Ausgabe 11/2015 - Schwerpunkt Ökonomischer Unsinn

Das Paradox

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. – Deutsche Volksweisheit

1. Die Suppenschüssel

Wurden die Pyramiden von Außerirdischen gebaut? Kreisen Flugzeuge über uns, um uns mit ihren Chemtrails zu manipulieren? Und sind Unternehmen grundsätzlich dazu da, ihre Kunden zu betrügen?

Alles Blödsinn, einerseits. An den, andererseits, gar nicht so wenige Leute glauben. Unsinn und Realität leben Tür an Tür. Welt und Wirtschaft haben zwei Gesichter, wie Jekyll und Hyde. Sie passen nicht zusammen. Aber wir haben uns an diesen Widerspruch gewöhnt. Und das ebnet noch mehr Unsinn den Weg. Wer das wusste, war die schwedische Autorin Astrid Lindgren, der 2002 verstorbenen Mutter von Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Michel aus Lönneberga. Michels erstes Abenteuer trägt in der deutschen Übersetzung den Titel „Michel in der Suppenschüssel“. Es ist ein Schlüsselwerk über den ökonomischen Widerspruch.

Eines schönen Tages am Hof Katthult hatte die Magd Lina Rindfleischsuppe gekocht. Die wurde wie immer in einer großen, mit Blumen bemalten Suppenschüssel aufgetragen, und die ganze Familie aß mit großem Appetit. Den letzten Rest wollte Michel unbedingt haben – und so stülpte er sich die Schüssel über den Kopf. Doch er bekam sie nicht mehr runter. Er steckte fest. Alle mühten sich, Michels Kopf aus der Schüssel zu befreien, doch das brachte nichts. Michels besorgte Mama schlug vor, die Schüssel mit dem Schürhaken zu zerschlagen, doch da ging gleich Michels Papa dazwischen: „Nie im Leben! Die Schüssel hat vier Kronen gekostet. Da ist es schon besser, wir fahren nach Mariannelund zum Doktor. Er wird sie schon loskriegen. Er nimmt jedenfalls nur drei Kronen – und auf diese Weise verdienen wir eine Krone.“

Ja, Leute, so macht man Profit! Wahrer Kapitalismus fängt bei kleinen Dingen an.

2. Pomperipossa

Astrid Lindgrens Geschichte entwickelt sich in weiterer Folge zu einem Sittenbild populären Ökonomieverständnisses. Man fährt mit dem armen Jungen zum Doktor nach Mariannelund. Als Michel mit seinen Eltern vor dem Mediziner steht, verneigt er sich, denn er ist höflich, und zerbricht dabei die Schüssel in zwei Teile. Vier Kronen sind verloren. Der Papa ist erst verzagt, doch als er hört, dass der Doktor fünf, nicht drei Kronen fürs Entfernen von Suppenschüsseln von den Köpfen kleiner Jungs nimmt, blüht er auf, denn nun hat er – logo – seine Krone Gewinn wieder.

Bevor das hier jemand witzig findet, sollte er mal überlegen, ob einem durchschnittlichen deutschen Abiturienten der Widerspruch auffiele. Frau Lindgren wollte jedenfalls zu wirtschaftlicher Vernunft beitragen. Wer frei und selbstständig leben will, muss seine Ökonomie im Griff haben. Das klingt heute ein wenig spießig. Im Alltag liegt der Nebel des Unwissens über diesen Widersprüchen. Und deshalb ist es so leicht, den Leuten etwas ganz Unsinniges als völlig richtig einzureden. Etwa wenn es um Steuern geht.

Einer der berühmten Vorgänger Lindgrens war der Brite Jonathan Swift, dessen „Gullivers Reisen“ auch die Kinder von heute kennen. Swift war aber auch ein begabter Ökonom. Er schrieb vor fast 300 Jahren ein Buch namens „Steuereinmaleins“, in dem er die These aufstellte, dass die Bürger bei hohen Abgaben alle Tricks anwenden würden, um sie nicht zahlen zu müssen, während bei gemäßigt niedrigen Steuern viel mehr Steuerehrlichkeit zu beobachten wäre. Niedrigere Steuern brächten also mehr Geld in die Kasse als hohe.

Was auf den ersten Blick paradox klingt, kann durchaus logisch sein. Dem wiederum folgte die von dem amerikanischen Ökonomen Arthur B. Laffer benannte These, dass die Steuereinnahmen bei steigendem Steuersatz nur bis zu einem bestimmten Punkt ansteigen – und dann wieder fallen –, was im Detail recht kompliziert ist, im Prinzip aber durch Swifts Erklärung lebenspraktisch dargestellt wurde.

Freunde der hohen Staatsquote schnauben nun durch beide Nasenlöcher. Denn sie vertreten natürlich das exakte Gegenteil, das nach dem norwegischen Ökonomen Trygve Haavelmo benannte „Haavelmo-Theorem“. Das geht so: Der Staat kann gar nicht genug Steuern nehmen, denn alles, was der Staat einnimmt, gibt er auch wieder aus, weil der Staat bekanntlich nichts spart. Und diese Ausgaben sind keine von politischen Vorlieben und bürokratischem Selbstzweck getriebene Vergeudung, sondern eine Investition, die an diejenigen zurückgeht, von denen man vorher genommen hat. Nicht nur Astrid Lindgren hätte da ihre Bedenken gehabt. Sie, die seit ihrer Jugend die Sozialdemokraten unterstützte, die in Schweden einen allgegenwärtigen Sozialstaat aufbauten, stieß auf die Unlogik des Haavelmo-Theorems.

Mitte der Siebzigerjahre, Astrid Lindgren war längst eine weltweit erfolgreiche Autorin geworden, rechnete sie sich aus, dass ihr von den zwei Millionen Kronen, die sie im abgelaufenen Jahr verdient hatte, nach Abzug der Steuern 5000 Kronen blieben. Das war ungefähr ein Fünftel dessen, was man damals in Schweden von der Sozialhilfe bekam, wenn man gar nichts verdient hatte. Daraufhin schrieb Lindgren in der Tageszeitung „Expressen“ eine Glosse mit dem Namen „Pomperipossa in Monismanien“ (b1.de/pomperipossa), in der sie ihren Fall in märchenhafter Sprache darlegte.

Daraufhin schickte ihr der Finanzminister einen Steuerbescheid mit einem Steuersatz von 102 Prozent. Ein Irrtum? Nein, nein, man wolle für zwei Millionen Kronen Umsatz jetzt zwei Millionen und 2000 Kronen Steuern haben. Eine Dummheit, eine ideologische Farce. Der Fall erregte nicht nur Lindgren, sondern ganz Schweden, und er führte zur Abwahl der Sozialdemokraten und zu einer gründlichen Hinterfragung der Praxis. Das Paradox kann zum Paradigmenwechsel führen.

3. Auf dem Bauernhof

Verlass ist darauf nicht. Nehmen wir mal Griechenland. Von dort stammt das Wort „paradox“, das laut Wikipedia so viel bedeutet wie „eine Aussage, die scheinbar einen unauflösbaren Widerspruch enthält“. Paradoxien, Widersprüche setzen uns besonders zu, wenn wir uns entscheiden müssen. Menschen mögen das so wenig wie Veränderungen an sich, und sie versuchen, den Widerspruch zu ignorieren, was die Sache meist nicht einfacher macht. Man macht sich was vor, verschleppt das andere, redet sich schlechte Angewohnheiten schön und lebt im Notfall mit zwei Gesichtern, eines nach außen, das offizielle sozusagen, und ein zweites für das wahre Ich, das sich nicht verändern mag. Das ist übrigens nicht typisch griechisch.

Aber wichtiger ist: Wie kommt das? In Griechenland steht bekanntlich nicht nur die Wiege der europäischen Kultur – es ist auch das Land, in dem die alte Vorstellung von der Ökonomie, ihr erstes und altes Gesicht, erdacht wurde. Das dabei entstandene Modell nannten die antiken Philosophen „Oikos“ – das altgriechische Wort für Haus – und meinten damit die bäuerliche Hauswirtschaft. Dieses Modell lebt aber nicht nur in Michels Papa und im alten schwedischen Sozialstaat, sondern überall, wo Wirtschaft als geschlossene Veranstaltung gedacht wird. Das ist in unserer Kultur fast immer der Fall.

An der Spitze des Oikos steht der Haushaltsvorstand, den die alten Griechen Despotes nannten. Der Despot entscheidet über Mensch und Mittel in seinem Machtbereich. Er verteilt die Ressourcen. Der Despot macht die Regeln in dieser Welt, in der alles begrenzt ist, man mit allem haushalten muss.

Deshalb herrscht im Oikos die Idee, dass man am besten alles selber macht. Man strebt nach Autarkie, und davon ist auch heute schnell die Rede, wenn eine Krise droht. Doch wer derlei in einer globalen, komplexen, dynamischen Wirtschaft – kurz: unserer Ökonomie – macht, kommt nie auf einen grünen Zweig.

Der Oikos, die Haushaltswirtschaft, bleibt für viele Jahrhunderte das zentrale Denk- und Vorstellungsmodell aller Wirtschaft. In ihr ist der Systemerhalt entscheidend. Der Oikos kennt kaum Wachstum, Entwicklungen vollziehen sich langsam, es geht um den Erhalt dessen, was man hat. Der Oikos ist konservativ und bunkert seine knappen Vorräte.

Die moderne Ökonomie funktioniert anders. Sie setzt das, was sie hat, als Investition ein, um mehr zu gewinnen. Der Oikos steht still, die Ökonomie bewegt sich. Im Oikos ist eine statische Gesellschaftsschicht, wie es das Haavelmo-Theorem annimmt, ganz logisch. In einer Marktwirtschaft, einer modernen Ökonomie, ist das allerdings paradox.

Veränderungen und Transformationen werden aus der Haushaltsperspektive als Bedrohung erlebt. Wo es aus dem System heraus kaum Wachstum gibt und statische Wirtschaft als Normalzustand gilt, kann man sein Hab und Gut nur durch Heirat, Erbe oder Raub mehren. Weil die ersten beiden Zugänge zu frischem Kapital und neuen Ressourcen nicht jedem offenstehen, greift man auf die dritte Möglichkeit zurück. Das Leben in der Oikos-Wirtschaft ist gefährlich. Das Fremde ist immer Bedrohung, nichts, von dem man etwas lernen kann.

Vieles von dem, was uns heute bedrohlich erscheint, ist das Echo dieser alten Zeit. Wir stehen geistig mit einem Fuß in der alten, mit dem anderen in der neuen Wirtschaft.

Das ist irritierend, aber unvermeidbar. Ein Teil unseres Lebens unterliegt strengen ökonomischen Gesichtspunkten. Auch wenn viele Modelle und Theorien nicht perfekt sind, so sind sie doch der Versuch, die Komplexität der Entwicklungen halbwegs beschreibbar und damit begreifbar zu machen. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt. Im Geschäft herrscht die Ökonomie, das Rationale, aber im restlichen Leben dominiert der Oikos. Dann glauben selbst die Leute, die gelernt haben, zu rechnen und nüchtern zu bewerten, dass ihnen im Supermarkt ein Rabattschnäppchen winkt und sie beim Kauf einer Ware, die vorher 49,90 Euro gekostet hat und nun für nur noch 39,90 zu haben ist, zehn Euro verdient haben. Diese Esoterik tarnt sich bevorzugt als rationales Verhalten. Das Ergebnis dieses Widerspruchs ist vorhersehbar: Enttäuschung.

4. Der Arsch des Kaisers Friedrich

Einer der Klassiker dieser Art beginnt am 18. November 1996, dem Tag des Börsengangs der Deutschen Telekom AG. Umgerechnet 14,57 Euro betrug der Erstausgabepreis, was zehn Milliarden Euro in die Kassen des Konzerns spülte. Weitere Tranchen, die jeweils im Juni 1999 und 2000 ausgegeben wurden, brachten nochmals nahezu 26 Milliarden Euro ein. Ein schöner Batzen, mit dem sich locker eine aufwendige Werbekampagne finanzieren ließ, bei der unter anderem der Schauspieler Manfred Krug, bekannt auch als „Tatort“-Kommissar, die Aktie empfahl. Bekanntlich ging das als „Volksaktie“ gepriesene Wertpapier steil nach oben – auf bis zu knapp 105 Euro –, fiel dann aber jäh ab.

Naturgemäß waren die Anleger von der Telekom enttäuscht, aber auch von deren Werbepartner Manfred Krug. Dem schrieb, öffentlich gemacht durch die »Bild«-Zeitung im März 2001, der Kleinanleger Jan Sch. einen bitterbösen Brief: „Vor nicht allzu langer Zeit rieten Sie in Werbekampagnen im Fernsehen und in Zeitungen, Aktien der Deutschen Telekom zu kaufen. Ich folgte Ihrem Rat, kaufte Aktien – und habe inzwischen viel Geld verloren.“ Er sei sich, so Herr Sch., über das „Risiko zu spekulieren im Klaren“. Doch, so der Briefschreiber weiter, „bei Ihnen ging ich von einem todsicheren Tipp aus (…)“. Der Klagebrief endete mit einer persönlichen Frage an Krug: „Können Sie meine Enttäuschung verstehen?“

Konnte er nicht.

Krug antwortete dem Schreiber stattdessen: „Es liegt im Wesen der Aktien, dass sie unentwegt schwanken. Deshalb muss man sie gut beobachten.“ Der Belehrung zum Wertpapier schob Krug noch ein kleines Gedicht hinterdrein: „Manchmal steh’n die Aktien hoch, und manchmal steh’n sie niedrich. Ein Auf und Ab, grad wie beim Arsch vom alten Kaiser Friedrich.“

Die Antwort schloss mit der Vermutung, Herr Sch. habe „wohl den Hals nicht vollkriegen“ können und deshalb seine Aktien nicht verkauft, solange der Kurs noch höher gewesen sei. Nun müsse er, Krug, sich dafür sein „Gejammer anhören“.

Das gab ein Riesentheater. Zuerst empörte sich die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dem folgte ein gehöriger Teil der Medien und natürlich alle, die immer schon gewusst hatten, dass Aktien Teufelswerk sein mussten. Die meisten hatten großes Verständnis für Herrn Sch., übrigens ein Wirtschaftsingenieur. Krug hatte nichts zu lachen.

Jahre später entschuldigte sich der mittlerweile in Rente gegangene Schauspieler nicht nur für seine Reaktion, sondern auch dafür, dass er überhaupt Werbung für Aktien gemacht hatte. Zuvor aber musste das Oberlandesgericht Frankfurt am Main feststellen, dass Manfred Krug – ein werbender Schauspieler – sich keiner Täuschung schuldig gemacht hatte, als er die Telekom-Aktien anpries. Der Mann habe in der Werbung nie Sachverstand für sich beansprucht – und wer Aktien kaufe, müsse wenigstens zwischen emotional geführter Werbung und nüchterner Darstellung eines Börsenprospekts unterscheiden können. Was man nicht weiß, muss man eben lernen.

So einfach ist das.

5. Der Laie staunt

Bleibt nur die Frage: Warum muss derlei im 21. Jahrhundert gerichtlich festgestellt werden? Was ist das für eine Kultur, in der ein Wirtschaftsingenieur einem Schauspieler öffentlich vorwerfen kann, dass der ihm in einem Werbespot keine „todsicheren Tipps“ liefere – und die Mehrheit hinter sich weiß? Es ist die Kultur des manifesten Widerspruchs – zwischen moralisierendem Oikos und nüchterner ökonomischer Realität. Es ist die Kultur des Gestrigen, die mit der Vernunft zusammenstößt. Untertanen, die gelernt haben, dass es der Staat immer richtet, glauben natürlich, dass die Telekom-Aktie eine Art Gewinnausschüttungs-Garantieschein sein muss. Denn wenn der gute Staat seine Behörde verhökert, dann nimmt man gern die Gewinne mit, die Risiken hingegen vergesellschaftet man.

Diese Haltung ist weit verbreitet – und keineswegs die exklusive Position der Banken in der Finanzkrise. Natürlich ist auch viel Heuchelei im Spiel, wie Manfred Krug ganz richtig erkannte. Doch mit der kommen so viele deshalb durch, weil sie zur Leitkultur passt.

Das liegt an der fundamentalen wirtschaftlichen Unbildung und daran, dass niemand ein Interesse hat, dies zu ändern, auch nicht, wie wir sehen werden, das Gros der Ökonomen. Oikos und Ökonomie leben auf verschiedenen Planeten.

Vor sechs Jahren veröffentlichten Detlef Fetchenhauer und Alexandra Haferkamp von der Universität zu Köln mit ihrem Kollegen Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft eine richtungsweisende Arbeit zum Thema „Unterschiede im Denken zwischen Ökonomen und Laien“.

Zunächst stellen die Autoren fest, dass zwei Drittel der deutschen Ökonomen nach wie vor am wissenschaftlich überholten Idealtypus des Homo oeconomicus festhalten. Dabei wird von einem Menschenbild ausgegangen, das nur nutzenorientiertes und höchst reflektiertes Verhalten kennt – den kühlen, rechnenden Kopf, der auf seinen Vorteil bedacht ist. Aber schon das ist ein Widerspruch. Alle sind natürlich auf ihren Vorteil bedacht, so sind wir eben. Aber nicht immer wird dieser Wille durch einen kühlen, rechnenden Kopf angetrieben. Und so kommt es, dass Menschen ganz und gar irrationale Entscheidungen treffen und sich selbst schaden.

Über den Laien schreiben die Autoren: „Der Durchschnittsbürger, der nicht über spezielles Fachwissen verfügt, verwendet – weitgehend unabhängig vom Bildungsniveau – systematisch andere Heuristiken und (Laien-)Theorien bei seinen Entscheidungen, als die ökonomische Theorie erwartet.“ Populäre Irrtümer sind also programmiert.

6. Die Beschränkten

Welt und Wirtschaft funktionieren nach Ansicht der meisten Laien wie ein Kuchen, den man verteilen kann. Die „Fixed-Pie-Annahme“ geht von einem „fixen Volumen an Arbeit, Arbeitsplätzen, Kapital und Lohn (aus), das zur Verteilung zur Verfügung steht“, schreiben Fetchenhauer und seine Kollegen. Im Mittelpunkt allen Nachdenkens und aller Diskussionen steht die Frage nach der „gerechten Verteilung des zur Verfügung stehenden Kuchens – und nicht die Frage, wie der Kuchen möglichst groß werden könnte“.

So zu denken ist Unsinn: Wissen, Fortschritt, Entwicklung, Innovationen, die ganze Kulturgeschichte – sie gibt es nur, weil der Kuchen eben nicht endlich ist, sondern sich durch Nachdenken immer wieder neu und größer backen lässt.

Für die Politik hat die Fixed-Pie-Annahme aber handfeste Vorteile. Sie kontrolliert die Ressourcenverteilung, und so wird alles eine Frage der bürokratischen Technik und Verwaltung. Wenn zu wenig Arbeit da ist, kann man sie natürlich „gerechter verteilen“ – ob die, die davon etwas abkriegen, das auch können, was andere abgeben müssen, spielt dabei keine Rolle. Gleiches gilt naturgemäß für die Aufteilung von Arbeitszeit und Gehältern.

Der von hieraus nächstgelegene ökonomische Unsinn, an den Laien glauben, trägt den sperrigen Fachbegriff Parochialismus, was sich am zutreffendsten mit „Beschränktheit“ ins Deutsche übersetzen lässt, und zwar gegenüber fremden, komplexen Vorgängen. Die gehören in einer offenen, globalen Ökonomie und Gesellschaft zur Normalität. Dagegen stellen sich nationale Abschottung, Autarkiesehnsüchte und Kontrollansprüche aller Art.

Parochialismus baut auf der Fixed-Pie-Annahme auf, nach der der Gewinn des einen der Verlust des anderen sein muss, und bedient damit ein starkes chauvinistisches Vorurteil – das ständig durch Verschwörungstheorien genährt wird. „Selbst wenn Menschen durchaus die Vorteile von Spezialisierung, Arbeitsteilung und Handel auf nationaler Ebene sehen“, so die Autoren, „so bestehen große Vorbehalte, wenn ausländische Handelspartner mit einbezogen werden.“

Die Palette der an die Politik gerichteten Forderungen ist umfassend: Es geht um Protektionismus, um Einschränkung des Freihandels, um Einreise- oder Arbeitsverbote für Migranten und um Subventionen für die „eigenen Unternehmen“.

Und natürlich hat dieser ökonomische Unsinn weitreichende Konsequenzen, wenn Politiker – zumal vor Wahlen – wichtige internationale Entscheidungen auf der Grundlage heimischer Ressentiments vornehmen.

Schließlich ist es noch die grobe Unterschätzung dynamischer Prozesse in der Ökonomie durch die Laien selbst, die zu Widersprüchen führt. Die meisten erkennen nur, wenn überhaupt, die „Nebenwirkungen von wirtschaftspolitischen Eingriffen“, wie die Autoren schreiben – also die Effekte, die zeitnah auf die Ursache folgen.

Doch die allermeisten dynamischen Effekte treten mittel- und langfristig auf, indirekt, nicht Knall auf Fall.

Die Laienwirtschaft setzt auf einfache Regeln und simple „Wahrheiten“, während echte Ökonomie eine komplexe, dynamische Perspektive hat, bei der das Ergebnis zählt – das „Glück der größten Zahl“ , wie es der englische Philosoph John Stuart Mill nannte. Es kommt darauf an, was hinten rauskommt. Doch meist ist das nur noch Moral, die immer dann entsteht, wenn einem sonst nichts mehr einfällt.

7. Flucht in Zahlen

„Wenn die Leute kognitiv überfordert werden“, erklärt Detlef Fetchenhauer trocken und deutlich, „dann werden sie eben moralisch.“ Das Ergebnis lässt sich allerorts besichtigen – ein diffuses Gemisch aus Ängsten, Vorurteilen und Meinungen über wirtschaftliche Vorgänge, Erfolge und Unfälle, das selbst einer schlichten Faktenprüfung nicht standhalten würde. Ja, können da nicht mal die Ökonomen ein wenig Aufklärung betreiben?

Sieht nicht danach aus. Viele Starökonomen bedienen vorwiegend Politikerinteressen – und die große Masse an akademischem Personal verschanzt sich hinter unverständlichen Modellen und kruden Daten, was die „Kluft zu Otto Normalverbraucher und selbst interessierten Bürgern noch größer macht“, wie Fetchenhauer bemerkt. Viele Bürger und Entscheidungsträger haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, während die Fachleute Zwölftonmusik spielen. Klar, dass viele auf solche Expertise pfeifen.

Das Interesse der Politik an einer Vermittlung ist naturgemäß begrenzt. Erstens: Wer macht schon gern das eigene Geschäftsmodell madig? Und zweitens hat man in der letzten Zeit die Erfahrung gemacht, dass man in Sachen wirtschaftlicher Aufklärung den Ball besser flach hält, wenn man überleben will. Zum politischen Mahnmal wurde der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, dessen ökonomisch motivierte Reformpolitik erst von der eigenen Partei, dann auch vom Wähler abgestraft wurde.

Angela Merkel, seine Nachfolgerin, betreibe eine andere Politik, meint der Wirtschaftspsychologe Fetchenhauer: „Natürlich ist Deutschland ein globaler Player in einer komplexen Ökonomie, und die Bundesregierung weiß um diese Dynamik und handelt danach – aber eben hintergründig, während im Vordergrund der Eindruck herrscht, dass es vor allen Dingen den guten alten deutschen Tugenden geschuldet sei, dass man wirtschaftlich gut dasteht.“

Tatsächlich ist Deutschland ein starker Player im globalen Kapitalismus, bei dem aber das, was man von innen wahrnimmt, als Haushaltsidyll angelegt ist. Der Laie bekommt den Eindruck, dass rund um den heimischen Hof alles drunter und drüber geht, nur selber hat man die Familienkasse bestens im Griff – und Mutti alles unter Kontrolle. Dieses Oikos-Idyll ist fauler Zauber, beruhigt aber.

So kommen die zwei Gesichter der deutschen Wirtschaft zu ihrem Recht. Wer wiedergewählt werden will, handelt nach den Maximen der dynamischen Ökonomie – und erzählt den Leuten zu Hause das Märchen von der haushälterischen Tugend. Widersprüche werden eh kaum bemerkt. Wenn abends bei der „Tagesschau“ dann die Lage in China mit dem Absatz deutscher Autobauer in Verbindung gebracht wird, klingt das exotisch. Dass die deutschen Maschinen- und Autobauer längst internationale Maschinen- und Autobauer sind, die ihre Waren und Wissensdienstleistungen global verkaufen und nicht selten auch internationale Eigentümer haben, hat man zwar gehört, aber kaum verinnerlicht. Wenn es Probleme gibt, soll sich die Politik darum kümmern! Das fordern auch die Angehörigen wirtschaftlich ungebildeter Eliten immer wieder. Die Politik hilft, wo sie kann. Das ist ihr Geschäftsmodell.

8. Haltet den Dieb!

So entstehen im hochtechnisierten und komplexen Alltag der späten westlichen Konsumgesellschaften immer mehr Hilflose, die ein Leben lang abhängig bleiben, weil sie nicht gelernt haben, ihre ökonomischen Angelegenheiten selbst zu ordnen – oder wenigstens ansatzweise zu verstehen. Es geht dabei um grundlegende, minimale Kenntnisse – no rocket science, wie man heute sagt.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat gemeinsam mit der TU Dresden und der Zeppelin Universität Friedrichshafen im Rahmen einer Studie zum Thema „Ökonomisches Grundwissen“ 24 einfache Fragen an die Bundesbürger gestellt. Wer ist Finanzminister? Was ist eine Inflation? Wie kommt es dazu? In ihrem Resümee sprechen die Forscher von „schwerwiegenden Wissenslücken über ökonomische Fakten und Zusammenhänge“. Bei vielen – genauer: mehr als 70 Prozent – reicht es noch nicht einmal für die Rolle eines besseren Konsumenten, der wenigstens seine Ratengeschäfte überblicken kann, weil so viele Bürger nicht richtig zinsrechnen können. Damit fällt man auf das Niveau eines passiven Verbrauchers zurück, der naturgemäß zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen wird.

Wer auch nur ein grundlegendes Interesse an Menschen hat, die sich selbst zu helfen wissen, müsste nach diesen Ergebnissen lautstark nach einem verpflichtenden Wirtschaftsunterricht in allen Schulstufen – plus Betrieben und Erwachsenenbildungseinrichtungen – rufen. Stattdessen polemisieren Gewerkschaften wie Verdi gegen die ökonomische Grundbildung. Auch hier herrscht das Prinzip ungenierter Besitzstandswahrung – man will sich ganz offensichtlich seine wirtschaftlich ungebildeten Leute nicht so einfach wegnehmen lassen. Wer würde dann noch ans „Primat der Politik“ glauben müssen, wenn er sich selber helfen kann? Eben.

Geführt wird der Kulturkampf gegen den Ökonomieunterricht heute vorwiegend in Baden-Württemberg, dem Bundesland also, das – auch das hat die Studie der Berliner Bildungsforscher gezeigt – in Sachen Wirtschaftskenntnisse relativ gut abschneidet. Die Gegner des Wirtschaftsunterrichts bedienen sich dabei etwa der Argumente des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Reinhold Hedtke, der in einem Beitrag in der »Süddeutschen Zeitung« vom Februar dieses Jahres die steile These aufstellte, es gäbe heute schon viel zu viel Wirtschaftsunterricht an den Schulen. Hedtke rechnet vor, wie er zu diesem Schluss kommt: Berufsorientierungskurse, Praktika, Berufsberatung und Bewerbungstraining – all das gehöre zur Wirtschaft und zur „beispiellosen Ökonomisierung“ der Schule in den vergangenen 15 Jahren, so Hedtke.

Wer so rechnet, der denkt auch so: „Noch mehr Wirtschaft“, redet sich der Bielefelder Professor dann in Rage, „stärkt eine einseitig ökonomistische Sichtweise und treibt utilitaristisches Denken und Handeln voran.“ Diese Entwicklung bedrohe bereits jetzt den „Bildungsauftrag der Schulen“, ein Defizit wohlgemerkt, dem der Didaktikexperte Hedtke mit einem schneidigen Appell zur ökonomischen Unbildung begegnet.

Das ist mal ein anständiger Verblendungszusammenhang, Hut ab. Das ist das Lied vom Kampf um die Lufthoheit über den Kinderbetten, dessen Ziel in der Aufrechterhaltung möglichst vieler Klienten besteht. Kein Wirtschaftsunterricht durch Wirtschaftsverbände? Gute Idee! Aber auch kein Sozialkundeunterricht voller antiökonomischer Ressentiments, Gewerkschaftsrhetorik und Oikos-Unsinn. Denn es geht nicht um Politik, liebe Verblendete. Es geht um Selbstständigkeit, um Unabhängigkeit. Das ist das Unterrichtsziel – und nicht die Aufrechterhaltung des Geschäftsmodells der Despoten, die auch weiterhin dumme und willige Untertanen zur Haushaltsführung brauchen.

9. Durchblick

Der Freiburger Ökonom Lars P. Feld, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung – also einer der Wirtschaftsweisen –, ist ein beherzter Vertreter eines „Wirtschaftsunterrichts, der zur Unabhängigkeit und Mündigkeit beiträgt“ und der sich, wie er sagt, „nicht in der in Deutschland die Debatte bestimmenden Auseinandersetzung – hier die Keynesianisten, dort die Monetaristen – aufhält“.

Die Lage sei einfach: „Wer in Deutschland heute über grundsätzliche wirtschaftliche Kenntnisse verfügt, hat sie kaum aus der Schule, sondern musste sich das später selbst aneignen.“ Das dürfe nicht so bleiben, sagt er.

Diese Bildungslücke sorge dafür, „dass die Menschen leichter populistischen und vereinfachenden Botschaften auf den Leim gehen“. Das gehe auch an die Substanz der Demokratie und behindere die Entwicklung einer mündigen Zivilgesellschaft.

Er selbst, sagt Feld, müsse schon aus beruflichen Gründen mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Sachverständigenrat dagegenhalten. Die unabhängige Aufklärung und Information der Bundesbürger gehört sozusagen zur „Jobdescription“ der Wirtschaftsweisen. Da ist schon was zu tun. Es muss ja nicht ausgehen wie bei Michel aus Lönneberga, der die geklebte Suppenschüssel gleich wieder über den Kopf zieht und stecken bleibt, bis seine Mutter – verzweifelt – mit dem Schürhaken dem Unsinn ein Ende macht.

Wissen hilft gegen mangelnden Durchblick und falsche Propheten. Es kann aus einem Widerspruch einen Aufbruch machen. Und einen Befreiungsschlag. ---

Mehr aus diesem Heft

Ökonomischer Unsinn 

Die Antibiotika-Industrie in Zahlen

Lesen

Ökonomischer Unsinn 

Soll ich?

Entscheidungshilfen

Lesen