Ausgabe 11/2015 - Schwerpunkt Ökonomischer Unsinn

Thomas Herndon

Der Fall RR

„Thomas ist der wohl berühmteste Wirtschaftsstudent aller Zeiten“, sagt sein Doktorvater Professor Robert Pollin

• Die E-Mail, die alles ins Rollen brachte, kann Thomas Herndon noch heute in Sekundenschnelle auf seinen Bildschirm zaubern. Es war der 4. April 2013, als sie bei dem Studenten der Volkswirtschaftslehre an der University of Massachusetts im Städtchen Amherst einging: Carmen Reinhart, Professorin für internationale Wirtschaft an der Harvard University, hatte ihm nach wochenlangen Nachfragen endlich geantwortet.

Wie genau, hatte Herndon für eine Semesterarbeit wissen wollen, hatten Reinhart und deren Kollege Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, nachgerechnet, dass Länder langsamer oder gar nicht wachsen, sobald ihre Schulden mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen?

Seit dem Herbst 2012 hatte Herndon vergeblich versucht, die Ergebnisse der in der Zunft nach den Initialen der Autoren kurz RR-Papier genannten Forschungsarbeit zu reproduzieren. Wie alle Kommilitonen im Grundseminar „Angewandte Ökonometrie“ hatte er sich eine bekannte Studie ausgesucht, um ihr Ergebnis nachzuvollziehen. Die Studenten sollten sich mit der Forschung erfahrener Kollegen auseinandersetzen und sicherer im Umgang mit statistischen Methoden werden. Das viel zitierte Papier von Reinhart und Rogoff bot sich an.

Seit seinem Erscheinen 2010 hatte der Aufsatz „Growth in a Time of Debt“ die Vertreter strenger Haushaltsdisziplin bestärkt, denn die beiden Harvard-Ökonomen kamen nach der Analyse von Verschuldung und Wachstumsraten führender Industrienationen zu dem Ergebnis, dass sich Konjunkturprogramme nicht lohnen, um ein Land aus einer Rezession zu führen, sondern im Gegenteil schaden. Sobald die Staatsschulden mehr als 90 Prozent des BIP ausmachen, so ihr Fazit, schrumpft das Wachstum. Die Untersuchung wurde zu einem wichtigen Argument in der Debatte, wie die Folgen der Weltfinanzkrise bewältigt werden könnten. Kritiker der Wirtschaftspolitik Barack Obamas oder von Rettungsprogrammen für notleidende EU-Staaten beriefen sich darauf. Erzkonservative Republikaner im US-Kongress machten die Sparthese von RR zum Herzstück ihres Wahlprogramms „Weg zum Wohlstand“.

Die einflussreiche Studie enthält drei grobe Fehler

Herndon hatte sich also in ein politisches Minenfeld gewagt. Dabei wollte er nur ein Problem lösen, das seinem Seminarschein im Weg stand. Er hatte sich die öffentlich verfügbaren Statistiken besorgt, kam aber partout nicht auf dasselbe Resultat. „Da ich die Originaldatenreihe der beiden nicht vorliegen hatte, konnte ich nur annehmen, dass mir irgendwo ein Fehler unterlaufen sein musste“, erinnert sich der heute 30-jährige Doktorand. „Es war zum Verzweifeln, und meine Professoren sagten nur immer wieder: Check deine Arbeit noch einmal, es wird schon klappen.“ Zwei hochkarätige Experten einer Elite-Universität konnten sich nicht geirrt haben.

Am späten Nachmittag des 4. April 2013 hatte Herndon den Beweis, dass sie sich doch geirrt hatten – und zwar massiv. Carmen Reinhart hatte dem Studenten ihre komplette Excel-Tabelle geschickt und ihn freundlich abgewimmelt. „Danke für dein Interesse, aber ich kann mich nicht mit jeder Anfrage beschäftigen. Anbei unsere Daten. Verwende sie für deine Semesterarbeit, wie du möchtest. Viel Glück!“

Die Datei enthielt eine Tabelle mit den Verschuldungs- und Wachstumsraten für 20 Industrienationen von 1946 bis 2009, eine historische Reihe des Wachstums und der Schuldenlast für dieselben Länder von 1790 bis 2009 und schließlich die Daten für 20 Schwellenländer von 1970 bis 2009. Interessant war für Herndons Arbeit die Entwicklung der Industriestaaten in der jüngeren Vergangenheit. Und es war keine komplizierte Sache, aus den Daten jeweils einen Mittelwert zu berechnen.

Herndon hatte einen langen Tag hinter sich, aber die Neugier war stärker. Er öffnete die Datei und erkannte bereits nach wenigen Minuten, dass den zwei Professoren in ihrer Excel-Tabelle mindestens ein grober Anfängerfehler unterlaufen war, der das Ergebnis der gesamten Studie infrage stellte. „Ich klickte auf Zelle 51 in Reihe L der Tabelle und sah mir die Formel an: Sie hatten bei der Berechnung des Durchschnitts aller 20 Länder einfach fünf Zeilen vergessen.“ Ein Schnitzer mit schwerwiegenden Folgen, denn bei diesen fünf Zeilen handelte es sich um die Werte für Australien, Belgien, Dänemark, Kanada und Österreich.

„Ich konnte meinen Augen nicht trauen und bat meine Freundin, sich die Tabelle einmal anzusehen“, erinnert er sich. „Sie versicherte mir, dass ich richtig lag.“ Also leitete Herndon die Datei an seinen Professor Robert Pollin und den Leiter der Fakultät, Michael Ash, weiter. Sie bestätigten ihm kurz darauf, dass er die akademische Sensation des Jahres gelandet hatte.

So wurde aus einer kleinen Seminararbeit die Demontage eines Eckpfeilers staatlicher Sparpolitik. Herndon, Pollin und Ash machten sich daran, die gesamte Tabelle zu durchforsten. Dabei stellte sich heraus, dass Reinhart und Rogoff zwei weitere Fehler unterlaufen waren. Sie hatten die Datensätze von Neuseeland, Australien und Kanada aus der Nachkriegszeit weggelassen – drei Länder, deren Volkswirtschaften trotz hoher Staatsverschuldung gewachsen waren. Zudem hatten die beiden Professoren eine willkürliche Gewichtung der Kennzahlen vorgenommen, um ihr Argument zu stützen. In ihrem Modell wiesen sie 19 Jahren britischen Aufschwungs mit einem durchschnittlichen Wachstum von 2,4 Prozent dieselbe statistische Bedeutung zu wie einem einzigen Jahr des Abschwungs in Neuseeland, als die dortige Wirtschaft um 7,6 Prozent geschrumpft war.

Die Professoren räumen sie bis heute nicht ein

Korrigierte man diese drei Fehler, wurde aus dem mittleren jährlichen Negativwachstum in hoch verschuldeten Industrienationen von - 0,1 Prozent ein mittleres positives Wachstum von 2,2 Prozent. Also das genaue Gegenteil dessen, was die Forscher behauptet hatten.

Herndon und seine Professoren stellten ihre Ergebnisse am Montag, dem 15. April 2013, online. Als Mike Konczal, ein in Branchenkreisen viel beachteter Wirtschaftsblogger, sie am folgenden Tag zusammenfasste, ging der Medienrummel los. Herndon gab nonstop Interviews. „»Wall Street Journal«, »New York Times«, BBC, Fernsehsender – alle wollten mit mir sprechen.“ Schon bald zitierten ihn der Nobelpreisträger Paul Krugman in seiner Kolumne für die »New York Times« und Mark Carney, heute Chef der Bank of England.

Herndon entschied sich in Absprache mit seinen Professoren, das Thema gründlich aufzuarbeiten. Pollin veröffentlichte das Ergebnis unter dem Titel „Does high public debt consistently stifle economic growth? A critique of Reinhart and Rogoff“ im angesehenen »Cambridge Journal of Economics«.

Darin werden die beiden Harvard-Koryphäen auf 23 Seiten gründlich widerlegt. Herndon ist als Erstautor aufgeführt – der nach akademischer Gepflogenheit wichtigste Verfasser, wenn eine Studie mehrere Urheber hat, gefolgt von Ash und Pollin. „Thomas ist der wohl berühmteste Wirtschaftsstudent aller Zeiten“, sagt sein Doktorvater Pollin. „Das kann sich sehen lassen.“

Für seine renommierten Harvard-Kollegen hat der Professor aus Amherst nur Kopfschütteln übrig. „Meine Studenten nehmen Semester für Semester Studien unter die Lupe, um sie zu reproduzieren. Und sie finden regelmäßig Fehler, das ist an sich nichts Außergewöhnliches. Der Excel-Irrtum in RR ist nur ein besonders dummer Fehler, der zwei erfahrenen Wissenschaftlern nicht unterlaufen darf“, sagt Pollin. „Allerdings hat er im Großen und Ganzen nur begrenzte Bedeutung für ihr falsches Fazit. Die anderen beiden Fehler sind viel gewichtiger, doch in den Medien haben sich alle auf die Tabellenkalkulation gestürzt. Weil jeder diesen Fehler versteht, der schon einmal mit Excel gearbeitet hat.“ (Siehe auch: „Schön gerechnet“, Seite 58.)

Herndon stieg der plötzliche Ruhm nicht zu Kopf. Als der Medienrummel abgeklungen war, beendete er sein Studium und begann mit seiner Dissertation. „Es gab ein sehr lukratives Jobangebot von einem Hedgefonds, das ich abgelehnt habe“, sagt er. „Ich sehe es als meine Aufgabe als Ökonom, über bessere Mittel und Wege nachzudenken, die Finanzwirtschaft zu regulieren, statt für das System zu arbeiten. Mein erstes Paper war ein kleiner Beitrag dazu, der zufällig viel Aufmerksamkeit erregte. Dann ging der Alltag wieder los.“

Herndon erlag auch nicht der Versuchung, sich das Opus magnum von Reinhart und Rogoff vorzunehmen. Die beiden hatten mit demselben Datenmaterial ein 460 Seiten dickes Buch geschrieben, das schon 2009 unter dem Titel „Diesmal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ erschien und ein weltweiter Bestseller wurde. Pollin nimmt an, dass das Duo auch mit diesem Buch „vollkommen falschliegt. Thomas hätte sich in seiner Doktorarbeit darauf konzentrieren können, das gesamte Buch Tabelle für Tabelle auseinanderzunehmen.“

Doch am Ende riet Pollin seinem Studenten davon ab: „Er sollte lieber ein anderes Problem untersuchen, um intellektuelle Bandbreite zu demonstrieren.“ In seiner fast fertigen Doktorarbeit hat Herndon deswegen ein anderes Thema angepackt. Er bilanziert das Ausmaß und den Schaden systematischen Hypothekenbetrugs während der US-Wirtschaftskrise 2008. Das Thema sei bislang weitgehend übersehen worden. Herndon peilt eine Professur an.

Über die politischen Folgen seiner Aufdeckung sagt er: „Die Sparprogramme betreffen den Alltag vieler Menschen in erheblichem Maße – doch unser Beitrag zur öffentlichen Debatte hat kein großes Echo in Europa gefunden. Was die EU mit Griechenland macht, ist besorgniserregend. Ich weiß nicht, wie sie die Zielvorgaben jemals erreichen können, und derweil wird ihre Volkswirtschaft abgewürgt.“

Reinhart und Rogoff scheinen von der Widerlegung ihrer wissenschaftlichen Arbeit wenig beeindruckt zu sein. Die beiden verwahrten sich im Oktober 2013 mit einer fünf Seiten langen Replik gegen die „irreführende und lückenhafte“ Analyse von Herndon, Ash und Pollin. Außer einem „Programmierfehler“ räumen die beiden keine Irrtümer ein. Bei Herndon haben sich bis heute weder Reinhart noch Rogoff gemeldet. ---

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