oder Raub – dem musste ein Wunder widerfahren sein.

Doch wer heute dem Pragmatismus immer noch misstraut, der hat einfach nicht aufgepasst. Die Leidenschaftlichen träumen von einer besseren Welt. Die Nüchternen bauen sie. Aber wir leben in Zeiten der schnellen und wohlfeilen Empörung. Die Söhne und Töchter der besser gebildeten Stände wollen ihre Märchen hören. „Nieder mit dem kalten, herzlosen System!“

2. Kalt und warm 

Hauff wäre zweifellos der Star in den sozialen Medien und auf Demos, die irgendwas mit Anti machen, Hauptsache, gegen die Märkte. Die sind das „Kalte Herz“, heißt es. Komisch eigentlich. Denn Karl Marx und seine Nachfolger gaben sich auffällig nüchtern und rational. Das lag wohl daran, dass die Kapitalismuskritiker damals als Romantiker und Träumer galten, als realitätsferne Wirrköpfe. Darauf reagierte man mit betont kaltschnäuziger und kühler Art. Diese Profilneurose führte zu Wortschöpfungen wie „real existierender Sozialismus“ oder die Überhöhung des „Marxismus“ zu einer „Wissenschaft“ – wenigstens in den Staaten, in denen das staatlich verordnet werden konnte.

Die westlichen 68er bedienten sich zum Transport ihrer hochemotionalen Botschaft einer besonders pseudowissenschaftlichen Sprache. Wer das Geschwurbel nicht verstand, war natürlich „verblendet“. Aber das gab ohnehin kaum jemand zu, der cool sein wollte. Die dazugehörige Schlüsselpassage findet sich in Marx’ und Engels’ Bestseller „Kommunistisches Manifest“ und lautet: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können“ – und gleich anschließend erfährt man, wohin das führt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Oha. Da haben wir es.

Nüchtern – und nicht von Gefühlen berauscht. Doch gleich, ob es um Griechenland, Eurokrise, Flüchtlinge, Freihandel, Gentechnik, Energiewende oder Quote geht, herrscht allseits die Politik der Gefühle. Und damit stellt sich die entscheidende Frage, ob man die Welt bloß mit dem Bauch verstehen will. Wer da genauer hinsieht, merkt schnell: Pragmatismus ist keine Geschmacksfrage.

3. Legende der Leidenschaft

Es hat einige Jahrtausende gedauert und unzählige Menschenleben gekostet, bis man in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik – jedenfalls weitgehend – das Gefühl, die Leidenschaft, die Emotion in ihre Schranken verwiesen hat. Ein Blick auf das deutsche Wort Leidenschaft macht schlauer: Da ist etwas, das letztlich Leiden, Ärger und Zerstörung mit sich bringt. Es beschreibt ein Gefühl, das durch keine Regeln, kein Gesetz, keine Vernunft zu zügeln ist. In der Liebe ist das großartig, im Normalzustand eines Gemeinwesens aber irre. Das Leben unter Menschen, die in der Öffentlichkeit ihre Leidenschaft zügeln, ist – ja, es stimmt – etwas langweilig. Aber wo Leidenschaft ausgelebt wird, ist das eine Bedrohung von Leib und Leben. Die Kulturgeschichte gilt deshalb auch als eine Geschichte der kontrollierten Leidenschaft.

Die alten Griechen nannten das, was heute von vielen vermisst wird, Pathos, was einst gleichbedeutend war mit Leiden. Die Römer, die sich gern im griechischen Kultur-Fundus bedienten, bezeichneten das, was beim Pathos passiert, als afficere – ins Deutsche übersetzt heißt das antun.
Das ist ganz genau auf den Punkt gebracht.

Es ist ein Wort einer Zeit, in der die unkontrollierte Gewalt – mit Mord und Totschlag – regierte, ein von vielen schon vergessenes Relikt des Bösen. Wer eine Tat im Affekt begeht, kann mit geringerer Strafe rechnen. Peter Munk, der seine Frau totschlug, weil sie einem Bettler zu essen und zu trinken gab, was er ihr ausdrücklich verboten hatte, hätte mildernde Umstände geltend machen können. Er schlug im Zorn zu, leidenschaftlich, in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung. Totschlag aus Leidenschaft, das ist nicht schön, aber irgendwie verzeihlich, während ein mit Kalkül begangenes Verbrechen weit schwerer wiegt. Außer für das Opfer, versteht sich. Auch wer im Affekt erschlagen wird, ist mausetot.

Mit Leidenschaft und im Affekt lassen sich Pogrome durchführen, heilige Kriege und Kreuzzüge gegen Andersgläubige. Populisten aller Lager lieben die Leidenschaft, und sie schlagen immer im Affekt zu. Das ist ihr Kalkül.

Demokratien hingegen setzen auf Abkühlung. Sie nehmen erst mal die Luft raus. Sie erscheinen deshalb als nüchterne, kalte, langmütige und damit auch langweilige Gebilde. Im ersten Augenblick wirken sie deshalb unattraktiver als die leidenschaftlichen Versprechungen der Affektierten. Aber die Ausnüchterungszelle für Gefühle hat viele Vorteile, eine höhere Lebenserwartung durch weniger leidenschaftliche Umgebungen ist nur eine davon. Der nüchterne Blick bringt auch bessere Lösungen und Einsichten. Das muss man wissen, ganz nüchtern und trocken, denn von Haus aus sind wir anders. Leidenschaftlich und affektiert. Das ist keine Beleidigung, sondern Stand der Wissenschaft.

4. Schnell und schmutzig 

Vor vier Jahren veröffentlichte der israelische Psychologe Daniel Kahneman ein Buch mit dem Titel „Thinking, fast and slow“ – auf Deutsch „Schnelles Denken, langsames Denken“. * Das Buch fasst eine langjährige, mit seinem Kollegen Amos Tversky betriebene Forschungsarbeit zusammen, die unter dem Namen „Prospect Theory“ – die sogenannte Neue Erwartungstheorie – zu einer Revolution in der Verhaltensökonomik führte, deren wichtigste Frage lautet: Wie verhalten sich Menschen unter Bedingungen der Unsicherheit? Dieser Ansatz wurde fast 60 Jahre lang vom Bild des Homo oeconomicus geprägt, eines stets rational handelnden, affektfreien Logikers, der seine Entscheidungen kühl danach ausrichtet, dass die Kosten minimiert und der Nutzen maximiert werden.

Das ist, von der Grundrichtung her, gar nicht mal falsch, hat aber trotzdem einen entscheidenden Haken: Die Weltsicht, die der Homo oeconomicus hat, steuert unbewusst wie spielentscheidend die Auswahl der Informationen, die seinen vermeintlich rationalen Entscheidungen zugrunde liegen. Und selbst der kühlste Charakter hat Freunde, Bekannte, Vorlieben, wurde in die eine oder andere Richtung erzogen – und hat reichlich moralische Lektionen erhalten, also Belehrungen darin, was nach den allgemeinen Sitten als richtig oder falsch, als gut oder böse zu betrachten ist. Unter diesen Umständen kann kein Mensch vollkommen ökonomisch handeln, rational und „objektiv“ entscheiden. Das Problem des Modells vom Homo oeconomicus bezeichnet man in der klinischen Psychologie als „kognitive Verzerrung“.

Als logisch und vernünftig erscheinen die Informationen, die man politisch, ideologisch, geschmacklich am liebsten hat. Nicht nur bei langgedienten Experten kommt dabei etwa die berüchtigte déformation professionelle dazu, die rein auf die eigene fachliche Sicht zugeschnittene Betrachtung der Welt. Man sieht, liest und hört, was man sehen, hören und lesen will. Besonders gut kann man das in den sozialen Medien beobachten – wo das vom amerikanischen Netzexperten Eli Pariser benannte „Filter Bubble“-Syndrom vorherrscht. Man ignoriert andere Meinungen und Positionen und bevorzugt die der eigenen Gruppe, um sich zu bestätigen. Suchmaschinen wie Google oder Yahoo haben zwar das Potenzial, objektive Informationen zu liefern – doch das vereitelt auch die unbewusste Auswahl der Suchenden. Denn die Frage bestimmt die Antwort.

In kleinen, manchmal unmerklichen Nuancen suchen so Linke die Bestätigung für ihre These, Konservative jene für ihre, Optimisten fahnden nach guten und Pessimisten nach schlechten Zeichen für eine Entwicklung. Es ist für jeden etwas dabei. Und obwohl es immer mehr Informationen, einen besseren Zugriff auf Wissen und Daten und damit auch eine objektive Verbesserung der Entscheidungsqualität geben könnte, suchen Menschen geradezu systematisch nach Bestätigung – und vergeben sich dabei die Chance, Neues dazuzulernen, neue Informationen in Ruhe zu bewerten und ihren Horizont zu erweitern.

Das ist nicht die Welt des Rationalen, Vernünftigen, Logischen, sondern jene des „Bauchgefühls“, die „Sprache des Herzens“, also das, was man für gut und richtig hält.

Nach der Prospect Theory – für die Kahneman 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt (Tversky starb bereits 1996) – arbeitet das menschliche Gehirn in zwei Betriebszuständen: Modus eins ist das schnelle Denken, das von Faustregeln, sogenannten Heuristiken, ausgeht, von gemachten Erfahrungen, Prägungen und allem, was man kennt, mag und bewusst wie unbewusst für richtig hält.

Weil man sich Instinkte und Emotionen, die dieses System ausmachen, nicht lange überlegen muss, geht hier alles ruck, zuck. Den Großteil dessen, was wir tun, spulen wir über diesen Bereich ab. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei das limbische System, in dem Gefühle und Triebe regieren. Das Gehirn bedient sich beim Denken mit Vorliebe ausgerechnet in dieser Region. Leider, denn die Lappen und Windungen rund um Hippocampus und Amygdala sind, man muss es so deutlich sagen, ausgesprochen reaktionär und rückständig. Ihre Absichten sind immer quick and dirty.

Den Affekt allerdings liefern sie prompt, kein Wunder, denn die Lappen bestehen fast ausnahmslos aus gemachten Erfahrungen, Vorurteilen und festen Einstellungen. Dieser statische Fundus wird, wenn überhaupt, nur durch Informationen ergänzt, die leicht und mühelos dazu passen. Das ist das Prinzip der „kognitiven Leichtigkeit“ – bei der geradezu systematisch nach Bestätigung für das gesucht wird, was man ohnehin schon zu wissen glaubt.

Wirklich Neues hingegen weist das schnelle Denken von sich – zu viel Arbeit. Und falls sich das Gehirn trotzdem entschließt, etwas Unbekanntes auf seine Chancen abzuklopfen, dann schlagen die rückständigen Lappen des schnellen Denkens hysterisch Alarm: Die Risiken werden unverhältnismäßig übertrieben, mögliche Verluste hochgespielt – die eingebaute Verlustaversion, wie die Forscher diesen Prozess nennen, verhindert normalerweise neue Erfahrungen.

Das schnelle Denken, das den Status quo fördert, ist auch die Domäne dessen, was man „richtiges moralisches Empfinden“ nennt. Wo die Stirn am engsten ist, sitzt also ausgerechnet das, was wir am höchsten halten: die Moral.

Demgegenüber ist das von Kahneman sogenannte „langsame Denken“ die Ausnahme von der Regel. Diese Denkform verlangt kritisches und selbstkritisches Sammeln von Informationen, ein vernünftiges und logischen Maßgaben folgendes Einbeziehen von Alternativen, den sachlichen Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Varianten – kurz die Auseinandersetzung mit dem richtigen Leben, das aus Vielfalt und Komplexität besteht.

5. Die falsche Moral 

Das ist, wie man’s auch nimmt, vor allen Dingen eines: eine erschöpfende Arbeit, die sich das Gehirn – von Natur aus faul – lieber erspart. Das rationale Denken setzt erst dann ein, wenn ernste Konflikte zwischen dem schnellen Denken und der Wirklichkeit bestehen. Falls mehrere Probleme vorliegen, wehrt sich das Gehirn nach Kräften. Multitasking, eine Tugend, derer sich gerade die sogenannten emotional Intelligenten gern rühmen, ist nichts weiter als Selbsttäuschung.

Das Fazit der Forschung ist ernüchternd: Solange alles gut läuft, denken fast alle schnell und schmutzig. Doch wenn die Zeiten voller Veränderungen und Widersprüche sind, dann sind Konflikte und Unbehagen programmiert. Das gute, das langsame und gründliche Denken braucht einen Konflikt, der aufweckt. Vor diesem Hintergrund versteht man den hellseherischen Charakter des Wahlspruchs des Frühaufklärers René Descartes: „Zweifel ist der Weisheit Anfang.“

Aber gibt es keine andere Möglichkeit, als darauf zu warten, dass das faule, bequeme, schnelle und schmutzige Denken durch eine Krise oder einen Konflikt durch gründliches Nachdenken abgelöst wird? Muss man sich von Gefühlen so lange treiben lassen, bis Schaden eintritt? Geht das nicht ein bisschen anders, vernünftiger, praktischer?

Ja, sagt Professor Karl Homann, Wirtschaftsethiker und emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München. Man müsse nur mal die alte Moral über Bord werfen. Denn die hindere uns daran, wirklich vernünftig zu sein. „Das Denken in Gut und Böse erzeugt Gut und Böse erst“, sagt er, „und das müssen wir ändern.“

Homann ist selbst Pragmatiker durch und durch. Ethik sei keine „hehre Veranstaltung großer Wörter und leidenschaftlicher Appelle“, sondern schlicht eine Funktion, die dazu da ist, „den Menschen ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen“, also wieder: das Beste daraus zu machen. Der populäre Widerspruch von Moral und Wirtschaft sei schlicht Unsinn – denn die Marktwirtschaft sorge für eine stetige Verbesserung der Lebensumstände und mehr Wohlstand. Und neue ethische und moralische Regeln? Werden nichts helfen, sagt Homann, haben noch nie geholfen. „Wir beurteilen menschliches Handeln seit unendlich langer Zeit nach moralischen Normen und Prinzipien. Und alles, was wir wissen, ist: Manchmal handeln die Leute nach moralischen Normen und Prinzipien – und manchmal nicht.“

Die Moralisten suchen dabei nicht nach tiefer liegenden Ursachen, wie das Verhaltensökonomen wie Daniel Kahneman tun, sondern führen das Fehlverhalten auf mangelnde Disziplin, Charakterschwäche oder Boshaftigkeit zurück. Das ist unsachlich, aber üblich. Wer gegen den Moralcodex verstößt, ist böse; dass der Moralcodex vielleicht Quatsch ist, wird nicht in Erwägung gezogen. Die Folge, so Homann, sei eine endlose Kette sinnloser moralischer Appelle und Schuldzuweisungen, die beim Publikum „längst zu einer breiten Abstumpfung geführt haben. Die Leute sind in Wirklichkeit schon lange immun gegen das Moralisieren auf allen Ebenen.“ Vielleicht spielen sie noch ein wenig mit, tun so als ob. Aber tatsächlich prallen die großen Wörter längst an der Realität ab.

Kein Wunder, weiß Homann: „Wer der Moral in dieser Welt wirklich zu einer größeren Geltung verhelfen will, muss mit den Appellen aufhören und dafür akzeptieren, wie Menschen denken. Das System ist okay – aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht.“ Konkret: Moralisches Verhalten muss sich lohnen. Unethisches Verhalten nicht.

Das ist keine Frage von Kapitalismus oder Staatswirtschaft, sondern die nüchterne Einsicht, dass Menschen immer das tun werden, was ihnen persönlich am meisten nützt und sich mit der geringsten Mühe machen lässt. So sind wir. Wo man nüchtern damit rechnen kann, dass es sich lohnt, wenn man sich korrekt verhält, da wird das auch zur Regel.

So könnte die Moral wieder ihre eigentliche Funktion wahrnehmen und von einem Gefühl zu einem nützlichen Werkzeug werden, das Kooperation erst möglich macht. Wirklich Gutes tun, statt nur dauernd darüber zu reden. Diese Verwandlung nennt man Pragmatismus.

6. Die Wirklichkeitsgestalter 

Das Wort Pragmatismus, schreibt die Online-Enzyklopädie Wikipedia, „bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten, das sich nach bekannten praktischen Gegebenheiten richtet, wodurch das praktische Handeln über die theoretische Vernunft gestellt wird. Im Pragmatismus beweist sich die Wahrheit einer Theorie an ihrem praktischen Erfolg, weshalb pragmatisches Handeln nicht an unveränderliche Prinzipien gebunden ist.“

Diese Haltung ist ein Kind der neuen Welt – eine unmittelbare Folge der Geisteshaltung, durch die sich die USA von ihren europäischen Mutterländern zu unterscheiden sucht. In den europäischen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts ersetzten Ideologien – neue Dogmen also – die alten religiösen Bekenntnisse. Dabei entstanden genauso feste und starre Gebilde, die „unveränderliche, ewige Wahrheiten“ verbreiteten. Wie alle Ideologien nutzten sie die Vereinfachung, wie alle Demagogien die Verkürzung – und hebelten sich so ins „schnelle Denken“ der Menschen. Kritik und Zweifel waren nicht vorgesehen. Man musste glauben, was man hörte. Ideologien sind, auch wenn man sie als „Haltung“ missversteht, ausgesprochen unflexible Angelegenheiten. Dazulernen, Erneuern – oder gar das Verändern – einer Position sind nicht beabsichtigt. Ideologien bieten einen guten Behälter für das schnelle Denken: eine feste Moral, jede Menge Sicherheitsversprechen, bequeme Bestätigung aller Vorurteile – und keinerlei Bewegungsspielraum.

Dem kann allerdings die Welt der reinen Vernunft, der kühlen Logik, nichts wirklich Attraktives entgegensetzen. Sie versteigt sich deshalb immer mehr in ihrem Elfenbeinturm. Mag sein, dass die kalten Rechner die optimalen Lösungen haben. Aber sie funktionieren nur unter optimalen Bedingungen, die es draußen, im wirklichen Leben, nicht gibt. Die reine Vernunft ist ein klinisch reines Labor, in dem niemand Türen und Fenster öffnen darf, weil sich sofort alle mit der Realität anstecken würden. Grau ist alle Theorie.

Nirgendwo hat sich dieser Gedanke mehr mit der Leitkultur verbunden als in den USA des 19. Jahrhunderts. Dort war ein riesiges Land aufzubauen – und eine Agrar- und Industriegesellschaft gleichzeitig zu managen. Das kann man nicht, wenn man sich an feste, starre Ideologien bindet. Man muss improvisieren, um die Vielzahl an Problemen zu lösen. Schnelles Denken mit Standardantworten bringt dabei niemanden voran. Was zu quick und dirty ist, funktioniert nicht, aber auch all das, was ins Grübeln des Grübeln wegen ausartet, ist unpraktisch.

„Pragmatiker sagen: Real ist, was man realisieren kann, was sich umsetzen lässt. Das ist purer Pragmatismus“, sagt Birger Priddat, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Witten / Herdecke. In den USA der Pionierzeiten lief der Pragmatismus, gekoppelt mit dem nüchternen Kapitalismus, zur Höchstform auf. Die Bedingungen dazu waren weit besser als im alten Europa.

Die alte Welt wurde vor allem von den Menschen verlassen, die bereit waren, ein hohes Risiko einzugehen, um ihre Lage zu verbessern. Ein Auswanderer musste zwar wissen, was er wollte, aber er durfte nicht stur sein. Es führten viele Wege zum Ziel. Gleichsam mussten die Wirtschaftsflüchtlinge aus Europa akzeptieren, sich auf das Unbekannte und Neue einzulassen, auf eine völlig andere Realität als die gewohnte.

Wer das nicht schaffte, blieb in den ethnischen Gettos der großen Einwandererhäfen von New York oder Boston hängen, die rasch zu Armenquartieren wurden, oder trat die Passage erst gar nicht an. Der Rest machte sich daran, die Phrase „Make your dreams come true“ ins eigene Leben zu übersetzen. Mach deine Träume wahr – der Satz hat nichts mit Schicksal zu tun, aber alles mit nüchterner Lebensgestaltung.
Mach was daraus.

„Das sind Wirklichkeitsgestalter“, sagt Birger Priddat, „umgangssprachlich nennen wir so was Unternehmer. Das sind Leute, die sich nicht damit zufriedengeben, dass die Welt nicht gut genug ist oder sogar schlecht, sondern die aus dem, was sie vorfinden, das Beste machen.“ Das ist nicht der glühende, leidenschaftliche Idealismus, mit dem man an „seine Sache“ glaubt – bis einen die Wirklichkeit vom Gegenteil überzeugt. Pragmatismus folgt der Devise, dass gut ist, was funktioniert.

Das führt die Leidenschaft und das Gefühl auf die richtige Bahn. Sie sind dazu da, um eine Idee, eine Vision zu beflügeln, sie abheben zu lassen – aber die Vernunft, die man durch die nüchterne Betrachtung der Welt und ihrer Umstände erlangt, hält das Ding am Fliegen und auf dem richtigen Kurs.

Auch wenn Affekte, Leidenschaft und Ideologien immer wieder zurückkämen – die Vernunft setze sich durch, langsam, aber sicher, sagt Birger Priddat: „In einer komplexen Welt, die vielfältig ist, multikulturell und vielfach nicht berechenbar, verlieren Ideologien und ihre Entweder-Oder-Positionen zunehmend an Wert. Man erreicht durch sie nicht mehr genug. Es lohnt sich letztlich nicht mehr, ideologisch zu sein.“

Pragmatismus hingegen, die Kunst, seine Visionen der Realität anzupassen, fordert im 21. Jahrhundert ständig zur Zusammenarbeit, zur Kooperation, zum Konsens auf – also zu all dem, das die Verhaltensökonomen ohnehin als eine Grundlagen allen menschlichen Handelns erkannt haben. Nur Ideologen wollen einen Gegensatz von Ich und Wir.

Wer die Umsetzung der eigenen, persönlichen Ziele nüchtern verfolgt, muss sich mit anderen arrangieren – und wird sich nicht von ihnen abgrenzen.

Und wer seine Visionen wirklich leben und dabei möglichst viel von seiner Leidenschaft bewahren will, muss sie durch nüchternes Handeln am Leben erhalten.

7. Ausgenüchtert 

Das schnelle, schmutzige Denken, die Welt der Ideologie, kennt Freund und Feind, Gut und Böse. Pragmatisches Denken bezieht die anderen in die Rechnung mit ein. Das fördert den Konsens, die wichtigste Grundlage sozialer Prozesse. Ein Konsens legt es darauf an, allen Beteiligten ein Recht auf die Umsetzung ihrer Lebensziele zu ermöglichen, ohne dass dabei unüberwindliche Widersprüche auftreten.

Der Konsens akzeptiert die Vielfalt und Unterschiedlichkeit menschlicher Interessen. Er ist ein Werkzeug des pragmatischen Pluralismus, der maximale Freiheiten in Gemeinschaften ermöglicht – ein Instrument, das nicht alles will, sondern das jeweils Machbare. Lasst euch keine Märchen erzählen: So ist die Welt.

Bei den Ideologien und Heilslehren, romantischen Weltformeln und leidenschaftlichen Appellen geht es immer darum, „das einzig Richtige zu tun“, alle Wünsche zu erfüllen und alle möglichen Beteiligten „unter einen Hut zu bringen“; also eine Größe, die niemandem passt.

Pragmatismus sucht das Gespräch, den Deal. Deshalb ist er, wie die kühle Vernunft, unverzichtbar für das Funktionieren von Organisationen und Gesellschaften. Man kann es nicht oft genug sagen: Gut ist, was funktioniert.

Ein großer Dichter hat das schon vor 80 Jahren gewusst, Erich Kästner. Von ihm stammen die Zeilen, die den Pragmatismus, die Kunst des Praktischen, ins rechte Licht rücken. Man kann sie sich leicht merken: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Das klingt ernüchternd?
Dann ist es richtig. ---

*Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler, 2012; 624 Seiten

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