Ausgabe 09/2015 - Schwerpunkt Pragmatismus

Gunter Pauli Blue Economy

Der fabelhafte Herr Pauli

• 100 Innovationen. 100.000.000 Jobs. Das alles in zehn Jahren. So sah der Plan der Blue Economy aus. Im Jahr 2010 postulierte Markus Haastert nach eigener Aussage mit Gunter Pauli diese nicht eben bescheidenen Ziele für eine neue Art Wirtschaft, die keine Abfälle mehr kennt, sondern nur immer neue Ausgangsstoffe für weitere Produkte. Die die Umwelt rettet und die Armut besiegt. Was von den vielen Projekten nur Schein und was Wirklichkeit war, konnten die Visionäre am Ende beide nicht mehr sagen. Im Gegensatz zu Haastert scheint das Pauli nicht gestört zu haben. So gesehen, war ihr Streit wohl programmiert.

Berlin, Treskowallee. Das Büro von Haastert befindet sich in einem zweistöckigen Haus. Auf einem Schild ist zu lesen: Blue Economy Solutions. In den Räumen stehen abgerockte Möbel. Haasterts Zustand könnte man ähnlich beschreiben. Er habe gerade wieder vor Gericht gegen Verleumdungen aus dem Umfeld seines einstigen Partners Gunter Pauli vorgehen müssen. Er sagt, er habe keine Kraft mehr für diesen Irrsinn, der längst seine wirtschaftliche Existenz bedrohe. Er fragt sich, wie alles überhaupt so weit kommen konnte.

Gunter Pauli sagt von sich, er sei die Blue Economy. Und stellt sich gern als Gründer und Besitzer des Unternehmens Ecover und knapp einem Dutzend weiterer Firmen vor, als Initiator von mehr als 180 Projekten weltweit, als Märchenbuchautor und Professor. Den akademischen Titel verwendet er gern bei Gerichtsverhandlungen, die ihn häufig in Anspruch nehmen. Er erklärt auf Anfrage von brand eins, dass er diesen Titel aufgrund eines von der Universität im ungarischen Pécs verliehenen Ehrendoktors trägt, der laut Statuten mit dem lebenslangen Titel Professor einhergehe. Der Sprecher der Universität widerspricht dieser Interpretation aber ausdrücklich und bestätigt nur den Titel Doktor honoris causa.

Pauli setzt auf die Fantasie, weniger auf Fakten. Ein Visionär alter Schule, der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Menschen in aller Welt mit immer neuen Ideen begeistert. Ob und wie sich diese umsetzen lassen, interessiert ihn offenkundig weniger.

Der Autor dieses Textes führte Anfang des Jahres ein Interview für brand eins mit Pauli (01 /2015, „Weniger beibringen, mehr inspirieren“ ). Er sprach unter anderem von der Speisepilzzucht auf Kaffeesatzabfällen und bis zu 6000 Mini-Bäckereien in Südafrika zur Bekämpfung der Armut. Vieles davon scheint übertrieben. Unser Korrespondent in Südafrika jedenfalls hat von den Mini-Bäckereien noch nie etwas gehört. Haastert sagt, die Zahl 6000 sei übertrieben. Er wisse nur von einer Bäckerei.

Auch Haastert kamen Paulis Storys nach einer Weile der Zusammenarbeit sonderbar vor, nur mochte er die Zweifel zunächst nicht wahrhaben. „Wir wollten doch die Welt erobern. Wir waren überall, beim Club of Rome, bei den Vereinten Nationen, sogar bei der Königsfamilie von Bhutan.“

Heute ist Haastert zufrieden, wenn er um die Ecke in Treptow etwas hinkriegt. Ohne Pauli. Er hat mit anderen Mitstreitern die Blue Economy Solutions GmbH gegründet, unterstützt zum Beispiel ein studentische Firma, die einen Prototyp entwickelte, um auf den Dächern Berlins Fischzucht und Landwirtschaft zu kombinieren. Jüngst gewannen die urbanen Nahrungsmittelproduzenten von Topfarmers den zweiten Preis beim studentischen Start-up-Wettbewerb Generation-D.

Haastert hält auch Anteile an der Firma. Er kann endlich etwas Reales vorzeigen. Es scheint aber, als falle es Pauli schwer, neben seiner Vision eine Realität derselben zu akzeptieren, schon gar, wenn es um seinen einstigen Mitstreiter geht. Die beiden verbindet heute ein inniger Zwist, der immer mehr zur Posse wird. So besuchte auch Pauli in diesem Jahr die Topfarmers, zusammen mit einem befreundeten Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums. Unter einem Vorwand verschafften sie sich Zutritt zum Firmengelände. Sie fotografierten die Anlagen, später macht der Ministeriumsmitarbeiter beim Ordnungsamt auf angebliche Missstände im Betrieb aufmerksam. Haastert erwirkte daraufhin mehrere einstweilige Verfügungen gegen diese Anschuldigungen.

Tatsächlich geht es um mehr als den bizarren Zwist einstiger Partner. Es geht um die Frage, wie man neue Ideen am besten in die Welt setzt: mit großen Versprechungen oder mit kleinen Taten? Schauen wir uns ein paar Projekte der Blue Economy genauer an. Es gibt ja reichlich davon.

Eine Schlüsselgeschichte und viele Luftschlösser

Die Ernüchterung setzte bei Markus Haastert langsam ein. „Nach jeder Rede, die Pauli irgendwo in der Welt hielt, meldeten sich bei uns Leute, die mitmachen wollten.“ Er versuchte, die Dinge anzubahnen, doch meist seien Paulis Versprechungen nicht zu halten gewesen. Oft habe er das erst realisiert, als schon einige Zehntausend Euro investiert worden waren.

Pauli zieht weiter von Vortrag zu Vortrag um die Welt, Haastert irgendwann von Kaffeebar zu Kaffeebar, um bei Starbucks und Co. den Kaffeesatz einzusammeln, um darauf getreu der Idee von Pauli Speisepilze zu züchten. Im Herbst 2010 wird in Berlin die Firma Chido UG gegründet. Haastert und seine Partner von Blue Economy Solutions sind Mentoren. Neben der Produktion wird ein Netz privater Züchter aufgebaut, die daheim nach der Chido-Methode auf Kaffeeresten Pilze anbauen und so die zu vermarktende Menge steigern.

Die Pilze sind Gunter Paulis Schlüsselgeschichte. Die passt in jedes Land. Mehrere Millionen Arbeitsplätze verspricht er seit Jahren. Er verkauft diese Idee über eine zu Herzen gehende Story einer jungen Frau aus Simbabwe, die er seine Adoptivtochter nennt. Sie soll sich in ihrer Heimat mit dem Anbau von Pilzen auf Bioabfällen aus dem Elend befreit haben.

Die Geschäftsführung von Chido bot der Afrikanerin eigenen Angaben zufolge an, im Gegenzug für die Unterstützung beim Aufbau der Berliner Firma 20 Prozent der Anteile zu erhalten. Für alle von ihr durchgeführten Workshops soll sie zudem einen Tagessatz von 500 Dollar plus Spesen erhalten haben.

Es zeigte sich allerdings, dass die Frau über keine Erfahrungen in der kommerziellen Pilzproduktion auf Kaffeesatz verfügte. Die Firma holte sich daher externe Fachleute mit ins Boot. Nach Unternehmensangaben wurden insgesamt 150 000 Euro investiert, um eine kommerziell sinnvolle Anbaumethode zu entwickeln. Heute produziert und vertreibt Chido europaweit mit Partnern Fertigzucht-Sets auf Basis von Kaffeesatz für private Kunden. Weihnachten 2014 war das Sortiment sogar ausverkauft. Ab Herbst dieses Jahres soll in Berlin die Frischpilzproduktion in Form eines Integrationsbetriebs wieder aufgenommen werden.

Kaum war aus einer Vision diese unternehmerische Realität geworden, zog Pauli sich zurück. Bis dahin beschreibt die Geschäftsführung den Umgang als freundschaftlich. Er habe bei Besuchen in Berlin privat bei den Mitarbeitern übernachtet, mit deren Kindern gespielt. Eine Praktikantin habe ihn nach dem ersten Treffen heiraten wollen.

Der aber verschickte plötzlich Brandbriefe, behauptete, die Frau aus Afrika sei ausgenutzt worden. Laut der Geschäfsführung gehen Anzeigen gegen die Firma bei den Ordnungsämtern ein. Das Unternehmen erwirkt eine einstweilige Verfügung gegen mehrere Behauptungen, verliert wegen der Streitereien aber einen Investor. Die Expansion muss gebremst werden. Das Verfahren in der Hauptsache läuft noch.

Was treibt Gunter Pauli? Haastert vermutet, dieser könne nicht akzeptieren, was von anderen komme. War es so? War Pauli es nicht gewohnt, Macht und Einfluss zu teilen, vielleicht sogar abzugeben? Pauli selbst sieht sich um sein geistiges Eigentum gebracht.

Der Visionär reist weiter zu seinen Vorträgen, gibt Seminare, in denen er zum Beispiel zu Unternehmensgründungen ohne Kapital ermuntert. Das Publikum applaudiert.

Ernst Ulrich von Weizsäcker erzählt, dass er bei Paulis Vorträgen schon stehende Ovationen erlebte. Der Co-Präsident des Club of Rome spricht über Pauli wie über einen guten Film. Er wirkt amüsiert. Er kennt Pauli seit vielen Jahren. Gerade habe der ihn wieder angerufen und mitgeteilt, dass er ihm eine Geschichte aus seinem neuen Märchenbuch widmet. Die Geschichte habe ihm nicht sonderlich gefallen, sagt von Weizsäcker. Meistens rufe Pauli an, wenn er mal wieder eine Idee habe und eine Tür geöffnet werden solle. Von Weizsäcker übernimmt das gern. Auf die Frage, ob er glaube, dass Pauli solche Fürsprache helfe, sagt von Weizsäcker: „Nein, der hat selbst so viel Energie, der schafft das auch allein.“ Das mag man altersmilde nennen, denn solche Empfehlungen sind mindestens ebenso wichtig wie die Idee und ihr Schöpfer.

Von Weizsäcker ist 76 Jahre alt, dem Club of Rome widmet er nicht mehr allzu viel Zeit. Hat er selbst mit Pauli Projekte realisiert? „Nein, das hat sich nicht ergeben.“ Er glaube allerdings schon, dass Pauli manchmal etwas übertreibe: „Wie soll er die vielen Projekte, von denen er immer erzählt, auch verwirklichen, wenn er permanent im Flieger sitzt, um wieder irgendwo eine Rede zu halten?“

Weizsäcker mag Pauli. Er nennt ihn einen Katalysator, der anderen Leuten hilft, voranzukommen. Seine Gegner in Berlin erleben Pauli freilich eher als Verhinderer. Überhaupt Berlin, da fällt von Weizsäcker noch etwas ein. Dass die Leute dort versuchten, Gunter Pauli die Marke Blue Economy wegzunehmen und das, was er doch als Open-Source-Gedanken entwickelt habe, nun zu kommerzialisieren, das habe Pauli eben doch verärgert. Von Weizsäcker ist da ganz auf dessen Seite.

 

Der Pilz, der auf Kaffeesatz gedeiht

Die Leute sehnen sich nach einem Helden 

Schein und Wirklichkeit sind in der Wirtschaft oft ein Geschwisterpaar. Im Jahr 1981 prägte Guy Tribble, heute Vize-Präsident für Software-Technologie von Apple, den Begriff des „Realitätsverzerrungsfeldes“. Er beschrieb dabei das Phänomen Steve Jobs, dem es gelang, mit einer Mischung aus Charme, Charisma, Draufgängertum, Übertreibung, Marketing und Durchhaltevermögen bei seinen Mitarbeitern, Kunden – ja auch bei sich selbst – das Gefühl für Proportionen, Chancen und Schwierigkeiten völlig auszuhebeln.

Bei Steve Jobs, dem Mitgründer von Apple, hat es funktioniert, bei anderen, beispielsweise Shai Agassis Weltverbesserungsprojekt „Better Place“ nicht. Der Journalist Max Chafkin zeigt in einer Fallstudie über Aufstieg und Fall von Better Place, dass, je wünschenswerter eine Entwicklung ist, desto größer auch die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. Der Versuch des Programmierers Shai Agassi, die Welt mit seinem Konzept grenzenloser Elektromobilität zu verbessern, folgte einer Idee, die ihn während des Weltwirtschaftsforums heimsuchte.

Diese Theorie kann man auf Gunter Pauli und die Blue Economy übertragen. Deren Urheber ist einer, der Menschen mitreißen kann, der mit einfachen Mitteln komplexe Probleme lösen möchte. Ein Tausendsassa, Alleskönner, jemand, auf den wir unsere Sehnsüchte projizieren.

So ging es anfänglich auch Haastert. Er ist gelernter Schlosser, Ergotherapeut, Tonstudiobesitzer und Informatik-Ausbilder. Auf einem ehemaligen Zechengelände in Ahlen, wo er seine Schlosserlehre absolviert hatte, betrieb er ein Medienhaus. Er kaufte seine alte Berufsschule, gründete eine Mittelstandsinitiative, damit die Zeche mit einst 3000 Arbeitsplätzen auch nach der Schließung ein Ort bleibt, an dem gearbeitet wird.

Das war der Plan. Nichts abreißen, sondern weiterentwickeln, so dachte sich Haastert das. Er überlegte, was die großen Themen der Zukunft sein könnten, und kam auf Nachhaltigkeit, ein Begriff der immer populärer wurde. Er traf Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, wollte hören, wohin die Reise geht, eine Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bauen. 2007 war die alte Zeche wieder zu 80 Prozent vermietet, im Jahr 2009 zu 100 Prozent.

Einer der Wissenschaftler erzählte ihm 2003 von einer Idee namens Upcycling. Er solle mal den Gunter Pauli treffen. Markus Haastert recherchierte und fand sein Thema. „Die emissionslose Ökonomie, das war es.“ Ein Ziel – das ahnte Haastert schon – unerreichbar, aber faszinierend. „Es hat sofort klick gemacht“, erinnert er sich heute an das erste persönliche Treffen mit Pauli im Jahr 2005. „Ich habe viel von ihm gelernt, er war mein Vorbild, mein Mentor.“

Haastert wurde 2006 in den Innovationskreis zum Thema Weiterbildung der damaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan nach Berlin berufen. 2009 ging sein Medienhaus in Ahlen insolvent, Haastert blieb in der Hauptstadt und im engeren Kontakt mit Pauli. Mit weiteren Mitstreitern war er Teil der Forschungsgruppe um „Nature’s 100 Best“, jene 100 Innovationen, die zunächst als Onlinekampagne und dann als Buch herausgebracht wurden. „Irgendwann mussten wir der Sache noch einen Namen geben“, erinnert sich Haastert. 2009 entstand der Begriff Blue Economy.

Gunter Pauli erwähnt auf der Homepage seiner sogenannten ZERI-Stiftung den Open-Source-Gedanken für alle seine Projekte, beendet aber den nächsten Satz mit dem Hinweis, der einzige Eigentümer des Copyrights von Blue Economy und anderem geistigen Eigentum in diesem Zusammenhang zu sein. Nach Auskunft des Deutschen Patent- und Markenamtes liegen die Rechte bei Markus Haasterts Blue Economy Solutions. Der kündigt an, die Marke in die Blue Economy Foundation überführen zu wollen. Die Stiftung soll über die Standards wachen, unter denen der Begriff zur Nutzung vergeben werden kann. „Dieses unabhängige und wissenschaftliche Kuratorium soll die Marke schützen, um eine Entwicklung wie beim Greenwashing zu vermeiden“, sagt Haastert.

Die Welt als Wille und Vorstellung 

Dass das Reich der Fakten und das des Gunter Pauli in einem Spannungsverhältnis stehen, davon weiß auch ein aufgebrachter Mann in Südfrankreich zu berichten. Herman Bogaerts ist wie Pauli Belgier und überhaupt nicht gut auf seinen Landsmann zu sprechen. Er ist der Meinung, dass Pauli ihm noch einige Millionen Euro schuldet. Gunter Pauli hat sich auf Anfrage zu diesem Detail nicht geäußert.

Mit den Vorwürfen befasst sich nach Auskunft von Bogaerts gerade ein belgisches Gericht. Was ihn wirklich wütend macht, ist eine Rede von Gunter Pauli aus dem Jahr 2009. Er sprach vor dem Club of Rome und stellte sich als Gründer und Besitzer der Firma Ecover vor. Aus voller Überzeugung und mit einem leichten Lächeln. Bogaerts kann es nicht fassen: „Ecover wurde schließlich von meinem Vater Frans gegründet.“ Er selbst kaufte ihm die Firma 1986 ab. Als einer der ersten Hersteller ökologischer Reinigungsmittel wuchs das Unternehmen schnell, zu schnell nach Auskunft von Bogaerts, der Anfang der Neunzigerjahre dringend einen Investor suchte, um die weitere Expansion finanzieren zu können. Und wer tauchte da plötzlich aus dem Nichts auf? Gunter Pauli.

Bogaerts sagt, sein erster Eindruck von Pauli sei „fabelhaft“ gewesen. „Ein unheimlich intelligenter und sehr einnehmender Mensch.“ Pauli habe ihm beim ersten Treffen eine weltweite Referenzliste präsentiert. Einige der dort Aufgeführten habe Bogaerts kontaktiert, überall habe man sich wohlwollend geäußert. Heute sagt er, dass es nie möglich gewesen sei, sich mit Pauli zu streiten. „Man konnte ihm auch nie böse sein, er wich allen Kontroversen aus, man kriegte ihn nie zu fassen.“

Doch ein Guter? 

Gunter Pauli, erinnert sich Bogaerts, stellte damals einen Kontakt zur schwedischen Group 4 (G 4) unter Jörgen Philip-Sörensen her, auch der ein Fan von Pauli. G 4 übernahm Anfang der Neunziger von Bogaerts 50 Prozent der Anteile an Ecover, an der Fabrik und den Markenrechten. Insgesamt zahlte G 4 dafür 200 Millionen Belgische Franken, heute circa fünf Millionen Euro. Die anderen 50 Prozent übernahm Gunter Pauli, der zudem von Sörensen auch gleich als Vorstandsvorsitzender eingesetzt wurde. Diese Position sollte er nur ein paar Monate innehaben. Die ökologische G 4-Fabrik wiederum, von der Pauli vor dem Club of Rome gesprochen hatte, die hatte Frans Bogaerts geplant, sein Sohn Herman Bogaerts vollendete den Bau. „Wie soll jemand“, fragt der erregt, „in wenigen Monaten eine ganze Fabrik bauen?“

Den Ausstieg nach so kurzer Zeit erklärt Gunter Pauli mit seiner ökologischen Überzeugung: Er habe die Geschäftspraktiken von Ecover, etwa den Einsatz von Palmöl, nicht mehr mittragen können. Danach, sagte er in dem Interview mit brand eins, habe er sein Schloss in Belgien verkauft und sei nach Japan gezogen. Bogaerts Version klingt eher nach Flucht. Er und Jörgen Philip-Sörensen verklagten Pauli, weil der seine Anteile an Ecover nicht bezahlt hatte. Das Schloss wollte Bogaerts beschlagnahmen – und musste feststellen, dass Philip-Sörensen schneller gewesen war.

Die G 4 stellte Strafanzeige wegen der nicht gezahlten Unternehmensanteile. Die Anklage wurde jüngst abgewiesen, so die Aussage Paulis. Der Fall war verjährt. Ob an den strafrechtlichen Vorwürfen tatsächlich etwas dran war, wird daher nicht mehr gerichtlich geklärt werden. Damit ist der Weg aber nun frei für Bogaerts’ Zivilklage, die er eigenen Angaben zufolge in der ersten Instanz bereits gewonnen hat. Er sagt: „Ich werde Gunter Pauli stoppen, er wird seine Lektion lernen.“ Er sagt aber auch, dass Pauli eine dieser seltsamen Personen sei, der man, stehe sie plötzlich vor einem, nicht böse sein könne. „Er wird irgendetwas erfinden, das alles erklärt.“

Wir konfrontieren Pauli mit diesen Vorgängen. Er schreibt eine lange E-Mail, beantwortet aber unsere Fragen nicht. Er bestätigt, Vorstandsvorsitzender von Ecover gewesen zu sein, auch Anteile besessen zu haben. Ob er diese bezahlt hat, verrät er nicht. Er verweist darauf, dass mit Ausnahme des derzeit laufenden Zivilverfahrens alle Klagen gegen ihn abgewiesen oder nicht zugelassen wurden.

Wer hat also recht? Nach Meinung von Michael Braungart ist das eine unwichtige Frage. „Es zählt vielmehr, wer etwas Richtiges macht, und nicht, wer meint, im Recht zu sein.“ Der Gründer der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg erlebte, wie der Star-Wissenschaftler Jeremy Rifkin – „Gegen den ist Pauli ein Waisenknabe“ – mit Konzepten, die auf seinen, Braungarts, Ideen beruhten ganze Bücher schrieb, nun sogar die Bundesregierung berät. Und Gunter Pauli habe sich eben auch bedient. „Aber das ist doch nicht das Problem, die Fragestellungen müssen doch raus in die Welt.“

Daher müsse man einem wie Pauli zunächst zehnmal danke sagen, bevor man ihn einmal kritisiere. Im imposanten Tempo kommt er dann gleich auf seine eigene Agenda, seine Themen. Man hört staunend zu, wie Braungart in einem Satz von Waschmaschinen zu Bremsbelegen, Schuhsohlen, Nobelpreisträgertreffen, chinesischen Toiletten und Meerschweinchen kommt. Will man seine Fragen loswerden, muss man den Redefluss unhöflich stören.

Braungart kennt Pauli seit mehr als 20 Jahren, er erinnert sich, wie er mit ihm bei der Ecover-Fabrik zusammengearbeitet hat. Aber war das wirklich Paulis Verdienst? „Das ist doch nicht die wichtigste Frage“, entgegnet Braungart. „Pauli hat dafür gesorgt, dass Ecover damit auf CNN war. Das war eine große Leistung.“ Er ist der Ansicht, dass es mehr als genug Ideen und Konzepte gibt. Es gehe darum, sie bekannt zu machen und umzusetzen. Und da sei Gunter Pauli einer der Treiber.

Braungart arbeitet seit den Achtzigerjahren an der Weltverbesserung. Er propagiert keine Kreislaufwirtschaft wie die Blue Economy, sondern Verschwendung und Überfluss. Zum Beispiel mit alten Schuhen, die man guten Gewissens wegschmeißen kann, weil sie so hergestellt seien, dass sie als „Müll“ in der Biosphäre einen guten Dienst täten, etwa wie Dünger wirkten.

Am Ende sagt er noch, dass Pauli manchmal das Ego durchgehe, dass seine moralisierende Haltung nerve. Aber er sei ein netter Typ, der vieles bewegt habe. Alle, die heute auf ihn schimpften, suchten doch nur nach Gründen, selbst nichts mehr tun zu müssen.

Deswegen verteidigt Braungart Pauli. Ohne ihn gäbe es wieder einen weniger, der die Leute aufrüttle und wieder einen Grund mehr, alles beim Alten zu lassen, weil man sowieso niemandem trauen könnte. Dann erinnert er sich an einen Satz, den der Bürgermeister von Chicago einmal gesagt haben soll. Vielleicht war es auch jemand anderes. Sinngemäß ging es jedenfalls darum, dass Eco-Management vor allem Ego-Management bedeute.

Das trifft es wohl ganz gut. ---

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