Ein Blick ins Heft

brand eins Chefredakteurin Gabriele Fischer stellt einmal im Monat das neue Heft vor und schreibt über die Gedanken, die die Redaktion zum jeweiligen Schwerpunkt bewegen. Wenn Sie den Leser-Newsletter gerne empfangen möchten, melden Sie sich bitte hier an:

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Schwerpunkt: Pragmatismus

Lieber Leser,

halten Sie Talkshows aus? Können Sie ertragen, wenn die immer gleichen Botschaften mit immer neuem Enthusiasmus vorgetragen und fehlende Argumente durch Empörung ersetzt werden? Und doch gibt es bisweilen die seltenen Momente, in denen einer dem anderen zuhört oder gar bereit ist seine Position zu überprüfen – ein Pragmatiker.

Dieser Typus mag nicht sonderlich sexy sein, aber er bringt Diskussionen ebenso voran wie Projekte. Weil er sich nicht in Träumen verliert, nicht anfällig für Ideologien ist und im Zweifel auch einmal elf gerade sein lassen kann. Vilfredo Pareto, dem wir die Erkenntnis verdanken, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Aufwands zu erreichen seien, war gewiss ein Pragmatiker. Erich Kästner auch. Der Schriftsteller bringt für Wolf Lotter auf den Punkt, was Pragmatismus für all jene ist, die nicht nur reden, sondern wirklich etwas voran bringen wollen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ („Nüchtern betrachtet“; S. 22).

Architektur


Lückenfüller

Architekten sind Visionäre – und nichts ist besser geeignet, ihnen die Laune zu verderben, als die unsanfte Konfrontation mit der Realität. Hamburg hat da spätestens seit dem Desaster mit der Elbphilharmonie seine ganz eigenen Erfahrungen, und vielleicht wurde auch deshalb mit Olaf Scholz ein eher nüchterner Politiker zum Bürgermeister gewählt. Aber auch, wer ein paar Nummern kleiner bauen möchte, lernt schnell, dass Pragmatismus für die meisten Architekten ein Schimpfwort ist. Warum ihnen damit eine Menge Spaß entgeht und was unsere Städte gewinnen können, wenn Architekten nicht nur Häuser bauen, sondern Probleme lösen, beschreibt Till Briegleb auf einer Reise zu Bunkern, Baulücken und Müllverbrennungsanlagen („Der schüchterne König“; S. 112 / „Arm, aber sexy“; S. 30).

Klimawandel

Weltverbesserungswirtschaft

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in einer Ausgabe mit dem Schwerpunkt Pragmatismus mehrfach von Weltverbesserung die Rede ist. Denn gerade, wenn es um die ganz großen Ziele geht, ist Nüchternheit gefragt. Der Klimawandel zum Beispiel: Den kann man diskutieren – oder man sorgt wie die Stadtplaner von Rotterdam dafür, dass die Stadt der nächsten Sturmflut ebenso trotzen kann wie dem steigenden Meeresspiegel. Oder die Ressourcenverschwendung: Die kann man beklagen – oder wie der Schreiner und Wirtschaftsingenieur Klaus Hildenbrand mit einer neuen Betriebswirtschaft bekämpfen, die er jeden Tag im eigenen Betrieb erprobt. Gunter Pauli dagegen hat es nicht so mit der Umsetzung. Der Erfinder der „Blue Economy“ ist lieber Visionär als Realisator – nicht immer zur Freude seiner Mitstreiter („Was sind schon 100 Jahre“; S. 46 / „Ladenhüter? Weltverbesserer“; S. 42 / „Der fabelhafte Herr Pauli“; S. 66).

Wiederaufbau


Generationenprojekt

Dass es in diesem Heft mehr als einmal um den Mittelstand geht, liegt nahe. Wer ein solches Unternehmen durch Krisen und Stürme führt, muss Probleme lösen. Was ein Problem sein kann? Zum Beispiel, dass eine Firma über Nacht einfach abgebrannt ist. Oder nahezu pleite, kaum dass der Nachfolger sie übernommen hat. Und manchmal fängt das Problem schon damit an, dass sich der Sohn etwas anderes vorgestellt hat, als in der Schweizer Provinz Düngemittel zu produzieren („Segensreiche Katastrophe“; S. 100 / „Von wegen mit Zitronen gehandelt“; S. 74 / „Nummer 12“; S. 106).

Finanzinvestor


Krisengewinnler

Ingo Malcher kommt viel herum, Milliardäre aber trifft auch er nicht alle Tage. Schon gar nicht einen wie Wilbur Ross, der mit Investitionen in Krisenbranchen reich geworden ist und von Gewerkschaftern dort geschätzt wird. Zurzeit verfolgt Ross mit einiger Spannung die Verhandlungen mit Griechenland – er hat dort in die Banken investiert. Ein schlechtes Geschäft? Das, sagt Ross, wisse man immer erst hinterher („Der Schrotthändler“; S. 88).

Manchester


Überlebenskünstler

Der Sprung ist weit vom Milliardär nach Benchill im südlichen Manchester, dem einstigen Arbeiterviertel, in dem es keine Arbeit mehr gibt. Dort leben Sue und Graham Loose mit elf erwachsenen Kindern und einer unüberschaubaren Schar an Enkeln. Sie schlagen sich durch – und sie tun das sehr konsequent. Ihrer Kosten-Nutzen-Analyse mag nicht jeder folgen, aber sie sichert der Familie den Zusammenhalt und allen Looses eine Existenz. Und das ist viel an einem Ort, an dem die Spielhalle der letzte Hort der Hoffnung ist („Last Exit Benchill“; S. 128).

Pragmatismus lässt sich als „Kunst des Machbaren“ umschreiben. Und vielleicht vermittelt Ihnen die nächste Ausgabe das Gefühl, dass es eine Kunst ist, deren Ausübung durchaus Befriedigung verschafft.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe
Gabriele Fischer

Idea
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