Ausgabe 09/2015 - Schwerpunkt Pragmatismus

Last Exit Benchill

• Es war ein überraschender Satz: „Sie arbeiten alle!“ Graham hatte das ein paar Tage zuvor am Telefon über seine elf Kinder gesagt. „Alle haben einen Job!“ Aber sofort keimte der Zweifel. Elf Kinder, die alle in Lohn und Brot sind – kann das sein? In Benchill, jener Siedlung im Süden von Manchester, die vor einigen Jahren zum armseligsten städtischen Wohngebiet des Landes erklärt worden war. „Schlimmste Gegend in ganz England“ – so und ähnlich titelten die Zeitungen.

Leider ist es so eine Sache mit der Urteilsfähigkeit von Graham Loose. Das Familienoberhaupt, 74 Jahre alt und knapp 130 Kilo schwer, ist oft nicht richtig bei sich. Beim Besuch vor sechs oder sieben Jahren war er noch der quirlige Chef-Kümmerer der Siedlung; gemeinsam mit seiner Frau Sue organisierte er Bingo-Nachmittage für die einsamen Alten und war als Vorsitzender der Mietervereinigung zur Stelle, wenn der Monteur nicht kam, der das Klo reparieren sollte, oder jemand seine Heizkostenabrechnung nicht verstand. 20-, 30-mal am Tag ging bei ihm daheim das Telefon.

Jetzt liegt er im Fernsehsessel schräg gegenüber dem elektrischen Kamin, über dem auf dem Sims Dutzende von Glückwunschkarten der Kinder und Enkel zum Vatertag aufgereiht sind, und dämmert vor sich hin. Zwischendurch hustet er in das Spucktuch, das auf der Armlehne liegt. Die vielen Medikamente machen ihn fertig. 23 verschiedene Kapseln und Tabletten muss er täglich einnehmen, damit Leber, Nieren und Lunge irgendwie durchhalten. Außerdem ist er schwer zuckerkrank. Die kaputten Organe sind wohl die Quittung eines in jungen Jahren substanzzehrenden Lebenswandels. Alkohol, Zigaretten, fettiges Essen – von allem viel zu viel. Früher hatte Graham eine gewisse Ähnlichkeit mit Elvis Presley, für den Sue bis heute schwärmt. Geblieben sind nur die Koteletten.

„Moment noch, ich komme gleich!“, ruft Sue aus der Küche, wo sie gerade die schwere Kasserolle mit dem Schweinebraten in den Ofen geschoben hat. Sie will erklären, was es auf sich hat mit den Kindern und ihren Jobs. Aber erst mal muss sie sich um das Abendessen kümmern, Erbsen- und Möhrengemüse, Braten, Soße und Kartoffelbrei, alles in riesigen Töpfen und Pfannen. Dale kommt zum Essen, John mit seiner Frau und vermutlich Aime mit den beiden Kindern. Vielleicht auch noch Philip. Nachmittags geht es in dem kleinen Haus in der Alders Road zu wie in einem Taubenschlag – erst recht, wenn Sue Schweinebraten angekündigt hat.

Dann tritt sie ins Wohnzimmer. Ihr Mann hat den Blick auf den großen Flachbild-Fernseher gerichtet, wo ein blondes Mädchen erklärt, dass es unbedingt berühmt werden will. „Also, du willst wissen, wie viele von unseren Kindern arbeiten?“

Sie will gerade anfangen aufzuzählen, angefangen bei Mark, mit 45 Jahren der Älteste. Da kommt Dale rein, Marks drei Jahre jüngerer Bruder. Dale hat nicht viel Zeit, aber Hunger. Er verschwindet geradewegs in die Küche, gefolgt von Sue.

Kurz darauf kommt Dale mit voll beladenem Teller wieder ins Wohnzimmer. Er isst im Stehen und sieht dabei aufs Fernsehen, wo die Moderatorin dem Mädchen gerade erklärt, dass es völlig untalentiert ist und nie berühmt werden wird.

„Sag mal, Dale, was arbeitest du denn?“
Dale: „Och, ich arbeite für mich.“
„Selbstständig?“
Dale: „Ja, kann man so sagen.“
„Und welche Arbeiten?“
Dale: „Alles Mögliche. Ich bin halt so’n Hansdampf in allen Gassen.“

Sue Loose steht hinter ihm, verdreht die Augen, fragt, ob er noch eine Scheibe Braten möchte. Das Mädchen im Fernsehen weint und sagt, dass sie trotzdem fest entschlossen ist, berühmt zu werden.

In dem kleinen Reihenhaus in Alders Road 1 wohnen Graham und Sue Loose, außerdem noch zwei Schäferhunde und zwei kleine Terrier. „Sieh dir diese Prachtfrau an“, pflegte der Familienvater früher jedem Besucher entgegenzudröhnen, „elf Kinder gekriegt – und keinmal genäht worden!“ Sue war 16, als sie das erste Mal schwanger wurde. Sie hat alle Kinder fast allein großgezogen. Ihr Mann war ja als Lastwagenfahrer immer unterwegs – durch ganz Europa und bis in den Orient. Zwischendurch kam er nach Hause, sorgte für Nachwuchs und war wieder weg, Wochen, manchmal Monate. Er war nie zur Stelle, wenn etwas schieflief in der Schule oder die Jungs Ärger hatten, was häufig vorkam. Auch nicht, als Dale und Dean als Babys eine Hirnhautentzündung bekamen und fast gestorben wären. Erst seit er sich vor 20 Jahren bei einem schweren Unfall einen Halswirbel brach und arbeitsunfähig wurde, ist Graham Loose regelmäßig zu Hause.

Dem Viertel treu geblieben: Mark Loose, 45, Fernfahrer mit seinem Sohn
Aime Loose, 30, Altenpflegehelferin, zurzeit Hausfrau mit ihren Kindern

Benchills Abstieg 

Er zog 1961 nach Benchill, da war er 19. Sue Loose ist dort geboren. Für die Arbeiterfamilien aus den Innenstadt-Slums von Manchester hatte die Stadt in den Dreißigerjahren in Benchill eine Gartensiedlung aufs Ackerland gesetzt, kleine Häuschen, draußen im Grünen, mit Bad, Kinderzimmer, Zentralheizung und kleinen Gärtchen, vorbildlich alles. „Benchill, das war für uns der Garten Eden“, erinnert sich Graham an seine ersten Jahre in der Siedlung. Die Nachbarn waren alles rechtschaffene Leute, Arbeiterklasse; alle Männer hatten Jobs.

Der Ende der Siebzigerjahre einsetzende Niedergang der Industrie traf die Arbeiterstadt Manchester mit voller Wucht. Immer weniger Busse fuhren jetzt morgens zu den Fabriken im Industriegebiet Trafford Park, wo viele Männer aus Benchill arbeiteten. Manche blieben jetzt den ganzen Tag zu Hause, statt zu arbeiten, und tranken schon morgens um zehn Bier. Graham und Sue Loose wurden Zeugen des steten Verfalls ihres kleinen Paradieses. Jedes Mal, wenn er von einer längeren Lkw-Tour zurückkehrte, kam ihm die Siedlung verändert vor. Immer mehr anständige Leute aus der Nachbarschaft zogen weg; für sie kamen neue Mieter, die den Müll hinter dem Haus vergammeln ließen und sich nicht mehr um die Gärtchen kümmerten.

Solange es Arbeit gab, hatte sie den Tagesablauf geprägt, für auskömmlichen Lohn gesorgt, jedem und allem seinen Platz und seine Zeit zugewiesen. Die Fabrikarbeit war der Kitt der Sozialbeziehungen. Mit ihrem Verschwinden ging die proletarische Fabrikkultur unter. Es gab nichts, das an ihre Stelle trat. Spätestens Mitte der Neunziger war Benchill zum Slum verkommen. Als 2008 die Rezession über Großbritannien hereinbrach, spürte man in Benchill nicht viel davon. Es konnte ja kaum noch schlimmer werden.

Auf die Wirtschaftskrise folgte ein langer, bis heute ungebrochener Aufschwung. Die konservative Regierung preist das „britische Jobwunder“: Rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze sind seit 2010 neu entstanden, die Arbeitslosenquote sank von 8,1 auf 5,7 Prozent. Die Zahl der Bezieher von Arbeitslosenunterstützung ist auf dem niedrigsten Stand seit 35 Jahren.

Was ist davon in Benchill angekommen? Konnten die staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme und Sozialreformen, die eine ganze Generation junger Erwerbsloser aus ihren Betten „zurück zu nützlicher Arbeit führen“ sollte, wie der damalige Premier Tony Blair es Ende der Neunziger formuliert hatte, halten, was sie versprochen hatten?

Statistisch gesehen, hat auch Benchill vom längsten Wirtschaftsboom nach dem Krieg profitiert. Auch hier sank die Arbeitslosenrate deutlich, liegt aber drei Prozentpunkte über dem Landesschnitt. Allein am nur vier Kilometer entfernten Flughafen entstanden in den vergangenen Jahren Tausende neuer Jobs.

Die elf Kinder von Graham und Sue Loose sind zwischen 30 und 45 Jahre alt, sollten also mitten im Erwerbsleben stehen. Sie wurden geboren in jener Zeit, als die Fabriken dichtmachten, in denen viele Väter aus Benchill gearbeitet hatten. Was also wird aus den Nachkommen einer Familie aus der Arbeiterklasse, deren ökonomisches Fundament zwischenzeitlich eingestürzt war? Gibt es für sie überhaupt Jobs? Oder schlagen sie sich auf andere Weise durch? In Benchill gibt es eine Menge junger Leute mit fetten Autos, die jeden Tag sehr spät aufstehen.

Gehen schon länger keiner geregelten Arbeit mehr nach: Carl Loose, 43, mit seinem Sohn ...
... und Kraig Loose, 39

Jobs statt Arbeit

Mark, der älteste Sohn, kommt ins Wohnzimmer und klatscht die Lokalzeitung »Manchester Evening News« auf den Tisch. Manchester zählt weltweit zu den absoluten Job-Hotspots, steht darin. Forscher haben ausgerechnet, dass in der einstigen Metropole der Textilindustrie in den nächsten fünf Jahren mehr Jobs entstehen werden als in Tokio, Paris und Berlin. „So ein Blödsinn“, sagt er. „Lies hier, was für Leute da gesucht werden!“ Von „hochwertigen Dienstleistungen“ ist da die Rede, vor allem in den Branchen Finanzen, Recht, Unternehmensberatung und Werbung. Für Benchill, wo nach den Statistiken des Arbeitsamtes überproportional viele „elementare Tätigkeiten“ ausgeübt werden, dürfte da nicht viel abfallen. Gut, von Marks drei erwachsenen Söhnen hat momentan nur der mittlere keinen Job. „Es gibt schon Arbeit“, sagt er, „auch für Leute, die hauptsächlich hart anpacken können, aber du siehst ja da im Fernsehen, was gerade passiert.“ Er zeigt auf den Bildschirm, wo die Nachrichten zeigen, wie Flüchtlinge in der französischen Hafenstadt Calais von Brücken auf fahrende Lastwagen springen, die durch den Eurotunnel nach Dover fahren.

„Das ist das Problem“, sagt Mark Loose. „Zu viele Einwanderer. Die nehmen uns die Jobs weg.“
„Aber die machen doch die Arbeit, für die sich die Engländer zu schade sind“, entgegnet sein Bruder Philip, der gerade reingekommen ist.
„Ja, ja, stimmt auch wieder“, grummelt Mark. „Wir Engländer müssten mal den Hintern hochkriegen und die Jobs machen. Gibt einfach zu viele faule Säcke.“
„Weißt du was, Mark“, pflichtet Philip bei, „ich arbeite ja viel mit Einwanderern zusammen. Und ich muss sagen: Die packen richtig an. Nicht wie die Engländer, die nur rumstehen und einen Lohn fürs Nichtstun haben wollen.“ Schweigen.

Mark Loose musste niemand zu „nützlicher Arbeit“ aus dem Bett treiben. Er ist Fernfahrer wie sein Vater, seit mehr als 20 Jahren schon. Nicht einen Tag war er arbeitslos. Anfangs, als er noch für eine Fernumzugs-Spedition fuhr, war er so lange unterwegs wie einst Graham, manchmal zwei, drei, fünf Wochen am Stück. Seit dem Wechsel zu einer Luftfrachtfirma am Flughafen von Manchester ist er meist am Abend wieder zu Hause, hat mehr Zeit für die Familie. Grahams Kinder erkannten ihren Vater manchmal gar nicht mehr, wenn er nach Monaten zu Hause auftauchte. Wenn er dann da war, trank er viel und suchte Streit mit seiner Frau. Auch Möbel sollen zu Bruch gegangen sein.

Marks Lohn beträgt 8,31 Pfund die Stunde, knapp zwei Pfund über dem gesetzlichen Mindestlohn. Seine Frau arbeitet als Küchenhilfe im Krankenhaus; mit beiden Löhnen und dem, was die beiden Jungs von ihrem Salär zu Hause abgeben, „kriegen wir es gerade so eben hin“. Philip Loose verdient als Aufseher in einer Spielhalle ein Pfund weniger pro Stunde, aber er muss als Single auch keine Familie ernähren. Bevor er die Stelle in der Spielhalle antrat, war er kurzzeitig arbeitslos, zuvor hat er Klos geschrubbt und alle möglichen Jobs gehabt, Hilfsarbeiten halt, wie sie sich im Arbeitsamt an der Wandtafel mit der Aufschrift „Latest Vacancies“ finden: Tankwart. Reinigungskraft. Hilfskraft für Autowaschanlage. Wachmann, angenehme Erscheinung, Uniform wird gestellt. Tresenkraft für Airport-Café, fünf Schichten rotierend, letzte Schicht bis drei Uhr morgens.

Etliche Angebote sind sogenannte Null-Stunden-Jobs, ein Resultat der Liberalisierung des britischen Arbeitsmarktes. Die Arbeitszeit richtet sich ausschließlich nach dem Bedarf des Arbeitgebers und variiert ständig. Marks Jüngster hatte bis vor Kurzem eine solche Stelle. „Mal hatte der Boss 20 Stunden in der Woche etwas für ihn zu tun, mal 50. Mal brachte er 100 Pfund nach Hause, mal 150 und dann wieder nur 80.“ Schon 700.000 Briten arbeiten so.

Das sind nicht die anständig bezahlten Jobs, von denen mancher vielleicht gehofft hatte, der Aufschwung würde sie bringen. Nach mehreren Rezessionen und Aufschwüngen gibt es zwar statistisch fast wieder genug Jobs für alle, die einen wollen, aber das neue Gleichgewicht hat sich – zumindest für die Mehrheit der Menschen aus Benchill – auf einer Stufe weiter unten auf der sozialen Leiter eingestellt. Um die überwiegend eintönigen und schlecht bezahlten Servicejobs konkurrieren sie jetzt mit Schulabgängern und Einwanderern.

Im Zuge der dritten und jetzt der vierten industriellen Revolution wurden die Nachkommen der einstigen Fabrikarbeiter zu Heloten der Dienstleistungsgesellschaft degradiert. Den sozialen Status ihrer Väter können die meisten von ihnen nicht mehr erreichen. Was ihnen bleibt, sind die Techniken des Durchwurstelns. Regelmäßiges Abendessen bei Sue, wo der Kühlschrank und zwei Tiefkühltruhen bis oben voll sind, spart Geld für Lebensmitteleinkäufe. Und wer so wie Mark Loose gleich nach Weihnachten anfängt, für das Fest im nächsten Jahr etwas zurückzulegen, muss keine Geschenke auf Pump kaufen.

Das vermeintliche Arbeitsplatzwunder von Benchill steht auf bröckeligem Fundament. Noch suchen die Lebensmittelketten hier und da Kassierer für ihre Filialen. Aber der nahe gelegene große Tesco-Markt, wo Graham und Sue Loose manchmal einkaufen, wurde bereits komplett auf automatische Kassensysteme umgestellt. Die Kunden scannen ihre Einkäufe selbst. Es gibt nur noch einen einzigen Mitarbeiter, der einspringt, wenn einer der Automaten streikt oder ein Kunde nicht klarkommt. Wieder eine Option weniger. Heute gibt es in Großbritannien 750.000 Supermarkt-Kassierer. Wie viele werden es in zehn Jahren noch sein?

Sie hat noch Träume: Aime Looses Tochter Macie, 7, will Paläontologin werden
Alan Loose, 31, ist arbeitsunfähig

Vier von elf sind invalide 

Etliche Jobs auf der Latest Vacancies-Tafel sind vom Aussterben bedroht. Nachdem der Strukturwandel und die technische Entwicklung zuerst die Fabrikjobs weitgehend eliminiert hatten, steht nun der große Automatisierungsschub in den Dienstleistungen bevor. Ökonomen prognostizieren, dass mehr als 90 Prozent der Paketzusteller, Lagerarbeiter und Gastronomiekräfte in den nächsten 10 bis 15 Jahren durch mobile Roboter, Drohnen und vernetzte intelligente Systeme ersetzt werden. Besonders eintönige, leicht erlernbare Tätigkeiten dürften der Automatisierung zum Opfer fallen. Selbst niedrigste Löhne bieten für diese Jobs keinen Rationalisierungsschutz mehr. Und die kürzlich beschlossene Erhöhung des Mindestlohns von 6,50 Pfund auf 9 Pfund bis zum Jahr 2020, über die sich die britischen Niedriglöhner freuen, dürfte den Wandel noch beschleunigen.

Philip Loose verschwindet in die Küche, um abzuwaschen. Sue hat nun Zeit, die anderen Kinder und ihre Jobs durchzugehen.

Paul, der zuerst als Anstreicher und dann als Dachdecker gearbeitet hat, hat es am Rücken und sieht nur auf einem Auge, seit er sich vor Jahren mit einem Schraubenzieher verletzt hat. Carl war Automechaniker, bis ihm mit Mitte 20 ein Tumor entfernt werden musste. Dean arbeitet momentan nachts als Wachmann am College. Kraig hat wie Paul mal als Dachdecker gearbeitet, aber das ist schon länger her. Er kocht und macht sauber, während seine Frau arbeiten geht. Emma hat ein bisschen hinterm Bartresen ausgeholfen, dann vier Kinder gekriegt und ist jetzt Hausfrau. Aus ihren Vorsätzen, auf jeden Fall wieder arbeiten zu wollen, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, ist nichts geworden. John und Alan sind wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung beide arbeitsunfähig. Auch John verlor vor ein paar Jahren ein Auge, nach einem Streit unter Brüdern. Damit sind vier von elf Kindern invalide. Wenigstens ist die Arbeitsunfähigkeitsrente etwas großzügiger bemessen als das normale Arbeitslosengeld.

Nicht eines der Kinder ist jemals für einen Job aus Manchester weggezogen. „Meine Familie ist doch hier“, sagt Mark Loose. „Das sehe ich gar nicht ein, nur für einen Job den Ort zu verlassen, wo ich geboren und aufgewachsen bin.“ Auch auf der Suche nach Ehe- und Lebenspartnern hat man sich nicht weit umgeschaut. Die Söhne und Töchter von Graham und Sue haben sich Männer und Frauen aus Benchill gesucht. Das Milieu, man könnte auch sagen, das System Benchill reproduziert sich selbst.

Und Aime, das Nesthäkchen? Beim ersten Besuch in der Alders Road war sie 16 und gerade mit der Schule fertig. Sie pflegte gegen Mittag aufzustehen. „Was will sie eigentlich machen, Sue?“, rief Graham damals auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen seiner Frau zu. „Weiß sie nicht.“ – „Sie hat’s mal mit Frisörin versucht, aber ich glaube, das war nichts.“ Aime erweckte nicht den Eindruck, als kümmere sie sich um ihre berufliche Zukunft. Jetzt kommt sie mit ihren Kindern, sieben und fünf Jahre alt, durch die Gartentür.

Mit 17 habe sie angefangen zu arbeiten, sagt die mittlerweile 30-Jährige, meistens Vollzeit, zuletzt als Pflegehelferin im Altenheim – bis vor sieben Jahren Macie auf die Welt kam. Wie ihr Bruder Carl arbeitet sie zweimal die Woche ehrenamtlich im Gartenarbeitsclub, den Sue leitet. Die Mieter aus der Siedlung können dort Rasenmäher, Trimmer und Werkzeug ausleihen. Aime sagt, sie wolle „so schnell wie möglich“ zurück in den Job. Allerdings hat man den Eindruck, dass damit durchaus ein etwas längerer Zeitraum gemeint sein könnte.

Die Bilanz: Drei von elf Söhnen und Töchtern sind in Lohn und Brot, vielleicht auch vier. Bei Dale weiß man nicht so genau, was es mit seiner Selbstständigkeit auf sich hat. Keiner von ihnen mag seinen Job besonders. „Das Arbeitsamt hat mich gezwungen, zu dem Vorstellungsgespräch zu gehen. Mir blieb keine andere Wahl“, sagt Philip. Nichts von dem, was ein erfülltes Leben ausmacht – Sinn, Spaß, Verantwortung – findet sich in den Jobs für die Heloten von Benchill. Dass niemand gern Klo putzt, bedarf keiner Erklärung. Aber auch der Spielhallen-Job, bequem zu Fuß von daheim erreichbar, ist für Philip nur schwer zu ertragen. „Ich garantiere dir, 90 Prozent unserer Kunden beziehen Stütze. Die stecken 100, 200 Pfund in die Maschine, es ist der Wahnsinn. Aber wenn ich was sagen oder die Leute aus der Halle werfen würde, die da ihre Sozialhilfe verdaddeln, würde mein Boss mich sofort feuern.“

Früher Fernfahrer, heute schwer krank: Sues Ehemann Graham Loose, 74

Vielleicht versteht man manches, was in Grahams und Sues Wohnzimmer über Arbeit geredet wird, besser, wenn man der genauen Bedeutung des Wortes „Job“ auf den Grund geht. Das mittelenglische „gobbe“ bedeutet „Mundvoll, Klumpen, Kloß“. Andere Sprachforscher verweisen auf die im 16. Jahrhundert nachgewiesene Phrase „jobbe of worke“ – ein wenig Arbeit im Gegensatz zu dauerhafter Arbeit. Wer einen Job hatte, sorgte dafür, dass alle satt wurden. Ein Job ist kurzfristig, nichts, wozu man sich berufen fühlt, sondern etwas, das man macht, weil es gerade nicht Besseres im Angebot gibt. Man sucht Jobs, findet Jobs, verliert Jobs. An der Bedeutung des Wortes hat sich über die Jahrhunderte nichts geändert. „Wir arbeiten, um einigermaßen über die Runden zu kommen“ – ein Satz, den man in Benchill häufig hört.

„Ein Job vermittelt Würde“, predigte jüngst die Arbeitsministerin Priti Patel, „er bringt den Stolz auf ein festes Einkommen mit sich und die Zufriedenheit, zum Wohl der eigenen Familie beizutragen.“ Diesem Glaubensbekenntnis, dass Arbeit, wie sinnentleert und schlecht bezahlt auch immer, zu einem würdigen Leben irgendwie dazugehört, hängen nur wenige in der Familie Loose an. Einzig Mark und Aime würden das ministeriale Credo wohl ohne zu zögern unterschreiben. „Es geht doch darum, den Kindern ein Vorbild zu sein“, sagt Aime. „Ihnen zu zeigen, dass es nichts umsonst gibt im Leben.“ Margaret Thatcher hätte das nicht treffender formulieren können. Für Mark ist der Gedanke, sich auch nur vorübergehend mit Sozialhilfe bequem einzurichten, völlig abwegig. „Da würde ich verrückt“, sagt er bestimmt. „Ohne Arbeit verschwimmt der Tag, der ist dann irgendwie weg, zerfließt dir zwischen den Händen. Lieber würde ich Klos putzen wie Philip, als ohne Job rumzuhängen.“

„Auch wenn es fürs Nichtstun das gleiche Geld gäbe? Oder sogar mehr?“
„Auch dann. Ich muss einfach arbeiten.“

Andere Söhne und Töchter bevorzugen eine Alternative zur Erwerbsarbeit. Ob die vier Frühinvaliden tatsächlich für gar keinen Job mehr in Betracht kommen? Sie würden ja gern arbeiten, aber keiner nimmt sie, heißt es. Kraig allerdings, so Sue, sei schlicht „einer von den faulen Säcken“. Und wie sie die Augenbrauen hochzieht, als sie über Emmas Rückenschmerzen redet, die sie angeblich davon abhalten, sich Arbeit zu suchen, sagt alles. Sue, der Feldwebel der Familie, hat stets versucht, ihren Kindern den Müßiggang auszutreiben. Oft, sehr oft hörte man auf der Treppe zu den Schlafzimmern ihr Kommando: „Beweg deinen Arsch aus dem Bett, du faules Stück!“

So wie viele aus ihrer Generation in Benchill nutzen jene von den Loose-Kindern, die nicht so sehr auf Erwerbsarbeit setzen, die Möglichkeiten, die der Mikro-Sozialkosmos der Siedlung ihnen bietet. Sie haben eine Entscheidung getroffen: Unbefris-tete, ordentlich bezahlte Vollzeitstellen kriegen sie nicht. In den schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs, die man für sie bereithält, lohnt es sich nicht zu arbeiten, weil die Sozialhilfe schon ohne einen Nebenerwerb fast genauso viel einbringt.

Sie verhalten sich vernünftig – mögen ihre Beweggründe der Gesellschaft noch so sehr missfallen. Ökonomen haben den wunderbaren Begriff vom „Grenzleid der Arbeit“ geprägt. Arbeit ist in den meisten Fällen nicht ein Quell der Freude, sondern mit Mühsal verbunden, ein notwendiges Übel. Sie konkurriert mit anderen Möglichkeiten, das gleiche Ziel zu erreichen: Sozialamt, ein bisschen Schwarzarbeit, krumme Geschäfte. Man muss kein Zyniker sein, um zu diesem Schluss zu kommen.

Einst Modellviertel für Fabrikarbeiter, heute ein Ort für Absteiger: Benchill
Sinn für die Familie: Impression aus dem Hause Loose in der Alders Road, Manchester

Es wird nicht leichter 

Solche Lebensmodelle jenseits der Erwerbsarbeit hat die konservative Regierung jetzt weiter erschwert. Die Wohnungsbeihilfen wurden für die nächsten vier Jahre eingefroren, Menschen unter 21 erhalten diese Unterstützung gar nicht mehr. Zudem wird das Volumen aller Sozialtransfers, die ein Haushalt beziehen kann, künftig bei 20 000 statt wie bisher bei 26 000 Pfund gedeckelt. Beim Arbeitsamt fährt man ohnehin eine harte Linie. Aimes Lebenspartner Craig hatte voriges Jahr, als er eine Zeit lang ohne Job war, mehrere Gesprächstermine bei seinem Berater versäumt. Daraufhin wurden ihm für sechs Monate sämtliche Zahlungen gestrichen.
Die Familie schlug sich mit monatlich 120 Pfund Härtefallhilfe und Sues Zuwendungen durch.

Dale schafft es mit seiner „Selbstständigkeit“ zumindest, dem Zugriff des Arbeitsamts, diesen lästigen Gesprächen und Sanktionsdrohungen, zu entgehen. Grahams Satz „They’re all working!“ bekommt bei näherer Betrachtung eine andere Bedeutung. So falsch ist er gar nicht – jedenfalls wenn man Arbeit nicht als Erwerbsarbeit definiert, sondern als jedwede Form eines zielgerichteten Tätigseins jenseits von Fernsehen und Dosenbier. Man hat zu tun, kümmert sich, bleibt wach, ist in Bewegung.

Graham und Sue Loose haben etwa um die 40 Enkel, Sue verliert beim Durchzählen etwas den Überblick. Einige sind schon im arbeitsfähigen Alter. Zwei „Jailbirds“ sind wohl dabei, sagt Sue, „mal rein in den Knast, dann wieder raus“. Einer von Marks Söhnen arbeitet jetzt an der Hotelrezeption. Einige mühen sich gerade mit dem Übergang von der Schule ins Arbeitsleben, andere sind arbeitslos. Nicht alle scheinen es eilig zu haben, einen Job zu finden. Wieder reproduziert sich das System Benchill.

Die hochfliegendsten Pläne hat Macie, Aimes siebenjährige Tochter. Sie will Paläontologin werden – ein Beruf, von dessen Existenz der eine oder andere ihrer Onkel vermutlich noch nie gehört hat. Sie kennt Dutzende von Dinosauriern, Fleischfresser und Pflanzenfresser, flinke und behäbige, intelligente und dumme. Sie weiß, wann sie lebten und warum sie ausstarben. Aus der Schule bringt sie nur beste Noten mit nach Hause. Was wird wohl aus ihr? An wem wird sie sich orientieren, wenn in ein paar Jahren der eine oder andere Klassenkamerad, der immer das neueste Smartphone besitzt, nicht zum Unterricht erscheint, weil er andere Dinge zu erledigen hat? Vielleicht wird sie Benchill völlig hinter sich lassen müssen, um weiterzukommen.

Graham Loose ist aus dem Halbschlaf aufgewacht. „Hab’ immer gearbeitet“, murmelt er, „nicht einen Tag blaugemacht.“ Sue, die ihn in seinen wüsten Jahren klaglos ertragen, elf Kinder allein großgezogen und versucht hat, ihnen einen geradlinigen Weg ins Leben zu zeigen, die sich immer noch täglich für die Menschen in der Siedlung abrackert, macht sich auf den Weg in die Küche, um ihm sein Essen zu bringen.

Sie wäre jetzt endlich mal an der Reihe, umsorgt zu werden. Aber nun ist sie die Pflegekraft ihres siechenden Mannes. „Sue, bring mir dies“, „Sue, ich bräuchte noch das.“ Auf halbem Weg in die Küche hält sie inne, als ob sie etwas Wichtiges vergessen hätte. Dann geht sie zurück und räumt wortlos die Glückwunschkarten zum Vatertag vom Sims über dem elektrischen Kamin. In der Küche hört man kurz darauf den Mülleimerdeckel zuschnappen. ---

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