Ausgabe 11/2015 - Gute Frage

Was wollen hoch qualifizierte Freiberufler?

• Wenn der Sammelbegriff „atypische Beschäftigung“ fällt, geht es um ein Problem für die Rentenversicherung. Um die Frage nämlich, wie Freiberufler fürs Alter vorsorgen. Und schon sind wir in den Mühen der deutschen Bürokratie. Das Ideal der Politik ist seit eh und je die tariflich abgesicherte Festanstellung in Vollzeit, das Normalarbeitsverhältnis (NAV). Danach streben die meisten Arbeitnehmer – was sie nicht davon abhält, sich beim Discounter Schweinefleisch für 3,33 Euro das Kilo zu holen. Sie nehmen dann die atypische Beschäftigung osteuropäischer Metzgergehilfen als verbilligend in Kauf. Jedenfalls so lange, bis das geplante Gesetz gegen den Missbrauch von Werkverträgen, Zeit- und Leiharbeit kommt.

Das könnte noch ein Weilchen dauern. Ursprünglich wollte das Ministerium seinen Referentenentwurf zur Bekämpfung prekärer Scheinselbstständigkeit im Frühjahr vorlegen; daraus wurde „im Oktober“. Zuletzt hieß es, die Beamten seien noch mit der hohen Zahl ankommender Flüchtlinge ausgelastet.

Die Verzögerung verschafft zwei Berufsorganisationen eine Atempause, deren Mitglieder von dem Plan betroffen sind, obwohl sie für den halsabschneiderischen Wettbewerb bei Schnitzeln und Blutwurst gar nichts können: dem Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) und dem Deutschen Bundesverband Informationstechnologie für Selbstständige (DBITS).

Die Lobbyisten vertreten Personen, die aus freien Stücken atypischen Berufstätigkeiten nachgehen. Sie fürchten Nachteile, denn ihre Verbandsmitglieder übernehmen – rein formal gesehen – ebenso wie das Metzgerprekariat Aufgaben ohne Anstellungsvertrag, Mitbestimmungsrechte und bezahlten Urlaub, die ihr Kunde auch gesetzlich geschützten Arbeitnehmern anvertrauen könnte.

Solo-Informatiker wie der DBITS-Vorsitzende Michael Grüne verbringen über Monate hinweg das Gros ihrer Arbeitszeit in der Firma des Kunden. Zudem bleiben Personalabteilung und Betriebsrat außen vor, da Werkverträge Sache des jeweiligen Unternehmens sind.

Falls das Ministerium nun, wie der Bonner Arbeitsrechtler Gregor Thüsing erwartet, mittels einer Vermutungsregelung gegen die Schlachthöfe vorgeht, droht auch IT-Auftraggebern eine Umkehr der Beweislast: Grüne und seine Kollegen wären automatisch als sozialversicherungspflichtige Angestellte zu behandeln, sobald sie sich beim Kunden an einen Schreibtisch setzen – es sei denn, der vermeintliche Arbeitgeber weist im Detail nach, dass das der falsche Status ist.

Der 43-jährige Solo-Unternehmer aus Essen findet die Idee absurd, dass der Staat ihn mit Schutzbedürftigen über einen Kamm schert: „Wir werden gut bezahlt. Wir können für uns selber vorsorgen.“

Dass Grüne das überhaupt klarstellen muss, wirft Fragen auf: Sind erfolgreiche Einzelkämpfer vor allem ein Phänomen der IT-Branche? Sind Software-Experten nur die Pioniere eines Wandels der Arbeitswelt, der neue Berufsbilder hervorbringt und alte verschwinden lässt? Ist ihr Einsatz eine Management-Mode oder ein unumkehrbarer Trend, an den sich die sozialen Sicherungssysteme anpassen müssen?

Unsichtbare Profis

Amtliche Statistiken geben wenig her über selbstständige Wissensarbeiter, international „Independent Professionals“ (kurz: Ipros) genannt. Diese sind weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber. Sie schaffen keine Arbeitsplätze, außer ihren eigenen, und unterfliegen damit das Radar der Arbeitsmarktbeobachter aus Presse und Wissenschaft. „Die unabhängigen Profis sind so gut wie unsichtbar in der akademischen Literatur“, schrieb Patricia Leighton, Professorin für Sozialrecht an der IPAG Business School in Paris, 2013 in ihrer Studie „Future Working: The Rise of Europe’s Independent Professionals“.

Was über diese Wissensarbeiter an Zahlen kursiert, bestätigt, dass es mehr werden. Leighton musste ihre Daten zu neun EU-Staaten aus unterschiedlichen Statistiken filtern; hier stecken die hoch qualifizierten Solisten mit Handwerkern in einer Schublade, dort mit Start-ups. Für alle Ipros in den Staaten – von Kreativen über Informatiker und Ingenieure bis zu Wirtschaftsprüfern – ermittelte die Wissenschaftlerin einen 45-prozentigen Anstieg von 6,2 auf 8,9 Millionen Personen von 2004 bis 2013. Deutschland sieht sie mit 43 Prozent im Mittelfeld; das Spektrum reicht von 12 Prozent in Italien bis zu 93 Prozent in den Niederlanden. Der Studie zufolge arbeitet in wissenschaftlichen und technischen Berufen sowie anspruchsvollen Dienstleistungen inzwischen jeder Vierte freiberuflich.

Dass es sinnvoll wäre, zumindest zwischen hoch und gering Qualifizierten zu unterscheiden, zeigt eine Gegenüberstellung der IT-Freiberufler mit den Hungerlöhnern in den Schlachthöfen. Gewerkschafter schätzen die Zahl der prekär beschäftigten Fleischer in Deutschland auf gut 40 000. Laut der sogenannten Lünendonk-Liste gibt es 92 000 IT-Profis, 35 Prozent mehr als bei der ersten Erhebung 2006. Ihr Umsatz sei von 5,8 auf 9 Milliarden Euro gestiegen. Demnach nähern sich die Pro-Kopf-Einnahmen der 100 000-Euro-Marke.

Laut dem Münchener Fachkräftevermittler Gulp ist diese Marke sogar schon überschritten. Dessen jüngste Honorarumfrage ergab, dass die Hälfte der mehr als 2000 Teilnehmer Netto-Stundensätze zwischen 70 und 100 Euro erzielt. Fast 17 Prozent liegen darüber, nur sieben Prozent müssen sich mit weniger als 50 Euro begnügen. Repräsentativ für alle Freelancer ist das freilich nicht. Wo die Skala für Informatiker anfängt, hört sie für viele Medienschaffende schon auf.

Dass die freien IT-Experten so komfortable Honorare aufrufen können, ist Folge einer Modernisierungs- und Digitalisierungswelle in Industrie und Finanzwirtschaft. „Der Arbeitsmarkt ist so gigantisch wie nach der Wende“, sagt der Analyst Andreas Zilch von Pierre Audoin Consultants in München. „Informatiker können sich die Jobs aussuchen.“

Es gibt viel zu tun in den IT-Abteilungen. Nach der Devise „Never change a running system“ tuckern in den Unternehmen noch viele „Legacy“-Systeme wie Schiffsdiesel vor sich hin – Uralt-Programme, die vor Jahrzehnten für wassergekühlte Großrechner geschrieben wurden und Routinejobs erledigen. Deren Ende naht: Die letzten Angestellten, die noch die Programmiersprache Cobol beherrschen, gehen bald in Rente; schon jetzt halten Ruheständler für Top-Honorare die Alt-Software in Schuss.

Aber längst müssen sich die Unternehmen für eine stärker vernetzte Zukunft rüsten: hier ein Industrie-4.0-Projekt mit Anbindung ans Internet der Dinge, da eine Cloud-Anbindung, dort eine App. Mit internem Personal lässt sich die Aufgabenliste kaum abarbeiten; gute Leute stehen wegen der Kündigungsfristen nicht kurzfristig für eine Festanstellung parat.

Freiheit statt Midlife Crisis

Der Generation des Hamburger IT-Experten Matthias Rickheit eröffnet diese Marktentwicklung ganz neue berufliche Perspektiven. „Ich bin 2013 in die Freiberuflichkeit hineingeschlittert“, sagt der 48-Jährige. Bei der Otto Group war er für die Tochter Sport Scheck tätig, als die Konzern-IT reorganisiert wurde. Er hatte die Wahl, bei Otto zu wechseln oder auf freier Basis bei Sport Scheck zu bleiben – und wagte den Karriereausstieg.

In fünf Jahren bei Intershop und sieben innerhalb des Konzerns Otto hatte er genug Erfahrungen gesammelt, um jedes IT-Projekt im Handel zu leiten. Derzeit tut er das für die Media-Saturn-Holding. Vier Tage beim Kunden in Ingolstadt, freitags von zu Hause aus. „Ich genieße das sehr“, sagt er. „Aber freiberuflich zu sein ist für mich nicht zur Doktrin geworden.“ Er schließt eine Rückkehr ins Angestelltendasein nicht aus.

Für Firmen, die bei der IT großen Nachholbedarf haben, ist es nicht ungewöhnlich, neben Spezialisten mit Nischen-Know-how auch Projektleiter von außen zu holen. Bei Personaldienstleistern wie Gulp in München oder Hays und Etengo in Mannheim ist Projekt- und Qualitätsmanagement laut der Lünendonk-Studie sogar die am häufigsten nachgefragte Kompetenz.

„Externe sind unbefangen“, sagt Hartmut Lüerßen, Autor der Untersuchung, „für sie steht das Projekt im Mittelpunkt.“ Die Besetzung dieser Funktion mit erfahrenen Freien ist oft sogar die einzige Wahl – etwa wenn neue Methoden wie die sogenannte agile Entwicklung eingeführt werden sollen. Bei Media-Saturn hilft die frühere Bertelsmann-Angestellte Viola Korte, 35, aus München beim Umstieg auf die Turbo-Methode. Die Rollenverteilung ist klar: „Die Externen bringen neues Know-how rein, die Internen geben es weiter.“ Manche Freie positionieren sich deshalb gleich als Coach. Zum Beispiel Jutta Mumbächer-Lauer aus Zornheim bei Mainz: Die 49-Jährige, die derzeit bei einer BASF-Tochter im Einsatz ist, bietet ihren Auftraggebern neben Beratung bei IT-Projekten auch Trainings an. „Manche Leute sind auf ihrem Gebiet wirklich topfit“, sagt sie, „aber vom Projektmanagement haben sie keine Ahnung.“

Obwohl inzwischen alle IT-Spezialisten wissen, wie gut ihre freiberuflichen Kollegen verdienen und dass es nur sehr wenige zurück in die abhängige Beschäftigung zieht, ist eine Massenflucht aus der Festanstellung nicht in Sicht. Zwar steigt die Zahl der Freien um fünf Prozent pro Jahr, doch bezogen auf alle Beschäftigten der Branche ist dies nur ein halbes Prozent: Erst jeder Zehnte sei Freelancer, sagt Branchenanalyst Lüerßen.

Ob die Entwicklung so viel Fahrt aufnimmt, dass es für die Sozialkassen relevant wird, hängt davon ab, was passiert, wenn die Babyboomer in Rente gehen und sich die Unternehmen überlegen müssen, wie sie ihre Vakanzen füllen wollen – und vom Lebensentwurf der Jüngeren, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Schon jetzt ist die Affinität zur Solo-Selbstständigkeit eine Altersfrage. „Der typische Freelancer ist um die 40 Jahre alt, hat ein paar Jahre bei einem größeren Mittelständler oder Konzern gearbeitet und sich auf ein Thema spezialisiert“, sagt Nikolaus Reuter, Gründer und Chef der Vermittlungsagentur Etengo.

Weil er wissen wollte, wie sich der Markt entwickelt, hat er beim Studiengang Personalmanagement der Hochschule Ludwigshafen eine Studie unter Studenten der Informatik und Wirtschaftsinformatik in Auftrag gegeben. Das nicht repräsentative Ergebnis: Jeder vierte der 399 Teilnehmer hat bereits während des Studiums auf freiberuflicher Basis in der IT gearbeitet, jeder fünfte liebäugelt mit einer freien Tätigkeit direkt nach dem Studium, ein weiteres Viertel möchte vor einer möglichen Selbstständigkeit als Solist oder Start-up-Gründer noch Berufserfahrung in einer Firma sammeln. Alles in allem käme für die Hälfte ein solches Lebensmodell infrage. Ein Drittel ist unschlüssig, nur ein Sechstel der Befragten schließt eine unternehmerische Betätigung kategorisch aus.

Eine derart positive Einstellung zur Selbstständigkeit ist ungewöhnlich, zumindest im Vergleich zu Umfragen, die sich an alle Studenten richten. Bei der „EY-Studentenstudie 2014“ im Auftrag von Ernst & Young, die allerdings explizit auf Angestellten- und Beamtenkarrieren abzielte, hatte für 61 Prozent der Befragten die Sicherheit des Jobs Priorität, wobei die Männer noch größeren Wert auf hohes Einkommen legten.

Sehr wichtig waren Frauen wie Männern auch flexible Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – also typische Argumente derer, die ihre eigenen Chefs sein wollen. Branchenanalyst Andreas Zilch ist sich nicht sicher, wie das in der Realität ausgeht: „Da trifft Generation Y auf deutsche Mentalität: Sie wollen am liebsten frei arbeiten und dabei fest angestellt sein.“

Holger Franzen, mit 36 ein Senior der Alterskohorte, kennt diese Ambivalenz aus eigener Erfahrung. Der Kölner App-Entwickler hat schon als Student freiberuflich und nie als Angestellter gearbeitet. Er hatte aber immer auch nur Verantwortung für sich selbst zu tragen. Vorsorge? Da könnte er wohl mehr tun. „Das Wichtigste, um sich abzusichern, ist im Geschäft zu bleiben“, sagt er. Was, wenn er Vater wird? „Ich kann nicht ausschließen, dass ich dann die Freiberuflichkeit an den Nagel hänge.“

Auch das wird vielleicht keine endgültige Entscheidung sein. Der Heidelberger Trendforscher Sven Gábor Jánszky glaubt, dass der „nicht auflösbare Gegensatz“ zwischen den Bedürfnissen Sicherheit und Flexibilität künftig viele Menschen zu mehrfachem Seitenwechsel im Laufe ihres Berufslebens treiben wird – hin- und hergerissen zwischen Unternehmen, die Spezialisten an sich binden wollen, und selbstständiger Arbeit, deren Marktwert stark schwanken könnte.

IT-Spezialisten haben anderen Ipros-Berufen immerhin eines voraus – eine stattliche Auswahl an Vermittlern, die ihnen die Akquise abnehmen oder überhaupt erst Zugang zu Aufträgen großer Konzerne verschaffen, weil diese ihre IT-Fremdleistungen oft nur noch über Rahmenverträge mit „Preferred Partners“ einkaufen. Agenturen wie Hays, Gulp und Etengo kennen sich mit den Einkaufsprozessen ihrer Kunden aus und schnüren gegen eine nicht zu knappe Umsatzbeteiligung Rundum-sorglos-Pakete für die Freien. Sie gehen sogar mit dem Honorar in Vorleistung, wenn der Auftraggeber erst nach Monaten die Rechnungen begleicht.

Nur aus einer Sache, die im Personalwesen der Angestelltenwelt zum Standardrepertoire gehört, halten sie sich komplett raus – aus der Altersvorsorge. „Wer sich nicht absichert, liegt wirklich später dem Staat auf der Tasche“, gibt der Hays-Hauptstadtrepräsentant Carlos Frischmuth zu. Die Freiberufler finanzierten aber über hohe Einkommensteuern den Bundeszuschuss für die gesetzliche Rentenversicherung mit. Eine Pflichtversicherung für alle Solo-Selbstständigen, wie es sie in der Schweiz gibt und wie sie die SPD im Entwurf ihres Grundsatzprogramms für die digitale Gesellschaft fordert, sei ihnen nicht zu vermitteln. Der Arbeitsrechtsprofessor Thüsing kann der Idee zwar etwas abgewinnen, hält sie aber für politisch tot: „Das ist mit der CDU nicht zu machen.“

Peter Weiß, Chef der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion, setzt auf milderen Zwang – eine „Absicherungsverpflichtung“ wie bei Handwerkern. Die Ipros sollen nur so lange einzahlen, bis Ansprüche auf eine „grundsichernde Altersrente bestehen“.

Dem VGSD geht auch das noch zu weit. Michael Grüne und seine Vorstandskollegen vom DBITS haben unterdessen zusammen mit Etengo-Chef Reuter einen simplen „Gesetzesvorschlag“ nach Berlin geschickt: Wer mehr als das Fünffache des Mindestlohns verdient und eine staatlich anerkannte Form der Altersvorsorge nachweist, wird als Freiberufler anerkannt. Die Idee ist nicht einmal neu, Jutta Mumbächer-Lauer kennt sie aus den Niederlanden: „Dort gibt es eine Liste mit fünf Punkten. Wenn ich die bejahen kann, bin ich offiziell selbstständig – und muss es nie wieder nachweisen.“ ---

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