Ausgabe 11/2015 - Wirtschaftsgeschichte

Pony Express

Das große Rennen

• Eigentlich ging es William Hepburn Russell vor allem darum, die Konkurrenz auszustechen. Dafür betrieb er einen gigantischen Aufwand, der auch der »New York Times« auffiel. Am 4. April 1860 schrieb ein Reporter der Zeitung: „Eine große Menschenmenge versammelte sich vor dem Express-Büro, um der Eröffnung dieser großen und neuartigen Firma beizuwohnen.“ Es war der erste Tag des Pony Express.

An jenem Tag verließ der erste Reiter der Kurierstaffel im gestreckten Galopp Saint Joseph im Bundesstaat Missouri. Er hatte eine Ledertasche mit zwei Fächern bei sich, darin neun Kilo Post, einen Revolver, eine Wasserflasche und eine Bibel.

Als die Tasche zehn Tage später in San Francisco übergeben wurde, war das eine Sensation. Der neue Staat Kalifornien war an den Rest des Landes angeschlossen – und Russell hoffte auf das ganz große Geld. Seine Transportfirma hatte die lukrative Lizenz für den Posttransport quer durch Amerika beantragt. Er plante, die nördliche Route über Denver einzuschlagen. Ein Konkurrent wollte seine Kutschen über die südliche Route schicken. Nun lag es am Kongress zu entscheiden, wer den Zuschlag erhalten sollte. Russells Kalkül: Wenn er zeigen konnte, wie schnell man auf der Nordstrecke vorankam, würde er das Rennen machen. Um diesen Beweis zu erbringen, gründete er den Pony Express.

Russell war ein Hasardeur, der mit seiner Transportfirma reich geworden war. Er bewohnte mit seiner Familie ein Haus mit 20 Zimmern, und Freunde beschrieben ihn als jemanden, der niemals mit seinen Händen gearbeitet habe. Weder bei der Jagd noch beim Fischen würde er sich gern schmutzig machen. Sein Ding waren die Geschäfte. Er verkehrte in den Clubs der Ostküste, traf sich dort mit Bankiers und Politikern, immer auf der Suche nach größeren und riskanteren Unternehmungen.

Eine davon war der Pony Express, wohl sein größtes wirtschaftliches Abenteuer. Mehr als 3000 Kilometer lagen zwischen der Zentrale in Saint Joseph und Sacramento, dem Endpunkt. Die Reiter schafften die Strecke in der Regel in zehn Tagen. Alle 16 Kilometer wurde das Pferd gewechselt, das war in etwa die Distanz, die ein Tier im Galopp durchhalten konnte. Manche Etappen waren auch länger. Alle 80 Kilometer kam ein neuer Reiter zum Einsatz. Auf der gesamten Strecke waren für eine Ladung Post 120 Pferde und 40 Reiter im Einsatz. Russell musste 157 Stationen für den Pferde- und Reiterwechsel errichten, er hatte 80 Kuriere angestellt, 200 Pferdepfleger und musste 500 Pferde kaufen, von denen jedes rund 200 Dollar gekostet hatte.

Die Reiter durften nicht mehr als 57 Kilo wiegen, oft waren es Jugendliche, die mit der Post durch die Prärie galoppierten. Der berühmteste unter ihnen war William Cody alias Buffalo Bill. Rund 100 Dollar konnte ein Mann damit im Monat verdienen, mehr als den dreifachen Lohn eines ungelernten Arbeiters.

Der Job war gefährlich. Die Route führte von Saint Joseph in Missouri durch die Great Plains über die Rocky Mountains, dann durch die Sierra Nevada bis nach Sacramento in Kalifornien. Von dort gelangte die Post schließlich per Fähre nach San Francisco. Die Reiter waren Tag und Nacht im Sattel, ein großer Teil der Strecke verlief durch feindliche Indianergebiete.

Für das Land war das Unternehmen ein Fortschritt. Das zeigte sich bei der Präsidentschaftswahl am 6. November 1860. Die kalifornischen Zeitungen erreichte die Nachricht vom Sieg Abraham Lincolns exakt sieben Tage und 17 Stunden nach dessen Antrittsrede – das war ein neuer Rekord.

Gelohnt hat sich der Aufwand am Ende trotzdem nicht. Die Lizenz ging an die Kutschen der Konkurrenz. Doch Russell musste sich nicht lange ärgern. Nur zehn Wochen nach Gründung des Pony Express beschloss der Kongress, die Verlegung eines Telegrafenkabels quer durch den Kontinent zu subventionieren.

Und so kam es. Ab 26. Oktober 1861 stand San Francisco per Telegrafenkabel mit New York in Kontakt. Um die Zeitungen in Kalifornien darüber zu informieren, wer zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war, musste niemand mehr aufs Pferd steigen.

Noch am selben Tag wurde der Pony Express eingestellt. Da waren noch Briefe unterwegs. Erst Anfang November erreichten die letzten Reiter ihr Ziel – und erfuhren, dass sie durch ein Kupferkabel ersetzt worden waren. Für Russell stand unter dem Strich ein Verlust von 200 000 Dollar. ---

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